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#247
vom 5. Juni 2026

Erneuerbare Erneuerbare: Grüner Strom bald ohne Gewissensbisse

von Florian Zinner
Hallöchen.

Es war so vor einem Jahr, als ich eine schöne Tomatenpflanze hatte, eine von den selteneren Sorten, deren intensiver Geschmack meinen Sommer schmücken sollte. Zur großen Erbitterung brach der schlankgewachsene Stängel schon bald in die Horizontale und ich versuchte mein Glück, es mit Klebeband wieder zu richten. Den Rest können Sie sich vorstellen und leider ist das auch alles, was ich zum Thema Reparatur in luftiger Höhe beizutragen habe.

Bei der Reparatur von Windradflügeln wird ohne Klebeband gearbeitet, die Erfolgsaussichten sind demnach besser. Aufwändig und nicht ganz optimal bleibt es trotzdem. Die Aerodynamik leidet, vor allem, wenn Reparatur auf Reparatur folgt und die Anlagen bleiben recht lange außer Betrieb. Das könnte besser gehen, denken sich Forschende aus Deutschland. Und ich denke mir so: Wieso kommt da erst jetzt jemand drauf?

Nachdem Ihnen also der Kollege Haug vergangene Woche die neue Art des Recyclings im Kleinen nähergebracht und die Bundesregierung nun den Aktionsplan für mehr Kreislaufwirtschaft beschlossen hat, widmen wir uns diese Woche dem Reparieren und Recyceln eines wachsenden Bergs an Sondermüll, der mit einer florierenden Energiewende einhergeht.

MOMENT DER WOCHE

Energiewende ohne neue Gaskraftwerke: Dafür haben 2.000 Menschen im westfälischen Hamm am Rande des Ruhrgebiets ein sprichwörtliches Zeichen gesetzt. Zum Abschluss einer Demonstration stellten sie sich auf einer früheren Bergbau-Halde so auf, dass ein Windrad mit drehenden Flügeln erkennbar war. Rechte: picture alliance/dpa, Bernd Thissen

Wind- und Sonnenenergie haben womöglich bald kein Müllproblem mehr

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Es ist ja nicht so, dass sich Justus von Freeden die große Werkshalle mit anderen teilen muss. Er darf. In der Wolfsburger Open Hybrid Lab Factory gehört das zum Konzept. Hier tummeln sich Hochschulen, Forschungsinstitute, Industriebetriebe – und eben die Außenstelle des Chemnitzer Fraunhofer IWU, an dessen Fertigungsstraße Justus von Freeden jetzt langmarschiert. „Wir haben hier eine Anlage für thermoplastische Faserkunststoffverbunde, in der wir die Fasern und den Kunststoff zusammenbringen.“ Für Laien sind es vor allem Maschinen mit großen dicken Walzen drin.

Davor steht ein Demonstrationsobjekt, das aussieht wie ein gestutzter Flugzeugflügel. Na fast: Es ist der Ausschnitt des Rotorblatts eines Windrads. Zumindest so, wie sich das die Forschenden am IWU für die Zukunft vorstellen. „Unser Konzept basiert darauf, dass wir die klassische Bauweise eines Windrotorblattes einfach erstmal über Bord geworfen und versucht haben, komplett neu zu denken“, erklärt von Freeden.

