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#248
vom 12. Juni 2026

Wenn das Meer 
ins Grundwasser kriecht

von Kristin Kielon
Hallo zusammen,

kennen Sie schon diesen Social Media-Trend, bei dem Menschen extra eine ordentliche Portion Salz in ein Glas Wasser packen, um den Körper mal so richtig durchzuspülen?! Kurzer Spoiler: Machen Sie das nicht, es ist weder gesund noch sinnvoll. Den sogenannten Detox übernehmen in der Regel Niere und Leber. Salz im Trinkwasser ist dagegen keine so schöne Sache - weder absichtlich noch unabsichtlich. Allein schon deshalb, weil es unserem Körper Wasser entzieht (Osmose!), Durchfall dürfte man wahrscheinlich auch bekommen und mit den Folgen für den Blutdruck will ich gar nicht erst anfangen.

Deshalb habe ich auch gestutzt, als ich vor einigen Wochen über eine neue Studie gestolpert bin: Das Trinkwasser in Küstennähe sei weltweit durch Versalzung bedroht. Das liege daran, dass zum einen aus manch einem Brunnen zu viel Grundwasser entnommen werde und zum anderen am steigenden Meeresspiegel. Sinke das Grundwasser, könne das Meerwasser leichter eindringen. Wobei weltweit bei den Forschenden heißt, in einigen Regionen der Welt. Aber dennoch: Grund genug mal nachzufragen, wie das an Nord- und Ostsee eigentlich aussieht?

Aber bevor wir starten, noch eine Sache: Zum Schluss habe ich heute noch eine Einladung in den Harz! Also unbedingt bis dahin an Bord bleiben (oder einfach kurz runterscrollen).

MOMENT DER WOCHE

Eine neue Analyse zeigt, dass das ungewöhnliche Kälteloch südlich von Grönland auf eine Abschwächung der Nordatlantischen Umwälzzirkulation (AMOC) hinweist. Das könnte auf einen Kipppunkt hindeuten, schreiben die Forschenden in ihrer Publikation.  Rechte: NASA/Goddard Space Flight Center

Wie der steigende Meeresspiegel das Grundwasser unter Druck setzt

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Lange weiße Sandstrände treffen auf das kühle Nass der Nordsee, Schafe grasen friedlich auf grünen Deichwiesen und Strandkörbe in bunten Farben laden zum Verweilen ein: Hier auf der nordfriesischen Insel Föhr – mitten im Urlaubsparadies am Wattenmeer – arbeitet Hark Ketelsen. Der Geschäftsführer des Wasserbeschaffungsverbands ist Herr über das Inselwasser. Auf der Föhrer Geest fördert der Wasserversorger aus Brunnen Grundwasser. „Das Wasser stammt grundsätzlich aus den Niederschlägen“, sagt Ketelsen. „Wir haben ja eine positive Wasserbilanz. Das heißt, es regnet im Durchschnitt deutlich mehr als verdunstet und dieser Wasserüberschuss sickert in die Tiefe und erneuert fortwährend das Grundwasser.“ Ketelsen spricht von der Süßwasserlinse unter der Insel. Die dürfe man sich aber nicht wie unterirdische Höhlen vorstellen, sondern das Wasser sitze zwischen Sandkörnern.

Aber was passiert, wenn der Meeresspiegel steigt? Bisher noch nichts, antwortet Ketelsen. Weltweit steigen die Meeresspiegel stetig an, in der Nordsee sind es innerhalb der vergangenen 100 Jahre etwa 20 Zentimeter gewesen. „Das ist nicht wirklich viel. Aber langfristig kann das natürlich zum Problem werden“, sagt der Fachmann. „Wenn der Meeresspiegel mehrere Meter steigen würde, könnte natürlich die Süßwasserlinse in der Tiefe eingeschnürt werden. Insbesondere, wenn das Meerwasser Bereiche der Küste überflutet. Und natürlich steht das Süßwasser in einem Druckausgleich mit dem Meerwasser und wenn der Meerwasserspiegel steigt, muss auch letztlich der Süßwasserspiegel steigen.“ 

