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#268
vom 30. Oktober 2026

Pakistans Solarboom: Entwicklung dank Sonnenenergie

von Clemens Haug
Hallo zusammen,

neulich kam mein Chef in unsere morgendliche Redaktionskonferenz und berichtete stolz, er habe sich ein weiteres Balkonkraftwerk gekauft. Vier Module mit zusammen 2000 Watt, Wechselrichter, dazu ein Batteriespeicher mit 5,38 Kilowatt Kapazität, das Ganze für schlappe 1.500 Euro. Das Beste: Die neuen Module passen genau zu der schon existierenden Anlage. Alles in allem sei sein ausgebauter Vierseitenhof mit insgesamt vier Wohneinheiten inzwischen zu 70 Prozent unabhängig vom öffentlichen Stromnetz, so seine Schätzung.

Fallende Preise für Solarmodule und Batterien machen die Energiewende zu einer finanziell lohnenden Sache. Das gilt nicht nur für das wohlhabende Deutschland. 5.000 Kilometer entfernt von uns ermöglichen spottbillige Photovoltaikmodule gerade eine Wirtschaftsentwicklung von unten, mit der noch vor wenigen Jahren niemand gerechnet hat: In Pakistan boomt die Solarstromerzeugung und schafft völlig neue Möglichkeiten in einem Land, das zu den ärmsten Staaten der Welt gehört. Damit steht es beispielhaft für ein Thema, das dieses Jahr bei der Weltklimakonferenz in Antalya eine zentrale Rolle spielen soll: die Elektrifizierung der Welt.

MOMENT DER WOCHE

"Weißbauch-Zwergseidenäffchen" (Cebuella niveiventris) heißt dieser Bewohner des Amazonas-Regenwalds, der von seinem Glück wahrscheinlich nichts ahnt: Dank Lula da Silvas Wahlsieg bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien wird sein Zuhause weiter geschützt. Rechte: IMAGO / imagebroker

Das Ende der Dunkelheit

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Khyber Pakhtunkhwa im Nordwesten Pakistans ist eine bergige Gegend. Kleinere Erdrutsche oder Lawinen gehören zum Leben dazu. Es kommt daher vor, dass die Erde wieder mal eine der wenigen Überlandleitungen unter sich begräbt. Dann kann der Strom aus der Leitung für Tage oder Wochen ausfallen.

Nicht, dass die Versorgungssicherheit ohne das Einwirken der Natur besser wäre. Das zentrale Netz besteht aus Aluminium-Leitungen von schlechter Qualität. Die alternden Kraftwerke verbrennen importiertes Gas und Öl, um Strom zu erzeugen. Diese Energieträger werden aber immer teurer, weshalb die Preise für Strom aus dem Netz zwischen 2020 und 2024 um 155 Prozent gestiegen sind. „Die Stromrechnung verschlingt manchmal 80 oder 90 Prozent eines Monatsgehalts“, sagt Fida Khan.

Der Paschtune, der an der University of Malakand Nachwuchsjournalisten ausbildet, war in seinem Dorf einer der ersten, der sich Photovoltaikzellen auf das eigene Dach gebaut hat. Inzwischen haben es ihm fast alle Nachbarn nachgemacht. Heute besitzt etwa jeder fünfte Haushalt in Pakistan eine Photovoltaikanlage auf dem eigenen Dach – praktisch genau so viele wie in Deutschland.

Pakistan: Aufstieg zu einem der rasantesten Solarmärkte der Welt

Aber Pakistan ist kein entwickelter Industriestaat. Mit 255 Millionen Einwohnern hat das Land zwar die fünftgrößte Bevölkerung der Welt. Doch eine autoritäre Regierung, die sich auf das Militär stützt, allgegenwärtige Korruption und Konflikte zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen bremsen jeden Fortschritt. Die Vereinten Nationen listen den Staat auf Platz 168 auf der Skala der menschlichen Entwicklung (Deutschland belegt hier Platz vier). Fast alle anderen Nachbarn in Asien, vor allem Indien, ziehen inzwischen davon. Doch jetzt verändert Solarenergie die Rechnung.
Ganz ohne Entwicklungshilfe haben die Pakistaner in den vergangenen Jahren etwa 38 Gigawatt solare Erzeugungskapazität installiert, so schätzen es der internationale Energie-Thinktank Ember und die pakistanische Nichtregierungsorganisation (NGO) Renewables First (RE1). Insgesamt haben Photovoltaikanlagen laut Ember vergangenes Jahr etwa 19 Prozent des verbrauchten Stroms geliefert. Damit hat sich der Anteil in den drei Jahren seit 2022 fast verdreifacht.

