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Liebe Leserin, lieber Leser,

fast vier Wochen nach der Landtagswahl steht die konstituierende Sitzung des Magdeburger Landtags kurz bevor: Am kommenden Dienstag, 6. Oktober, versammeln sich die Abgeordneten der neuen Legislaturperiode zum ersten Mal. 

Erst in dieser Woche sind nun einige wichtige Grundlagen geklärt worden, damit das neue Parlament zumindest für seine erste Sitzung arbeitsfähig sein kann. Das sind meiner Einschätzung nach die drei Themen dieser Woche:

 
Erstens: Klärung unter den Fraktionen

Der Streit um die Ausschussgrößen ist seit dieser Woche durch den Vor-Ältestenrat abgeräumt: Die AfD-Fraktion hält nicht weiter an ihrem Vorschlag für Ausschüsse mit zwölf Mitgliedern fest. Die Ausschüsse werden künftig jeweils aus elf Parlamentariern bestehen.

So hatten es die Fraktionen von CDU, Linken, Grünen und SPD gefordert, so hatte es die Landtagsverwaltung vorgeschlagen.

Durch die ungerade Zahl minimiert sich künftig das Risiko für Pattsituationen für oder gegen einen Vorschlag. Zudem ist eine Verfassungsklage gegen die Ausschussgrößen abgewendet. 

So wird sich künftig jeder Ausschuss zusammensetzen: Fünf Mitglieder aus der AfD, zwei von der CDU. Jeweils ein Mitglied werden Linke, Grüne, SPD und BSW stellen. Somit wird die AfD in den Ausschüssen wie auch im Parlament keine eigene Mehrheit haben, sondern Mehrheiten für ihre Vorhaben organisieren müssen. Gleiches gilt für Mehrheiten gegen die AfD.

Die Grafik zeigt die künftigte Sitzverteilung in den Ausschüssen: 5 Mitglieder aus der AfD, 2 von der CDU. Jeweils ein Mitglied werden Linke, Grüne, SPD und BSW stellen.

Nach längeren Diskussionen mit der AfD-Fraktion ist nun ebenfalls geklärt, wer welche Räumlichkeiten im Parlamentsgebäude bezieht. 

Die Grünen werden – anders als von der AfD gewollt – weiterhin ihre Büros im eigentlichen Parlamentsgebäude haben. Die SPD hingegen zieht um in ein nahegelegenes Gebäude. Die Linke sitzt weiterhin vorübergehend außerhalb des Parlamentsgebäudes, bis die dortigen Sanierungsarbeiten abgeschlossen sind. Dort werden nun also künftig die Fraktionen von AfD, CDU, BSW und Grünen ihre Räumlichkeiten haben.

 
 
Mein Kollege Sebastian Hesse-Kastein von MDR AKTUELL meint:
Sebastian Hesse-Kastein arbeitet bei MDR Aktuell. Foto: MDR/Karsten Möbius

“Gerade gibt es große Erwartungen an die konstituierende Sitzung. Dabei ist genauso möglich, dass es eine unspektakuläre Sitzung wird, die in einer Stunde erledigt sein könnte:

Das Parlament stellt seine Arbeitsfähigkeit her, das Landtagspräsidium wird gewählt, möglicherweise wird die Geschäftsordnung des Landtags geändert.

Im Hintergrund brodelt währenddessen die Gerüchteküche: Mit welcher Mehrheit könnte sich Ulrich Siegmund im Dezember zum Ministerpräsidenten wählen lassen? 

In jedem Fall dürfte die AfD schon jetzt auf Hochtouren Personalfragen klären: Wer kommt für Ministerposten und für Beamtenjobs in Frage? Für die komplexen Anforderungen von Regierung und Verwaltung fehlt der AfD die Erfahrung.

Es ist möglich, dass die Fraktion sich dann Erfahrung und Personal aus Berlin oder anderen Bundesländern holen muss.”

 

Zweitens: Tobias Rausch kandidiert als Landtagspräsident

Die AfD-Fraktion hat sich einstimmig dafür ausgesprochen, ihren parlamentarischen Geschäftsführer Tobias Rausch als Landtagspräsidenten zu nominieren. Das BSW wird eine solche AfD-Kandidatur unterstützen.

Damit ist es sehr wahrscheinlich, dass der 35-jährige Rausch der bundesweit erste Parlamentspräsident aus der AfD-Partei sein wird.

Spannend wird meiner Meinung nach, ob er in der geheimen Wahl mehr oder weniger Stimmen bekommt, als AfD und BSW theoretisch gemeinsam haben. Das könnte ein Indikator für Abweichler in den Fraktionen sein: Beispielsweise BSW-Abgeordnete, die doch nicht mit der AfD stimmen. Oder CDU-Abgeordnete, die einen AfD-Kandidaten unterstützen.

Die AfD möchte wohl außerdem – so wie die CDU in der vorherigen Legislaturperiode – eine weitere Person für das Vizepräsidentenamt stellen. 