Windräder sind nicht umweltschädlich, könnten aber durchaus nachhaltiger sein

Warum das überhaupt notwendig ist? Nun, es wäre falsch zu sagen, dass Windräder ein Frevel an der Umwelt sind, dafür liefern Windkraftanlagen einfach zu viele Jahre saubere Energie. Die Flügel sind allerdings nicht gerade die Spitze nachhaltiger Eleganz. Der verklebte, glasfaserhaltige Kunststoff ist irgendwann Sondermüll mit strengen Entsorgungsauflagen. Und zwar spätestens dann, wenn die Vorderkante des Blatts – also das, was auch bei einem Flugzeugflügel vorne ist – durch Wind und Wetter abgenutzt wurde und das Rotorblatt zum Wohle von Wirkungsgrad und Sicherheit ersetzt werden muss.
Mann im Bart, kürzeren Haaren und gestreiften Hemd steht in einer Industrieumgebung neben einem Modell mit dem Schriftzug „RECREATE“.
Justus von Freeden Rechte: MDR
„Es ist nicht nur ein ökologisches Problem, es ist auch ein ökonomisches“, erklärt Justus von Freeden. „Aktuell werden diese Windrotorblätter am Ende erstmal zerkleinert und dann entsprechend Sondermüllverbrennungsanlagen oder der Zementindustrie zugeführt.“ Und weil das Material so schön komplex ist, lasse man sich die Verbrennung auch gut bezahlen. Sinnvoll ist sie ohnehin nicht.

Finden auch die Fraunhofer-Forschenden und haben einen Flügel entwickelt, der sich reparieren statt entsorgen lässt. „Die Haupttechnologie, die wir eingebracht haben, sind lösbare Klebverbindungen.“ Kleber, der sich durch gezieltes Erhitzen ablösen lässt, erlaube ganz neue, modulare Bauweisen. So könne die stark beanspruchte Vorderkante bei Verschleiß einfach ersetzt werden. Die Idee klingt so einfach, dass man sich fragt, warum sie nicht seit Anbeginn der Windkraft im Einsatz ist.

Reparierbar. Recycelbar. Wunderbar.

„In der Mitte ist ein Holm, der ist aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff. Dann haben wir diese Rippenstrukturen. Das ist quasi wirklich wie so ein Sandwich-Toast, kann man sich vorstellen.“ Ein Sandwich mit Schaum, das aus alten Windradflügeln herausgeschnitten wurde – das Upcycling haben die Forschenden also gleich mitgedacht. Und dadurch, dass hier nicht alles bis in alle Ewigkeit verpappt ist, sondern der Leim sich wieder lösen lässt, kann das Rotorblatt auch anständig recycelt werden, wenn es irgendwann dann doch mal ausgedient hat.
Modular erneuerbar: Der Ausschnitt des Windradflügels hat eine austauschbare Vorderkante (grau). Rechte: Agentur/Name
Gutes Stichwort. Mit dem Recycling der Energiewende kennt man sich siebzig Kilometer südöstlich bestens aus. Im Magdeburger Industriehafen hat das schon oft mit Bienchen bedachte Start-up Solar Materials erst im Frühjahr 2025 seine neue Recyclinglinie eröffnet und damit die Recyclingkapazitäten mehr als verdreifacht – auf 10.000 Tonnen ausgedienter Solarmodule pro Jahr. „Man sieht jetzt, das ist das Schöne, dass sich die Module zwar stapeln, aber man sieht auch, wie schnell die Stapel abgebaut werden“, berichtet Hannah Buers von Solar Materials.
Das Schöne ist, dass sich die Module zwar stapeln, aber man sieht, wie schnell die Stapel abgebaut werden
Hannah Buers, Solar Materials
Die Stapel abzubauen könnte bedeuten, die Module zu schreddern und dann zu versuchen, das Granulat in unterschiedlichen Töpfchen zu sortieren: Alu, Glas, Kupfer – und vor allem Silizium und Silber. Man kann sich aber auch gleich Mühe geben, und das ist das die Art und Weise, wie Solar Materials es tut. Die Trennung der einzelnen Rohstoffe, sozusagen ein Rückbau des Moduls, erfolgt hier vor dem Zerkleinern. Dadurch sind die recycelten Rohstoffe besonders rein.

