Darstellungsprobleme? Im Browser ist's netter.
#245
vom 22. Mai 2026

Neues Gesetz: Warum die Wärmewende verdammt kniffelig ist

von Inka Zimmermann

Liebe Lesende,

„Ein Waschlappen reicht überall hin“ – titelt die Leipziger Volkszeitung anlässlich einer mittelschweren Krise, die die Stadt ab Ende Mai erreicht. 7.500 Menschen werden eine Woche ohne warmes Wasser sein, weil die Leipziger Stadtwerke am Fernwärmenetz bauen. Auch Freunde und Kolleginnen sind betroffen. Wie man nun eine Woche ohne Duschen überbrücken könne, ist das Smalltalk-Thema der Stunde.

Fürs Klima ist es gut, dass das Fernwärmenetz ausgebaut wird. Denn für viele Haushalte, gerade in den Städten, dürfte Fernwärme die beste Option für eine emissionsfreie Wärmeversorgung sein. Nun hat das neue Gebäudemodernisierungsgesetz die Karten aber wieder neu gemischt. Viele Haushalte könnten nun noch bis weit in die Zukunft über das Gasnetz versorgt werden. Eine turbulente Situation für die Energieversorger. Wie sie damit umgehen, erfahren Sie diese Woche.

MOMENT DER WOCHE

Händler verkaufen lokal angebaute Palmfrüchte auf einem Großmarkt in Chittagong, Bangladesch. Traditionelle Palmen wie die Palmyrapalme sind in Südindien eine zentrale Ernährungsquelle, leiden aber unter Hitzewellen und unregelmäßigen Regenfällen, die im Zuge des Klimawandels zunehmen. Rechte: imago/ZUMA. 

Immer wieder Ärger mit der Heizung 

Wiedergabe-Button

Das Thema der Woche gibt’s zum Hören direkt hier oder in den Radiowellen der ARD. ❯ Alle Themen

Heizen mit Wärmepumpe, Heizen mit Gas, Heizen mit Fernwärme: Wie genau Deutschlands Gebäude in den kommenden Jahrzehnten mit Wärme versorgt werden sollen, ist Gegenstand einer politischen Diskussion, die sich immer wieder verändert. Eine Heizung hält 15 bis 25 Jahre. Wenn Deutschland 2045 klimaneutral sein will, müssten dafür demnach schon zeitnah die nötigen Maßnahmen getroffen werden.

Ein Problem ist das auch für diejenigen, die nicht nur ihre eigene Wärmeversorgung planen müssen, sondern gleich die Versorgung einer ganzen Stadt. Kay Lehmann ist Geschäftsführer der Stadtwerke Delitzsch in Sachsen. 2024 hat er in eine neue Solarthermie-Anlage für Fernwärme investiert, 5,85 Millionen Euro hat sie gekostet. Man habe sich damals darauf eingestellt, sukzessive bis 2045 in der Fernwärme grün zu werden, erklärt Lehmann. Seit dem Regierungswechsel im vergangenen Jahr seien seine Kunden mit Gas- oder Ölheizung aber zurückhaltender geworden, was Investitionen in regenerative Energieanlagen angehe: „Wir haben gemerkt, dass Kunden, die ihre Gastherme austauschen wollten, diese erst einmal weiter betreiben. Vereinzelt haben Kunden auch schon neue Gasthermen eingebaut.“

Das GMG stellt Strategien infrage 

Nun müsse er viele Überlegungen für die Wärmetransformation erneut auf den Prüfstand stellen. Alles, was man bisher als Voraussetzung angenommen habe, sei durch das neue Gebäudemodernisierungsgesetz vergangene Woche quasi vom Tisch gewischt worden, erzählt Lehmann. Das Gesetz wurde am 13. Mai im Kabinett beschlossen, im November soll es in Kraft treten. Bislang sieht das Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) vor, dass neue Gas- und Ölheizungen künftig doch wieder leichter eingebaut werden können – aber sie sollen schrittweise mit klimaneutralen Brennstoffen betrieben werden.  

„Bisher war in vielen innerstädtischen Gebieten klar: Die Optionen sind Wärmepumpe oder Fernwärme. Jetzt kommt die Gasheizung als vermeintlich einfache Lösung wieder stärker ins Spiel“, erklärt Markus Fritz, Leiter des Geschäftsfeldes Klimaneutrale Gebäude am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI. Das ist ein Problem für Energieversorger und Stadtwerke, die sich eigentlich darauf eingestellt hatten, ihre Fernwärme-Netze auszubauen und eine Vielzahl von Haushalten über diese Netze mit klimafreundlicher Wärme zu versorgen.

