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#205
vom 15. August 2025

Wie sich Länder und Unternehmen ihre Emissionen schön rechnen

von Max Fallert
Hallo,

es ist heiß und Schule in Sachsen ist auch wieder (danke, Söder!). Zweiter Schultag in der zweiten Klasse, O-Ton meine Tochter: "Ich hasse Mathe!" Wo bitte schön kommt das denn her? Keine Ahnung, aber es gibt mir die passende Überleitung für diese Ausgabe. In der geht es – nett formuliert – um: Probleme im Umgang mit Zahlen.

Wenn Länder und Unternehmen es ernst meinen mit dem Klimaschutz, dann ermitteln sie ihre Emissionen für ein Basisjahr und setzen sich konkrete Ziele, um den Ausstoß zu reduzieren. Später berichten sie dann über ihren Erfolg. Ohne präzise Klima-Buchhaltung kein Fortschritt beim Klimaschutz, sind Forschende überzeugt.

Aber bei den Zahlen in den Klima-Berichten hat wohl Pippi Langstrumpf nachgeholfen: Widdewiddewitt und 3️⃣ macht 9️⃣e! Ich mach mir die Welt...

MOMENT DER WOCHE

Der kalifornische Fotograf Gregg Segal porträtiert Menschen mit ihrem Müll der vergangenen Woche. Die Weltgemeinschaft hat diese Woche auch recht viel Müll produziert: In Genf konnten sich rund 180 Länder nicht auf ein wirksames Abkommen gegen die Plasteflut einigen. Rechte: Gregg Segal/Barcroft Media

🚬 Von heimlichen Rauchern und anderen Tricksern

„Stellen Sie sich vor, ein Kettenraucher verspricht seinem Arzt, mit dem Rauchen aufzuhören. Um seinen Fortschritt zu dokumentieren, führt er ein Tagebuch – aber er notiert nur die Zigaretten, die er selbst gekauft hat. Zigaretten von Freunden oder dem Partner lässt er weg.“

So vergleicht die Rechtswissenschaftlerin Leehi Yona von der Cornell University (USA) das aktuelle System der Klima-Buchhaltung. Ihre Studie dazu heißt treffenderweise 'Emissions Omissions' – 'Ausschluss vom Ausstoß':

„Der Patient könnte seinem Arzt sagen, dass er keine Zigaretten geraucht hat, aber seine Lunge würde etwas anderes sagen. In ähnlicher Weise können Treibhausgase aus den Büchern der Akteure ausgeschlossen werden, aber sie tragen doch zum Klimawandel bei.“

Wenn heimliche Raucher Waldbrände entfachen

Um im Bild zu bleiben: Zigaretten eignen sich natürlich gut für eine Brandstiftung im Wald. Wären Waldbrände ein Land, dann würden sie glatt den sechsten Platz der größten Klimatreiber einnehmen.

Ein Landstrich, in dem es zuletzt oft brennt, ist Kalifornien. Gleichzeitig gilt das Land als Vorreiter beim Klimaschutz: Viele starke Klimaschutzgesetze stammen aus dem Golden State. Doch die Waldbrände tauchen in den Büchern Kaliforniens nicht auf. Ein Klimavorbild, das hunderte Millionen Tonnen CO₂ einfach ignoriert: Warum?
Sind verheerend, werden noch stärker – tauchen in offiziellen Emissionsbilanzen aber nicht auf: Waldbrände wie das Mountain Fire 2024 in Kalifornien. Rechte: picture alliance/dpa/AP Noah Berger

Die Argumentationslinie geht vereinfacht wie folgt: Waldbrände sind ein natürliches Phänomen, die gab es immer schon. Von denen lassen wir uns nicht die erreichten Fortschritte beim Klimaschutz (Energiewende in den Autos, Wohnhäusern und Unternehmen) verkohlen. Neben Kalifornien machen das auch Kanada und andere Länder so. Aber häufigste Ursache der Waldbrände sind unsere Zigaretten (im übertragenen Sinne) und anderes menschliches Fehlverhalten. Das geben alle Statistiken her. Waldbrände befeuern den Klimawandel und werden durch ihn noch stärker. In den Büchern hingegen fehlen Millionen Tonnen CO₂. Aber Unternehmen sind nicht gerade besser. ⬇️

X-Faktor: Die unfassbaren Emissionen

Mit den so genannten Emissionsfaktoren berechnen Firmen und Länder, wie viel CO₂ bei bestimmten Aktivitäten entsteht – etwa beim Kohleabbau, beim Betrieb von Kraftwerken oder bei der Viehhaltung. Es gibt sie für beinahe alles und sie sind der Kern der Klima-Buchhaltung. Mitunter muss man komplexe Berechnungen anstellen, wenn man Vorketten einbezieht (Wie viel CO₂ hat der Stahl fürs Auto erzeugt? Wie viel die Batterien? Wie viel der Strom für die Herstellung der Batterien?). Oft handelt es sich um Schätzwerte, manchmal wird gemessen. Firmen und Länder können jedoch selbst entscheiden, ob sie alte, neue oder eigene Zahlen verwenden. Und wie weit sie über die Vorketten berichten. Weltweite Standards fehlen – ein Freibrief für Schönfärberei.
Für das gleiche Unternehmen bekommt man völlig unterschiedliche Emissionen
Prof. Marc Lepere, Nachhaltigkeitsforscher am King's College London

