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#269
vom 6. November 2026

COP31: Klimaschutz unter Strom

von Arne Schulz
Hallo zusammen,

brrrh, November! Es wird kalt, dunkel, regnerisch – genau die richtige Zeit für eine klimatische Veränderung. Ab in den Süden, der Sonne hinterher! Die türkische Küstenstadt Antalya hat gerade angenehme 22°C. Am Strand reiht sich Wellnesstempel an Golfplatz, an Luxusressort (mein Tipp für eine unterhaltsame Google-Maps Suche: „Kremlin Palace Antalya“ eingeben) und ich bin ab morgen mittendrin. Elektrisierend!

Halt, kein Grund zum Stirnrunzeln, ich reise natürlich nicht zum Vergnügen an die türkische Riviera. Die nächsten zwei Wochen verbringe ich von früh bis spät im mutmaßlich lauten, vollen und grell erleuchteten Expo Center. Dort startet am Montag die 31. COP, die Weltklimakonferenz. Und auch die soll elektrisieren.

Aber erstmal noch ein kleiner Hinweis vom ganzen Klima-Update-Team: Ein riesiges Dankeschön an alle, die bereits bei unserer (wirklich!) kurzen Umfrage mitgemacht haben – die Rückmeldungen haben uns wirklich überwältigt. Teilnehmen können Sie nach wie vor hier.

MOMENT DER WOCHE

In Brüssel haben Hunderte Feuerwehrleute aus ganz Europa angesichts zunehmender Naturkatastrophen für bessere Ausrüstung, mehr Personal und eine konsequente Klimapolitik demonstriert. Rechte: imago/Le Pictorium

Elektrifizierung auf der COP31: Mehr Strom für die Welt

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Vor wenigen Tagen hat das UN-Umweltprogramm darauf hingewiesen, wie weit Anspruch und Wirklichkeit beim Klimaschutz auseinandergehen. Das 1,5 Grad Ziel? Wohl nicht mehr zu halten! Selbst das Minimalziel des Pariser Abkommens von 2015, die Erhitzung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, ist im Moment außer Reichweite. Es braucht also neue Impulse für den Klimaschutz. Und tatsächlich hat die türkisch-australische Präsidentschaft einen Plan: Elektrifizierung!

Das ist ein sperriges Wort für einen einfachen Zusammenhang. Gemeint ist die Nutzung von Strom in Bereichen, wo vorher keiner verwendet wurde, erklärt Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der Universität Oxford. „Beispielsweise elektrifiziert man mit einem Elektroauto den Verkehr, oder mit einer Wärmepumpe, die man sich einbaut, das Heizen.“ Auch in der Industrie könnten viele Prozesse auf Strom umgestellt werden. 
Die Welt zu Gast in Antalya: Bei der diesjährigen Weltklimakonferenz soll es vor allem um Umsetzungsfragen gehen. Rechte: imago/Anadolu Agency

35 Prozent Elektrifizierung bis 2035 – oder noch mehr?

Der Plan für die COP ist also ziemlich handfest: Kein abstraktes Temperaturziel, sondern eine Action Agenda. Und das ist kein Zufall. Die Grundlagen sind weitgehend ausverhandelt, sagen Fachleute, auf den COPs geht es jetzt immer mehr um die Umsetzung. Der konkrete Vorschlag für Antalya sieht vor, bis zum Jahr 2035 insgesamt 35 Prozent des weltweiten Endenergiebedarfs durch Strom zu decken. Im Moment stehen wir laut Internationaler Energieagentur (IEA) bei 23 Prozent. „Also das wäre dann schon eine gewaltige Erhöhung.“, sagt Rosenow. Wie einige andere Klimaforscher findet er es sehr positiv, wenn das Thema Elektrifizierung jetzt in den Mittelpunkt rückt.

Unterstützung kommt vom deutschen Umweltminister Carsten Schneider und von der Europäischen Kommission. Die hat im Juli sogar schon einen konkreten Fahrplan zur Elektrifizierung vorgelegt und strebt 46 Prozent bis 2040 an. Das ist noch ehrgeiziger. „Aber wie immer haben wir auch mit dem neuen Schlagwort kein Silver Bullet“, sagt Steffen Bauer vom German Institute of Development and Sustainability. Soll heißen: Strom ist keine Wunderwaffe, vor allem weil die Elektro-Anhänger mit ihrem Plan zwangsläufig die Bühne der Geopolitik betreten.

Nur mehr Strom ist noch keine Lösung

Auf dieser Bühne treten zum Beispiel auf: die Öl- und Gasförderländer, ganz vorne Saudi-Arabien und Russland. Im vergangenen Jahr haben sie sich auf der Konferenz mal wieder geweigert, eine Vereinbarung zum Abschied von fossilen Energieträgern zu unterschreiben. Im Klartext: Sie geben nicht mal zu, dass wir wegen des Klimawandels irgendwann in der Zukunft aufhören müssen, Erdöl und Erdgas zu verfeuern.

