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#251
vom 3. Juli 2026

It's getting hot in here: Mieter und Mieterinnen im Hitzestress 

von Clemens Haug
Hallo miteinander,

Rechtspopulisten ernähren sich von politischen Krisen. Wenn Sie glauben, dass die Klimakrise da eine Ausnahme bildet, liegen Sie falsch! In Frankreich, das von den jüngsten Hitzewellen wesentlich stärker als Deutschland getroffen wurde, hat eine massive Debatte eingesetzt, in der sich auch die notorische Rechtsaußenpolitikerin Marine LePen lautstark eingeschaltet hat.

Aber hoffen Sie jetzt bitte nicht auf einen konstruktiven Beitrag zur Behebung der Problemursache, der Klimaerwärmung. LePen forderte vor allem massive Subventionen für die Installation neuer Klimaanlagen, für Schulen, Krankenhäuser, aber auch private Gebäudebesitzer. Und sie kritisierte die Grünen dafür, Klimaanlagen als "rechts" zu verunglimpfen.

Allerdings, inzwischen fordern auch grüne Politikerinnen und Politiker (egal ob in Frankreich oder Deutschland), dass aktive Kühlung von Innenräumen eine Notwendigkeit wird. Allerdings fordern sie eine Flankierung durch Solarstromerzeugung auf dem Dach und passive Maßnahmen wie Gründächer, Verschattung von Gebäuden (optimalerweise durch Bäume) und ausreichend Grünflächen in den Städten.

Was bei alledem außen vor bleibt: Wenn Sie so wie ich Mieter einer Altbauwohnung unter dem Dach sind, dann haben Sie gar nicht allzu viele Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden. Alles, was größere Umbauten erfordert, liegt in den Händen der Vermieter. Überhaupt: Mieter sind eine übersehene Gruppe, was den Hitzeschutz in den Städten angeht. Als ich diese Recherche im eisigen Winter Finnlands begann, war mir gar nicht klar, wie wenig wir eigentlich überhaupt darüber wissen, was Hitzewellen für mietende Großstädterinnen und Großstädter bedeuten.

MOMENT DER WOCHE

Dutzende Freiwillige haben geholfen, die Leipziger Straßenbahngleise von geschmolzenem Bitumen zu befreien. Das Material dient als Fugenmasse zwischen Schienen und Straßen und war durch die starke Hitze am vergangenen Wochenende an vielen Stellen geschmolzen. Seitdem ruht ein Großteil des Straßenbahnverkehrs. Rechte: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Mieterinnen und Mieter: Kein Recht auf Höchsttemperatur

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Tomke Meyer und Cem Mutlu kennen sich zwar nicht, aber sie haben vieles gemeinsam: Beide leben unter dem Dach, beide können nicht viel Geld für ihre Miete ausgeben und beide sind gerade richtig froh, dass die jüngste Hitzewelle erst einmal vorüber ist.

Mutlu wohnt in einem Haus aus der Nachkriegszeit im Essener Norden, Meyer in einem in den 1990er Jahren eilig sanierten Gründerzeitaltbau im Leipziger Süden. Beide Häuser wurden energetisch bisher nicht saniert, heizen sich im Sommer also stark auf und kühlen im Winter schnell aus.

Unerträgliche Zustände in Dachgeschosswohnungen

„In der letzten Woche war es hier im Haus permanent 30 Grad warm”, erzählt Mutlu. In seinem Wohnzimmer hat er eine kleine Miniklimaanlage aufgestellt, einen sogenannten Monoblock, ein Geschenk seiner Mutter. Anders als sogenannte Splitgeräte benötigt diese Anlage kein Außenteil, das an der Gebäudewand montiert werden muss. Es genügt, einen Schlauch durch das Fenster zu führen und die Öffnung rundherum gut abzudichten. „Sie sorgt nicht dafür, dass es hier wirklich angenehm wird, aber immerhin geht die Luftfeuchtigkeit raus und ich werde von dem Ding angepustet”, sagt er. Die Klimaanlage sei außerdem sehr laut. Mutlu schaltet sie nachts deshalb aus, aus Rücksicht auf die Nachbarn. Langfristig will er umziehen, statt weitere Sommer hier auszuhalten. „Das ist absolut nicht erträglich”, sagt er.

