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#252
vom 10. Juli 2026

Damit die Kirsche auf der Torte bleibt

von Florian Zinner
Guten Tag.

Ich habe dieses Jahr bisher genau drei Kirschen gegessen. Bevor Sie mir jetzt unterstellen, unter diesen Umständen könnte ich unmöglich die Expertise besitzen, qualifiziert über dieses Obst zu berichten: Der Verzehr der drei Kirschen erfolgte immerhin im Rahmen der dieswöchigen Recherche.

Aber ja, drei Kirschen, das ist wohl ein Frevel am 2026er Jahrgang der zarten Sommerfrucht: Es ist ein gutes Kirschenjahr, so hört man – ein Fünftel über dem Zehnjahresschnitt, frohlockt das Statistische Bundesamt. Im Hinblick auf den Klimawandel ist das nicht selbstverständlich und wird es auch in Zukunft nicht sein, wen wundert's. Zumindest in der Züchtung zeigt sich aber: Es kommt nicht mehr nur darauf an, welcher Baum die fettesten Früchte hervorbringt. Sondern an wem überhaupt welche wachsen.

MOMENT DER WOCHE

Nach der Hitze ist vor der Hitze: Erwartete Temperaturanomalie ab dem 13. Juli in West- und Mitteleuropa nach dem europäischen Wettermodell (Stand 8.7.). Eine weniger künstlerische Darstellung gibt’s hier.  Rechte: ECMWF (CC BY 4.0)

Gut Kirschen essen, möglichst auch in Zukunft

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Dass nun Susan Schröpfer ausgerechnet in der Kirschzüchtung forscht, trifft sich hervorragend. Die betörende Steinfrucht ist nämlich ihr Lieblingsobst, von dem sie auch eine ganz genaue Vorstellung hat, wie es denn beschaffen sein muss: „Die muss groß sein. Die muss eine gute Festigkeit haben, eine gute Saftigkeit. Die Zucker-Säure-Balance muss stimmen.“ In der Züchtung ist man wohl auch immer ein bisschen Connaisseur.

„Die Kirsche ist, glaube ich, auch für viele das Schmankerl, weil es ja auch nicht so lang verfügbar ist.“ Kennt man ja vom Spargel. Susan Schröpfer, Wissenschaftlerin am Julius-Kühn-Institut (JKI) in Dresden, ist die einzige direkt von der Bundesrepublik beauftragte Kirschzüchterin Deutschlands und bahnt sich gerade einen Weg durch eine Ansammlung ganz unterschiedlicher Süßkirschbäume – gepflanzt auf Gut Gamig, gelegen auf einer Anhöhe südöstlich der sächsischen Hauptstadt.
Gute Ernte auf Gut Gamig. Rechte: MDR
Es ist Mitte Juni und hier grad Sommer für den Seelenfrieden: ein Sonne-Wolken-Mix bei verträglichen Temperaturen, das obligatorische Grillengezirpe und die Kirschen tragen auch ganz ordentlich, wenn sie nicht eh schon abgeerntet sind. Sie haben Namen wie „PiSue 812“, eine Sorte mit beachtlichen, festen Früchten. Eben solche, bei denen man im Supermarkt in der Kühlauslage ganz schlecht nein sagen kann. Früchte, die in diesen Tagen hier geerntet werden, sind aber eher fürs Labor als für den Magen bestimmt. Bei den Analysen notieren Schröpfer und ihr Team eine Vielzahl an Merkmalen – und sei es, wie leicht sich der Stiel lockert, denn die Deutschen mögen es, wenn er bis zum Verzehr dranbleibt. Über 500 Bäume von etwa hundert verschiedenen Genotypen stehen hier. Sie haben das Zeug zur Sorte, um irgendwann auch tatsächlich angebaut zu werden. Die Gesamtzahl der Süß- und Sauerkirsch-Genotypen am JKI ist mit etwa 5800 noch deutlich höher.
🍒 Wussten Sie, dass …
… die Süßkirsche eigentlich Vogelkirsche heißt, die Sauerkirsche aber Sauerkirsche? Die Vögel stecken auch im lateinischen Namen der süßen Kirschenart: Prunus avium. Von ihrer Wildvariante sind die Zuchtformen Knorpelkirsche und Herzkirsche abgeleitet. Von denen wiederum gibt es zahlreiche Sorten.

