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#255
vom 31. Juli 2026

Wie die Molkereibranche klimaneutral werden will

von Inka Zimmermann

Liebe Lesende, 

„Ich hätte gerne einen Cappuccino mit KUHmilch“. Es so überdeutlich auszusprechen, ist mir fast ein wenig unangenehm. Denn in den hippen Cafés der Leipziger Südvorstadt bestellt man standardmäßig Hafermilch. Kuhmilch ist irgendwie uncool geworden. Nicht nur im Café, sondern auch in meinem Freundeskreis. Für mich ist sie oft die einzige Option, weil ich kein Getreide vertrage. Dennoch fühle ich mich beim Bestellen schlecht. Immerhin habe ich selbst oft genug darüber berichtet, wie schädlich tierische Produkte fürs Klima sind.

Milchprodukte gelten als umwelt- und klimaschädlich. Trotzdem versprechen Molkereien wie Arla Foods, in den kommenden Jahrzehnten klimaneutral zu werden. Wie soll das funktionieren, fragen Sie sich? Oder ist das alles nur Greenwashing? Wie die Molkereibranche ihre Klimabilanz verbessern will und ob wir im Jahr 2050 ganz ohne schlechtes Gewissen Kuhmilch bestellen werden, erfahren Sie diese Woche.

MOMENT DER WOCHE

Roter Himmel bei Lacanau in Frankreich. Diesmal ist es nicht die untergehende Sonne, sondern ein Waldbrand. Der Klimawandel legt keine Brände, trägt aber zu den Vorbedingungen bei, unter denen Waldbrände entstehen. Rechte: imago/Abacapress

Gute Milch, böse Milch? 

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Markus Hübers ist Landwirt am Niederrhein. Er sagt, er möchte auf seinem Hof nachhaltig wirtschaften, für die Kinder eine gute Zukunft schaffen. Darüber hinaus ist Hübers aber auch im Board of Directors bei Arla Foods. Die dänisch-schwedische Genossenschaft ist die siebtgrößte Molkerei der Welt – und möchte nach eigener Aussage bis 2050 klimaneutral werden. Nach Berechnungen der NGO Germanwatch haben Milch und Fleisch 2022 mehr Emissionen verursacht, als der gesamte Autoverkehr. Dennoch sagt Hübers, er nehme das Thema Nachhaltigkeit ernst: „Für uns ist das kein Greenwashing.“  

Dass ausgerechnet die als CO₂-intensiv bekannte Molkereibranche klimafreundlicher werden will, erscheint zunächst paradox. Tatsächlich hat Hübers aber durchaus einen Punkt: Die Produktion von Milchprodukten ist mit enormen Emissionen verbunden – aber sie können verringert werden, im günstigsten Fall sogar halbiert: „Die besten Betriebe schaffen einen CO₂-Fußabdruck von 0,8 kg CO₂-Äquivalenten pro Liter Milch, die schlechtesten sind bei 1,6 kg CO₂e“, erklärt Anette Freibauer von der Bayrischen Landesanstalt für Landwirtschaft LfL. Methan und andere klimawirksame Gase sind hier bereits eingerechnet. Zum Vergleich: Ein Liter Hafermilch liegt laut ifeu-Institut bei 0,3 kg CO₂e.  

Rund siebzig Prozent der mit der Milch verbundenen Emissionen entstehen auf dem landwirtschaftlichen Betrieb – sie sind also eng mit der Haltung von Kühen verbunden.   

Gülle, Jauche und Mist setzen Lachgas und Methan frei. Je nachdem, wie die Gülle gelagert wird, entsteht mehr oder weniger Methan. Das lässt sich deutlich reduzieren, wenn dieser Dünger kühl und sauerstoffarm gelagert und bodennah auf dem Acker ausgebracht wird. Wenn die Gülle in einer Biogasanlage vergärt wird, kann sie sogar erneuerbare Energie erzeugen.

„Milch ist energieaufwendig in der Kühlung. Wenn man da erneuerbare Energien verwendet oder eine eigene Photovoltaikanlage hat, nützt das der Klimabilanz“, erklärt Freibauer. Dazu könne man die Bilanz der Milch verbessern, wenn die Milchkühe ein langes, produktives Leben haben. Denn bis eine junge Kuh erstmals Milch geben kann, dauert es grob zwei Jahre, in denen das Tier und seine Haltung CO₂ verursachen. Diese Aufzuchtemissionen zu verringern, sei ein enormer Hebel, findet die Expertin.

