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#246
vom 29. Mai 2026

Zu gut zum Wegwerfen: Wie Entsorger ins Upcycling einsteigen

von Clemens Haug

Hallo miteinander,

neulich ist mir etwas passiert, was perfekt zu Goethes berühmten Versen passt: "Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah." Ich war Anfang März für eine Konferenz in Oulu. Die finnische Großstadt an der Ostsee ist dieses Jahr Kulturhauptstadt Europas und für Klimajournalisten gleich aus mehreren Gründen spannend. Einerseits hat sie ein extrem gut ausgebautes Netz von Fahrradwegen, das auch im finnischen Winter (Schnee von November bis März, Temperaturen bis -30 Grad Celsius) durchgehend befahrbar gehalten wird. (Die Kollegen vom NDR haben eine sehr sehenswerte Doku darüber gemacht).

Außerdem legt Oulu großen Wert auf Re-Use, Recycling und Müllvermeidung – was ja einer der Schlüssel zur Reduktion von Klimaemissionen ist. Im Zentrum gibt es einige sehr beliebte Second-Hand-Läden, die aber im Grunde dem allgemein bekannten Geschäftsmodell folgen. Innovativer fand ich das kommunale Entsorgungsunternehmen, das neben der Müllabfuhr auch den Recyclinghof "Likke" betreibt. Likke verkauft Kleidung, Möbel und alle Arten von Dingen, die Menschen loswerden wollen, die aber noch nutzbar sind. Obendrein verleiht der Recyclinghof gespendete Sportartikel wie alte Langlaufski, damit man neue Sportarten ausprobieren kann, bevor man sich neues Equipment kauft.

Auf Nachfrage erfuhr ich, dass Oulu das Konzept 2015 etabliert hat und damit Vorreiter in Finnland war. Zurück in Deutschland habe ich meinen Kollegen davon erzählt, woraufhin einer sagte: "Da brauchst du aber gar nicht nach Finnland zu fahren, das gibt es in Berlin auch. Dort heißt das NochMall." Also habe ich bei der "NochMall" angerufen und da erfahren, dass es ähnliche Projekte auch in Hamburg, München und sogar Leipzig gibt. Scheinbar überall gehen kommunale Entsorger gerade neue Wege in Richtung Re-Use und Upcycling – und darum wird es in diesem Update gehen.

MOMENT DER WOCHE

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Das zweite Leben des Mülls – warum Entsorger ins Upcycling einsteigen

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Ursprünglich wollte die Berliner Stadtreinigung keinen eigenen Secondhand-Markt eröffnen, sagt Christoph Ingelmann. Sondern: die guten Dinge von den Recyclinghöfen retten und den schon bestehenden Sozialkaufhäusern anbieten. „Die konnten aber diese Massen gar nicht handeln, weder von der Menge her noch von der Logistik”, sagt er.

Ingelmann ist seit November Geschäftsführer der „NochMall”, einem Tochterunternehmen der Berliner Stadtreinigung. Seit 2020 werden in einem ehemaligen Baumarkt im Stadtteil Reinickendorf auf 2.500 Quadratmetern Gebrauchtwaren angeboten: Bücher, Schallplatten, Geschirr und Kunst, Möbel und Elektrogeräte.

550 Tonnen Umsatz: Ein Tropfen auf den heißen Stein

Trotz des bunt gemischten Warensortiments wirkt der Markt aufgeräumt und gut sortiert. An einem gewöhnlichen Mittwochmorgen strömen zahlreiche Kunden bereits um kurz nach 10 Uhr morgens durch die hell erleuchteten Verkaufsflächen.

400.000 zahlende Besucher hatte die NochMall vergangenes Jahr, im Schnitt zwischen 8.000 und 10.000 pro Woche. Rund 550 Tonnen Gebrauchtwaren gingen dabei über die Theke. Gemessen am Gesamtvolumen, das an den Berliner Recyclinghöfen ankommt, sei das allerdings „ein Tropfen auf den heißen Stein, das muss man ganz klar sagen”, sagt Ingelmann. Im vergangenen Jahr waren das über 141.000 Tonnen. „Aber es ist ein Startpunkt!”

