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#258
vom 21. August 2026

Wie bereiten wir uns auf Niedrigwasser vor?

von Inka Zimmermann
Hallo zusammen,

Hitzewellen, Waldbrände und viel zu wenig Wasser im Fluss. Ich staune dieser Tage, wie selten das Wort „Klimawandel“ in dem Zusammenhang fällt. Das, was wir gerade erleben, ist zumindest anteilig auf den Klimawandel zurückzuführen, ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht. Die Sommer unserer Zukunft werden immer häufiger so aussehen.

Ich persönlich bin kein Fan davon, Ihnen an dieser Stelle eine Apokalypse zu verkünden, die Sie in Angst und Schrecken versetzen wird. Denn ein Kollaps à la The Day After Tomorrow steht uns höchstwahrscheinlich nicht bevor. Stattdessen vermutlich eine Reihe an kleineren Veränderungen – mit ungeahnt weitreichenden Folgen. So wie aktuell in Rhein, Elbe und Donau. Dass die Hitze und das Rekord-Niedrigwasser in der Donau in Ungarn in eine handfeste Energiekrise auslösen würden, ist so eine Folge des Klimawandels. Warum Niedrigwasser Wirtschaft und Energiesysteme bedroht, lesen Sie diese Woche. Und warum das Ringen um die richtigen Schutzmaßnahmen so kontrovers ist. 

MOMENT DER WOCHE

"Rewild the Run" heißt dieser Sneaker der Prouktdesignerin Kiki Grammatopoulos. Der Schuh wird mit seinen Kletten zum Transportvehikel für allerlei Saaten. Bislang allerdings nicht in Serie produziert, sondern im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zu bestaunen. Foto: Tom Mannon.

Wenn der Fluss versiegt: Wie bereiten wir uns auf Niedrigwasser vor? 

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Es ist zunächst einmal eine beispiellose Erfolgsgeschichte: Vor rund 8500 Jahren begannen die Menschen damit, die ersten Rohstoffe und Waren mit dem Fluss zu transportieren. Mittlerweile sind Flüsse zum relevanten Standortvorteil für diverse Branchen geworden. Sie sind so relevant, dass sinkende Pegelstände einen direkten Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt haben. „In dem Ausmaß, wie wir das jetzt beobachten, kann das schon einige Zehntel Prozentpunkte des BIP an Wachstum kosten“, erklärt Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Der Rhein beispielsweise befördert Rohstoffe und Erzeugnisse für die Chemieindustrie, die Stahl- und Metallindustrie, die Mineralölwirtschaft und die Baustoffindustrie. Der Chemiekonzern BASF musste einzelne Produktionen wegen des extremen Niedrigwassers im Rhein bereits zurückfahren. Theoretisch können diese Güter auch mit dem Zug oder dem Lkw transportiert werden. Praktisch ist das aber auch eine Kostenfrage. „Auf der Straße ist das ganz schnell sehr teuer“, erklärt Geraldine Dany-Knedlik vom DIW Berlin. Diese zusätzlichen Kosten seien für große, internationale Unternehmen zahlbar, für mittelständische Unternehmen eher nicht. Auch über die Schiene ließe sich der Rhein aktuell kaum ersetzen, erklärt die Ökonomin. Das Schienennetz sei derzeit so ausgelastet, dass die zusätzliche Kapazität fehle.

Angesichts der Niedrigwasser-Rekorde an Elbe und Rhein diskutiert die Politik deshalb über eine Vertiefung der Fahrrinne. Dann könnten schwer beladene Schiffe wieder fahren, die Lieferketten wichtiger Güter wären zunächst einmal gesichert. Ökologen kritisieren den Vorschlag dennoch, weil er eine wichtige Sache außer Acht lässt: Niedrigwasser, wie wir es gerade erleben, wird in den kommenden Jahrzehnten deutlich häufiger auftreten. Bei anhaltenden Dürren könnte eine Vertiefung nicht ausreichen, weil das Wasser im Fluss schlicht fehlt – außerdem steigt die Hochwassergefahr.

Solche Extremereignisse werden im Jahr 2050 häufiger auftreten. Das könnte den Wirtschaftsstandort Deutschland empfindlich treffen – und auch unseren Alltag verändern. Schließlich ist das Flusswasser nicht nur wichtig für den Gütertransport, sondern spielt aktuell auch eine relevante Rolle als Kühlwasser für zahlreiche Atomkraftwerke in Europa. So erlebte Ungarn etwa nach dem Ausfall des Atomkraftwerks Paks in den vergangenen Wochen eine schwere Energiekrise.

Flüsse sind auch für das Energiesystem wichtig 

Auch für das deutsche Energiesystem sind Flüsse enorm wichtig. „Bei den Kohlekraftwerken ist es so, dass Deutschland quasi die komplette Steinkohle importiert“, erklärt Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE. Diese müsse von den Seehäfen zu den Kraftwerken transportiert werden. Dabei habe es in der Vergangenheit immer wieder Einschränkungen gegeben. „Die niedrigen Pegelstände bedingen natürlich auch eine geringere Stromerzeugung aus Laufwasserkaftwerken“, fügt Gandhi hinzu. Österreich etwa habe deshalb aktuell deutliche Rückgänge in der Stromerzeugung.