20 Prozent weniger Methan wären heute schon möglich 

Außerdem mache es einen großen Unterschied, wie die Tiere gefüttert werden. Weidehaltung sei in der Regel die beste Option fürs Klima, „weil man sich die Ernte, das Haltbarmachen und den Transport des Futters spart“. Der Dünger kommt direkt auf die Weide zurück. „Einen so effizienten Kreislauf kann man eigentlich nur auf der Weide erreichen“, findet Anette Freibauer. Dazu kommt, dass Weideflächen ein wertvolles Ökosystem sind und als besonders effiziente Kohlenstoffspeicher gelten.

Zusätzlich besteht die Möglichkeit, die Methan-Emissionen der Kuh selbst zu verringern. Es gibt mittlerweile eine Reihe an Futterzusätzen, die die Methanbildung im Pansen senken. Mittel wie „Bovaer“ können die Methan-Emissionen einer Kuh um 20 bis 30 Prozent reduzieren. „Das hat durchaus einen erheblichen Einfluss auf die Gesamtemissionen“, sagt Freibauer. In Dänemark ist der Zusatz bereits Pflicht, in den Niederlanden gibt es ähnliche Überlegungen. In Deutschland werden Zusätze wie Bovaer bisher kaum eingesetzt.

Molkereien wie Arla zögern hierzulande, weil sie um die Akzeptanz der deutschen Kundschaft fürchten. „Das kann fürs Klima super sein, aber das nützt mir nichts, wenn der Verbraucher sagt: Nee, das ist jetzt irgendwas Schlimmes und deswegen kaufe ich die Milch nicht mehr“, erklärt Markus Hübers von Arla Foods. Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA stuft Bovaer als unbedenklich ein – für Menschen und für Kühe. Dennoch ist der Zusatz immer wieder Gegenstand von Fake News, gespeist durch eine erhitzte Debatte in den sozialen Medien.

Moorflächen killen die Klimabilanz 

Für Hübers ist trotzdem klar: „Wenn wir 2050 klimaneutral werden wollen, müssen wir auch wissenschaftliche Erkenntnisse und neue Technologien nutzen, um dieses Ziel zu erreichen.“ Mit diesen ambitionierten Klimazielen wirbt Arla Foods offensiv. Erreicht sind sie noch lange nicht. Seit 2020 habe man die Emissionen pro Kilogramm Milch um acht Prozent gesenkt, sagt Hübers. Harald Grethe vom Thinktank Agora Agrar sagt, noch schöpfe die Molkereibranche nicht alle Möglichkeiten aus, klimafreundlicher zu werden: „Das ist in der Tat sehr punktuell.“ Dennoch nehme er wahr, dass die Branche sich verändere.

Ein Problem ist dabei noch gänzlich ungelöst: 20 Prozent der deutschen Milch kommen von Tieren, die auf trockengelegten Mooren gehalten werden. Diese Flächen geben auch Jahrzehnte nach der Trockenlegung immer weiter CO₂ ab. Sie müssten eigentlich wiedervernässt werden, wären dann aber kaum noch für die Weidehaltung nutzbar. „Dieser Teil des Fußabdruckes fehlt bisher in den meisten Bilanzen. Mit der Milch aus dem Moor sind wir irgendwo bei drei bis fünf kg CO₂e pro Liter – also gigantisch drüber“, betont Anette Freibauer.

Dennoch dürfe man den Landwirten nun nicht den Buhmann zuschieben, findet Harald Grethe: „Wir können nicht erwarten, dass Produzenten, die sich selbst in einer angespannten Einkommenssituation befinden, einfach so alles Mögliche unternehmen, um Emissionen zu reduzieren.“ Man müsse auch finanzielle Anreize schaffen und die Landwirte unterstützen.

Wir können nicht erwarten, dass Landwirte einfach so alles Mögliche unternehmen.
Harald Grethe, Agora Agrar

Proteinshakes lassen die Nachfrage explodieren 

Mit den richtigen Maßnahmen könnte sich die Branche bis 2050 enorm verbessern. Allerdings: Ein klimafreundliches Produkt wird Milch dennoch nicht werden. Harald Grethe sagt, im Durchschnitt sollten wir eher weniger Milchprodukte essen. „Wir haben ein Zukunftsszenario für eine nachhaltige Landwirtschaft im Jahr 2045 entwickelt, da gehen wir von einer Verringerung des Milchprodukt-Konsums von durchschnittlich 43 Prozent aus.“

Landwirt Markus Hübers von Arla Foods betont: Am Ende entscheide der Verbraucher. Aktuell sei die Nachfrage nach Molkeprodukten in Form von Proteinshakes geradezu explodiert. „Seit Jahren wird propagiert, Tierhaltung und tierische Eiweiße sind schlecht – aber wir sehen eine deutliche Steigerung der Nachfrage.“

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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Wer darf das immer knapper werdende Wasser im Sommer nutzen? Erste Konflikte zeichnen sich jetzt schon ab, dabei kann es noch schlimmer werden. 

