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#243
vom 08. Mai 2026

Klimavorbild Skandinavien: Ist das Gras im Norden grüner?

von Katja Evers
Hallo zusammen,

ich würde diese Woche gerne mit einer Frage an Sie beginnen: Woran denken Sie, wenn Sie an Skandinavien denken? Fjorde, Polarlichter, vielleicht auch Zimtschnecken und IKEA? Und beim Thema Umweltschutz? Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber sicher schwirren ihnen nun Wörter wie "Vorreiter", "Elektromobilität" und "grüner Strom" im Kopf herum.

Ich lebe seit mittlerweile vier Jahren in Norwegen und erlebe immer wieder, wie idealisiert wir Skandinavien in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz wahrnehmen. Das Problem: Wenn das Gras anderswo zu grün wird, sind wir wenig motiviert, selbst auszusäen. Und das obwohl nach meiner Erfahrung nicht alles, was wir im hohen Norden für vorbildlich halten, dem Alltagstest standhält. Wie grün ist das Gras im Norden also wirklich? Und was macht dieser Vergleich mit unserer eigenen Bereitschaft, etwas zu verändern?

MOMENT DER WOCHE

Die "Vegane Fleischerei" gibt es seit Dienstag in Mainz, am Samstag startet sie auch in Frankfurt. Das Franchise bietet pflanzliche Fleischalternativen im Metzger-Stil an und will so unter anderem die Massentierhaltung begrenzen. Rechte: Andreas Arnold/dpa

Wie ein neuer Blick auf das grüne Skandinavien uns helfen kann

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Lassen Sie uns zunächst einmal mit der Theorie einsteigen, um zu verstehen, was der Blick nach Skandinavien mit uns macht: Fremdvergleiche sind nämlich etwas ganz Natürliches, weiß Immo Fritsche, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Leipzig: "Wir brauchen soziale Vergleiche, um zu verstehen, wer wir eigentlich sind und wo wir stehen." Das tun wir, indem wir uns mit anderen vergleichen, die uns ähnlich sind. Wenn es nun um eine Gruppe geht ("Wir Deutsche"), kommt noch eine zweite Ebene dazu: der Vergleich mit Fremdgruppen. Erst durch diese Abgrenzung wird deutlich, wofür die eigene Gruppe eigentlich steht. 

Und das hat Folgen: Vergleichen wir uns mit Ländern, in denen Umweltschutz kaum eine Rolle spielt, wird er leicht zu einem positiven Merkmal unserer eigenen Identität. Der Vergleich stärkt also unser kollektives Selbstbild. Haben wir dagegen den Eindruck, ein anderes Land sei uns in Sachen Klimaschutz deutlich überlegen, kippt dieser Effekt. Dann entsteht das Gefühl, dass Umweltschutz für "uns" offenbar weniger wichtig ist – oder, wie Fritsche es formuliert, dass wir eher "Umweltmuffel" sind. So gesehen tut uns der idealisierte Vergleich mit Skandinavien nicht gut. 

Skandinavien als Maßstab – Chance oder Ausrede?

Ganz verloren ist der Blick nach Norden dennoch nicht. Immo Fritsche sieht zwei Wege, wie der Vergleich wieder motivierend wirken kann.
Zum einen, indem wir uns Bereiche suchen, die "genau unsere Sache“ sind – also Felder, in denen wir selbst besonders wirksam sein können. Zum anderen, indem wir Skandinavien nicht als unerreichbares Ideal betrachten, sondern als realistischen Bezugspunkt. Entscheidend ist dabei das Gefühl: Wir könnten aufholen.

Das hieße auch, den Blick zu weiten – weg von den bekannten Paradebeispielen wie Elektromobilität in Norwegen, Windenergie in Dänemark oder der Wärmewende in Schweden – und hin zu den Bereichen, in denen es auch im hohen Norden noch deutlich hakt.
Zeit also für einen Blick auf das Unkraut im skandinavischen Garten.

Die dunkle Seite von Skandinavien

Auch wenn es Ihnen sicherlich bewusst ist: Skandinavien ist kein einheitlicher Block. Dänemark, Norwegen und Schweden (nein, nicht Finnland) unterscheiden sich geografisch, kulturell und politisch – und damit auch in ihren Nachhaltigkeitsstrategien.

Unbestritten ist: Wenn es um politische Rahmenbedingungen und technologische Lösungen geht, sind die skandinavischen Länder weit vorne. Das bestätigt auch Christian Klöckner, Umweltpsychologe an der Universität Trondheim. Seit mehr als 18 Jahren lebt er in Norwegen und leitet dort eine Forschungsgruppe zu Umweltverhalten und Umweltkommunikation.

Er kennt auch die Kehrseite des grünen Erfolgs. Nachhaltigkeit sei im Alltag vieler Menschen in Norwegen wenig präsent, meint Klöckner. Das zeigt sich etwa an einzeln in Plastik verpacktem Gemüse im Supermarkt oder an der großen Bereitschaft, für private Freizeithütten unberührte Natur zu erschließen. Umgerechnet auf jeden Einzelnen verbauen die Norweger laut Recherchen des norwegischen Rundfunks sogar mehr Fläche als jedes andere europäische Land.
Auch das Forschungsinstitut NordRegio, das dem Nordischen Ministerrat zuarbeitet, sieht eine Diskrepanz zwischen grüner Vorreiterrolle und Alltagsverhalten – und benennt vier zentrale Stellschrauben: Transport, Ernährung, Energieverbrauch im Haushalt und Konsumgüter.

