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#242
vom 01. Mai 2026

Wie beeinflusst der Klimawandel den Jetstream?

von Clemens Haug
Hallo zusammen,

seit fast zwei Wochen lacht die Sonne. Deutschland befindet sich unter stabilem Hochdruckeinfluss. Grund dafür ist wieder einmal der Jetstream. Der Höhenwind lenkt Luftmassen und Wolken um die Bundesrepublik herum. Manche Meteorologen sprechen bereits von einer Blockadewetterlage.

Der Jetstream sorgt aber nicht ausschließlich für Trockenheit und Sonnenschein. Befindet man sich auf der anderen Seite des Luftmassenstroms, kann es mitunter lang und heftig regnen. Anomalien des Höhenwinds waren zuletzt bei den meisten Extremereignissen unserer Breiten beteiligt: den Hitze- und Dürresommern 2018, 2019 und 2022, der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021, den Fluten in Portugal und Spanien gerade jetzt im vergangenen Januar, den eisigen Temperaturen im ansonsten subtropischen Florida zur gleichen Zeit.

Was hat das alles mit dem Klimawandel zu tun? Das habe ich nacheinander zwei Klimaforscherinnen, einen Paläoklimaexperten und einen Meteorologen gefragt und mehrere aktuelle Studien gelesen. Und am Ende war nur noch klar, was viele Wissenschaftler über die menschengemachte Erwärmung sagen: dass sie das bisher größte Experiment ist, das unsere Spezies eingegangen ist – Ausgang ungewiss.

MOMENT DER WOCHE

Japans 1.200 Jahre altes Kirschblüten-Archiv hat einen neuen Hüter: Der Forscher Genki Katata setzt die Datenreihe fort. Kirschen reagieren empfindlich auf Temperaturschwankungen. Der Zeitpunkt der Blüte ist daher ein guter Indikator für den Klimawandel. Rechte: Yuichi Yamazaki/Agence France-Presse

Wind mit Haken: Wird der Jetstream schwächer oder stärker?

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Es gibt da diese Seite im Internet, wo man aktuelle Großwetterlagen auf einem virtuellen Erdball sichtbar machen kann. Will man den nördlichen Jetstream sehen, dreht man die Karte, bis die Umrisse Europas in die Bildmitte rücken. Man wählt die Windkarte aus und stellt den Höhenregler auf einen Atmosphärendruck zwischen 500 und 250 Hektopascal. Das entspricht einem Abstand zwischen 5.500 und 10.000 Metern vom Boden.
Eine schematische Weltkugel zeigt Europa, Nordamerika und Asien; geschwungene rote Pfeile verlaufen um den Globus und markieren großräumige Luftströmungen in der Atmosphäre.
Der nördliche Jetstream am 22. April. Quelle: earth.nullschool.net / MDR
Auf dem blauen Planeten erscheinen verschiedene gelb-orange-rote Wirbel und Schlangen mit strömenden Linien. Eines dieser Bänder ist der gesuchte Höhenwind. In den vergangenen Tagen hat der Jetstream über Nordamerika eine deutliche Schlinge nach Süden ausgebildet, ist dann über dem Nordatlantik abgebogen und fast bis zum Polarkreis gezogen, hat kehrtgemacht und seine Luftmassen über Skandinavien bis an die ukrainische Schwarzmeerküste geschickt.

Angetrieben wird dieses Windsystem von den Temperaturunterschieden zwischen dem Äquator und den Polen. Denn in den tropischen Regionen ist die Luft wärmer, dehnt sich aus und drückt die Luftmassen deshalb weg zu den kälteren Gebieten, wo sich das Gasgemisch zusammenzieht und ein Tiefdruckgebiet bildet. Ist der Temperaturunterschied groß, bildet der Wind laut Theorie ein relativ stabiles, gerades Band, das sich wie ein Ring um die Nordhalbkugel legt. „Man kann sich den Jetstream wie eine Windautobahn vorstellen“, sagt Marlene Kretschmer, Klimaforscherin von der Universität Leipzig.

Der Jetstream: Wird er schwächer, wellenförmiger und gefährlicher?

