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#266
vom 23. Oktober 2026

Das Höhenwindrad: Doppelt so hoch, doppelt so gut?

von Inka Zimmermann

Liebe Lesende,

vielleicht haben Sie bereits davon gehört, dass in der brandenburgischen Lausitz nun das höchste Windrad der Welt steht? Ich jedenfalls hatte davon schon vor einer ganzen Weile gelesen (mein Kollege Clemens Haug hat 2023 berichtet) und wollte mir das Höhenwindrad bei Schipkau vergangenes Jahr einmal ansehen. Ein so hohes Windrad müsste ja kaum zu übersehen sein, dachte ich – und fand nichts. Der Bau hatte sich stark verzögert, insgesamt um rund ein Jahr. Damals stieß ich nach langer Suche nur auf das Fundament im Wald.

Seit einigen Wochen ist das höchste Windrad der Welt nun fertig, stolze 365 Meter hoch und damit nur wenige Meter kleiner als der Berliner Fernsehturm. Bei meinem zweiten Anlauf diese Woche habe ich es also sehr schnell gefunden. Gigantisch teuer war auch der Bau des Windrads mit circa 25 Millionen Euro. Warum sich das lohnen könnte und ob ein doppelt so hohes Windrad nun auch mit doppelt so viel Gegenwehr der Anwohner verbunden ist, erfahren Sie diese Woche.

MOMENT DER WOCHE

Die verheerende Sturzflut im Himalaya Ende August hat in Nepal ganze Ortschaften zerstört. Im Distrikt Nuwakot wurde nun eine neue Fußgänger-Hängebrücke über den Trishuli-Fluss gebaut, sie steht symbolisch für den Wiederaufbau. Für Nepal ist es auch eine Frage der Klimagerechtigkeit. Rechte: JNA Press

Revolutioniert das Höhenwindrad die Windkraft? 

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Schipkau an einem trüben Oktobermorgen. Ausgeschildert ist das höchste Windrad der Welt nicht. Lediglich ein Plakat der Firma Gicon zeigt, dass es hier irgendwo stehen muss. Vom Waldparkplatz sind es 15 Minuten zu Fuß. Unterwegs treffe ich Monika und Gerhard aus dem nahegelegenen Großräschen. „Wir wollten uns das einfach mal angucken“, erzählen die beiden. „Das ist ja der große Renner hier. Ein richtiger Pilgerweg ist das geworden.“ Die beiden haben recht. Gerade jetzt, in den Herbstferien kurz nach seiner Fertigstellung, scheint das Weltrekord-Windrad zu einer Art Ausflugsziel avanciert zu sein. Peter ist extra mit dem Enkelkind gekommen. „Ich finde es beeindruckend.“ Besonders die Montage habe ihn interessiert.

Tatsächlich war die Montage des 365 Meter hohen Windrads eine Herausforderung. Denn es gibt keinen Kran, der hoch genug wäre, um die Rotoren in dieser Höhe zu montieren. Mit einem speziellen Hubsystem wurde der Turm letztlich ausgefahren, Generator und Rotoren wurden langsam auf die finale Höhe gebracht. In seiner Form erinnert das Lausitzer Höhenwindrad ein wenig an den Pariser Eiffelturm. Eine unkonventionelle Gitterkonstruktion soll den Windwiderstand minimieren. All das war kein leichtes Unterfangen. „Es gab Ärger bis nah an den Rand der Verzweiflung“, erinnert sich Prof. Jochen Großmann, Geschäftsführer der Erbauerfirma Gicon. 25 Millionen Euro hat allein der Bau gekostet – ein normales Windrad kostet im Schnitt eine Million.

Es gab schon viele Versuche, die Höhenwinde zu nutzen 

Die enorme Investition soll nun eine echte Revolution für die Windenergie werden: Das XXL-Windrad könnte nämlich die besonderen „Höhenwinde“ in rund 300 Metern über dem Boden für die Stromerzeugung nutzen. „An der Erdoberfläche wird der Wind durch die Reibung abgeschwächt“, erklärt Großmann. „Je weiter ich von der Erdreibung weg bin, desto mehr Energie hat der Wind und desto mehr Energie kann ich mit einer Windkraftanlage auch erzeugen.“

Versuche, die Höhenwinde für die Energieerzeugung nutzbar zu machen, gibt es schon seit den 2000er Jahren. Google beispielsweise versuchte es 2013 mit fliegenden Drachen, die den Wind in 600 Metern Höhe einfangen sollten, stellte das Projekt aber nach einigen Tests ein. Ein chinesisches Unternehmen ließ Anfang 2026 eine heliumgefüllte Turbine in 2.000 Meter aufsteigen – und generierte zumindest während eines 30-minütigen Testflugs Energie. Wenn das Höhenwindrad in Brandenburg im November in Betrieb genommen wird, könnte das die erste dauerhafte Nutzung der Höhenwinde werden.

Dass die Höhenwinde dort, über der Lausitz, auch wirklich wehen, hat die Firma Gicon bereits nachweisen können. „Wir haben vor drei Jahren dort einen Windmessmast errichtet und den ein Jahr lang betrieben“, erzählt Großmann. Experten wie der Meteorologe Stefan Emeis sehen die Hoffnung auf einen höheren Ertrag als realistisch an. Anhand der Messungen liege der erwartete Energieertrag um circa 63 Prozent höher, schätzt er.

