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#266
vom 16. Oktober 2026

Kühe ja, Methan nein: Was wir von Dänemark lernen können

von Katja Evers
Hallo zusammen, 

ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Kühe gehörten für mich einfach dazu. Im Stall in der Dorfmitte durfte jedes Kind nach Herzenslust herumstöbern. Ich erinnere mich an große Glubschaugen, sabbernde Mäuler und überraschend raue Zungen. Dass nicht alle Kühe so glücklich sind und wir es auch nicht immer in Anbetracht der Kuh-Klimawirkung sein sollten, davon war mein Kindheits-Ich weit entfernt. Drei Viertel der Methanemissionen in Deutschland stammen laut Umweltbundesamt aus der Landwirtschaft, ein Großteil davon, weil die Kühe nun mal rülpsen und pupsen. 

Wenn wir nicht auf Kühe verzichten wollen, müssen die Kühe anders pupsen. Das zumindest ist die Konsequenz, die Dänemark gezogen hat: Seit einem Jahr sind dort methanhemmende Futtermittelzusätze Pflicht. Wie der dänische Klimaschutz im Stall funktioniert, warum dabei längst nicht immer alles nach Plan läuft und was wir in Deutschland daraus lernen können, das schauen wir uns heute mal an. 

MOMENT DER WOCHE

Protest vor der IKEA-Filiale in Hamburg-Altona. Einem Greenpeace-Bericht zufolge soll Holz für IKEA aus einem geschützten Natura 2000-Gebiet in den rumänischen Karpaten kommen. Rechte: Greenpeace

Methanlabor Dänemark: Was wir von unseren Nachbarn lernen können  

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Ganz ehrlich: Mein erster Impuls war, die Augen zu rollen. Statt weniger Rinderprodukte zu essen, sollen nun also die Kühe selbst ran. Auf den zweiten Blick ergibt das aber Sinn. Futter beeinflusst nun mal die Verdauung. Warum sollte man das nicht nutzen, um Kühe klimafreundlicher zu machen? 

In Dänemark sind Landwirte mit mehr als 50 Kühen seit letztem Jahr gesetzlich verpflichtet, methanreduzierendes Futter einzusetzen – nur eine der Maßnahmen, um das 2021 festgeschriebene Ziel zu erreichen, 55 bis 65 Prozent der Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft zu reduzieren. Die Betriebe können seitdem entweder ganzjährig mehr Fett zusetzen oder das Futtermittelzusatzpräparat Bovaer an mindestens 80 Tagen pro Jahr verwenden.  

Der Agrarökonom Harald Grethe, Leiter des Thinktanks Agora Agrar, verfolgt die Entwicklungen in Dänemark mit großem Interesse. Denn die Herausforderungen ähneln sich: Auch Deutschland sucht nach Wegen, die Methanemissionen aus der Tierhaltung zu reduzieren, ohne das bei der Zahl der Tiere tun zu müssen.    
Grethe und seine Mitforschenden schätzen, dass sich die Methanemissionen der Landwirtschaft mit technischen und betrieblichen Maßnahmen um etwa 30 Prozent senken lassen könnten. Entscheidend ist dabei oft nicht mehr, ob die Maßnahme technisch funktioniert, sondern ob sie sich im Alltag der Betriebe durch- und umsetzen lässt. Und Dänemark ist dabei eine Art großes Reallabor, aus dem wir schon heute einige Lehren ziehen können. 

Die Kuh ist ein Lebewesen. Und der Bauer auch nur ein Mensch.  

Die erste Lehre: Klimaschutz im Stall funktioniert nicht nach dem Prinzip "eine Lösung für alle". Es braucht Flexibilität, auch um bei Problemen reagieren zu können. Das hat auch die Einführung von Bovaer gezeigt.  

Vor knapp einem Jahr berichteten einige dänische Landwirte von Kühen, die weniger fraßen, weniger Milch gaben oder krank wurden. Zwar durften betroffene Landwirte Bovaer ausnahmsweise absetzen und dürfen es auch heute noch unter bestimmten Voraussetzungen. Viele Fragen seien aber weiterhin offen, betont Jesper Arnth Stampe, Landwirt und Vorsitzender des Bereichs Viehzucht beim dänischen Ernährungs- und Bauernverband.

Erst im Mai dieses Jahres und damit mehr als ein halbes Jahr nach den Vorfällen wurden erste Analysen der Universität Aarhus veröffentlicht. Ihr Fazit: keine Hinweise auf einen generellen Anstieg der Sterblichkeit oder einen allgemeinen Rückgang der Milchleistung. Entwarnung geben die Forschenden trotzdem nicht. Einige Landwirte hätten von teils erheblichen Problemen in ihren Herden berichtet, zudem seien weiterhin Fragen offen. Weitere Studien laufen noch bis 2028. 