Kretschmers Spezialgebiet ist die Kausalität im Klimasystem. Sie will also wissen, ob und, wenn ja, wie genau der Klimawandel bestimmte extreme Wetterlagen verursacht. Und da gibt es beim Jetstream eine klare Idee: Die Arktis erwärmt sich im Vergleich zu anderen Erdregionen überdurchschnittlich stark, weil immer weniger Eis das Meer bedeckt und die Sonne deshalb direkt auf das dunkle Wasser trifft, das sich dadurch stark erwärmt und diese Wärme schließlich auch in die Atmosphäre über der Arktis überträgt.
Zwei Tage später, am 24.April, hat der Windstrom seine Lage deutlich verändert. Quelle: earth.nullschool.net / MDR
Wenn sich die nördliche Polarregion aber überdurchschnittlich stark aufheizt, dann schrumpft logischerweise der Temperaturunterschied zu den tropischen Breiten und weniger Luft wird vom Äquator Richtung Pol gedrückt. „Dadurch wird der Jetstream schwächer“, sagt Kretschmer. Die Folge: Der Höhenwind leiert aus. Statt ein straffes Band zu bilden, schlängelt er sich in den oberen Luftschichten mal gen Norden, mal gen Süden. Und manchmal stecken diese Schleifen dann fest und es entstehen sogenannte Blockadewetterlagen.

Im Sommer 2018 befanden sich Deutschland und Mitteleuropa unterhalb einer solchen stehenden Welle des Jetstreams. Über Monate hinweg schickte der Höhenwind Wolken und Regen nördlich an uns vorbei. Felder und Wiesen trockneten aus, Wälder starben ab und verbrannten, Flusspegel fielen auf Tiefststände.

Chinesische Forscher: Wie hat der Jetstream den Regen vor Millionen Jahren gelenkt?

Und möglicherweise ist dieses Muster kein Zufall. Im Herbst argumentierten Forscher aus China im Journal Nature Communications, dass es schon in der fernen Vergangenheit einen Zusammenhang zwischen der arktischen Eisbedeckung und dem Jetstream gegeben haben könnte.

Die Wissenschaftler um Liangqing Cheng und Jingran Zhang hatten mehrere Bohrproben tiefer Bodenschichten aus Zentralasien und China miteinander verglichen. Daraus schlossen sie, dass die Wetterbedingungen vor rund fünf Millionen Jahren in Zentralasien eher feucht waren, in Ostchina dagegen eher trocken. Zu dieser Zeit war die Erdachse so geneigt, dass die Sonne die Arktis stärker erwärmte und der Nordpol deshalb eisfrei war.
Eine schematische Weltkugel zeigt Europa, Nordamerika und Asien; geschwungene rote Pfeile verlaufen um den Globus und markieren großräumige Luftströmungen in der Atmosphäre.
Am 26. April. (Aus Gründen der Vereinfachung zeigen wir Wirbel und Querverbindungen nicht.) Quelle: earth.nullschool.net / MDR
Doch im Lauf der folgenden Jahrmillionen dreht die Erde den Pol von der Sonne langsam weg. Im Pliozän vor rund 3,1 Millionen Jahren war die Arktis die Eiswüste von heute und der Jetstream hatte sich zu einem Ring verengt. In Zentralasien wurde das Wetter trockener und in Ostchina feuchter, so die Rekonstruktion der Forscher. Sie glauben, dass der menschliche Ausstoß von Treibhausgasen nun die Arktis abschmelzen lässt und dadurch unabsichtlich die alten Bedingungen wiederherstellt: Der Jetstream könnte dauerhaft eine Wellenform annehmen.

Das Problem an der Theorie ist lediglich: Die aktuellen Klimamodelle stützen dieses Szenario nicht eindeutig. Denn es gibt einen zweiten Effekt. Auch über den Tropen erwärmt sich die obere Atmosphäre stark. Dadurch wird der Temperaturunterschied wieder größer. „In der Forschung sprechen wir deshalb auch von einem Tauziehen zwischen der Arktis und den Tropen“, sagt Marlene Kretschmer. Aktuell kommen viele Klimamodelle zum Ergebnis, dass dieser zweite Effekt stärker ist.
Eine schematische Weltkugel zeigt Europa, Nordamerika und Asien; geschwungene rote Pfeile verlaufen um den Globus und markieren großräumige Luftströmungen in der Atmosphäre.
Der Höhenwind am 28. April ... Quelle: earth.nullschool.net / MDR
Gerrit Lohmann ist am Alfred-Wegener-Institut (AWI) Experte für das Paläoklima, also die weite Klimavergangenheit des Planeten. Er hält die Arbeit der chinesischen Kollegen für spannend, weil sie durch die Bodenproben neue Daten liefert, schränkt aber zugleich ein, was das Paper eigentlich aussagt. „Man kann nicht sagen, wie das Wetter vor drei Millionen Jahren war, nur, dass es in dieser Sedimentbox vermehrt Indikatoren für bestimmte Wetterlagen im damaligen Zeitraum gab.“ Und ihm fällt bei der Studie auf, dass die Rekonstruktion der Kollegen auf unvollständigen Modellrechnungen beruht. Cheng, Zhang und ihr Team haben lediglich die Beziehung zwischen dem Meereis und dem Jetstream berechnet, nicht aber mögliche Rückkopplungen der Ozeane berücksichtigt. Koppelt man diese verschiedenen Effekte, dann ist nicht eindeutig, wohin sich das Klima entwickeln wird.