Ein Keil aus Salzwasser

Denn dort, wo das Meerwasser auf eine Insel oder Küste trifft, kommt es unterirdisch also auch immer mit dem Grundwasser in Kontakt. Wenn es sich mischt, spricht man von Brackwasser. „Zwischen dem Meerwasser auf der einen Seite und dem Süßwasser auf inländischer Seite stellt sich ganz natürlich ein Gleichgewicht ein“, erklärt Mike Müller-Petke vom LIAG-Institut für Angewandte Geophysik und der Universität Hannover. „Es bildet sich im Prinzip aufgrund des Dichteunterschiedes zwischen diesen beiden Wässern eine Grenze. Da das Salzwasser schwerer ist, bildet sich ein Salzwasserkeil aus, der unter das Süßwasser drückt.“ Süßwasser hat nämlich eine geringere Dichte als Salzwasser und ist damit leichter. Und je nachdem, aus welchem Gestein die Küstenlinie besteht, bildet sich eine mehr oder weniger klare Grenze zwischen Süß- und Salzwasser aus. 
Was sind Marsch und Geest?

Marsch ist das flache Land direkt an der Küste – entstanden aus Schlick und Sedimenten, die das Meer über Jahrhunderte abgelagert hat. Die Böden sind extrem fruchtbar, liegen aber oft nur knapp über dem Meeresspiegel.

Geest nennt man die etwas höher gelegenen, sandigen Landschaften hinter der Marsch. Sie entstanden in der Eiszeit durch Sand- und Kiesablagerungen. Weil Regenwasser dort gut versickert, liegen viele Trinkwasserbrunnen auf der Geest.
Mit steigendem Meeresspiegel drückt der Salzwasserkeil sich stärker gegen das Grundwasser. Das Mehr an Meer hat also nicht nur überirdische Folgen, indem das Wasser womöglich Deiche überschwemmt und Sturmfluten höher werden lässt, sondern auch unter der Meeresoberfläche erhöht sich der Druck auf die Küste. „Das ist ein Prozess, der relativ lange braucht“, erklärt Georg Houben von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Wenn nun aber das Meerwasser gegen das Grundwasser drückt, verschiebt sich die Grenze. „Das Gleichgewicht stellt sich ja dadurch ein, dass zwei Kräfte, die aufeinander wirken, ähnlich sind. Wenn sich auf der einen Seite der Meeresspiegel erhöht, hat es eine größere Kraft und die würde das Gleichgewicht ein kleines bisschen verschieben“, so Houben. Das Worst Case-Szenario: Auf der anderen Seite schrumpft der Grundwasservorrat aufgrund von Dürre, das Salzwasser kann noch mehr nachdrängen – und womöglich Brunnen erreichen und Grundwasserreservoire versalzen. Wenn das passiert, müssen sie meist aufgegeben werden.

Keine Panik in Norddeutschland

Doch Hydrogeologe Houben beruhigt: „Das ist nicht so wie ein Gummiball. Das heißt, wenn es ein, zwei trockene Jahre gibt, heißt das nicht, dass diese Front ins Rollen kommt.“ Im Gegenteil zeigten die meisten Modellierungen, dass tatsächlich gar nicht so furchtbar viel passiere, so der Forscher. Und dann ist das natürlich auch eine stark vereinfachte Darstellung, die viele Faktoren außer Acht lässt. Eine wichtige Rolle spielt zum Beispiel auch wieder die Frage, in welchem Gestein das Wasser eigentlich sitzt. Die Behörden kartieren aber nicht nur die geologische Beschaffenheit der Küste, sondern auch, wie weit die Salzwasserfront ins Land reicht.