Dabei wurde erst im April 2026 die Geschäftsordnung des Landtags mit einer Zweidrittelmehrheit so geändert, dass die stärkste Fraktion nicht mehr bei den drei Vizeposten berücksichtigt wird. Rausch und die AfD-Fraktion hatten gegen diese Parlamentsreform gestimmt.

Ulrich Siegmund und Tobias Rausch (rechts) kündigten an, dass Rausch als Landtagspräsident kandidiert.

Wer ist Tobias Rausch?

Tobias Rausch hat das Direktmandat im Wahlkreis Schönebeck im Salzlandkreis mit großem Vorsprung gewonnen. Er ist derzeit Mitglied im Stadtrat von Staßfurt sowie Fraktionsvorsitzender im Kreistag des Salzlandkreises.

Er ist Mitglied in drei Aufsichtsräten, Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse im Salzlandkreis, Verbandsvorsitzender des Wasser- und Abwasserzweckverbandes Bode-Wipper sowie Vorsitzender von gleich zwei Fußballvereinen im Salzlandkreis: beim VfB Glöthe und SV 09 Staßfurt. Mit seiner Immobilienfirma hat er laut eigenen Angaben beide Vereine finanziell unterstützt.

Rausch ist seit 2013 Mitglied in der AfD, seit 2016 sitzt er im Magdeburger Landtag. Er war in der vergangenen Legislaturperiode Mitglied im Ältestenrat, der sich mit organisatorischen Fragen der Landtagsarbeit beschäftigt.

Außerdem war er stellvertretender Vorsitzender im Ausschuss für Bundes- und Europaangelegenheiten, Medien sowie Kultur. Er war einer der AfD-Abgeordneten, der im Zentrum von Vetternwirtschaft-Vorwürfen stand. 

Tobias Rausch ist Sohn von Daniel Rausch, der ebenfalls Mitglied des Magdeburger Landtags ist. Er war 2016 kurzzeitig Vizepräsident des Landtages von Sachsen-Anhalt, bevor er direkt nach einer misslungenen ersten Sitzungsleitung aus persönlichen Gründen vom Amt zurücktrat.

 
Es gibt Zweifel an der Wahlkampf-Finanzierung der AfD, berichtet “Der Spiegel”: Mehrere Staatsrechtler sehen deswegen die Möglichkeit, dass ein Wahleinspruch vor Gericht erfolgreich sein könnte.

Der Grund: Laut “Kontraste”-Recherchen aus dem April wurden Mittel der AfD-Fraktion im Landtag für die “Bürgerdialog”-Veranstaltungen der Partei im Wahlkampf eingesetzt.

Fraktionen und Parteien bekommen Steuergelder. Die Fraktionszuschüsse sollen parlamentarische Arbeit und neutrale Information darüber ermöglichen. Die Parteien bekommen Steuergelder für ihren Wahlkampf. Die Zwecke sind unterschiedlich, die Mittel nicht beliebig austauschbar und einsetzbar. 

Mein Kollege Lars Frohmüller aus dem MDR-Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt meint:

“Immer wieder betont die AfD, wie wichtig insbesondere die Bürgerdialoge vor Ort für den Erfolg der Partei bei der Wahl gewesen seien.

Damit wäre nach Auffassung von Juristen genau das Kriterium erfüllt, an dem solche Beschwerden in der Vergangenheit vor Gericht gescheitert sind.

Lars Frohmüller arbeitet für das MDR-Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Foto: Engin Haupt
Welche Folgen ein erfolgreicher Wahleinspruch hätte, ist unklar. Es gibt dafür keinen Präzedenzfall. Von einer Wiederholung der Wahl bis zur nachträglichen Nichtzulassung der AfD zur Landtagswahl und einer Neuverteilung der Stimmen ohne AfD halten Experten alles für möglich."
 

Drittens: Ministerpräsidentenwahl im Dezember?

Ulrich Siegmund in der Bundespressekonferenz

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat in dieser Woche angekündigt, eine Ministerpräsidentenwahl im Dezember anstreben zu wollen.

Er zeigte sich betont zuversichtlich, eine “nennenswerte Mehrheit” zu bekommen und direkt im ersten Wahlgang gewählt zu werden. Möglich wäre, dass es dabei nicht nur um die BSW-Abgeordneten geht, sondern auch um einzelne Abgeordnete der CDU-Fraktion.

Noch vor der Wahl hatte Siegmund ausgeschlossen, ohne eine absolute Mehrheit der AfD im Parlament zu regieren. Nach der Wahl bezeichnete Siegmund das BSW als “Teil des Problems und nicht Teil der Lösung”.

 
 
 

Liebe Leserinnen und Leser,

dies ist die vorerst letzte Newsletter-Ausgabe von “Sachsen-Anhalt: Die Entscheidung”.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Rückmeldungen und Ihr Vertrauen. Ich würde mich freuen, wenn Sie unsere MDR-Berichterstattung rund um Sachsen-Anhalt weiter verfolgen.

Ich glaube, bis zu einer erfolgreichen Regierungsbildung ist es noch ein weiter Weg. Wir werden immer wieder Momente und Entscheidungen im Parlament erleben, die als historisch gelten dürften. 

Ihr 
Jens Hänisch

 
 

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