Noch dreht es sich nicht: Das Lausitzer Höhenwindrad beim Besuch im Oktober. In Betrieb geht es erst im November. Rechte: I.Zimmermann/ S.Mildner 

Offshore-Windkraft an Land bringen? 

Aufgrund dieser vielversprechenden Ergebnisse spricht Gicon-Geschäftsführer Jochen Großmann nun davon, „Offshore-Windkraft an Land zu bringen“. Für die Windenergie wäre das ein echter Gamechanger, denn bislang können Windräder an Land nicht ansatzweise mit den großen Anlagen vor der Küste mithalten. Ein modernes Offshore-Windrad schafft mittlerweile bis zu 15 MW, Windräder an Land nur grob 5 MW. Noch viel entscheidender sind allerdings die sogenannten „Volllaststunden“, also wie lange die Anlage im Schnitt bei maximaler Leistung läuft. „Im Offshorebereich kommen wir auf 55 Prozent Volllaststunden und genau diese Volllaststunden erreichen wir beim Höhenwind auch“, erklärt Großmann.

Dennoch: Mit den großen Anlagen vor der Küste kann das Lausitzer Höhenwindrad zumindest aktuell noch nicht ganz mithalten. Denn darüber entscheidet auch die Leistung der Turbine oben auf dem Windrad. Aktuell ist auf dem Schipkauer Großwindrad eine 3,8 MW-Turbine verbaut – so wie auf den normalen Windrädern in der Umgebung auch. Ausgelegt sei der Turm für eine 8 MW-Turbine, verspricht Großmann. Solange diese Turbine noch nicht verbaut ist, erzeugt das Lausitzer Höhenwindrad noch nicht die maximal mögliche Leistung.

Energieökonomin Prof. Claudia Kemfert vom DIW Berlin findet, die eigentliche Innovation des Windrads liege nicht im Höhenrekord, sondern in der Auslastung, also den Volllaststunden. „Der größte Vorteil könnte künftig sein, dass gleichmäßig erzeugter Windstrom besser zum Strombedarf passt.“ Zu hoffen sei, dass dann auch weniger Phasen mit geringer Einspeisung entstehen – was enorm wichtig für das zukünftige Stromsystem sein werde. Kemfert findet: „Das Potenzial für einen Gamechanger ist durchaus vorhanden“, aber man müsse in den kommenden Monaten und Jahren herausfinden, ob die Konstruktion den enormen Belastungen in dieser Höhe standhalten werde.

„ Das Potenzial für einen Gamechanger ist vorhanden“
Prof. Claudia Kemfert

Dazu kommt: Damit Höhenwindräder in Deutschland gebaut werden, müssten sie zunächst einmal wirtschaftlich werden. Das Projekt der Firma Gicon wurde als Forschungsprojekt erheblich gefördert. Im schlechtesten Fall können die Baukosten für diese besonderen Anlagen so hoch sein, dass sich der Bau trotz zusätzlicher Energie nicht lohnt. „Die entscheidende Größe ist ja nicht, was die Windanlage in der Anschaffung kostet, sondern wie viel Strom sie dann über die gesamte Lebensdauer zu welchen Kosten produziert“, findet Claudia Kemfert. Das werde man erst noch herausfinden müssen.

Indian Summer und Höhenwindrad. Rechte: I.Zimmermann/ S.Mildner

Wenn es allerdings finanzierbar wird, könnten Höhenwindräder überall in Deutschland entstehen. Die Firma Gicon hat bereits weitere Windmessungen in NRW durchgeführt, auch in Mecklenburg-Vorpommern sind Messungen geplant. Grundsätzlich sei Höhenwind ein physikalisches Phänomen, das in ganz Deutschland auftrete, erklärt Großmann. Zudem könne man Höhenwindräder auch in bestehende Windparks integrieren, quasi als „zweite Etage“.

Entscheidend für die Zukunft der XXL-Windräder dürfte letztlich aber auch sein, ob die Gesellschaft sie überhaupt möchte. Zumindest in Schipkau sehen viele das Höhenwindrad als etwas Positives an. Die Teenager auf dem Parkplatz des örtlichen Penny-Marktes wirken euphorisch: „Das gibt ganz viel Strom!“ Anwohnerin Kristin sagt, sie finde das Höhenwindrad zwar gut, wohne aber direkt am Windpark Klettwitz, in dem neben dem großen Windrad auch viele normale Anlagen stehen. „Tatsächlich ist auf meinem Grundstück zu hören, wie die Windräder sich bewegen.“ Sie finde alternative Energien zwar toll, wünsche sich aber, dass man sie in unbewohnte Gebiete baue, wegen der Lärmbelästigung.

Noch mehr Infos zum Höhenwindrad 

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👋 Zum Schluss

Ich muss gestehen, dass mir das Höhenwindrad deutlich kleiner vorkam als der Berliner Fernsehturm. Und trotzdem war ich fasziniert – aber vielleicht ja auch nur, weil wir schon so lange über das Windrad berichten. Der Bau hat sich immer wieder verzögert und nun die Fertigstellung zu erleben, ist allein deshalb ein spannender Moment. Wie sehen Sie das? Sind Sie eher auf der Seite der Faszinierten oder haben Sie Zweifel, ob sich ein solches Windrad lohnen kann? Schreiben Sie mir gerne an klima@mdr.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. 💨

Beste Grüße
Inka Zimmermann

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