Solarboom macht Silberboom

Ein gutes Fünftel der weltweiten Silbernachfrage geht auf Photovoltaik zurück. Der Silberpreis hat in den vergangenen Jahren zudem regelrechte Sprünge verzeichnet, da muss man also nur noch eins und eins zusammenzählen. Bei dieser Additionsübung legt die Uni Gent noch einen drauf: Forschende gehen dort davon aus, dass die PV-getriebene Silbernachfrage bis 2030 das tatsächliche Angebot auf dem Planeten übersteigen könnte. Recycling im großen Maßstab ist also keine Wohlfühlmaßnahme, sondern Teil einer erfolgreichen Energiewende.
Diagramm mit gelber Kurve, die den globalen Durchschnittspreis für eine Feinunze Silber von 1990 bis 2024 darstellt; deutlicher Anstieg während des ersten „Solarboom“ um 2010, leichte Schwankung in den 2010er Jahren und steiler Anstieg zu einem Spitzenwert 2024. Verzierung durch Emoji einer Silbermedaille und einer Elster, die auf der Kurve sitzt.
Den großen Berg an ausgedienten Solarmodulen erwartet Solar Materials in fünf bis zehn Jahren. Der erste große PV-Boom ist dann zwanzig bis 25 Jahre her, was der erwarteten Lebensdauer eines Panels entspricht und der Grund sein könnte, warum das Unternehmen mittlerweile international gefragt ist: „Das merkt man schon gerade von allen Seiten, also den Solarparks, aber auch den jeweiligen Regierungen, um dann auch wirklich rechtzeitig vorbereitet zu sein und auch schon die Logistik, die Regelungen und so alles geklärt zu haben“, erklärt Hannah Buers.

Solar-Recycling 2.0, reparierbares Windrad 1.0

Entspannt die Füße hochlegen möchte man in Magdeburg trotzdem nicht, es scheint eher so, als hätten die Recyclingpioniere noch einen Zahn zugelegt. Bis Ende des Jahres wolle man auf hundert Mitarbeitende wachsen, sagt Buers, das wäre mehr als eine Verdreifachung in zwei Jahren. Im sonnenenergiereichen Italien ist nun der erste Auslandsstandort geplant. In der Entwicklungsabteilung habe man zudem schon das Recycling der nächsten Solarmodul-Technik im Blick – hocheffiziente Perowskit-Zellen –, witzigerweise noch bevor die überhaupt den Markt erobert haben. Und mit Partnern aus der Forschung arbeite man derzeit daran, die Kunststoffe eines Moduls einem besseren Schicksal als der Verbrennung zuzuführen. Als Fahrradüberdachungen zum Beispiel, womit sich Energie- und Mobilitätswende auf eher unkonventionelle Art die Hand schütteln dürfen.

Das reparierbare und gut recycelbare Windrad-Rotorblatt der Forschenden aus Wolfsburg muss sich erst noch am Markt beweisen, ja überhaupt erstmal in Gänze gebaut werden. „Wir haben eine hohe Automatisierbarkeit, wir haben relativ geringe Werkzeugkosten in dem Bereich“, das verspricht laut Justus von Freeden eine gute Machbarkeit. „Sowas funktioniert aber natürlich nur, wenn man die entsprechenden Stückzahlen dann auch fertigen kann.“ Was von der Nachfrage abhängt. Stimmt sie, wäre also auch eine kostengünstige Fertigung in Europa möglich, statt der heute üblichen und mit viel Handarbeit verbundenen Produktion in Asien. Die Energiewende, sie hat eben auch ihre geopolitischen Knackpunkte jenseits der Straße von Hormus.
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👋 Zum Schluss

Bevor Sie jetzt per E-Mail Ihr Mitgefühl bekunden: Ja, im Grunde weiß ich, dass Bambusstöckchen Tomatenpflanzen vorm Abknicken schützen können. Aber wo wir grad in der Saison sind: Oben haben wir Ihnen Ratschläge zum klimafreundlichen Gärtnern verlinkt. Aber vielleicht haben Sie ja auch ganz eigene Ideen auf dem Zettel zum Thema Biodiversitäts- und Klimaschutz auf dem Balkon und im Garten?

Lassen Sie uns davon hören! Vielleicht ist ja die eine oder andere verrückte Sache dabei, die bald ein ganzes ARD Klima-Update füllt.

Passen Sie auf sich und die Welt auf. Und ihre Tomaten. Herzlich
Florian Zinner

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