Eigene Stromversorgung bedeutet: Kühlung, Internet und Licht in der Nacht

Wie genau diese Zahlen die Wirklichkeit abbilden, lässt sich schwer sagen, denn es sind vor allem private Haushalte, die sich mit der Photovoltaik unabhängig vom öffentlichen Stromnetz machen. Die meisten dieser Anlagen sind sehr klein und müssen nicht registriert werden. Im Beitrag eines ZDF-Magazins erzählt ein Mann von einem typischen Geschäft: Er kauft sich für 60 Dollar ein Panel mit einer Leistung von 600 Watt. Das reicht, um genügend Strom für Ventilatoren zu erzeugen, um Handys und Laptops zu laden und den Zugang zum Internet sicherzustellen.
Straßenszene aus Karachi: Der Handel mit Solarpaneelen aus China floriert. Rechte: Imago / ZUMA Press / PPI
Internet ist inzwischen so wichtig, dass man Router mit eigener Notstromversorgung kaufen kann, die den Internetanschluss bis zu fünf Tage lang online halten, wenn der Strom mal länger ausfällt. Auch wer nachts Licht haben möchte, investiert in Batterien. Die waren Blei-Säure-Akkus, also typische Autobatterien, und kamen zunächst aus heimischer Produktion. „Aber die waren gefährlich“, erzählt Fida Khan. „Heute nutzen wir Lithium-Ionen-Akkus aus China, die geben uns ein gutes Backup für die Nacht.“

Landwirtschaft und Textilindustrie: 1,75 Millionen neue Jobs dank Solar

Laut Renewables First folgt auf den Boom der Solarpaneele gerade ein Boom bei den Speichern. 2025 wurden laut Daten des chinesischen Zolls Akkus mit einer Gesamtkapazität von 4,6 Gigawattstunden nach Pakistan importiert, ein Wachstum um 220 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt, so schätzt es die NGO, dürfte es inzwischen 7,6 Gigawattstunden Speicherkapazität geben.

Nicht nur Privatleute profitieren davon. Den tiefgreifendsten Umbruch verorten die Thinktanks Ember und Renewables First in der Landwirtschaft, wo Solar-Wasserpumpen teure Diesel-Stromaggregate ersetzt haben. Insgesamt 185.000 solcher sonnenlichtbetriebenen Pumpen seien inzwischen im Einsatz, was die Ernteerträge um 28 Prozent gesteigert habe.
Satellitenbild von Gulberg in Peschawar, Pakistan: 45 Solardächer sind gelb markiert, Stand Juni 2025 (Auswahl).
Auch die Textilindustrie, einer der wichtigsten Exportsektoren Pakistans, setzt inzwischen mit voller Kraft auf Aufdach-Solaranlagen. So können sie nicht nur den unzuverlässigen und teuren Netzstrom umgehen, sondern auch den CO₂-Fußabdruck ihrer Textilien senken – ein Punkt, der bei den Kunden im Ausland immer wichtiger wird. Hinzu kommt eine heimische Elektroindustrie, die beispielsweise Geräte zur Raumkühlung herstellt, die sich mit Gleichstrom betreiben lassen. So kann der PV-Strom direkt genutzt werden, ohne, dass ein teurer Wechselrichter gebraucht wird.

Insgesamt, so schätzen Ember und Renewables First, hat der Solarboom mittlerweile 1,75 Millionen neue Jobs in Pakistan geschaffen.