Stöbern in alten Bildern: Die Kunstecke der NochMall. Rechte: Haug

Die Waren stammen zu 60 Prozent von der hauseigenen Annahmestelle hinter dem Markt. Hier können die Berliner die Dinge vorbeibringen, von denen sie sich einerseits trennen wollen, andererseits aber glauben, dass sie zum Wegwerfen zu schade sind. Die übrigen 40 Prozent stammen von vier weiteren Recyclinghöfen, an denen die „Spenden" abgegeben werden können.

Nicht alles, was abgegeben wird, landet auch im Verkauf. Ein knappes Drittel gibt die Stadtreinigung an andere Secondhand-Verwerter weiter, vor allem Kleidung oder Bücher. Beim zweiten Drittel lässt der Zustand der Sachen meist nur noch die Entsorgung zu.

Recyclinghof light: Annahmestelle der NochMall. Rechte: Haug

Das letzte Drittel hingegen finde in der NochMall zu 95 Prozent neue Eigentümer, sagt Ingelmann. Denn der Zustand von vielem, was Menschen auf den Müll werfen wollten, sei erstaunlich hochwertig. „Es gibt Kanzleien, die irgendwann mal ihr Mobiliar wechseln, auf dem gefühlt noch niemand gesessen hat”, sagt er. „Da sagen wir: Lasst uns das zukommen, hier findet es definitiv Abnehmer.” Ein anderes Beispiel sind Sofas, die neu mal 10.000 bis 20.000 Euro gekostet haben, „unfassbar hochwertige Unikate, die hier im Verkauf noch Preise von 1.000 oder 2.000 Euro bringen.”

Vor seinem Start in der NochMall hat Ingelmann bei der Schwarz-Gruppe gearbeitet. Die betreibt unter anderem die Supermarktketten Lidl und Kaufland. Die Stadtreinigung hat ihn abgeworben, damit er seine Einzelhandelsexpertise einbringt und die NochMall zur gemeinnützigen schwarzen Null führt. Das heißt: Der Markt soll seine eigenen Kosten erwirtschaften. Und Ingelmann ist optimistisch, dass das im kommenden Jahr gelingt.

Auch bei den Wegweisern achtet die NochMall auf Wiederverwertbarkeit. Rechte: Haug

Schon jetzt arbeiten hier 45 Menschen, die nach Einzelhandelstarif entlohnt werden. Daneben bietet die NochMall Bildung zum Thema ReUse an: Repair-Cafés, Upcycling-Workshops und mehr. Denn die Aufgabe lautet nicht nur, gut erhaltene Dinge wieder in den Umlauf zu bringen. Das Projekt soll das gesellschaftliche Mindset ändern. Bei ihm selbst sei das bereits gelungen, sagt Ingelmann. Denn ursprünglich hat es selbst keine Secondhand-Waren gekauft, doch das habe sich geändert, seit er hier arbeitet. „Ich war erschrocken, was wir hier für wertige Artikel haben, die die Leute weggeschmissen hätten.”

Designer-Upcycling statt Second Hand

Das gesellschaftliche Mindset ändern ist auch das Ziel beim "Wiederschön", dem Konzeptladen der Leipziger Stadtreinigung. Doch das Projekt unterscheidet sich gründlich von dem der NochMall: Hier erinnert fast nichts mehr an den manchmal etwas ramschigen Charme von Secondhand. Stattdessen stehen hochwertige Designerstücke im Vordergrund, bei denen man mitunter erst auf den zweiten Blick bemerkt, dass es sich um Upcycling handelt.

Der Laden liegt im ersten Stock in den Höfen am Brühl, einer innerstädtischen Einkaufsmall mit dunkel vertäfelten Arkaden, Springbrunnen und vielen Marken-Shops. Optisch fügen sich die 500 Quadratmeter Verkaufsfläche hervorragend ein: Eine hölzerne Decke verläuft diagonal durch den Laden und hebt sich organisch von den schwarzen Wänden ab, am Boden führen orangene Flächen die Blicke zu den Verkaufsinseln.
Mir war es extrem wichtig, zu zeigen, was alles möglich ist
Alina Groehn, Projektleiterin Wiederschön

Es gibt Wachs­skulpturen und Kerzen, die eine Künstlerin aus alten Kerzenresten herstellt. Das Upcycling-Modelabel „War mal deins" schneidert neue Designer-Mode aus alter, beschädigter Kleidung. Beim Start-up „Glashaus 3D“ stellen Absolventen der Uni Leipzig neue Gegenstände aus recyceltem Kunststoff her. Und hinter babudaya verbirgt sich Schmuck, dessen Grundlage abgeplatzte Farbschichten aus Graffiti sind.

