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vom 26. Juni 2026

Triggerthema Windkraft: Warum der Wald sogar profitieren könnte 

von Inka Zimmermann
Hallo zusammen,

ob die aktuelle Hitze am Klimawandel liegt, wollen Sie wissen? Eine brandneue Analyse der Klima-Attributionsforschung geht davon aus, dass die Hitzewelle ohne den Klimawandel bis zu vier Grad kälter wäre. Wie genau die Zusammenhänge sind, erklärt mein Kollege Florian Zinner hier. 

Ich bin der sommerlichen Hitze diese Woche entflohen und in den Thüringer Wald gefahren. Eine kühlende Oase. Und dennoch Gegenstand hitziger Debatten. Die Diskussion um Windkraft in Thüringens Wäldern ist hochemotional. Thüringenforst-Vorstand Jörn Ripken kann viele Emotionen nachvollziehen. Schließlich ist der Wald seine Heimat. Warum er trotzdem gerne Windräder in den Wald bauen würde, lesen Sie diese Woche. 

MOMENT DER WOCHE

Im westfranzösischen Atomkraftwerk Blayais wurde die Leistung vergangene Woche reduziert. Die Temperaturen in der Region liegen seit Tagen über 40 Grad. Das AKW liegt in einem Sumpfgebiet, das abfließende Kühlwasser würde die Gewässer zu sehr erhitzen. Europaweit müssen aktuell diverse AKWs wegen der Hitze abgeschaltet werden. Rechte: imago/ Klaus W. Schmidt. 

Warum Thüringenforst Windräder bauen will 

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Natur, Ruhe, Heimat – das verbinden die Deutschen mit dem Wald. Berichte wie der Bundeswaldbericht zeigen eine starke emotionale Bindung. „Das hat viel mit Kindheitserinnerungen und mit Sehnsuchtsorten zu tun, von denen man hofft, dass sie einfach so bleiben, wie sie sind“, erklärt Jörn Ripken, Vorstand des Landesforstbetriebes Thüringenforst. Er könne nachvollziehen, dass die Menschen sich mit Veränderungen ihrer Heimat schwertun.

Möglicherweise erklärt das einen Teil der Ablehnung, auf die Windkraft in großen Teilen der Thüringer Bevölkerung stößt. Eine Weile galt sogar ein absolutes Verbot für Windräder im Thüringer Wald, das Ende 2022 vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde. Die Zahl der Windräder ist dennoch weiterhin gering: Vier Stück drehten sich 2024 über den Waldflächen in Thüringen. Keines davon steht bis heute auf dem Grund der Landesforstanstalt Thüringenforst.

Ripken würde das gerne ändern. „Grundsätzlich sind wir als Förster natürlich dafür da, das Biotop Wald zu schützen und zu bewirtschaften. Aber ich würde nicht sagen, jeder Wald ist generell biologisch wertvoller als Offenland.“ Das müsse man individuell beurteilen. Berühmte Gebiete wie der Rennsteig kämen für die Windkraft nicht infrage. Auch das Biosphärenreservat Rhön kommt nicht in Betracht. Erholungswälder, Wasserschutzgebiete, Naturschutzgebiete und Klimaschutzwälder, die Kaltwinde ausbremsen, werden in der Regel auch nicht für Windkraft freigegeben.

372 Windräder wären maximal möglich 

Dennoch gibt es Wälder, die in Betracht kommen: Mittlerweile sind auf dem Gebiet von Thüringenforst etwas mehr als 3600 Hektar als Windvorranggebiete ausgewiesen. 372 Windräder könnten hier theoretisch maximal gebaut werden, sagt Jörn Ripken. Natürlich sei der Bau dieser Windräder ein Eingriff in den Naturhaushalt. „Genau wie ein Einfamilienhaus, ein Supermarkt oder eine Straße“.

Jörn Ripken und Kollege Gerd Thomsen mit Blick auf Windräder vor dem Wald. 

Zunächst ist der Bau eines Windrades mit Baumfällungen verbunden. Das Umweltbundesamt geht von 0,5 Hektar Waldfläche aus, die pro Windrad gerodet werden müssen. Das ist etwas weniger als ein Fußballfeld. Diese Fläche könnte, wenn dort Bäume stünden, durchschnittlich knapp drei Tonnen CO₂ pro Jahr aufnehmen. Die Einsparung, die das Windrad bringt, liegt bei ungefähr 4.200 Tonnen CO₂ pro Jahr. Hinsichtlich der Klimabilanz fallen diese lokalen Rodungen also nicht erheblich ins Gewicht.

Ein bisschen komplizierter ist es dagegen aus Perspektive des Artenschutzes. Die Windenergie ist eine Gefahr für einige Fledermausarten und diverse Vögel, die die Thermik über dem Wald nutzen und dann mit den Rotorblättern kollidieren können. Gerade deshalb sei es enorm wichtig, wo ein Windrad gebaut wird, betont Biologe Andreas Ness. Er führt Gutachten durch, die darüber entscheiden, ob ein Standort für die Windkraft geeignet ist.