Fernwärme klappt nur, wenn alle mitmachen 

Denn Fernwärme ist eine kollektive Lösung: Sie lohnt sich erst dann, wenn möglichst viele Haushalte in einem Gebiet mitmachen. „Das bedeutet, jede Eigentümergemeinschaft und jede Wohnungsgesellschaft muss für sich eine Entscheidung treffen“, erklärt Hartwig Kalhöfer, Chefstratege der Leipziger Stadtwerke. Auch Kalhöfer plant, das Fernwärmenetz auszubauen. Allerdings braucht es dafür zuerst eine Zusage der Gebäudeeigentümer.

Viele dieser Eigentümer zögern aktuell. „Weil eben eine Verunsicherung da ist. Viele Leute wissen nicht, ob sie tatsächlich zur Fernwärme wechseln wollen, weil das Gebäudemodernisierungsgesetz aktuell suggeriert, Gas kann ich noch ewig nutzen“, so der Stadtwerke-Planer. Für die Stadtwerke und andere Energieversorger ergibt sich daraus eine schwierige Situation: Sie müssen die Wärmeversorgung der Zukunft planen, treffen dabei aber auf Gebäudebesitzer, die erst einmal abwarten.

70 Prozent Auslastung brauche es mindestens, damit sich ein Fernwärmenetz für die Leipziger Stadtwerke lohne, sagt Hartwig Kalhöfer. „Wenn wir genug Unterschriften haben, dauert es nochmal fünf Jahre, bis jedes Gebäude einen Fernwärmeanschluss hat.“ Dabei entsteht aber auch eine Art Henne-Ei-Problem: Wenn in den kommenden vier Jahren ein Heizungstausch ansteht, kommt Fernwärme in einigen Gebieten nicht infrage, weil sie schlicht noch nicht vorhanden ist. Für viele Gebäude in Leipzig mit seinen historischen Gründerzeit-Bauten kommt eine Wärmepumpe auch nicht infrage, weil der Platz fehlt. Bleibt: eine neue Gasheizung, die dann vermutlich bis 2050 in Betrieb wäre. „Wenn individuelle Lösungen erst einmal eingebaut sind, dann bleiben sie. Die werden nicht nach fünf oder zehn Jahren wieder rausgerissen, um Fernwärme anzuschließen“, sagt Gebäudeenergieexperte Markus Fritz.

Gasheizungen werden so oder so teuer 

Dazu kommt, dass eine Gasheizung in den kommenden zehn Jahren mit den Regelungen im Gebäudemodernisierungsgesetz wirtschaftlich sinnvoll bleiben könnte. Fritz erklärt: „Die Biogastreppen starten 2029 mit 10 Prozent und 2030 mit 15 Prozent. Die CO₂-Kosten sind dann noch nicht so hoch, die Netzentgelte ein relevanter, aber überschaubarer Anteil. Das verleitet dazu, noch zehn Jahre zu warten und erst 2035 zu überlegen, was man macht.“

So lange abzuwarten, könnte für Vermieter allerdings drastische finanzielle Folgen haben. Ein entscheidender Punkt im neuen Gesetz: Die Vermieter sollen die Folgekosten fossiler Brennstoffe gemeinsam mit den Mietern bezahlen. Bisher war das anders, Mieter trugen die Kosten meist alleine. Nun sollen die Nebenkosten der Gasheizung zur Hälfte von den Vermietern mitbezahlt werden.

Kostenfalle für Vermieter 

Markus Fritz hat berechnet, welche Kosten für Vermieter einer 70-Quadratmeter-Wohnung im Jahr 2035 zukämen. Er rechnet mit 100 Euro Gesamtkosten für Biogas, Netzentgelte und CO₂-Kosten pro Monat, von denen 50 Euro auf die Vermieter entfielen, also 600 Euro im Jahr. „Wenn man jetzt sagt, ich besitze ein Gebäude mit zehn Parteien, ein Mehrfamilienhaus, dann sind das schon 6.000 Euro im Jahr.“ Für einige Vermieter dürften diese Kosten kaum tragbar sein. Wenn das Gebäudemodernisierungsgesetz im November also tatsächlich mit dieser Regelung in Kraft treten sollte, wäre das eine massive Sanktionierung von Gas- und Ölheizungen in Mietverhältnissen. In Leipzig etwa leben 87 Prozent der Haushalte in einer Mietwohnung.

