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#254
vom 24. Juli 2026

Klima im und mit Kleinen: Nachhaltig im Familienalltag 

von Katja Evers

Hallo zusammen,

waren Sie bereits in den Ferien oder haben es noch vor? Ich für meinen Teil habe meinen Sommerurlaub schon hinter mir. Meine Abwesenheitsmail hätte sich dabei in etwa so lesen können: "Ich bin bis zum 13.07. im Urlaub. Mit eigenen Kindern. Ich bin deshalb von 05:45 bis 22:00 Uhr beschäftigt. Jeden. Einzelnen. Tag."

Während andere im Urlaub abschalten, nehme ich als Klimajournalistin meinen Job gedanklich mit – zum Beispiel, wenn ich die fünfte Windel des Tages wegwerfe oder mein großer Sohn eine halbe Ewigkeit das Wasser laufen lässt, nur um anschließend mit genauso schmutzigen Händen wieder aus dem Bad zu kommen.

Und so stand ich dieses Mal im Deutschlandurlaub vor der großen Windelauswahl im DM und diskutierte mit meinem schlechten Gewissen über Stoffwindeln. Dabei sind Stoffwindeln nur ein Beispiel für eine viel größere Frage: Was macht im Familienalltag fürs Klima wirklich einen Unterschied – und worüber zerbrechen wir uns vielleicht unnötig den Kopf?

MOMENT DER WOCHE

Was bei uns eher untergeht: Der Süden Chinas wird gerade von schweren Überschwemmungen heimgesucht – hier die Stadt Nanning. Die Fluten kamen vielerorts so plötzlich, dass Menschen sich auf Dächer retten mussten. Rechte: BBC/Reuters

Das Stoffwindel-Dilemma: Wenn Nachhaltigkeit Zeit kostet

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Dass ich vor ein paar Wochen bei den Stoffwindeln stehe, kommt nicht von ungefähr: 5000 Windeln verbraucht ein Kind in der gesamten Wickelphase, heißt es vom Bundesumweltministerium, und produziert damit etwa 1 Tonne Müll. Das einzusparen, klingt gut. In der Praxis denke ich aber an zusätzliche Wäsche, Organisationsaufwand, wenn wir unterwegs sind, und die Frage: Was passiert eigentlich bei Durchfall?

Henning Wilts vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie kennt dieses Dilemma. Auch seine Familie habe Stoffwindeln ausprobiert und sei später wieder auf Einweg umgestiegen. Stoffwindeln zeigen dabei sehr gut, dass nicht unbedingt entscheidend ist, wie nachhaltig ein Produkt tatsächlich ist. Den Menschen einfach zu sagen "Verhaltet euch nachhaltiger" greife zu kurz, meint der Forscher. Viel wichtiger sei die Frage, was Menschen motiviert – oder in meinem Fall eben abschreckt.

Bei Eltern kleiner Kinder scheitert Nachhaltigkeit oft nicht am Wissen, sondern an der Zeit. Die großen Hebel liegen laut Wilts dabei nicht am Wickeltisch, sondern auf dem Arbeitsweg, am Esstisch und bei der Frage, wie wir wohnen.
In den Bereichen Ernährung, Mobilität und Wohnen verbrauchen wir privat bereits mehr als 70 Prozent der Rohstoffe. 

Wenn der Fahrradweg wichtiger wird als die Einstellung

Nehmen wir die Fragen der Mobilität: Mein Mann bringt unseren Großen acht Kilometer mit dem Fahrrad in den Kindergarten, ich laufe mit unserem Jüngsten knapp einen in einen anderen. Zur Wahrheit gehört allerdings: Wir tun das nicht in erster Linie fürs Klima, sondern weil die Bewegung für uns ein Stück Sport ersetzt, für den mit zwei kleinen Kindern oft die Zeit fehlt.

Dass wir damit privilegiert sind, ist mir nur allzu bewusst: Dank kurzer Wege erreichen wir beide Kindergärten in etwa 15 Minuten. Für Familien, die große Strecken zwischen Kindergarten, Arbeits- und Wohnort zurücklegen müssen, ist das Auto oft die einzige Option.
 
Auch Henning Wilts sieht in seiner Forschung immer wieder, dass es gerade in diesem Bereich nicht an Motivation mangelt, sondern an Infrastruktur. Hier sei die Politik gefragt, die Hürde so niedrig wie möglich zu gestalten. Nachhaltigkeit gelinge oft dort am besten, wo sie den Alltag einfacher macht statt komplizierter. Beim Thema Essen ist sie bei uns aber ein positiver Nebeneffekt des Zeitdrucks.

Wenn schnelles Essen auch klimafreundlich sein kann

Ich beginne meinen Arbeitstag meist so, wie er endet: später als geplant. Entsprechend gehetzt renne ich zum Kindergarten, nur um dann zu Hause festzustellen, dass möglichst JETZT SOFORT (!!!) etwas Essbares auf dem Tisch stehen sollte. Das Ergebnis sind nicht selten schnelle (trotzdem selbstgemachte) Gerichte wie Pizza oder Nudeln mit Tomatensoße.

Aus Klimasicht ist das allerdings oft gar nicht die schlechteste Lösung. Denn Fleisch, insbesondere Rindfleisch, gehört – für Sie vielleicht wenig überraschend – laut Henning Wilts zu den ressourcenintensivsten Lebensmitteln überhaupt. Wenn ich nicht schon am Vorabend an das Fleisch denke, gibt es bei uns schlicht keines.

