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#241
vom 24. April 2026

Das Ende einer Bilschirmschoner-Vorlage – also war’s das jetzt?

von Florian Zinner
Hallöchen,

angesichts der zahlreichen Schnapsideen unserer Bundesregierung im Zuge der Klima- und Energiekrise, sind wohl auch 2026 noch Zweifel angebracht, ob die Republik bei all der Schnapsigkeit eigentlich den Ernst der Lage erkannt hat, auch wenn Kanzler und Staatsmann Friedrich Merz beim Petersberger Klimadialog genau das beteuerte. Bis auf Weiteres werden aber aus Entlastungszahlungen erstmal Belastungszahlungen und aus einem Gebäudeenergiegesetz eben ein Museumsenergiegesetz und aus einem Verbrenneraus ein Verbrennerdochnichtganzaus. Große Fragezeichen gibt’s gratis dazu.

Dabei ist es doch gar nicht so schwer, gehörig ins Zittern zu geraten. Ich meine das wörtlich. Abermals legte vergangene Woche eine Studie glaubhaft nahe, dass es mit dem Versiegen des kuscheligen Golfstroms nicht mehr so lange hin sein könnte und Europa womöglich eisige Winter drohen. Keine neue Idee, mein Großvater hat mir schon vor 25 Jahren davon erzählt. Inzwischen weiß ich, dass das Szenario Teil eines gut belegten, mittelfristigen Klima-Kippelements ist.

Kippelemente und -punkte machen die Sache ja so schön anschaulich: Ist einmal der Abgrund übertreten, gibt es kein Zurück mehr und das System kracht zusammen, auch wenn die Erderwärmung reduziert wird. Und unter all den Systemen gibt es jetzt tatsächlich einen ersten Kandidaten, dessen Kipppunkt schon überschritten sein könnte. Das Gute: Ganz so schnell geht das dann alles doch nicht, als dass nicht noch irgendwas zu retten wäre. Aber der Reihe nach.

MOMENT DER WOCHE

Themopapier, Plastiktüten, Alufolie: Der Performance-Künstler Shoji Yamasaki studiert die Windbewegungen von Müll genau und ahmt sie dann in seinen Split-Screen-Videos nach. Auszüge aus dem Social Media-Projekt „Littered Mvmnts“ kann man auf seiner Website betrachten. Der Presse sagte er: „Für mich fühlt es sich an wie ein stummer Schrei, der den Klimawandel und die globale Erwärmung meint.“ Rechte: Shoji Yamasaki

Kipppunkt Golfstrom, Kipppunkt Koralle: Ist nach dem Kippeln wirklich alles gekippt?

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Nico Wunderling wäre genau der richtige, wenn man mal jemanden braucht, der einem kurz vorm Weltuntergang noch gut zuredet. Sein Fachgebiet dreht sich um den möglichen Kollaps des großen Ganzen, das für den einen, die andere unvermeidlich-apokalyptisch erscheinen mag. Aber nicht, wenn Nico Wunderling darüber spricht. Wunderling ist Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für rechnerbasierte Erdsystemwissenschaften an der Uni Frankfurt. Außerdem hat er am Global Tipping Points Report mitgearbeitet, dem Sachstandsbericht, der erörtert, wie sehr verschiedene Systeme auf der Erde am Kippeln sind.

Das spätestens seit den auf die Leinwand gebrachten Gedankengängen eines Roland Emmerich wohl bekannteste dieser Systeme ist die nordatlantische Umwälzzirkulation, die AMOC, an der der berühmte Golfstrom seinen Anteil hat. „Es sind zwei handvoll Studien, die in den letzten vier, fünf Jahren rausgekommen sind, die doch relativ glaubhaft gemacht haben, dass ein Kippen der AMOC nicht mehr auszuschließen ist.“ Wunderling erklärt das mit einer fürsorglichen Besonnenheit, die man Wunderling’sche Ruhe nennen könnte, ohne einen Hehl daraus zu machen, wie ernst die Lage eigentlich ist. Der Meerwasseraustausch, dem die europäischen Winter ihre Milde verdanken, droht also zu kollabieren, bei den aktuellen Erwärmungstrends mit einer durchaus besorgniserregenden Wahrscheinlichkeit. „Es kann sein, dass das nicht mehr in diesem Jahrhundert, sondern möglicherweise – in Anführungsstrichen – erst im nächsten eintritt, aber da sprechen wir durchaus von signifikanten Risikoniveaus.“
Der Shoesmith Glacier (Hufschmied-Gletscher) vor der Antarktischen Halbinsel schmilzt täglich drei Zentimeter, haben türkische Forschende innerhalb der vergangenen zehn Jahre beobachtet. Rechte: imago/Anadolu Agency
Vereinfacht gesagt: Ein durch Gletscherschmelzwasser veränderter Salzgehalt und geringere Temperaturunterschiede bringen die Umlaufpumpe für den Warm-Kaltwasser-Transport ins Wanken. Ohne Golfstrom gäbe es am Rhein keine Olivenbäumchen und Papageien, in der Uckermark bald flächendeckend Husky-Schlitten und im Winter wahrscheinlich ein Meereis bis nach Schottland, auf das die Infrastruktur nicht eingerichtet ist. Der Punkt, wann die AMOC kippt, liegt bei einer langfristigen Erwärmung zwischen ein und vier Grad erklärt Wunderling. Eine ganz neue, derzeit viel zitierte Studie der Universität Bordeaux kommt zu dem Schluss, dass sich bei mittleren Emissionen die Zirkulation bis zum Ende des Jahrhunderts um die Hälfte abschwächen könnte, was womöglich einem Kollaps gleich käme.