41,7 Grad im brandenburgischen Neißemünde-Coschen, das war am Sonntag der neue deutsche Temperaturrekord. Rechte: IMAGO/CHROMORANGE

Tomke Meyer versucht mit ihrer Mitbewohnerin, so gut es geht, die Sonne draußen zu halten. Auf der einen Seite der Wohnung haben die Dachfenster Rollos. Auf der anderen Seite behilft sie sich damit, das Glas tagsüber mit großformatigen Zeitungen abzukleben. Allerdings hilft das nur bis zum Nachmittag. "Wenn dann die Sonne daraufknallt und die Temperaturen Höhepunkte erreichen, wie in den letzten Tagen, dann schmilzt der Klebstoff des Klebebands." Die Zeitung fällt herunter und es wird heiß. "Ich denke seit den fünf Jahren, die ich da lebe, jeden Sommer regelmäßig darüber nach, umzuziehen", bilanziert sie. Allein das Angebot bezahlbarer Wohnungen in Leipzig ist wie in fast allen Ballungsräumen ziemlich knapp.

Heizbedarf in Europa nimmt ab, Kühlbedarf steigt

Wie vielen deutschen Mieterinnen und Mietern es vergangene Woche erging wie Tomke Meyer und Cem Mutlu, ist erstaunlicherweise unbekannt. „Uns fehlt bislang eine breite Datenlage: Wie viele Mieterinnen sind betroffen, bei welchen Gebäuden werden eigentlich welche Temperaturgrenzen überschritten und wie häufig passiert das”, sagt Anna Wolff, Referentin für Wohnungs- und Mietenpolitik beim Deutschen Mieterbund. Das Unwissen von Behörden, Verbänden und Verbraucherschützern ist symptomatisch: In einer traditionell eher kühlen Region wie Deutschland sind lang anhaltende Hitzewellen mit tropischen Nächten über 20 Grad immer noch ein Novum.
Heizgradtage berechnet, wie oft und wie stark die Temperatur in einer Wohnung angehoben werden muss, damit die Räume tagsüber 20 Grad warm sind. Rechte: MDR

Im Winter haben Mieterinnen und Mieter einen rechtlichen Anspruch darauf, dass sie ihre Wohnung tagsüber auf mindestens 20 Grad heizen können. Andernfalls können sie unter anderem die Miete mindern. Eine Obergrenze für die Temperaturen gibt es dagegen nicht. Allenfalls haben Gerichte einigen Klägern die Möglichkeit zugesprochen, einen Mietvertrag fristlos zu kündigen, wenn die Bedingungen unerträglich wurden. Dabei zeigen Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat, dass sich das Verhältnis zwischen Heiz- und Kühlbedarf stark verschiebt. Die Tage, an denen es großen Heizbedarf gibt, nehmen kontinuierlich ab, dafür steigen die Tage mit Kühlungsbedarf stark an.

Die Menschen haben mit Daten ihre Situation sichtbar gemacht
Nehis Osagie, Waag-Futurelab
In den Niederlanden macht die Öffentlichkeit aktuell einen ähnlichen Lernprozess durch. Nachdem Medienberichte über Hitzestress in Wohnungen 2021 ein enormes Echo ausgelöst hatten, startete ein Verbund aus Hochschulen in Delft und Amsterdam, einer öffentlich-rechtlichen Redaktion und der Stiftung Waag-Futurelab das Citizen-Science-Projekt „Thermo-staat“.
Kühlgradtage stellen den berechnten Kühlbedarf von Wohnungen in ganz Europa dar. Lassen Sie sich aber nicht von der vereinfachten Skala täuschen: Der Heizbedarf ist nach wie vor deutlich größer als der Kühlbedarf. Rechte: MDR
Die Projektverantwortlichen gewannen rund 100 Bürgerinnen und Bürger als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in eigener Sache. Die Teilnehmer gehörten dabei zu drei Gruppen: Mieterinnen und Mieter von staatlich geförderten Sozialwohnungen, Bewohnerinnen privat vermieteter Wohnungen und Eigenheimbesitzerinnen und -besitzern. Das Ergebnis lieferte erstmals Daten zu den konkreten Auswirkungen der Hitzewellen auf die verschiedenen Gruppen. „Vorher war häufig zu hören: Das ist nur ein Problem von ein paar Einzelnen, die sich ständig beschweren“, sagt Nehis Osage vom Waag-Futurelab. „Dadurch, dass wie den Menschen geholfen haben, ihre Situation mit validierten Daten sichtbar zu machen und Experten das bestätigt haben, ist eine Debatte in Gang gekommen.“