Die türkischen Gastgeber kennen die Haltung und lassen erst mal galant unter den Tisch fallen, dass Elektrifizierung nur dann ein Fortschritt ist, wenn der dafür nötige Strom nicht mit Kohle- und Gaskraftwerken, sondern CO2-arm erzeugt wird, zum Beispiel mit Photovoltaik- und Windkraftanlagen.

Wer aber nur auf Konsens aus ist, sagt Klimaforscher Bauer, bekomme „wachsweiche Formulierungen, bei denen es niemandem wehtut, dem zuzustimmen“. Und genau das kritisieren viele Klimaschützer an der Initiative der Türkei. Wie wäre es da, wenn man die Öl- und Gasförderländer auf der Bühne der Geopolitik diesmal einfach nicht mitspielen lässt? 
„ Wer nur auf Konsens aus ist, bekommt wachsweiche Formulierungen, bei denen es niemandem wehtut, dem zuzustimmen.“
Dr. Steffen Bauer
In diesem Fall tritt eine Koalition der Willigen auf. Klimaschützer fordern, die EU solle auf der Konferenz den Aufpasser spielen und sicherstellen, dass eine Elektrifizierungs-Erklärung auch wirklich was bringt. Der wichtigste Punkt: Der Strom dafür muss zwingend grün sein! So eine Erklärung unterschreiben sicher nicht alle. Wenn die Richtigen zum Stift greifen, hätte sie trotzdem viel Power.

Linda Kalcher, Direktorin der Brüsseler Denkfabrik Strategic Perspectives, wird die Konferenz vor Ort beobachten. Sie verweist darauf, dass zahlreiche Staaten sich sowieso unabhängiger von fossiler Energie aus dem Nahen Osten machen wollen, weil Sprit, Heizöl und Gas durch die Blockade der Straße von Hormus so teuer geworden sind. Viele Regierungen in Afrika seien zum Beispiel sehr offen für eine grüne Elektrifizierung, hört Kalcher. 

China als Vorreiter bei der Umstellung auf Strom

Das Konferenzgelände an der türkischen Riviera ist aufwändig umgebaut worden. Rechte: imago/Anadolu Agency
Und was ist mit China? Der Staat ist aktuell für grob ein Drittel des globalen Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich. Mit seiner Unterstützung könnte die Initiative ein echter Erfolg werden. Und im Prinzip, sagt Kalcher, sei es auch im chinesischen Interesse, sich einem Statement zur Elektrifizierung anzuschließen, „weil sie natürlich wirtschaftlich davon profitieren.“

Laut einer aktuellen Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik stammen rund 80 Prozent der wichtigsten Clean-Tech-Produkte aus China. Elektrifizierung verspricht gute Geschäfte. Dazu kommt, dass China dabei schon heute ein Vorreiter ist und ein globales Ziel für 2035 vergleichsweise locker erreichen könnte. 

Trotzdem dürfte die chinesische Regierung zögern, sich anzuschließen, weil sie sich bei den Klimakonferenzen generell nicht gerne öffentlich zu Dingen verpflichtet. Und auch, weil sie in Konkurrenz zur EU steht, die eine Elektrifizierung vermehrt mit eigenen statt chinesischen Clean-Tech-Produkten vorantreiben will.
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

35 Jahre Kohleausstieg, E-Mobilität im Weinberg und: Pleiten und Insolvenzen - sind Erneuerbare ein unsicheres Investment?

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  • 10.-13.11. — Kommunale Klimakonferenz 2026 (Berlin und Online)
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👋 Zum Schluss

Also, wird das jetzt was? Drauf wetten würde wohl keiner meiner Gesprächspartner. Eine Chance gibt es aber schon, auch weil es sich lohnt. Jan Rosenow von der Universität Oxford weist darauf hin, dass auch im Nahen Osten große Solaranlagen entstehen, einfach „weil die Kosten der Erneuerbaren massiv abgesunken sind und es gleichzeitig Technologien gibt, die den Strom der Erneuerbaren auch sehr effizient nutzen können“.

Die Internationale Energieagentur hat berechnet, dass die Industriestaaten und China im Jahr 2035 zusammen 300 Milliarden US-Dollar sparen könnten, wenn sie den Elektrifizierungsplan der COP wirklich umsetzen, die Entwicklungsländer immerhin 100 Milliarden. Auch die Manager der großen Luxushotels von Antalya haben das schon verstanden. Das Dach des Kremlin Palace ist fast vollständig bedeckt mit dunkel glänzenden Photovoltaik-Modulen. 

Herzliche Grüße,
Arne Schulz

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