Zeit ist Klima: Die unterschiedlichen Effekte der Gase

Ein weiterer Trick betrifft die Bewertung von Treibhausgasen. Wie verändert ausgestoßenes CO₂ die Atmsophäre in den nächsten 100 Jahren? Das ist das Maß aller Dinge, alle anderen Treibhausgase werden damit verglichen. Methan ist das zweitwichtigste Klimagas, verhält sich in der Atmosphäre aber anders: Über einen Zeitraum von 100 Jahren wirkt es 20-mal so stark wie CO₂. In den nächsten 20 Jahren dagegen wirkt es sogar 84-mal stärker. Der Grund: Methan bleibt anders als CO₂ keine 100 Jahre in der Atmosphäre, sondern löst sich viel schneller auf. Es wirkt nur kurz, aber heftig: ein schneller Klimatreiber. Wer es vermeidet, macht Turbo beim Klimaschutz. 
Heizt das Klima enorm an, taucht in den Statistiken aber nur unzureichend auf: Das so genannte Flaring, also Abfackeln von überschüssigem Erdgas (und damit Methan), ist gängige Praxis im fossilen Sektor.  
Rechte: picture alliance/dpa Stringer
Die wissenschaftliche Gemeinschaft neigt daher auch zum 84-fachen Wert. Länder und Unternehmen können aber frei wählen, welches Maß sie ansetzen. Eine aktuelle Studie zeigt die gigantischen Unterschiede: Um 3,3 Milliarden Tonnen höher ist der Ausstoß von Unternehmen weltweit, wenn man den Methan-Effekt für 20 Jahre Laufzeit annimmt – das sind die jährlichen Emissionen der EU. Doch die unterschlagenen Emissionen bleiben nicht länger unentdeckt.

Blick aus dem All: Sie rauchen ja doch!

Möglich machen das Plattformen wie Climate Trace: Die 'Klima-Spur' bündelt die Daten von Satelliten und Sensoren weltweit. Mithilfe künstlicher Intelligenz ordnen Forschende die Emissionen den jeweiligen Quellen zu. So können sie den Ausstoß einzelner Gas-Bohrtürme, Kohlekraftwerke oder Zementfabriken aufspüren. Sogar die Emissionen von Frachtschiffen auf dem Meer und dem Luftverkehr an Flughäfen können sie so ermitteln. Daten – beinahe in Echtzeitqualität. Jede und jeder kann sie einsehen: Zum Beispiel hier.
Gut was los hier unten: Jeder Kreis ist eine relevante Quelle von Emissionen.  Rechte: Climate Trace
Nachhaltigkeitsforscher Marc Lepere vom King's College London hat in einer aktuellen Studie die offiziellen Daten von 290 Unternehmen mit Climate Trace verglichen. Ergebnis: „Es gibt teilweise absurde Abweichungen bei Firmen aus dem Öl- und Gassektor. Die beobachteten Emissionen sind dreimal so hoch wie die berichteten“, so der Experte.

In den Berichten fehlen unter anderem die Gase, die beim Abfackeln von überschüssigem Gas entstehen oder aus undichten Leitungen entweichen. Vergleicht man die Daten von Climate Trace mit den offiziellen Berichten, finden sich auch in vielen Ländern heimliche Raucher:
Ins Verhältnis gesetzt heißt das: Deutschland hat sich um 17 Millionen Tonnen CO₂ verrechnet, China um 2,4 Milliarden. Das sind mehr als die gesamten Emissionen Russlands. 😯 Rechte: MDR

Auf der Spur zu einer besseren Klima-Buchhaltung

Wenn scheinbar alle schummeln, was heißt das für die globalen Emissionen? „Das weltweite Bild ist mehr oder weniger korrekt“, sagt William Lamb vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. 42 Milliarden Tonnen CO₂ plus minus, dazu knapp 380 Millionen Tonnen Methan – so hoch waren die globalen Emissionen im vergangenen Jahr. Lamb ergänzt: „Auch wenn Länder nicht richtig berichten, haben wir dennoch aussagekräftige Daten“. Bislang mangelt es aber an der klaren Zuordnung und Unsicherheiten bleiben bestehen. Unsicherheiten, die durch glaubwürdigere Berichte und bessere Kontrollen verringert werden können.