Obstbau: Eine Berg- und Talfahrt

Für die Zukunft ist allerdings nicht nur entscheidend, ob ein Baum Früchtchen hervorbringen kann, die mit knackfrischer Üppigkeit und guter Stielfestigkeit glänzen, sondern ob er es überhaupt tut oder angesichts Trockenstress, klimawandelbedingtem Schädlings- und Pilzbefall oder Spätfrösten klein beigibt (die Blüte einer Süßkirsche übersteht eine halbe Stunde lang nur eine Tiefsttemperatur von minus 1,7 Grad). Möglicherweise fehlt, wie teilweise schon jetzt im Süden, auch irgendwann der winterliche Kältereiz, den Obstbäume ebenfalls zum Blühen brauchen. Der Spätfrost-bedingte Schaden im Obstbau belief sich etwa 2024 auf hunderte Millionen Euro allein in Deutschland, mit Ausfällen bei Obst und Wein bis zu hundert Prozent. 2017 waren es europaweit über drei Milliarden Euro Schaden.
Das Arglistige an diesen Spätfrösten ist, dass sie der Klimawandel noch arglistiger macht, weil sie nach wie vor auftreten können, die Obstblüte aber schon deutlich früher einsetzt. Während auf Gut Gamig, einer Ausweichfläche der Kirschzüchtung am JKI, in diesem Jahr noch alles gut ging, hat es ausgerechnet den Hauptstandort am Julius-Kühn-Institut unten im pittoresken Elbtal ordentlich erwischt – bis hin zum Totalausfall der Ernte. Kälte fließt eben am Hang ins Tal.
Dr. Susan Schröpfer Rechte: MDR

Für die Frostforschung braucht es Spätfröste – und Personal

Manche zeigen sich aber dahingehend standhaft: „Wir haben dieses Jahr eine Sorte beobachtet, die hat tatsächlich noch relativ viele intakte Blüten gehabt und auch dieses Jahr einen Fruchtertrag“, erzählt Susan Schröpfer. Die Sorte PiSu 1489 soll nun angemeldet werden. „Die hat immer gut getragen. Und dieses Jahr können wir es auch wirklich mit Daten hinterlegen.“ Denn eine Toleranz gegenüber Spätfrösten lässt sich nur dann messen, wenn solche auch eintreten – und, wie in diesem Jahr, genau dann auch genügend Personal für Datenerhebung zur Verfügung steht: „Da gehört beispielsweise dazu, dass man an den Baum geht und hundert Blüten auszählt und von diesen hundert Blüten bestimmt, ob der Stempel noch intakt ist oder nicht.“ Und das bei hunderten Genotypen.

Zwei Deutschlandkarten vergleichen die Wahrscheinlichkeit von Frost unter minus 2 Grad nach Kirschblütenbeginn zwischen 1961–1990 und 1991–2020. Die linke Karte (früherer Zeitraum) zeigt überwiegend gelbe, orangefarbene und rote Flächen, entsprechend 10 bis 25 Prozent Wahrscheinlichkeit für Spätfrost. Die rechte Karte (späterer) zeigt deutlich größere dunkelrote Flächen, vor allem im mittleren und südlichen Deutschland, mit Werten teils über 30 Prozent. Ein gelber Pfeil zwischen beiden Karten verdeutlicht die Zunahme des Risikos über die Zeit. Quelle: DWD, Brömser und Plückhahn
Es geht runter, ins Tal, dort, wo der Spätfrost zugeschlagen hatte. Auf dem Gelände des Julius-Kühn-Instituts steht Stefanie Reim vor einem Versuchsaufbau im Folientunnel. Junge Kirschbäume haben eine Art verkabelte Haarspange im Blatt klemmen. „Das ist ein Kapazitätssensor und der misst die Transpiration des Blattes“, erklärt Reim, während sie die ausgelesenen Daten auf ihrem Tablet zeigt. Anhand dessen, wie stark ein Blatt Feuchtigkeit abgibt, zeigt sich, ob die Pflanze unter Trockenstress steht.
Ein Teil der Kirschen muss hier ordentlich Trockenstress aushalten. Rechte: MDR