In privaten Mietwohnungen wurde es am heißesten

Recht wenig überraschend blieb es in den Eigentumswohnungen insgesamt am kühlsten. Sie verfügten häufig über außen liegende Verschattungsmöglichkeiten, konnten also durch große Fensterläden oder Rollos verhindern, dass die Sonne die Räume hinter den Glasfenstern stark aufheizte. Während der Hitzewelle im September blieben die Durchschnittstemperaturen hier mit 24,9 Grad Celsius im Vergleich zu den anderen beiden Gruppen am geringsten.

 Wie viele Mieterinnen und Mieter haben während der Hitzewelle in ihren Wohnungen gelitten? Darüber gibt es erstaunlich wenig Daten. Rechte: IMAGO/Zoonar.com/Dmitrii Marchenko

In den Sozialwohnungen stiegen die Durchschnittstemperaturen auf 25,3 Grad Celsius. Außen liegende Verschattungselemente gab es hier oft nicht. Am schlechtesten schnitt allerdings die Gruppe der Bewohner privater Mietwohnungen ab, hier stiegen die Temperaturen auf durchschnittlich 26,8 Grad. Das Team von Thermo-staat sieht darin einen Hinweis darauf, dass private Vermieter bislang am wenigsten unternommen haben, um ihre Mieterinnen und Mieter vor der Hitze zu schützen, wenngleich diese Gruppe im Projekt mit nur vier Teilnehmenden sehr klein war.

Hitzeschutz: ein gesamtgesellschaftliches Thema

Dass Mieterinnen und Mieter im Nachteil sind, sieht aber auch Anna Wolff vom Deutschen Mieterbund. „Sie haben per se weniger Handlungsmöglichkeiten als Immobilieneigentümer, können nicht einfach eine Markise installieren und auch nicht das Gebäude isolieren.” Hinzu kommt, dass sich nun an vielen Orten die autofreundliche Stadtplanung der Nachkriegszeit rächt. „Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung von Großstädten sind Mieterinnen und Mieter”, sagt Wolff. „Gerade dort, wo es viele verdichtete Flächen gibt, haben wir ein Hitzeschutzproblem. Es wärmt sich über den Tag auf. In der Nacht fehlen Frischluftschneisen und Grünflächen, die dazu beitragen, dass sich die Stadt wieder abkühlen kann.”

Eine Stadt umzubauen, ist allerdings ein langwieriger Prozess. Kurzfristig, da sind sich die Experten einig, wird es mehr baulichen Hitzeschutz brauchen: Verschattung, lichtfilterndes Fensterglas und auch Klimaanlagen, vor allem dort, wo sich vulnerable Gruppen aufhalten, wie alte und kranke Menschen oder auch Kinder. Die Verantwortung einseitig den Eigentümerinnen und Eigentümern zuzuschieben, davon hält Anna Wolff aber nichts. „Man kann die Vermieter nicht allein für den Hitzeschutz verantwortlich machen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema und es wird entsprechende Förderungen brauchen.”
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👋 Zum Schluss

Auf das niederländische Citizen-Science-Projekt bin ich schon Anfang März aufmerksam geworden, bei der europäischen Citizen-Science-Konferenz ECSA im finnischen Oulu. Dort war noch Winter, teilweise mit bis zu 20 Grad unter Null. Wie sich das angefühlt hat, kann ich mir gerade kaum vorstellen.

Finnland ist hier aber ein gutes Stichwort, denn das Land liegt ja am Nordpolarkreis und gehört damit teilweise zur Arktis, die Familien jetzt gemeinsam am Handy oder Tablet retten können im kooperativen Spiel „Rettet die Arktis“. Bewusst werde hier auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet, stattdessen würden spielerisch die Veränderungen in dem sensiblen Ökosystem vermittelt, heißt es in einer Rezension. Die Erlöse sollen zum Teil der Klimaforschung zugute kommen.

Herzliche Grüße
Clemens Haug

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