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#256
vom 7. August 2026

Wartet die Eiche
auf meine Eimer?

von Florian Zinner
Guten Tag.

So, ich habe an beiden Enden des Landes nachgeschaut: Während der sonst notorisch trockene tiefe Osten dieses Jahr mit einem blauen Auge davonzukommen scheint, hat es den üblicherweise von Atlantik-Feuchte gesegneten tiefen Westen ganz besonders erwischt. Vater Rhein ist nicht nur zu Väterchen Rinnsal verkommen, auch manche Städte sehen derzeit so aus, als hätte man sie in der Trockensavanne errichtet.

Wo fängt man da an? Der Anstand verlangt es eigentlich, mit dem Wassereimer in Richtung Noch-Baumbestand loszumarschieren. Meine Oberarme verlangen hingegen seit Jahren, es besser sein zu lassen. Ob der Tropfen auf die heiße Baumscheibe nun hilfreich ist oder nicht, besprechen wir diese Woche – vor allem aber: Was dem städtischen Ökosystem fehlt und hilft, wenn die Zahl der Hitzewellen nicht mehr an einer Hand abgezählt werden kann. 

MOMENT DER WOCHE

Der Rhein, hier dieser Tage im niederländischen Tolkamer an der Grenze zu Deutschland, ist durch die anhaltende Trockenheit vielerorts so niedrig wie noch nie seit Beginn der Pegelaufzeichnungen. Rechte: picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire|Norbert Voskens

Schlappe Pflanzen, schlappe Tiere, schlapper Mensch: Was braucht die Stadt im Hitzesommer?

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So, Preisfrage: Was ist das Kochtopfphänomen? Eine Ahnung davon könnte bekommen, wer sich in diesen Sommertagen durchs Gerümpel auf dem Speicher wühlt, vielleicht auf der Suche nach einem Heft aus dem Biologieunterricht von 1984. Sofern man die staubige Hitze da oben überhaupt durchsteht, wird man schnell feststellen, dass das alte Schulheft beim Kochtopfphänomen auch nicht weiterhelfen kann. Denn in den Achtzigern wurden noch weniger Vögel gekocht.

„Mauersegler, Schwalben, auch Haussperlinge, die nisten bevorzugt unter Dächern, in Fassadenspalten oder auch unter unseren Rollläden. Bei extremer Hitze heizen sich diese Räume bis über fünfzig bis sechzig Grad auf“, erklärt Dagmar Haase, Professorin, Stadt- und Landschaftsökologin an der Humboldt-Uni in Berlin und Gastwissenschaftlerin am UFZ in Leipzig. Der Rest ist schnell erzählt: Da die Jungtiere dieser spät brütenden Arten den hohen Temperaturen im zum Kochtopf gewordenen Dachboden nicht gewachsen sind, springen sie panisch und teilweise flugunfähig aus dem Tiegel, was ebenfalls tödlich enden kann.
Prof. Dr. Dagmar Haase Rechte: A. Haase
Während die einen in Panik geraten, verändern die anderen ihr Aussehen: „Wechselwarme Tiere wie Spinnen, aber eben auch Fluginsekten, wachsen schneller durch die Hitze, bleiben aber dann insgesamt kleiner.“ Dass das nicht gut sein kann, zeigt sich in der geringeren Flugreichweite und insgesamt in der Zahl der gelegten Eier. Letztendlich können invasive und an Wärme angepasste Arten so die Oberhand gewinnen, was wiederum unsere Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringt.

Die Mediterranisierung lässt grüßen

Wenn, zumindest für den menschlichen Teil der Tierwelt, der andauernden Hitze überhaupt etwas abzugewinnen ist, dann sind es wohl die warmen, aber nicht ganz so heißen Sommerabende, die zu Frohsinn und Tollerei einladen. Also die sogenannte Mediterranisierung Mitteleuropas, die man auch als Klimaanpassungsmaßnahme verstehen könnte. Der Witz ist: Auch Vögel und Amphibien mediterranisieren sich und verlegen ihre Aktivitäten in den Tagesrand. „Diese beiden abendlichen Lebensweisen kollidieren dann“, erklärt Haase, weil der Geräuschpegel der Stadt abends nach wie vor hoch sei. „Das heißt: Die Tiere müssen lauter oder auf anderen Frequenzen singen, um zum Beispiel Brutpartner zu finden.“ Und das bedeute Stress und auch geringeren Bruterfolg.
Japanische Wollmispel im westdeutschen Trockenstress (Juli 2026) – die Pflanze ist eigentlich tolerant gegenüber moderater Trockenheit. Rechte: MDR/Zinner
Letztendlich profitieren die, die aufgrund ihrer Beschaffenheit besser mit hohen Temperaturen und Trockenheit klarkommen, so Haase. Zum Beispiel Schnecken mit hellem Gehäuse gegenüber dunklen, einfach weil sie das Sonnenlicht etwas besser reflektieren können. „Stück für Stück würde das eine gewisse biologische Monotonie erzeugen. Das heißt also, die Tierwelt der Städte weltweit würde sich immer mehr angleichen.“