Werden wir 2050 also Strom sparen müssen, weil das Wasser an unterschiedlichen Stellen fehlt? „Tatsächlich könnte man denken, dass sich die Lage infolge des Klimawandels verschärfen wird“, erklärt Leonhard Gandhi. Er erwarte allerdings eher das Gegenteil. Weil in ganz Europa erneuerbare Energien ausgebaut werden, wird unser Energiesystem vermutlich eher resilienter gegen Dürre und Hitze. „Gerade die Photovoltaik in Kombination mit Batteriespeichern kann während sommerlicher Hitzewellen besonders viel Energie liefern“, erklärt Gandhi. Aus seiner Sicht seien diese Bedingungen für die Erneuerbaren eine Chance.

Auch, dass europäische Nachbarländer wie Polen und Frankreich weiter in Atomkraftwerke investieren wollen, die bei Hitze teilweise abgeschaltet werden müssen, sei aus seiner Sicht keine Bedrohung, sagt Leonhard Gandhi. „Es gibt da sehr viele Planungen und Ankündigungen – aber was tatsächlich gebaut wird, sind erneuerbare Energien.“ Auch in Polen und Frankreich gebe es einen kräftigen Zubau von Photovoltaik.

Wie die Anpassung an Niedrigwasser aussehen soll, ist kontrovers 

Während die Probleme im Energiesystem sich also möglicherweise von selbst erledigen werden, ist die Suche nach Lösungen für die Industrie schon deutlich komplexer. Ökonom Oliver Holtemöller gibt sich optimistisch: „Das ist einer der Vorteile einer Marktwirtschaft. Die privaten Akteure passen sich an veränderte Rahmenbedingungen an.“ Wie genau diese Anpassung aussehen wird, könnte künftig allerdings für erhebliche Konflikte sorgen. Das zeigt die Kontroverse um das Ausbaggern des Rheingrabens schon jetzt. Kurzfristig gebe es hier einen Zielkonflikt zwischen den wirtschaftlichen und den ökologischen Zielen, sagt Geraldine Dany-Knedlik.

Für das, was auf Deutschland und seine Flüsse in den kommenden Jahrzehnten zukommt, sei die künstliche Vertiefung des Flusses keine Lösung, findet Christian Wolter, Ökologe am Leibniz-Institut für Gewässer-Ökologie und Binnenfischerei in Berlin. „Hier ist tatsächlich eine strategische Neuausrichtung gefragt. Wir müssen unseren generellen Umgang mit den Flüssen überdenken.“ Wolter schlägt vor, die Flüsse grundlegend zu „revitalisieren“, also wieder in einen möglichst naturnahen Zustand zurückzuführen. Das Flussbett würde dann eher breiter als tiefer. „Das wäre ein natürlicher Hochwasserschutz und zugleich eine sehr gute Trockenheitsvorsorge.“ Befahrbar wären die Flüsse dann weiterhin – allerdings mit erheblich kleineren Schiffen, was ein wirtschaftlicher Nachteil wäre.

Bei der Revitalisierung der Murg wurden Uferabsenkungen und Verbauungen entfernt. Rechte: IMAGO / Ex-Press 

Revitalisierung und Hochwasserschutz nicht als Luxus verstehen 

Ökonomin Geraldine Dany-Knedlik vom DIW Berlin bringt ein, man müsse gerade im Falle des Rheins abwägen. Es gelte, zu prüfen, ob die Revitalisierung an dieser Stelle wirklich nötig sei. Möglicherweise könne man auch an anderer Stelle ökologische Maßnahmen finanzieren. 

Wolter befürchtet, dass sich in der Debatte um Niedrigwasser eher die Unternehmen durchsetzen könnten, die mit dem Transport auf dem Fluss Geld verdienen. Er wirkt frustriert: „Da wird jetzt wieder mit der Wirtschaft zusammengesessen und diskutiert. Und Umweltverbände, die vor der Situation bereits lange gewarnt haben, spielen erstmal wieder keine Rolle.“ Als Wissenschaftler ärgere er sich richtiggehend über die Diskussion. „Die Revitalisierung von Fließgewässern, natürlicher Hochwasserschutz, das ist kein Luxus, sondern es ist eigentlich existenziell für uns.“

Schließlich haben unsere Flüsse noch eine weitere Relevanz, die möglicherweise wichtiger ist als das Bruttoinlandsprodukt: Sie speisen das Grundwasser – unsere wichtigste Trinkwasserquelle. Besonders gut gelingt das, wenn der Fluss naturnah ist. Auch wenn wir im Jahr 2050 bei Niedrigwasser vermutlich keinen Strom sparen müssen: Das Wasser selbst wird eher eine knappe Ressource werden. In einer Dürrephase, wie wir sie diesen Sommer erlebt haben, werden wahrscheinlich alle Bürger sowie Industrie und Landwirtschaft zum Wassersparen aufgerufen werden.

Hintergrundinformationen zur Vertiefung der Fahrrinne im Rhein gibt's hier bei MDR WISSEN. 

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👋 Zum Schluss

Um nochmal auf den Anfang zurückzukommen. Mich fragen manchmal Freunde, ob wir denn gerade als Klimajournalisten einen sehr arbeitsreichen Sommer haben. Schließlich erleben wir gerade viele Wetterphänomene, die direkt oder indirekt durch den Klimawandel verstärkt werden. Aber mehr Nachfrage nach Klimaaufklärung gibt es deshalb eigentlich nicht. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass selbst angesichts dieses unangenehm heißen Sommers kaum danach gefragt wird, wie wir uns auf das Fortschreiten des Klimawandels vorbereiten werden.

Aber wie nehmen Sie das wahr? Wurde diesen Sommer ausreichend über den Klimawandel geredet, oder haben Sie den Eindruck, das Wort ist unpopulär geworden? 

Herzliche Grüße
Inka Zimmermann 

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