Kipppunkte: Wann genau gibt es denn nun kein Zurück?

Wann der Punkt erreicht ist, an dem es kein Zurück gibt und wann die Auswirkungen zu spüren sein werden, sind trotzdem eher vorsichtige Annahmen als Einträge im Kalender, und illustrieren, wie schwierig die Sache mit den Kipppunkten ist, obwohl das alles erstmal so anschaulich klingt. Hinzu kommt, dass Kipppunkte in ihrer Dimension ganz unterschiedlich zu verstehen sind, wie ein Blick an den Südpol zeigt: Das Abschmelzen des westantarktischen Eisschilds ist ebenfalls eines der berühmteren Kippszenarien, dessen Kipppunkt zwischen ein und drei Grad globaler Erwärmung liegt. „Den wir zwar in den nächsten Jahren überschreiten können, aber das Umkippen, das ist dann eben sehr, sehr langsam.“ Das Abschmelzen könne Jahrhunderte bis Jahrtausende andauern, erklärt Wunderling. Ein zweifelhaftes Erbe für eine ganze Reihe von Generationen also.

Beim Auftauen der Permafrostböden sei es wieder anders. Hier geht die Forschung von vielen regionalen Kipppunkten aus, statt einem zentralen, und zwar im Zuge der Erwärmung von Süden nach Norden, was im Übrigen zusätzliche CO₂- und Methan-Emissionen nach sich ziehen würde. Einen Punkt, an dem das ganze System Permafrost kippt, gibt es hingegen nicht.
Wie es sich anfühlt, wenn man mitten im Kippprozess steckt, lässt sich an einem anderen Beispiel erörtern: Der Kipppunkt der Warmwasserkorallenriffe gilt als bald oder sogar jetzt schon überschritten. Der Grund ist eine langfristige Erwärmung von 1,5 Grad. „Und das würde bedeuten, dass siebzig bis neunzig Prozent aller Korallenriffspezies nicht mehr angepasst sind an die globale Erwärmung und bei zwei Grad wären es sogar 95 bis 99 Prozent.“ Soll heißen: Die Fototapeten und Unterwasserbildschirmschoner unserer Welt wären ein verklärter Blick in die Vergangenheit.
Korallen an den Fidschi-Inseln in der Südsee. Rechte: imago/robertharding
Beim Blick auf die Realvorlage dieser Bildschirmschoner geht’s Stephan Hübner – ARD-Experte für Biodiversität und damit insbesondere auch für Korallen – zurzeit demnach nicht so sonderlich gut. „Das ist ein total faszinierendes Ökosystem, das da im Moment total unter Druck steht“ erklärt er und dröselt auf, woran es dem eigentlich fehlt: „Bei diesen riffbildenden Korallen lebt ein Korallentier in einer Lebensgemeinschaft mit winzig kleinen Algen. Wenn das nicht der Fall wäre, dann wären diese riffbildenden Korallen gar nicht so richtig lebensfähig. Und wenn es jetzt zu warm wird, wird diese Lebensgemeinschaft gestört.“
Auf eine gewisse Weise gibt es ein Zurück
Prof. Dr. Nico Wunderling
Für Korallen ist der Hitzestress zu häufig geworden, die Erholungszeiten zu kurz. Die Folge ist erstmal die sogenannte Korallenbleiche, eine Stressreaktion, bei der die Algen abgestoßen werden, das ausgeblichene Korallentier aber noch lebendig ist. Sollten der Stress nicht abfallen und sich keine Algen in der Koralle ausbilden, verhungert das Tier, weil ihm der Algenzucker fehlt. Im schlimmsten Fall stirbt ein ganzes Riff – und damit das Ökosystem. Schätzungen zufolge sind allein in den 2010ern 14 Prozent der Korallenbedeckung aufgrund von marinem Hitzestress verloren gegangen.
Korallenbleiche eignet sich kaum für die Fototapete. Rechte: imago/imagebroker
Stephan Hübner erklärt, was das eigentlich heißt: „Die schaffen auf vielleicht einem Prozent des Meeresbodens einen Lebensraum für Hunderttausende bis Millionen von Arten von anderen Meerestieren.“ Als Kinderstube für viele Fischarten sind intakte Korallenriffe aber auch eine wirtschaftliche Voraussetzung für die Fischerei. Und: „Das kann zum Beispiel dem Küstenschutz dienen, weil diese Riffe eben auch als Wellenbrecher dienen.“ Verloren gehen auch potenzielle Wirkstoffe für die Medizin. Korallenriffe sind zudem die Grundlage für Strände wie auf den Malediven. Schnorchelurlaube gehören dann wohl auch der Vergangenheit an, was die Wirtschaft gerade im globalen Süden abermals schwächt. Natürlich kollabiert mit den Riffen auch die Artenvielfalt in einem Ausmaß, das sich erstmal nur erahnen lässt.