Der nicht ganz so grüne Alltag

Beim Thema Transport ist der sprichwörtliche Elefant im Raum das Fliegen. Und ausgerechnet hier gehört Norwegen zu den problematischsten Fällen. Daten des International Council on Clean Transportation zeigen: Der durchschnittliche Norweger verursacht durch Flugreisen etwa doppelt so viel CO₂ wie Menschen in Deutschland oder Schweden.

Noch deutlicher wird es beim Blick auf Inlandsflüge: Pro Kopf liegen die norwegischen Emissionen laut einer Studie von Forschenden der norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) in Trondheim weltweit auf Platz 3 – hinter den USA und Australien – und damit rund zehnmal so hoch wie in Deutschland. Man mag über die Deutsche Bahn schimpfen, wie man will: In Sachen Schienennetz sind wir deutlich besser aufgestellt als die Skandinavier. 

Auch beim Thema Ernährung sieht Christian Klöckner viel Luft nach oben. Nachhaltige Lebensmittel finden erst langsam einen Platz in den Regalen, Fleisch bleibt in allen skandinavischen Ländern beliebt. Vor allem Dänemark sticht heraus: Laut der Agrarmarkt Informations‑Gesellschaft lag der Pro‑Kopf‑Fleischkonsum dort 2023 bei rund 76 Kilogramm – deutlich mehr als die 51,6 Kilogramm in Deutschland. 

Generell ist der Konsum hoch. Eine aktuelle Studie der Universitäten Syddansk und Cambridge zeigt, dass die Bewohner der nordischen Länder (also nicht nur Skandinavien) durchschnittlich rund 1.100 Kilogramm Kunststoff in Gebrauchsgütern besitzen – ein weltweiter Spitzenwert. Autos, Elektrogeräte und Baumaterialien spielen dabei eine große Rolle.

Letztere sind wortwörtlich eine Baustelle für sich in allen skandinavischen Ländern, meint Christian Klöckner. Denn die meisten Gebäude in Skandinavien seien energetisch ineffizient. Das sei lange Zeit kein Problem gewesen, so Klöckner. Strom war billig und dadurch auch das Heizen. Das aber habe sich nun geändert: "Und das ändert die Diskussion gewaltig."

Doch der Strom wird nicht nur teuer, sondern könnte in Zukunft auch weniger grün werden, prognostiziert der Forscher. Norwegen etwa sei als Produzent nachhaltiger Energie attraktiv als Standort für Rechenzentren. Da gäbe es bereits eine große Nachfrage. Das wiederum setze das etablierte System, bei dem der Großteil des Strombedarfs über regenerative Energie gedeckt werden kann, unter Druck: "Das wird nicht so funktionieren auf lange Sicht", so Klöckner. Auch der Anschluss an den europäischen Strommarkt werde auf Dauer eher für einen weniger grünen Strommix sorgen. 

Und so haben auch die Skandinavier ihr Unkraut zu rupfen – manche mehr, manche weniger. Die Frage ist, wie und wo genau wir hinschauen wollen. 
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👋 Zum Schluss

Skandinavien macht vieles richtig – vor allem dort, wo Politik klare Regeln setzt und technologische Lösungen konsequent umgesetzt werden. Welchen Effekt das für die Wahrnehmung der Gruppennorm hat, haben wir bereits bei einem Klima-Update zur Windkraft in Dänemark thematisiert, das ich Ihnen wärmstens ans Herz legen kann. 

Gleichzeitig zeigt der Alltag, dass auch Selbstzufriedenheit, hoher Konsum und klimaschädliches Verhalten weit verbreitet sind – vor allem in Norwegen. Dass das Land wirtschaftlich bis heute stark vom Öl- und Gasgeschäft geprägt ist, spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, meint Christian Klöckner.
 
Der eigentliche Knackpunkt aber liegt bei uns. Denn wie Immo Fritsche erklärt, entscheidet der Vergleich darüber, ob wir uns motiviert fühlen oder innerlich aussteigen. Machen wir Skandinavien zum perfekten Gegenbild, schwächt das unser eigenes kollektives Selbstbild. Sehen wir es dagegen als Teil eines gemeinsamen europäischen Projekts – mit Stärken und Schwächen –, kann der Vergleich anspornen.

Vielleicht geht es also weniger darum, wessen Rasen am grünsten ist. Sondern darum, den Blick vom Nachbargarten zu lösen und sich zu fragen: Wo können wir konkret wirksam sein – und was ist genau unsere Sache? Denn am Ende wächst auch das grünste Gras nicht von allein.

Und damit viel Spaß bei der Gartenarbeit.

Liebe Grüße
Katja Evers

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Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt der ARD‑Klimaredaktion unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

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