Plattformen wie Climate Trace setzen genau da an. Wenn man Emissionen den genauen Quellen zuordnet, kann sich keiner mehr verstecken. Wissenschaftler und NGOs fordern, dass Staaten diese modernen Datenquellen als neuen, weltweiten Standard nutzen – sowohl für sich selbst als auch zur Kontrolle von Unternehmen. 

Was verrät also der Blick in die Klimabilanzen? Viele Länder und Unternehmen tricksen und überlassen Pippi Langstrumpf die Buchführung, andere nutzen die laschen Regeln aus. Doch dank Satelliten und KI können Forschende immer genauer nachweisen, wo die Zahlen nicht stimmen. An alle heimlichen Raucher da draußen: Wir durchschauen eure Tricks!
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

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News

Tropische Vogelvielfalt: Ein Drittel weniger seit 1950

Die Vogelbestände in den Tropen haben sich seit 1950 um etwa ein Drittel reduziert, wobei extreme Hitzewellen der Hauptfaktor sind. Eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zeigt, dass tropische Vögel heute zehnmal häufiger extremen Hitzetagen ausgesetzt sind als noch vor einigen Jahrzehnten: 30 statt drei. Das führt zu höherer Sterblichkeit, weniger Fortpflanzung und schlechteren Überlebenschancen für Jungvögel. Die Auswirkungen des Klimawandels verursachen oft größere Verluste als Abholzung oder Lebensraumzerstörung. Für den langfristigen Schutz der Tiere braucht es laut den Forschern auch Maßnahmen wie die Umsiedlung von Populationen.

Extremwetter schwächt Europas Regionen langfristig

Hitze, Dürren und Überschwemmungen beeinträchtigen nicht nur kurzfristig – laut einer neuen Studie der Uni Mannheim und der Europäischen Zentralbank wirken sich Extremwetterereignisse noch Jahre später negativ auf die regionale Wirtschaft in Europa aus. Zwei Jahre nach einer Hitzewelle ist das Bruttoinlandsprodukt im Schnitt um 1,5 Prozentpunkte niedriger. Nach vier Jahren liegt es bei Dürren sogar drei Prozentpunkte darunter, ähnliches gilt für Überschwemmungen. Ursachen dafür sind unter anderem, dass Menschen wegziehen und Arbeitskraft verloren geht. Besonders betroffen sind den Autorinnen zufolge ohnehin wirtschaftlich schwache Regionen. Die Studie zeigt: Einheitslösungen greifen zu kurz. Europa braucht gezielte, regionale Anpassungsstrategien, andernfalls verschärft die Klimakrise die wirtschaftlichen Ungleichheiten in den Regionen zusätzlich.

Geothermie-Karte: Erdwärme für ganz Deutschland?
Eine neue interaktive Karte zeigt erstmals klar, wo in Deutschland oberflächennahe Geothermie durch Erdwärmesonden genutzt werden kann. Entwickelt im Forschungsprojekt WärmeGut unter Leitung des LIAG-Instituts für Angewandte Geophysik in Hannover, bietet die interaktive Karte eine Übersicht nach dem Ampelsystem: grün für uneingeschränkte Nutzung, gelb für eingeschränkte und rot für unbrauchbare Gebiete. Die Karte basiert auf Daten aus allen 16 Bundesländern. Sie ist für Kommunen, Unternehmen und Privatpersonen als Grundlage gedacht, um Geothermie effizient zu nutzen.

ARD, ZDF und DRadio

Was, wenn jemand die Sonne abdunkelt?

Wolken impfen, Sonne verdunkeln: Können wir mit Geo-Engineering den Klimawandel bremsen? Doku in der 👉 ARD

Umweltschäden ausgleichen

Wie man Umweltschäden ausgleichen und CO₂ aus der Luft holen kann, davon erzählt die plan B-Doku im 👉 ZDF

Schwedische Wälder unter der Kettensäge

Kein Land der EU hat so viel Wald wie Schweden. Doch mächtige Interessen bedrohen den Baumbestand. Feature bei 👉 Deutschlandfunk Kultur

👋 Zum Schluss

ein Geständnis: Dieses Klima-Update beruht auf einem meiner Fehler. Bei einer Ausgabe im Mai habe ich über Methan geschrieben. Um den besonderen Effekt aufs Klima zu untermalen, sollte eine Grafik mit einer Kuh dienen, die aus dem Hintern pupst. Ein Fehler: Nicht hinten, sondern vorne kommt das Gas raus, schrieb ein aufmerksamer Leser. 🐄 

Und weiter schrieb er: Bei den fossillen Unternehmen sollte man mal genauer schauen, was hinten raus kommt. Viele große Gas- und Ölfirmen würden ihre Emissionen unterschätzen.

Schönfärberei in den Bilanzen? Vielen Dank für den Ideen-Ausstoß der heutigen Recherche! Sollten Sie auch neue Ideen emittieren, Fehler bemerken oder Fragen haben, schreiben Sie uns gerne ⬇️.


Bleiben Sie klimabewegt!
Herzlich
Max Fallert

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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