Und was sagt das Schicksal?

Die Frage, die die Menschheit vorm Fatalismus bewahren könnte, wäre aber: Heißt das Erreichen des Kipppunkts nun, dass Korallen und Golfstrom nicht mehr zu retten sind? Es wird Zeit, für ein paar aufmunternde Worte von Nico Wunderling: „Auf eine gewisse Weise gibt es ein Zurück – auf Englisch sagt man Overshoots, auf Deutsch heißt es Überschussszenarien.“ Das sind Szenarien, bei denen etwa eine Erderwärmung um zwei Grad erreicht wird, danach aber eine Abkühlung, etwa auf 1,5 Grad. Wunderling nimmt gedanklich einen Eiswürfel aus der Gefriertruhe und legt ihn auf den Tisch: „Der würde jetzt abschmelzen. Wenn man dann aber schnell genug die Temperatur wieder runterdreht, also den Eiswürfel zurück ins Gefrierfach legt, dann ist das Kippelement immer noch so, wie es vorher war, oder nur ein ganz kleines bisschen abgeschmolzen.“
Auch der hat seinen Kipppunkt. Rechte: MDR/Zinner
Ist er ganz geschmolzen, macht ihn aber nichts mehr heile. Im Falle des Eisschilds höchsten die Jahrtausende. Das Beispiel zeigt aber auch: Für Kippelemente, deren Zeithorizonte kürzer sind, wie bei den Warmwasserkorallen, bleibt weniger Zeit, damit sie sich erholen oder gar etwas anpassen können. „Heißt, die Überschussphase über eineinhalb Grad möglichst kurz zu halten, damit solche irreversiblen Kipppunkte nicht vollständig ausgelöst werden.“

Für Wunderling sind Kipppunkte nichts Angsteinflößendes, sagt er, und erst recht kein unvermeidliches Szenario. Sondern ein Bild, das nichts beschönigt, aber daran erinnert, dass irreparable Schäden noch aufgehalten werden können. Ein Gedanke auf die Wunderling-Art eben.
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Offshore-Windkraft in Deutschland, Atomkraft in Deutschland und Speicher für grünen Strom

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Termine

  • 25.-26.5. — Energie Wende Messe für Verbraucher/-innen (Bretten)
  • 1.5. — Die neue Saison Stadtradeln beginnt in vielen Städten und Gemeinden (bundesweit)
  • 9.5. — Energie- und Klimafestival (Karlsruhe)
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Zu dieser Einschätzung kam Bundesumweltminister Schnieder bezüglich der aktuellen Energie-Versorgungsengpässe vor Beginn des Petersberger Klimadialogs. 👉 Deutschlandfunk und tagesschau
Am zweiten Tag der Veranstaltung im Vorfeld der diesjährigen Weltklimakonferenz betonte Kanzler Merz, Deutschland erkenne den Ernst des Klimawandels an. Klimaschutz dürfe aber nicht Deutschlands industrielle Basis gefährden. 👉 tagesschau
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Wissenschaftler nutzen KI in vielen Umweltprojekten. Sie kann bei der Datenanalyse helfen und Prozesse beschleunigen. Gleichzeitig verbrauchen komplexe KI-Systeme viele Ressourcen. Wie passt das zusammen? 👉 Deutsche Welle

👋 Zum Schluss

Wow, in Sachen österlicher Suchlaune macht Ihnen so schnell niemand was vor. Die richtige Lösung aus ARD Klima-Update #138 sind zehn Öhrchen. Danke sehr für die rege Teilnahme und zusätzlich für die erbaulichen Worte, die einige von Ihnen uns entgegengebracht haben.

Je ein Kinderbuch geht an Silvia aus Berlin, Lisa aus Halle/Saale und an Vera aus Weißensee. Wir wünschen vergnügliches (Vor-)Lesen.

Und damit zum Wetter, aber erst nächste Woche. Dann wird Sie der Kollege Haug in Sachen (Nicht-)Wissen um den Jetstream auf den Stand der Dinge bringen und erklären, was das nun für unser Wetter bedeutet.

Passen Sie auf sich und die Welt auf, herzlich
Florian Zinner

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