Zu spät, meint Niels Peter Nørring, Direktor für Klima und EU-Politik, ebenfalls beim dänischen Bauernverband. Dabei gehe es weniger um die Schuldfrage, sondern um Planungssicherheit: 2030 wolle Dänemark eine Steuer auf Methanemissionen einführen. Landwirte müssten also schon jetzt anfangen, ihre Emissionen zu senken, ohne alle Auswirkungen zu kennen. Sein Kollege Jesper Stampe wünscht sich deshalb einen Klima-Werkzeugkasten, aus dem Betriebe die für sie passenden Maßnahmen auswählen können. 
„ Wenn etwas gut ist, dann spricht sich das auch herum.“
Jana Gäbert
Ähnlich argumentiert die Brandenburger Landwirtin Jana Gäbert. Nur spricht sie nicht von einem Werkzeugkasten, sondern einem "Blumenstrauß an Möglichkeiten", aus dem sich jeder das für ihn passende pflückt. Die dänischen Pflichtvorgaben hält sie entsprechend für zu starr – auch deshalb, weil Bemühungen um Klimaschutz, Tierwohl und Biodiversität nicht immer Hand in Hand gehen. Die grasende Kuh auf der Weide mag das Sinnbild einer guten Tierhaltung sein. Gleichzeitig pupst und rülpst diese Kuh mehr Methan. Auch deshalb müsse jeder Betrieb für sich rechnen, was wirtschaftlich sinnvoll ist. 

Gäbert setzt seit dem Sommer auf Agolin, einen pflanzlichen Futtermittelzusatz. Der hemmt nicht nur Methan, sondern soll auch die Futteraufnahme verbessern. Win-Win also und im Grunde das Sinnbild des dänischen Weges, denn der versucht Wirtschaftlichkeit mit Klimaschutz zu kombinieren.  

Die Karotte am Stock: Mit Anreizen in eine gemeinsame Zukunft  

Laut Niels Peter Nørring ist das dänische Prinzip eine Karotte, die am Stock hängt. Wer Maßnahmen umsetzt, um Emissionen zu reduzieren, wird gefördert und muss – je nach Erfolg – ab 2030 möglicherweise gar keine Steuer zahlen, erreicht also vielleicht sogar die Karotte. Gleichzeitig unterstützt ein freiwilliges Programm die Bauern bei der Emissionsminderung. Wer allerdings die Maßnahmen nicht umsetzt, für den wird der Stock und damit der Weg zur Karotte länger und vor allem teurer.  

Der eigentliche Unterschied zu Deutschland liegt dabei womöglich weniger in einzelnen Maßnahmen als in der politischen Logik dahinter. Während hierzulande häufig darüber diskutiert wird, was die Landwirtschaft zusätzlich leisten soll, wurde in Dänemark zugleich verhandelt, wie diese zusätzlichen Leistungen bezahlt werden können.   

Für Stampe und Nørring ist das die größte Errungenschaft Dänemarks: "Es ist nicht die Regierung, es sind nicht wir. Es sind wir zusammen mit der Regierung." Auch wenn es bei der konkreten Umsetzung einzelner Maßnahmen immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten komme, gäbe es durch die gemeinsame Vereinbarung von Politik und Landwirtschaft eine wichtige Grundlage für den grünen Wandel. 
„ Es ist nicht die Regierung, es sind nicht wir. Es sind wir zusammen mit der Regierung.“
Jesper Arnth Stampe
Für Harald Grethe der eigentliche Punkt, warum Dänemark als Vorreiter gelten kann. Die Gesellschaft profitiert von geringeren Treibhausgasemissionen. Deshalb sollten die entstehenden Kosten auch gemeinsam getragen werden. Klimaschutzauflagen und finanzielle Unterstützung wurden gemeinsam in Dänemark ausgehandelt, so der Forscher. Wer mehr leisten soll, bekommt auch Unterstützung dabei. Und so wird im Labor Dänemark vielleicht nicht immer jedes Experiment sofort gelingen. Aber zumindest ziehen Politik, Wissenschaft und Landwirtschaft soweit es geht am selben Strang. 
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👋 Zum Schluss

Dänemark geht mit seinem Vorstoß neue Wege, weniger Bürokratie gibt es für die Landwirte aber nicht. Denn allein die Bovaergabe muss dokumentiert, die Ersatzleistung aufwendig beantragt werden. Jesper Arnth Stampe zeigt Verständnis, immerhin solle man nicht betrügen können. Mehr Arbeit ist es, aber für einen guten Zweck, wie man so schön sagt. 

Und genau das möchten wir Ihnen jetzt auch gerne auferlegen - für den guten Zweck 😊. Wir würden gerne mehr darüber erfahren, wie sie unser Klima-Update finden, wie sie sich informiert fühlen, welche Themen Ihnen wichtig sind. Dafür haben wir eine kleine Umfrage mit Multiple-Choice-Antworten erstellt und würden uns über eine rege Beteiligung sehr freuen. 

Und damit Ihnen ein schönes Wochenende 

Liebe Grüße 
Katja Evers 

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