Linden: Nicht aus so hartem Holz geschnitzt

Fest steht: Tiere lassen sich nicht gezielt anpflanzen. Anders als Bäume, denen in der Stadtökologie eine schwerwiegende Rolle zuteil wird: Zusammen mit offenen Böden sind sie eigentlich imstande, die Hitze in der Agglomeration durch Schatten und Verdunstungskälte erträglicher zu machen. Dazu müssen sie aber selbst gut funktionieren. An der Spitze der beliebtesten Stadtbäume Mitteleuropas stehen Spitzahorn und Winterlinde, deren Trockenheitsresistenz nur mittelmäßig ist. Der schon von Goethe besungene Ginkgo, der als Straßenbaum hierzulande unter ferner liefen rangiert, performt da deutlich besser.
ie beliebtesten Stadtbäume Mitteleuropas” zeigt fünf Arten mit Anteil und Toleranz gegenüber Beschattung, Trockenheit und Staunässe: Spitzahorn (Europa, Kleinasien, Nordpersien, 11 Prozent) mit guter Beschattungstoleranz, mäßiger Trockenheitstoleranz und schlechter Staunässetoleranz; Winterlinde (Europa, 9 Prozent) mit guter Beschattungstoleranz, mäßiger Trockenheitstoleranz und schlechter Staunässetoleranz; Eiche (Europa, Kleinasien, 8 Prozent) mit guter Trockenheitstoleranz, mäßiger Beschattungstoleranz und schlechter Staunässetoleranz; Hainbuche (Europa, Balkan, Nordpersien, 5 Prozent) mit guter Beschattungstoleranz, mäßiger Trockenheitstoleranz und schlechter Staunässetoleranz; Platane (englische Kreuzung, 5 Prozent) mit guter Beschattungs- und Trockenheitstoleranz sowie mäßiger Staunässetoleranz. Quelle: Leitfaden Stadtbäume im Klimawandel, 2024
Exotische, resistente Arten sind aber nicht automatisch ein Allheilmittel, findet die Geoökologin Sonja Knapp am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle: „Das sind Bäume, die wachsen durchaus gut in unseren Städten, aber die meisten Tierarten können mit denen nichts anfangen. Die kennen die schlichtweg nicht.“ Zudem wäre es fatal, nur auf eine Art zu setzen, weil Bestände durch Krankheiten oder Pilze ausfallen können, wie etwa das Ulmensterben zeige. „Folglich müssen wir das Risiko streuen. Je mehr verschiedene Baumarten wir in einer Stadt haben, desto geringer ist das Risiko.“

Vielfalt und Verteilung müssen stimmen

In einer aktuellen Studie haben Forschende am Dresdner Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung das Bauminventar* von zwanzig deutschen Städten unter die Lupe genommen. Hier stechen zum Beispiel Berlin und Dresden mit einer großen Vielfalt hervor, über 700 verschiedene Baumarten gibt es dort. Deutlich weniger vielfältig sieht es im westfälischen Münster aus, dafür ist der Bestand dort viel gleichmäßiger auf die vorhandenen Arten verteilt, also mit weniger dominanten Arten. Erstrebenswert wären Bestwerte in beiden Bereichen, bestätigt das Forschungsteam gegenüber dem ARD Klima-Update.
Dr. Sonja Knapp Rechte: UFZ/Sebastian Wiedling
Was überall gilt: Stadtbäume haben es tendenziell schwerer als ihre Genossen auf dem Land. „Da sind Rohre im Boden, das sind Leitungen im Boden. Sprich, der Wurzelraum per se ist schon mal eingeengt, dann ist oben drüber viel versiegelt“, erklärt Sonja Knapp. Bei Niederschlag gehe ein guter Teil an die Kanalisation, statt im Boden zu versickern. „Dazu kommt dann noch, dass der Boden besonders im Straßenbereich sehr stark verdichtet ist, weil da viele Menschen drüberlaufen, weil Fahrzeuge drüberfahren.“