Auch das Umweltministerium in Schleswig-Holstein gibt weitestgehend Entwarnung: Untersuchungen der Grundwasserströme zeigten, dass es über die Marschen- und Niederungsgebiete hinaus eher nicht zu erwarten sei, dass der Meeresspiegelanstieg zu einer generellen Versalzung und Verschlechterung der Grundwasserqualität führe, heißt es. In den Marschgebieten allerdings könne es die Versalzung in Küstennähe begünstigen, wenn dort noch mehr entwässert werden müsse. Das macht man, um in diesen Gebieten Landwirtschaft zu betreiben oder Tiere zu halten.

Was es in der Marsch aber in der Regel kaum gibt, sind Trinkwasserbrunnen. Das ist der Weitsicht der örtlichen Wasserwerke zu verdanken, sagt Hydrogeologe Houben: „Damals, in den 50er Jahren, hat man die weise Entscheidung getroffen, die Wasserversorgung so ein bisschen von der Küste wegzunehmen. Das heißt also, Sie werden fast kein Wasserwerk finden, das direkt an der Küste steht. Die sind alle ein bisschen landeinwärts gerückt, teilweise auch den Hügel hoch – auf die Geest.“ Anders sei das auf den Inseln, so Houben. “Da muss man nehmen, was man hat.“ (Wie dort das Trinkwasser entsteht, hat er hier in der Sendung mit der Maus erklärt.) Auch Müller-Petke verweist bei der Frage nach dem Trinkwasser auf die Situation der Inseln. Auf Borkum und Spiekeroog etwa haben die Forschenden Monitoring-Systeme installiert, die den Salzgehalt kontinuierlich überwachen. „Es ist auch ein Trinkwasserproblem, wenn wir an die Küstenstädte denken. In Bremerhaven gibt es auch ganz explizit Versalzungsproblematiken für die Trinkwassergewinnung. Hamburg ist ein ähnliches Beispiel.“ 

Sonderfall Ostsee: Versalzung durch zu wenig Grundwasser

Aber warum sprechen wir eigentlich bisher nur von der Nordsee? Denn natürlich hat die Ostsee einen deutlich niedrigeren Salzgehalt (circa ein Prozent im Vergleich zu 3,5 Prozent in der Nordsee), die grundsätzliche Problematik kennt man aber auch hier. „Was wir beobachten, ist, dass in den Trinkwasserentnahmebrunnen entlang der Küste und insbesondere auf den touristisch gut erschlossenen Inseln wie Usedom, Rügen, Darß und so weiter, die Versalzungsindikatoren doch häufiger in den Trinkwasserentnahmen nachweisbar sind“, sagt Gregor Barth vom Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern (LUNG). Aktuell seien die Grundwasserkörper bei Stralsund und auf Usedom aufgrund von Versalzung in einem schlechten Zustand – landesweit eine leichte Verbesserung zur letzten Messung. Doch Schuld hieran ist nicht, dass der Druck durch das Meerwasser steigt, sondern dass der durch das Grundwasser sinkt. Dabei sollte sich die Süß-Salzwasser-Grenze an sensiblen Stellen möglichst wenig verschieben, sagt Barth. „Das Problem ist jetzt, wenn an bestimmten Stellen sehr viel Wasser gefördert wird und sich das sehr konzentriert, dann verschiebt sich diese Grenze in Richtung der Förderbrunnen und es kann also damit sein, dass man sich Salzwasser in diese geförderten Grundwasserreservoire hineinholt.“ Nicht wenige Standorte an der Küste mussten deshalb bereits aufgegeben werden, so Barth. 

Der Meeresspiegelanstieg spiele dagegen an der Ostsee kaum eine Rolle. Denn der werde hier wieder ausgeglichen durch die postglaziale Hebung der Landmasse, erklärt der Experte. „Das bedeutet, die eiszeitlichen Gletschermassen haben damals auf die Landmasse gedrückt. Die sind längst weggeschmolzen und jetzt hebt sich das Land wieder nach oben. Da gibt es also eine Ausgleichsbewegung von ungefähr einem halben bis einem Millimeter pro Jahr und das gleicht sich sozusagen mehr oder weniger aus.“ An Mecklenburg-Vorpommerns Küste sei es vielmehr der Tourismus, der die Grundwasserspeicher unter Druck setze, denn der Prozess der Grundwasserneubildung hänge dem Bedarf hinterher. Deshalb arbeiten die Wasserwerke vor Ort an Lösungen, erläutert Barth. Unter anderem seien sogar Fernleitungen auf die Inseln im Gespräch. 