Der Jetstream: Schon die Prognose der kommenden sechs Monate ist schwer

Dörthe Handorf, Klimatologin am AWI, weist darauf hin, dass der nördliche Jetstream fast nie eine klare und eindeutige Form annimmt, die entweder Ring oder welliges Band ist. Sondern über dem Nordpazifik ist er meist eher ein Ausschnitt des Rings, während er über dem Nordatlantik eine Welle bildet. Und diese Form verändert sich stark im Verlauf eines Jahres. Ein aktuelles Paper hat diese unterjährigen und regionalen Veränderungen des Jetstreams für die vergangenen zwanzig Jahre analysiert. Denn für diesen Zeitraum liegen qualitativ gute Daten vor. „Die Schlussfolgerung ist: Die Trends sind im Allgemeinen schwach“, fasst sie das Fazit der Kollegen zusammen.
Eine schematische Weltkugel zeigt Europa, Nordamerika und Asien; geschwungene rote Pfeile verlaufen um den Globus und markieren großräumige Luftströmungen in der Atmosphäre.
… und hier noch einmal am 30. April. Quelle: earth.nullschool.net / MDR
Gab es also keinen Zusammenhang zwischen dem Jetstream, den Blockadewetterlagen und dem Klimawandel? Durch die Beobachtungsdaten lasse sich das weder klar mit Ja noch mit Nein beantworten, sagt Marlene Kretschmer. "Ganz klar ist dagegen der thermodynamische Effekt des Klimawandels, also dass etwa wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann, was zu mehr Starkregen oder auch Dürre führt."

Dass die Klima- beziehungsweise Wettermodelle hier keine klare Antwort liefern können, hat mit der schieren Komplexität des Klimasystems zu tun. Fast alle Eigenschaften der Landschaft und der Meere, von kleinen Bergen oder Wäldern bis hin zu kleinräumigen Strömungsmustern, können das System beeinflussen. Die Modelle hingegen decken bislang nur ein relativ grobes Raster ab, für die kleinen Details reicht bislang die Auflösungstiefe nicht aus. Selbst so große Phänomene wie die Lage des Jetstreams sind von diesem Problem betroffen.
Eine schematische Weltkugel zeigt Europa, Nordamerika und Asien; geschwungene rote Pfeile verlaufen um den Globus und markieren großräumige Luftströmungen in der Atmosphäre.
Ein schlingerndes Band: Der Jetstream am 30. April hier in Rosa, die vorangegangenen Tage in dunkler abgeschatteten Tönen darunter. Quelle: earth.nullschool.net / MDR
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👋 Zum Schluss

Der Deutsche Wetterdienst hat sich kürzlich in einer Pressemitteilung zum Klimaphänomen El-Niño geäußert, einem Strömungsmuster im Pazifik, das wie der Jetstream ebenfalls zu globalen Veränderungen des Wetters führen kann. Verschiedene Klimamodelle sagen für dieses Jahr ein besonders starkes El-Niño vorher. Nur: Wann und wie stark es wird, da weichen die verschiedenen Rechnungen so deutlich voneinander ab, dass die Unsicherheiten der Berechnungen Stand Ende April zu groß sind für eine klare Prognose.

Andreas Becker, der die Abteilung Klimaüberwachung des Deutschen Wetterdienstes leitet, fasst das Problem zusammen: „Wir sind jetzt mitten im Klimawandel. Vieles, was wir heute über die globale Zirkulation wissen, stützt sich auf die Beobachtungsdaten aus der Zeit vor dem Einsetzen der starken Erwärmung." Dadurch werde das Klimasystem komplexer und auch die Zahl der Extremereignisse könne steigen.

Zugleich können die Meteorologen ihre Berechnungen trotzdem verbessern. Auch der DWD betreibt solche Modelle zur Klimavorhersage. Für den kommenden Sommer lässt sich auf dieser Basis sagen, dass der Einfluss von El Ninjo auf Deutschland gering bleiben und das Wetter nicht merkbar beeinflussen wird.


Herzliche Grüße
Clemens Haug

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