Höhere Windräder könnten Vorteile haben 

Im intensiv durchforsteten Nadelwald könne man häufig davon ausgehen, dass durch den Bau eines Windrades weniger Probleme entstehen als im artenreichen Laubwald, erklärt Ness. „Fledermäuse sind im Wald ein wichtiger Punkt, weil sie dort Quartiere haben.“ Bei empfindlichen Arten seien Abstände zu den Wochenstuben vorgeschrieben. Bei einigen Greifvögeln habe man mittlerweile beobachtet, dass sie Windrädern sogar ausweichen können. „Die jungen, unerfahrenen Vögel können das aber noch nicht. Deshalb ist es wichtig, dass die Bereiche rund um die Brutplätze von Windkraftanlagen freigehalten werden.“

Moderne Windkraftanlagen werden außerdem immer höher. Das sei für Vögel und Fledermäuse aber sogar eine gute Nachricht, sagt Andreas Ness: „Weil der Abstand zur Baumoberkante größer wird. Der kleine und der große Abendsegler nutzen gerade diesen Bereich. Je höher das Windrad, desto günstiger für die Tiere.“

Windräder im Wald sind in Thüringen extrem kontrovers 

Ungeklärt ist allerdings, ob strenge Artenschutz-Maßnahmen überhaupt dazu beitragen können, dass Windräder in der Thüringer Bevölkerung auf Akzeptanz stoßen. Zuletzt scheiterte ein Projekt im Friedrichrodaer Wald. Die entsprechenden Pläne eines privaten Investors waren Anfang Mai bekannt geworden – bisher haben knapp 10.000 Menschen eine Petition gegen die Windräder unterzeichnet. Dass Investoren, die möglicherweise weit entfernt wohnen, mit den Windrädern im Thüringer Wald Geld verdienen könnten, scheint vielen Anwohnern aufzustoßen.

Auch Thüringenforst-Vorstand Jörn Ripken möchte mit der Windkraft Geld verdienen. Denn der Wald ist aktuell stark geschädigt. Der Sehnsuchtsort, von dem auch Ripken hoffte, dass er sich nie verändern würde, hat sich längst gewandelt. Durch Dürre und Borkenkäfer hat Thüringenforst einen substanziellen Teil des Holzvorrates verloren. Die Schäden, die in den letzten sieben Jahren entstanden sind, summieren sich auf über 200 Millionen Euro, sagt er. Das ist ein Problem, denn der Staatsforst soll sich finanziell selbst tragen – und bisher kam das Geld hauptsächlich aus dem Holzverkauf. „Wir werden in den kommenden 30 Jahren deutlich weniger Holz nachhaltig ernten können. Das heißt, in wenigen Jahren werde ich sehen müssen, wie ich die Förster und Mitarbeiter von Thüringenforst bezahlen kann.“

Die Windkraft wäre auch eine Chance
 Jörn Ripken, Vorstand Thüringenforst 

Die Windkraft wäre deshalb aus Ripkens Sicht eine enorme Chance. Der Staatsforst würde die gesamten Erträge lokal reinvestieren. „Die Erträge aus der Windkraft fließen dann in den Wald zurück, in die Pflege und in das Pflanzen von neuen Bäumen. So können wir einen klimafitten, stabilen Wald im Klimawandel fördern. Dafür brauchen wir nun mal Geld.“  

Thüringenforst-Vorstand Jörn Ripken.

Aktuell habe man bei Thüringenforst noch keines der ausgewiesenen Voranggebiete entwickelt. Der Weg dahin wird aller Voraussicht nach nicht leicht. Windkraft ist zu einem politischen Kampfthema geworden, gerade in Thüringen. So sagte etwa der AfD-Abgeordnete Björn Höcke im Landtag, die „Verspargelung“ des Thüringer Waldes müsse unter allen Umständen verhindert werden. Thüringenforst-Vorstand Jörn Ripken sagt, er hoffe, zumindest einen Teil der Chancen der Windenergie wahrnehmen zu können. „Es wird nicht die Maximalzahl an Windrädern sein, aber ich hoffe, dass wir einen gesellschaftlichen Konsens hinbekommen.“

Und wenn das nicht klappt? „Der Wald wird auch in zehn Jahren noch da sein, aber wenn wir denselben Wald wollen, den wir kennen, dann funktioniert das nur, wenn wir in den Wald und in den Waldumbau investieren.“ Was Ripken damit auch meint: Wer will, dass der Thüringer Wald weiter Holz liefert, der muss sich kümmern. „Es würde nicht ein Dachstuhl weniger gebaut, nicht ein Möbelstück weniger gekauft. Das Holz käme dann allerdings aus Regionen, in denen es nach völlig anderen Standards eingeschlagen und mit einem viel größeren ökologischen Fußabdruck nach Deutschland gebracht wird.“

Blick auf ein Windrad vor dem Wald in Thüringen.

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Ein lesenswertes Dossier zu unserer Wahrnehmung des Klimawandels seit 1850 👉 ARD alpha 

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Wie das die Körper der Spieler belastet, erklären unsere Kollegen von Deutschlandfunk Nova 👉 dlf

👋 Zum Schluss

Um noch einmal auf die Hitzewelle zurückzukommen. Ich hoffe, Sie finden am Wochenende ein kühles Plätzchen. Vielleicht ja im Wald! Keinesfalls ein Ersatz für politische Maßnahmen zum Hitzeschutz, aber vielleicht eine gute Ergänzung ist eine kühlende Suppe aus Litauen, die ich in diesen Tagen sehr zu schätzen gelernt habe. Eine kalte Rote-Bete-Suppe mit dem Namen Šaltibarščiai. Ich verlinke Ihnen das Rezept hier und hoffe, dass uns in der kommenden Woche ein wenig Abkühlung erreicht.


Herzliche Grüße
Inka Zimmermann 

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