Eine Frage des Managements

Im Sommer gesellen sich zu den Einheimischen auf der Insel Föhr noch Tausende Besucherinnen und Besucher. Rechte: NDR, Jette Arndt
Und an der Nordsee? „Wir haben einerseits Dürre im Sommer und im Winter erhöhte Niederschläge“, sagt Geophysiker Müller-Petke. „Das heißt, die Gesamtbilanz bleibt eigentlich gleich, aber wir haben eine Verschiebung, welche Wassermengen wann zur Verfügung stehen. Und dann pumpen wir quasi dieses eigentlich wertvolle Winterwasser, was uns helfen würde, im Winter weg“, sagt er mit Blick auf die Entwässerung der Marschgebiete. Deshalb müsse man sich überlegen, ob diese Gebiete langfristig noch entwässert werden sollten oder ob dieser Wasserpuffer nicht gebraucht werde. Außerdem gebe es zunehmend Bestrebungen das Winterwasser langfristig zu speichern, so Müller-Petke. „Wenn wir den Weg nicht gehen würden, dann würde sich das Problem eklatant verschärfen, weil wir einfach damit rechnen müssen, dass wir im Sommer mehr Wasser brauchen, als wir das gewohnt sind.“
An der Küste werden Sie fast kein Wasserwerk finden, das direkt an der Küste steht. Die sind alle ein bisschen landeinwärts gerückt – auf die Geest.
Prof. Dr. Georg Houben
Hark Ketelsen auf Föhr lässt sich indes nicht aus der Ruhe bringen. „Wenn sich in Küstennähe irgendwas dramatisch ändern würde, müsste man reagieren“, sagt er. Bisher hat es zur Hochsaison im Sommer gereicht, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, erzählt Ketelsen: „Es gibt hier auf Föhr noch relativ viel Landwirtschaft und der eine oder andere Landwirt beregnet seine Kartoffelfelder. Und da kann man schon mal anrufen und sagen: Mensch, unser Wasserbehälter ist gerade relativ leer. Kannst du das vielleicht noch mal ein zwei Tage schieben oder so?“
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👋 Zum Schluss

An dieser Stelle gilt es noch ein Versprechen einzulösen: Ich habe heute nämlich eine Einladung dabei! Es geht nicht an die Küste, sondern mitten rein ins Land: nach Thale im schönen Harz! Am Sonntag, den 21. Juni nämlich widmet sich die ARD Klimaredaktion gemeinsam mit Unterstützung aus dem MDR bei einem Publikumsdialog dem Thema Wald. Unter anderem wird unser Podcast-Kollege Arne Schulz zwei absolute Wald-Experten zur Live-Aufzeichnung des ARD Klima Updates für die Ohren begrüßen. Außerdem gibt es Ausschnitte aus mehreren Wald-Dokus zu sehen. Und nicht zuletzt wird die Veranstaltung noch vom MDR-Sinfonieorchester begleitet. Das Kommen lohnt sich! 

Also Stift raus und Termin notiert: 21. Juni ab 11 Uhr an der Walpurgishalle unterhalb des Hexentanzplatzes in Thale. Und das Ganze ist natürlich kostenfrei, das ist ja klar. Hier finden Sie alle Infos kompakt zusammengefasst.

Wir lesen uns indes mit diesem kleinen feinen Newsletter wieder wie gewohnt am kommenden Freitag. Haben Sie ein schönes Wochenende!

Die besten Grüße
Kristin Kielon

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Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt der ARD‑Klimaredaktion unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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