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  • 26.8. — Gutes.Klima.Machen. Preisverleihung für Klimaschutz-Projekte in MV (Parchim)
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News

Klimawandel verstärkt Waldbrandgefahr 
Immer wieder heißt es: Waldbrände und Klimawandel, das hängt stark miteinander zusammen – das zeigt auch Forschung aus Leipzig.👉 MDR WISSEN
Erdüberlastungstag erreicht 
Der Erdüberlastungstag markiert symbolisch den Tag im Jahr, an dem die Menschheit mehr natürliche Ressourcen verbraucht hat, als die Erde nachproduzieren kann. In diesem Jahr fällt er auf den 30. Juli.👉 tagesschau.de
Überhitzte Seen drohen zu kippen 
Bei den aktuellen Hitzewellen suchen viele Menschen auch in Badeseen Abkühlung. Doch die gibt es immer seltener. Extrem heiße Tage, eine Folge der fortschreitenden Erderwärmung, belasten die Ökosysteme deutscher Seen erheblich. Immer wieder werden Temperaturrekorde vermeldet, beispielsweise über 30 Grad im Müggelsee bei Berlin.  👉 Deutschlandfunk 

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Was kommt nach dem Waldbrand?

Ein verbrannter Wald wirkt nur auf den ersten Blick tot. Manche Pilze oder Insekten haben es sogar auf verbranntes Holz abgesehen, um sich fortpflanzen zu können. Darum geht es auch in der ARD-Wissen-Doku "Nach der Asche – Was kommt nach dem Waldbrand"👉 ARD Mediathek 

Streit um unser Trinkwasser

130 Liter – so viel Trinkwasser verbrauchen wir im Durchschnitt täglich. Dass es nicht mehr für alle reichen wird, können wir uns in Deutschland kaum vorstellen. Doch der Streit um die wertvolle Ressource Wasser hat längst begonnen.  👉 ARD SOUNDS

Spaziergang im Wald

Der Klang heimischer Wälder stärkt unser Wohlbefinden. Doch der Ort, der uns entlastet, ist zunehmend selbst belastet durch den Klimawandel. Und das ist hörbar.👉 MDR WISSEN

👋 Zum Schluss

Meine Kollegin Katja Evers hat vergangene Woche über ihren Klima-Alltag mit Kindern berichtet. Dazu haben uns viele Mails erreicht, in denen viele von Ihnen über Ihren eigenen Familienalltag berichtet haben. Das hat uns wirklich glücklich gemacht. ❤️

Ein Leser schreibt: „Wir haben 4 Kinder mit Stoffwindeln trockengelegt, Brei selbst gekocht, viele Fahrten mit Fahrradanhänger erledigt. McDonalds, Strandurlaub und Elterntaxi sind bei uns nicht tabu, aber auch nicht die Regel. Unsere Kinder sind dafür nicht übermäßig dankbar, aber wir sind bemüht, ihnen einen möglichst differenzierten Horizont zu geben. Das wird ihnen mehr im Leben helfen, als kurzfristige Wunscherfüllungen.“

Eine andere Leserin: „Das Thema Stoffwindeln hat uns aber von Anfang an ziemlich begeistert und wir haben es auch bis Nr. 4 durchgezogen und sind erst bei Nr. 5 eingeknickt!“ Ein weiterer Leser: „So wird man sicher auch viel Arbeit mit Stoffwindeln leisten, kann sich daran abarbeiten und erschöpfen. Da finde ich euren halb halb Ansatz gut, da könnt ihr ganz entspannt immer das tun, was gerade den meisten Sinn macht.“ 

Wir haben alle Ihre Zuschriften mit großer Freude gelesen. Und obwohl wir im Team nicht alle Windeln gewechselt haben, fühlen wir uns gewissermaßen als Eltern eines Fünfjährigen. So alt ist unser Klima-Update nämlich geworden!🎈Ohne Sie, unsere Leserinnen und Leser, wäre das nie passiert. Deshalb an dieser Stelle ein ganz herzliches DANKE! Ihre Treue und Ihre Mails bedeuten uns die Welt. 
 
Liebe Grüße 
Inka Zimmermann und das ARD Klima-Update Team
 
 

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Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt der ARD‑Klimaredaktion unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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