Solar nur für Reiche? Warum Arme bislang kaum profitieren

Der Boom hat allerdings auch Schattenseiten. Denn bislang profitieren vor allem vergleichsweise wohlhabende Haushalte. Sie haben ausreichende Ersparnisse, um die Investition in Solarmodule und Akkus zu stemmen. Bankkredite stehen kaum zur Verfügung. Weniger als vier Prozent der PV-Projekte haben eine solche formelle Finanzierung.

Das führt in der Praxis dazu, dass die wohlhabenden Kunden das Stromnetz verlassen und die hohen Fixkosten für die öffentliche Stromversorgung an den ohnehin schon einkommensschwachen Haushalten hängen bleiben. Dazu gehören unter anderem Mieter, alte Menschen oder auch Frauen.

Für nötige Investitionen in das Netz fehlt das Geld erst recht, wodurch sich das Problem der Stromausfälle zu den nachfragestarken Zeiten am Abend weiter verschärft. "Das Land durchläuft derzeit einen Wandel seines Energiesystems – ohne einen nationalen Plan, ohne die dafür erforderlichen Daten und ohne ein Marktkonzept, mit dem sich die enormen Erzeugungskapazitäten, die die Menschen aufgebaut haben, integrieren lassen", fasst Renewables First die Situation zusammen.
Die meisten Aufdach-Anlagen in Pakistan sind klein: Paneele mit 600 Watt können den Bedarf eines kleinen Haushalts decken. Rechte: Imago/Xinhua
Die NGO und Forschende verweisen aber auch auf mögliche Lösungen. Die Provinz Sindh etwa subventioniert unter anderem Solaranlagen für ärmere Haushalte. Laut Weltbank konnten so bereits eine Million Menschen eine eigene Kleinsolaranlage bekommen. Auch könnten Gesetze verändert werden, um die Vermietung von Dächern oder Mikrostromnetzen für Nachbarschaften zu legalisieren.

Kleine Windräder: Der nächste Schritt?

Die Thinktanks halten für denkbar, dass auf den Boom bei Dachsolaranlagen und Batteriespeichern als Nächstes ein Boom bei elektrischen Fahrzeugen folgt. Doch Fida Khan, der Journalistenausbilder aus dem pakistanischen Norden, ist skeptisch. Die Straßen in der Gegend sind schlecht ausgebaut und steil und die Preise für E-Autos noch weit von pakistanischen Möglichkeiten entfernt. 

Er denkt stattdessen laut über kleine Windräder nach. Die könnten auch nachts Strom erzeugen, Wind gibt es in den Bergen genug. Schaut man sich bei Facebook um – in Pakistan immer noch Marktführer bei den sozialen Netzwerken – dann findet man dort gerade viele Videos, in denen pakistanische Bastler anderen Bastlern erklären, wie sich so ein Windrad bauen lässt. Pakistans DIY-Energiewende wird weitergehen.
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👋 Zum Schluss

Dass Solarenergie in Pakistan ein Ding ist, begegnete mir vor ein paar Monaten zum ersten Mal bei einem Klimakanal im Netzwerk Bluesky. Und dann habe ich Fida Khan vor ein paar Wochen bei einer Konferenz für Wissenschaftsjournalisten kennengelernt, wo er mir wilde Geschichten über die Entwicklung in seinem Heimatland erzählt hat.

Sicher, die Zukunft in Pakistan wird nicht plötzlich rosarot durch erneuerbare Energie. Aber es beeindruckt mich, wie deutlich das Beispiel die Kraft dieser Technologie demonstriert: Neben der Tatsache, dass Solarstrom kein CO₂ verursacht und außer Licht keinerlei Brennstoffe benötigt, ist der wichtigste Vorteil, dass Menschen dezentral Energie erzeugen und sich unabhängig machen können von zentralen Strukturen.

Die Solarrevolution kann nicht nur die Umweltbelastung lindern – sie könnte auf lange Sicht auch die Konzentration von Macht und Reichtum schwächen und bislang abgehängten Menschen erlauben, freier durchzuatmen. Das macht mir Hoffnung.

Herzliche Grüße
Clemens Haug

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