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#249
vom 19. Juni 2026

CCS: Lieber CO₂ abscheiden statt vermeiden?

von Katja Evers
Hallo zusammen,

Anfang 2023 stand die Klimapolitik plötzlich Kopf:
Die EU stuft damals Atomkraft als nachhaltig ein – und ausgerechnet ein grüner Wirtschaftsminister reist nach Norwegen, um sich anzuschauen, wie CO₂ unter dem Meeresboden verpresst wird. Eine Technologie, die viele in der Klimabewegung lange abgelehnt haben (auch Habeck selbst): Carbon Capture and Storage, kurz CCS.

Heute, drei Jahre später, läuft in Brevik die weltweit erste Anlage, die CO₂ aus einer Zementfabrik im großen Stil abscheidet und speichert. Und auch in Deutschland nimmt die Debatte Fahrt auf: Diese Woche haben sich in München Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft getroffen, um über die CO₂-Entnahme in Bayern zu sprechen.

Die große Frage ist: Ist CCS ein unverzichtbares Werkzeug für den Klimaschutz – oder doch eher ein riskanter Aufschub? 

MOMENT DER WOCHE

Iranische Fans zeigen ihren Unmut während der iranischen Nationalhymne – der Krieg spielt mit. Für das Klima hat er aber einen unerwarteten Effekt: Der Konflikt hat der Energiewende weltweit einen Turbo verpasst. Rechte: Jae C. Hong/AP/dpa

CCS: Unverzichtbares Werkzeug oder riskanter Aufschub? 

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Es war ein großer Moment in Brevik, einem kleinen Ort südlich von Oslo: Vor gut einem Jahr wird hier eine neue CCS-Anlage feierlich eröffnet. Mehr als 300 Gäste sind gekommen, sogar der Kronprinz. Projektleiter Anders Petersen ist damals vor allem erleichtert, dass sie es so weit geschafft haben. Die Anlage gilt als Demonstration: Sie soll zeigen, dass CCS nicht nur in den vorhandenen kleinen Anlagen, sondern im großen industriellen Maßstab funktionieren kann.

Gleichzeitig wird auch in Deutschland an der Abscheidung und Speicherung von CO₂ geforscht – zum Beispiel von Vicki Duscha am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Und obwohl sie tausende Kilometer voneinander entfernt arbeiten, sind sie sich in einem Punkt überraschend einig: Es gibt eigentlich bessere Wege als CCS, um nachhaltig zu sein.
Warum also setzt man trotzdem darauf?

Wie CO₂ abgeschieden und gespeichert wird

Um die Kritik an der CCS-Technologie zu verstehen, werfen wir zunächst einen Blick darauf, was dort eigentlich passiert. CCS heißt, dass Kohlenstoffdioxid aus Industrieabgasen abgefangen wird, bevor es in die Atmosphäre gelangt. Beim CCU wird das Kohlenstoffdioxid weiterverwendet. Das U steht für Utilization.

In Brevik passiert die Abscheidung mittels einer wässrigen Aminlösung, die das CO₂ bindet. Unter Hitze wird die Verbindung wieder gelöst, das CO₂ anschließend unter Druck verdichtet und verflüssigt. "Wie Wasser", sagt Petersen. Nach einem Jahr Betrieb sind bereits 140.000 Tonnen CO₂ abgeschieden, inzwischen arbeitet die Anlage auf nahezu voller Kapazität. Perspektivisch sollen es 400.000 Tonnen pro Jahr werden, die dann per Schiff abtransportiert und tief unter der Nordsee gespeichert werden.
Im Zementwerk in Brevik will man zeigen, wie CCS im großen industriellen Maßstab möglich ist. Rechte: Heidelberg Materials
Auch in Deutschland gilt die Speicherung unter dem Meeresboden derzeit als wahrscheinlichste Lösung, sagt Forscherin Vicki Duscha. Und zwar in der ausschließlichen Wirtschaftszone, also abseits der Küstenlinien, wo die Bundesländer keinen Einfluss mehr haben. Einer aktuelle Studie zufolge, an der unter anderem das Helmholtz-Zentrum und die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe beteiligt waren, können dort 1 bis 6 Milliarden Tonnen CO₂ gespeichert werden. Zum Vergleich: Deutschlands Jahresemissionen liegen bei etwa 650 Millionen Tonnen. Entscheidend ist aber die Infrastruktur – und die fehlt bislang, erklärt die Forscherin. 
Im Prinzip fangen wir bei Null an
Dr. Vicki Duscha
Hinzu kommt ein grundsätzlicher physikalischer Engpass: "Wir können nicht mit jeder beliebigen Geschwindigkeit tatsächlich einfach in jedes Bohrloch CO₂ pumpen". 10 Millionen Tonnen, perspektivisch vielleicht 20 bis 40 Millionen pro Jahr seien realistisch. 

Neben der Infrastruktur und den entsprechenden Regularien, gäbe es in Deutschland auch ein Akzeptanzproblem. Die Sorge vor Gefahren in der Bevölkerung ist groß. Berechtigt?