Gebäudeenergieexperte Fritz befürchtet, dass nicht alle sich des Preisrisikos bewusst sind. Auch zum Erreichen der deutschen Klimaziele werde das neue Gebäudemodernisierungsgesetz weniger stark beitragen, prognostiziert er: „Die Klimawirkung wird auf jeden Fall geringer sein als vorher – das sieht man an den niedrigeren Biotreppe-Vorgaben im Vergleich zum alten Gebäudeenergiegesetz.“

Dieser Zug lässt sich nicht mehr aufhalten
Diplom Wirt.-Ing. Hartwig Kalhöfer, Leipziger Stadtwerke 

Ob das GMG im November tatsächlich in der aktuellen Form in Kraft tritt, bleibt offen. Hartwig Kalhöfer von den Leipziger Stadtwerken betont: An der Energiewende im Gebäudesektor führt jetzt aber ohnehin kein Weg mehr vorbei. „Der Zug in Leipzig hat angefangen zu rollen und bisher sehen wir keinen Grund, uns aufhalten zu lassen. Da kann jedes schlecht gemachte Gesetz um die Ecke kommen, der Zug wird weiter rollen.“

Logo KlimaZeit
DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Der Expertenrat für Klimafragen hat seinen Prüfbericht des Klimaschutzes der Bundesregierung vorgestellt. Wir blicken auf die Ergebnisse und sprechen mit der Vorsitzenden des Expertenrates.

Freitags, 19:45 auf tagesschau24 und jederzeit auf  tagesschau.de

Termine

  • 30.-31.5. — Langer Tag der StadtNatur in Halle, München, Berlin und vielen Großstädten mit vielen Events  (Berlin)
  • 6.-7.6. — Gutes Morgen Festival: Diskutieren und Tanzen für eine lebenswerte Zukunft (Bochum)
  • 16.6. — Input zu Urbanen Kühlinseln, Architekturstudierende der TU Dresden (Dresden) 
📆 Und noch mehr Klima-Termine finden Sie jederzeit hier.

News

Emissionen sinken zu langsam 

Die Treibhausgasemissionen bleiben nahezu gleich hoch, viele Klimaziele dürfte Deutschland 2030 wohl verfehlen. Das zeigen Berechnungen des Expertenrats für Klimafragen. 👉 tagesschau

Klimawandel lässt Sauerstoffgehalt in Flüssen sinken 
Der Klimawandel lässt den Sauerstoffgehalt in über 21.000 Flüssen auf der ganzen Welt sinken. Besonders tropische Flüsse sind betroffen, aber auch Europa muss sich auf Veränderungen einstellen. 
👉 MDR WISSEN
Aus für große Offshore-Projekte? 

Total Energies will seine milliardenschweren Offshore-Windflächen in Nord- und Ostsee offenbar wieder loswerden – und fordert dafür sogar Geld vom Staat zurück. 👉 tagesschau

ARD, ZDF und DRadio

Update Erde: Kriege und Klimawandel 

Eine neue Studie zeigt, wie Extremwetter-Ereignisse Konflikte befeuern. Geheimdienste sehen im Klimawandel die größte Gefahr für die weltweite Sicherheit. 👉 Dlf Nova 

Warum Klimaschutz bei Verkehr und Gebäuden stockt 

Warum der Klimaschutz in diesen beiden Sektoren so schwierig ist, erklärt meine Kollegin Janina Schreiber 👉 tagesschau

Europas Urwälder 

Der slowakische Waldökologe und Naturschützer Martin Mikolas leitet wissenschaftliche Expeditionen in die letzten Urwälder Europas. 👉 ARD Mediathek

👋 Zum Schluss

Vielleicht finde ich die Gebäudeenergiewende auch deshalb spannend, weil sie bei mir zu Hause nicht stattfindet. Ich habe einen alten Gas-Durchlauferhitzer und frage mich Jahr für Jahr, wann sich die Vermieter melden und mir mitteilen, dass eine neue Heizung eingebaut wird. Während meine Nachbarn und Freunde Ende Mai, beim erwähnten Fernwärmeausbau in Leipzig, zum Waschlappen greifen müssen, wird meine Gastherme weiter laufen. Vielleicht biete ich Asyl an. 

Aber wie sieht es bei Ihnen aus? Wohnen Sie zur Miete oder im Eigenheim? Haben Sie einen alten Gasboiler oder ein komplett durchsaniertes Passivhaus mit Wärmepumpe? Schreiben Sie mir gerne an klima@mdr.de. 

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende 
Inka Zimmermann

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt der ARD‑Klimaredaktion unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


Logo des MDR
Kontakt Impressum Datenschutz Abmelden
*