Trotz vielerorts steinharter Baumscheiben ist es naheliegend, da mal einen Eimer Wasser draufzukippen. Sonja Knapp gibt zu bedenken, dass auch ein junger Baum fünfzig bis hundert Liter Wasser pro Woche braucht. Das sind dann gern zehn Eimer Wasser pro Baum, idealerweise in einem Rutsch, damit nicht gleich alles verdunstet – und idealerweise mit einer Hacke im Gepäck, um den Boden aufzulockern. Sonja Knapp macht klar, dass dieses Engagement kein Allheilmittel ist: „Will man die hundert Liter aus der Wohnung runtertragen? Also ich denke, wir müssen letztlich an anderen Stellschrauben ansetzen.“ Das Prinzip der Schwammstadt etwa setzt auf weniger Versiegelung, speichert wertvolles Regenwasser, schützt vor Überschwemmung und kann Stadtbäumen, aber auch gegen Hitze helfen.
Wir sprechen mittlerweile auch von Klimagentrifizierung
Prof. Dr. Dagmar Haase

Sollten Vögel zu Wohlhabenden ziehen?

Was nicht bedeutet, dass sich einzelne Linden nicht über Soforthilfe per Wassereimer freuen. Genau so wie es unsere gefiederten Freunde über die Gartentränke tun. Wer eine aufstellt, sollte aber auf ständige Hygiene achten, betont Dagmar Haase von der Humboldt-Uni, denn die Tiere nutzen das Wasser auch zum Baden: Ein Gefieder ohne Staub isoliert besser die Hitze. Grundsätzlich denkt aber auch Haase groß, von Trockenbiotopen bis hin zu festen stadtweiten Trinkstellen für Vögel. Aber auch die Architektur spiele eine Rolle: Ältere Häuser böten oft kühlere Nischen, moderne, glatte Fassaden nicht. Haase sieht hier Handlungsbedarf.

Und zwar in zweierlei Hinsicht. „Wir sprechen mittlerweile auch von Klimagentrifizierung“, sagt sie, „Zum Beispiel, wenn wir auf die Schwammstadt schauen, sind es häufig noch Prestigeprojekte, solche neuen Stadtviertel.“ Haase nennt das Megaprojekt Seestadt Aspern bei Wien. In neuen klimafreundlichen und klimaangepassten Stadtvierteln würden vor allem Menschen leben, die sich das leisten können, nicht aber von Hitze besonders betroffene ärmere und ältere Menschen. „Das bedeutet, dass eine Priorisierung von hitzeabschwächenden Maßnahmen für die Gesundheit von Menschen und Tieren vor allen Dingen in den Bereichen erfolgen muss, wo die meisten Vulnerablen leben“, fordert Haase. Denn das Kochtopfphänomen betrifft eben doch nicht nur die Mauersegler.
*Die sogenannten Baumkataster der Städte sind – wo überhaupt vorhanden – sehr unterschiedlich gepflegt. Der vorsichtige Versuch einer Übersicht ist der BaumCloudViewer.
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👋 Zum Schluss

Wenn Sie es wirklich ernst meinen und es für Sie absolut im Rahmen ist, zehn bis zwanzig Wassereimer die Stiegen herunterzuschleppen, dann sollten Sie Ihr Engagement perfekt machen und eine Gießpatenschaft eingehen. Frankfurt, Wittenberg, Gelsenkirchen – viele Städte suchen nach Gießpatinnen und -paten. Die Organisation Baumretter hat Infos zum Gießen und für eine Patenschaft zusammengetragen.

Natürlich müssen Sie sich nicht schlecht fühlen, wenn Sie bei dreißig bis vierzig Grad keine Lust und Laune verspüren, Wassereimer zu schleppen. Sie können zum Beispiel darauf hoffen, dass es die Hainbuche vor Ihrer Türe auch ohne Ihr Zutun schafft. Oder für den Stadtrat kandidieren und sich im Falle einer Wahl dafür einsetzen, dass nachhaltige Stadtviertel keine Prestigeprojekte für Besserverdienende bleiben.

Passen Sie auf sich und die Welt auf, herzlich
Florian Zinner

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