Wie gefährlich ist CCS wirklich?

Dass CCS in Deutschland oft als gefährlich wahrgenommen wird, sei unbegründet, betont die Forscherin. Häufig wird CO₂ in ehemaligen Erdgaslagerstätten gespeichert – also in Gesteinsschichten, die bereits Gas über Millionen Jahre eingeschlossen haben. Das sei dort nicht herausgekommen und CO₂ werde es wahrscheinlich ebenso wenig tun. Bei einer weiteren Variante, der Speicherung in Basaltgestein, kann das CO₂ sogar relativ schnell zu festem Gestein reagieren.

Auch bei einem Leck geht der Weltklimarat davon aus, dass in geeigneten Strukturen pro Jahr weniger als 0,001 Prozent des jeweils gespeicherten CO₂ entweichen kann. Lokal könnte dann der oben genannten Helmholtz-Studie zufolge das Wasser versauern, die Folgen für etwa die Nordsee, die im Jahr laut Duscha ohnehin etwa 35 Millionen Tonnen CO₂ aufnehme, seien aber überschaubar.

Größer als die Sicherheitsfrage ist für Duscha ein anderes Problem: die Kosten. CCS ist teuer – aktuell 150 bis 300 Euro pro Tonne. Damit liegt es deutlich über dem, was viele Industrien derzeit wirtschaftlich tragen können. 

Warum also wird bei Unternehmen wie Heidelberg Materials, zu denen auch die Anlage in Brevik gehört, trotzdem ausgebaut?

Wo CSS trotzdem sinnvoll sein kann

Umweltorganisationen wie Greenpeace kritisieren CCS als Scheinlösung: Statt Emissionen zu vermeiden, würden sie nur nachträglich eingefangen. Es bestehe das Risiko staatlicher Fehlinvestitionen – ohne gesicherten Beitrag zum Klimaschutz.

Tatsächlich sehen auch Forschende, wie Duscha, die besseren Lösungen meist woanders – vor allem in der direkten Nutzung erneuerbarer Energien oder dort, wo das nicht möglich ist, in Wasserstoff. Bei Gaskraftwerken etwa habe CCS ihr zufolge keinen Sinn.

Eine große Ausnahme bleibt jedoch die Zementindustrie.
Denn ein Teil der Emissionen entsteht hier unvermeidbar bei der chemischen Umwandlung von Kalkstein. Selbst mit sauberer Energie lässt sich das nicht komplett verhindern. Und das könnte mit steigenden CO₂‑Preisen für die Unternehmen teuer werden.
Zwar wird an Alternativen geforscht – etwa an Materialien, die einen Teil des CO₂-intensiven Klinkers im Zement ersetzen können, beispielsweise kalzinierte Tonerde oder Flugasche aus Kohlekraftwerken und Müllverbrennungsanlagen. Doch die stoßen an Grenzen: Zu viel Ton etwa macht den Zement weniger leistungsstark, wie Jan Theulen von Heidelberg Materials erklärt. Flugasche wiederum sei immer weniger verfügbar. Dabei würde das Unternehmen diese Methoden sogar priorisieren, so Theulen – weniger kompliziert, weniger abhängig von Gesetzen, von Staaten und von Finanzierung. 

Aus Unternehmenssicht ist deshalb CCS die Alternative, nicht umgekehrt. Eine Alternative, ohne die es zum jetzigen Zeitpunkt nicht geht: Sonst werde man nie auf null CO₂‑Emissionen kommen, so Theulen – zumindest nicht, solange die Nachfrage nach Zement da ist.
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Wiedervernässung und Wasserspeicher: Wald als CO₂-Speicher 
erhalten, Hat die Forstwirtschaft eine Zukunft? und: Wie viel Windkraft verträgt der Wald? 

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Termine

  • 19.6.-21.6. — Plastikausstellung beim Montagscafé-Sommerfestival (Dresden)
  • 23.6. — Vortrag: Keine Angst vor Wespen und Hornissen (Darmstadt und Online)
  • bis 8.7. — Mitmachaktion: Raupen entdecken und melden (bundesweit)
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👋 Zum Schluss

Neben CCS rückt zunehmend noch eine andere Technologie in den Fokus: sogenannte negative Emissionen, etwa durch DACCS – Direct Air Carbon Capture and Storage. Gemeint ist damit, CO₂ direkt aus der Atmosphäre zu filtern und zu speichern. Anders als CCS, das Emissionen an der Quelle abfängt, würde DACCS die Konzentration in der Luft aktiv senken – eine Art nachträgliche Schadensbegrenzung.

Der Weltklimarat geht inzwischen davon aus, dass solche Verfahren nötig sein werden, um Restemissionen auszugleichen und das 1,5‑Grad‑Ziel überhaupt noch zu erreichen. Allerdings gilt auch hier: Die Technik ist aufwendig, teuer und energieintensiv.

Und so wird sich am Ende entscheiden, ob wir uns diese Technologien leisten wollen – oder ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun.

Herzliche Grüße
Katja Evers

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