Kirschen im Trockenstress

Stefanie Reims Augenmerk liegt auf der Pflanzenunterlage, also dem Stamm und den Wurzeln, auf den im Obstbau im Zuge der Vermehrung das Sorten-Teilstück gesetzt wird. Die Unterlage ist besonders interessant, „weil sie ja die Wurzel hat und die Wurzel das Wasser aus dem Boden aufnimmt.“ Stefanie Reim hat allerdings erstaunt, dass nicht nur die Unterlage für die Trockentoleranz eines Obstbaums maßgeblich zu sein scheint, sondern eben die Kombination aus Unterlage und Sorte. „Diese Ergebnisse können für den Züchter interessant sein – das ist vielleicht ein guter Kreuzungspartner, dass halt eine trockentolerantere Sorte rauskommen könnte.“
Dr. Stefanie Reim Rechte: MDR
Erforschung und Züchtung resistenter Sorten ist schon seit etlichen Jahren ein Thema am JKI, erklärt Susan Schröpfer. „Ich denke, dass die Krankheitsresistenzen und auch die Toleranz gegenüber abiotischen Faktoren immer bedeutender werden.“ Sprich: Resistenz gegenüber klimawandelbegünstigtem Schädlings- und Pilzbefall und dem „neuen Wetter“ selbst. Susan Schröpfer dreht sich um und zeigt auf eine Fläche, auf der kommerziell Äpfel angebaut werden. Viel erinnert dort nicht mehr an Obstbäume im Frühsommer, Totalausfall. „Das ist eine Schmetterlingsraupe gewesen, die sich massiv hier eingenistet hat und die ganzen Bäume kahl gefressen hat.“
Wenn sich ein Bauer für eine neue Sorte entscheidet, dann ist das eine Entscheidung, die er jahrelang tragen muss.
Dr. Susan Schröpfer

Wo bleiben die resistenten Sorten?

Resistente Sorten gibt’s allerdings nicht von der Stange. Zum einen ist die Züchtung einer neuen Sorte ein Prozess über viele Jahre, auch wenn moderne Genomeditierung das künftig beschleunigen könnte. Außerdem nützt es nichts, wenn eine Sorte mit Widerstandsfähigkeit glänzt, aber zu wenig Ertrag bringt (oder halt der Stiel zu leicht abgeht) – weil ihr Anbau dann nicht wirtschaftlich ist. Es braucht also mindestens einen Kompromiss. „Wenn sich ein Bauer für eine neue Sorte entscheidet, dann ist das eine Entscheidung, die er jahrelang tragen muss.“
Immerhin können sich Landwirtinnen und Landwirte auf die Erfahrungen des gartenbaulichen Versuchswesens der Länder berufen. In Rheinland-Pfalz wird etwa seit Jahresbeginn getestet, welche Sortenneuheiten aus Dresden-Pillnitz sich für den Obstanbau im Südwesten der Republik lohnen könnten. Für zehn Jahre ist der Versuch angelegt, was die Dimension um neue Sorten noch einmal unterstreicht. Unter den neun Testkandidaten tummelt sich auch eine gewisse „PiSue 1489“. Vor Spätfrösten sind Kirschblüten schließlich auch im warmen Südwesten nicht sicher.

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👋 Zum Schluss

Wenn ich Sie jetzt darum bitten würde, eine Kirsche zu malen, würden Sie mit einem Ansatz von künstlerischem Talent wahrscheinlich eine Regina zu Blatte bringen: große, rote, runde Früchte und natürlich noch ein Stiel dran. Außerdem ist ihr Stein nicht so groß, was praktisch ist, denn den muss man ja immer mitbezahlen, obwohl man ihn nicht essen kann – oder er zumindest nicht schmeckt.

Regina ist der Prototyp einer Süßkirsche, möglicherweise ja sogar die Vorlage für das Kirsch-Emoji – die Sorte gibt es seit den 1950ern, sie zählt zu den populärsten des Landes. Das Praktische an ihr: Sie blüht tendenziell spät, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Ernte keinem Frost zum Opfer fällt. Ob das für die Zukunft reicht, ist unklar.

Sie dürfen mir im Übrigen wirklich eine Kirsche malen. Ich freu mich immer über Selbstgebasteltes. Zu gewinnen gibt’s aber nix.

Passen Sie auf sich und die Welt auf, herzlich
Florian Zinner

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