Henning Wilts betont dabei aber auch, dass es nicht darum geht, aufs Fleisch komplett zu verzichten. Etwas, was mit Kindern auch die sicherere Variante ist, meint Berthold Koletzko, Professor für Kinder- und Jugendmedizin an der Universität München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. Denn die haben in den ersten Lebensjahren einen hohen Bedarf an einigen Nährstoffen, die über Fisch und Fleisch gut abgedeckt werden können. Vegetarische Ernährung sei möglich, müsse aber gut geplant und am besten ärztlich begleitet werden.
Der Teller meines Einjährigen. Die orange Flüssigkeit ist dabei keineswegs Soße, sondern Saft. Auch Essensverschwendung ist bei uns ein Thema. 
Abseits dessen, WAS wir essen, merke ich bei meinen Kindern aber auch, dass das WIE entscheidend ist. Beide Kinder beziehe ich beim Einkaufen und Kochen mit ein. Mein Großer will inzwischen wissen, wo Gewürze herkommen, wie Bananen wachsen oder welches Tier geschlachtet wurde. Und bei meinem Kleinen? Nun ja, da arbeiten wir noch eher daran, dass wir nicht nachts "Nunus" (Nudeln) kochen können, Joghurt mit Haferflocken sich nicht gut mit Tomatensoße mischt und unser Tisch keine Trommel ist.

Der ist übrigens auch wichtig, wenn es um das Thema nachhaltiges Wohnen geht.

Wenn Nachhaltigkeit nur einen Knopfdruck entfernt ist

Der besagte Tisch steht in einem gebrauchten Haus. Nicht aus Klimagründen, sondern weil uns ein Neubau mit zwei kleinen Kindern schlicht zu aufwendig erschien. Nachhaltiger war die Entscheidung trotzdem.
 
Denn Bauen gehört durch den Zement zu den ressourcenintensivsten Bereichen überhaupt, so der Forscher. Deshalb sei die Wohnfläche pro Kopf ein zentraler Hebel – auch, wenn die wenigsten Familien fürs Klima in eine Zweizimmerwohnung ziehen. Deshalb verweist Wilts auch auf alltagstauglichere Möglichkeiten: gebrauchte Möbel kaufen, Dinge reparieren oder länger nutzen.

Zugegeben: Wer schon einmal versucht hat, ein gebrauchtes Sofa in den Hänger zu hieven, dürfte Nachhaltigkeit in diesem Moment nicht unbedingt mit Bequemlichkeit verbinden. Es gibt aber auch kleine Veränderungen mit großer Wirkung – beispielsweise bei der Waschmaschine.

Die läuft bei uns ständig. Jede Klo-Panne, jeder Tomatensoßenfleck und jedes Matschabenteuer landet eher früher als später darin. Gelegentlich auch ungewollt die Schuhe meines jüngsten Sohnes. Und ich muss zugeben: Bislang war ich Verfechterin der 60-Grad-Wäsche für bestimmte Wäschestücke: Wer regelmäßig Fäkalienreste aus Kinderunterwäsche entfernt, entwickelt ein Bedürfnis nach Hygiene.
 
Andreas Podbielski von der Ständigen Arbeitsgemeinschaft „Allgemeine und Krankenhaushygiene“ sieht das aber deutlich entspannter als ich. Die meisten Keime in Kleidung und Bettwäsche stammen ohnehin von uns selbst. Innerhalb einer Familie werden sie dem Mikrobiologen und Infektionsepidemiologen zufolge permanent ausgetauscht – beim Zusammenleben, über Hände oder gemeinsam genutzte Gegenstände. Die Rolle der Waschmaschine werde deshalb oft überschätzt.
Wenn man was gegen Keime von anderen Menschen hat, dann ist die Waschmaschine sicherlich nicht das zentrale Thema.
Prof. Dr. Dr. Andreas Podbielski
Die gute Nachricht für übermüdete Eltern ist also: Oft reichen niedrigere Temperaturen aus. Nachhaltiger zu handeln, bedeutet in diesem Fall nicht mehr Arbeit, sondern einfach einen anderen Knopf an der Waschmaschine zu drücken. Wenn es nur immer so einfach wäre.
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Gegen den Wegwerftrend bei Mode: Vernichtungsverbot, Anziehend klimafreundlich: Modemesse Innatex und: Leggins aus Pilzen 

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👋 Zum Schluss

Auch wenn der Unterleib meines Sohnes ein wenig wie ein Ballon aussah – die Stoffwindel hat ihren Dienst getan und ist gar nicht mal so unpraktikabel, wie ich dachte. Für die Nacht zumindest. Für unterwegs werde ich nach wie vor auf Einwegwindeln setzen. Eine Mischvariante also.
 
An dieser Stelle würde mich interessieren, welche Erfahrungen Sie gemacht haben – mit eigenen Kindern oder Enkeln, mit Stoffwindeln oder vielleicht auch ganz anderen Nachhaltigkeitsfragen im Familienalltag (beispielsweise Bücher, die hier wie viele andere Dinge leider keinen Platz hatten). Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen.

Für mich jedenfalls ist das die wichtigste Erkenntnis: Der Alltag mit Kindern ist selten eine Frage von Schwarz oder Weiß. Entscheidend ist weniger, ob jede einzelne Entscheidung perfekt ist, sondern ob die nachhaltige Wahl leicht genug wird, dass sie auch zwischen Windelwechseln, Kinderarztterminen und Abendbrot noch funktioniert. Und damit Ihnen ein schönes Wochenende.

Liebe Grüße
Katja Evers

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