Fast alles hier könnte so auch die Auslagen der beliebten Leipziger Kreativ-Weihnachtsmärkte bevölkern.

Alina Groehn im Konzeptladen „Wiederschön” in Leipzig. Rechte: Haug
„Mir war es extrem wichtig, zu zeigen, was alles möglich ist”, sagt Projektleiterin Alina Groehn. Reines Secondhand sei ja längst etabliert. „Aber dass man auch aus angeschlagenen Dingen etwas Tolles machen kann, das zeigen die Kreativen hier.”

Im Konzeptladen kooperiert die Stadtreinigung mit insgesamt 26 Künstlerinnen, Künstlern oder kleinen Start-ups. Die einzelnen Labels sind Untermieter des Ladens. Zusammen teilt man sich die Schichten an der Kasse, bei der Spendenannahme und bei der Abrechnung auf. Der kommunale Entsorger stellt den organisatorischen Rahmen und hat zu Beginn die Fördermittel für den Anschub beantragt. „Ohne die Kreativen hätten wir es nicht geschafft, eine gute Marke aufzubauen”, sagt Groehn.

Upcycling als Bildungsauftrag: Wieder schön machen kann man auch selbst

Klare Zielgruppe sei die Mitte der Gesellschaft, sagt die Projektleiterin. „Wir wollen leicht zugänglich sein und ein niederschwelliges Angebot für alle schaffen, sich dem Thema Müllvermeidung zu nähern.” So will Leipzig bis 2030 das Volumen seiner Abfallberge um 10 Prozent reduzieren.

Hier soll das vor allem über das Bewusstsein der Menschen erreicht werden – indem Upcycling-Workshops vermitteln, wie man selbst aus alten Dingen neue herstellt. Oder wie man Defektes beim Repair-Café-Tag jeden Donnerstag repariert. Aber natürlich können Besucher auch alte Dinge spenden – und im Wiederschön neben Designerstücken auch gebrauchtes Geschirr oder gebrauchte Kleidung kaufen. Weil Möbel im Kaufhaus nicht gut laufen, hat die Stadtreinigung daneben einen Online-Verschenkemarkt etabliert.

Kommunales Upcycling:
Berlin: NochMall
Hamburg: Stilbruch
München: Halle 2
Leipzig: Wiederschön
Leipzig und Berlin, daneben auch das Hamburger Projekt „Stilbruch” oder die Münchner „Halle 2”, machen gerade Schule: Unter anderem Nürnberg, Frankfurt, Halle, Dresden und Magdeburg bauen eigene Projekte auf. Kommunale Entsorger können nicht nur wegwerfen, sondern alten Dingen auch ein zweites Leben einhauchen.
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👋 Zum Schluss

Nachdem mein Interview im „Wiederschön“ vorbei war, bin ich dann direkt auf die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk gegangen – und wurde innerhalb kürzester Zeit fündig. Ich glaube, ich bin Fan des Ladens.

Und nun etwas Wasser für den Wein: Ich befürchte, dass die Projekte an einem Grundproblem des Kapitalismus nichts ändern. Ich glaube nämlich nicht, dass wir in Waren ertrinken, weil wir als Menschheit grundsätzlich gierig wären. Sondern: Das Problem sind die Spielregeln, nach denen unsere Wirtschaft funktioniert.

Ganz krass vereinfacht gesagt: Unternehmen müssen sich konstant optimieren, um im Geschäft zu bleiben. Immer weniger Personal muss also mehr produzieren. Die entlassenen Arbeitnehmer müssen an anderer Stelle ebenfalls mehr herstellen – weil sie das Einkommen brauchen, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Hartmut Rosa hat diese Dynamik wunderbar in "Beschleunigung" beschrieben – nur im ständigen dynamischen Wachstum kann sich die derzeitige Gesellschaft stabilisieren.

Was man hier unternehmen könnte, muss aber Thema einer anderen Ausgabe unseres Newsletters werden. Falls Sie Ideen haben, schreiben Sie mir doch gerne!

Herzliche Grüße
Clemens Haug

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