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#240
vom 17. April 2026

Was zu tun bleibt,
wenn kein Strom mehr fließt

von Kristin Kielon
Hallo zusammen,

ich will ganz ehrlich mit Ihnen sein: Ich bin ziemlich genervt. Aber vermutlich wird es ihnen ganz ähnlich gehen, denn wie will man angesichts der aktuellen Weltlage nicht entnervt mit den Augen rollen. Der Krieg im Iran dauert an – die Öl- und Gaspreise bleiben also hoch – und hierzulande bestellt sich Wirtschaftsministerin Reiche offenbar Argumente gegen Batteriespeicher von der Gas-Lobby. Und dann will mit Jens Spahn der nächste Unionspolitiker auch noch das große Atomstrom-Revival. So wird das sicher nichts mit der dringend nötigen Energiewende, die das Land unabhängig machen kann von den Irrungen und Wirrungen der Weltgeschichte.

Relativ unabhängig ist man doch auch mit Kernkraft, könnte man jetzt argumentieren (bis auf die Brennstoffe aus dem Ausland natürlich), doch da gibt es immer noch das Sicherheitsproblem. Schauen wir zurück: In einer Woche jährt sich zum 40. Mal die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Und heute? Wird der abschirmende Sarkophag mit Drohnen angegriffen. Und ganz abgesehen davon, ist die Kernkraft ja ohnehin eine der teuersten Methoden der Stromerzeugung und der deutsche Ausstieg längst beschlossene Sache. Der Rückbau der Anlagen hat längst begonnen und ist ebenfalls eine extrem teure Sache.

Aber vielleicht stellt sich das manch ein Politiker auch etwas zu einfach vor? Denn der Abriss, die Nachsorge und vor allem auch die Folgen, die Kraftwerke hinterlassen, sind eine hoch komplexe Angelegenheit. Schauen wir uns heute also mal genauer an, was zu tun bleibt, wenn kein Strom mehr fließt. 

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Abgeschaltet, aber nicht am Ende: Der Schatten der Energieversorgung

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Wer im Süden Leipzigs unterwegs ist, wähnt sich manches mal schon fast im Urlaub: ein See schmiegt sich an den nächsten, herrliche Strände und Gastronomie locken ins „Neuseenland“. Doch noch vor einigen Jahrzehnten sah es hier ganz anders aus: Die Seen sind geflutete Tagebaurestlöcher aus dem Braunkohleabbau. Einst prägten hier gigantische Bagger und riesige Abraumhalden das Mitteldeutsche Revier. Seit den 1990er Jahren wird renaturiert – und es ist kein Ende in Sicht. Denn noch gibt es hier zwei Großtagebaue, in denen Braunkohle für die Kraftwerke Lippendorf und Schkopau abgebaut wird.

Kernenergie: Verpflichtung ohne Ende

Doch so lang der Schatten des Kohlebergbaus auch scheint, er ist minimal gegen den der Kernkraft. Denn der hochradioaktive Atommüll muss bis zu einer Million Jahre lang in geologischen Endlagern von der Umwelt isoliert werden. Ein Endlager gibt es in Deutschland jedoch gar nicht. Die Abfälle aus den abgeschalteten deutschen Kernkraftwerken, lagern also in Zwischenlagern. Aber was ist mit der Anlage an sich? „Für die Stilllegung veranschlagen wir so 15 bis 20 Jahre für die jetzt abgeschalteten Anlagen“, sagt Matthias Dewald. Bei älteren Anlagen dauere das aber teils deutlich länger.

Der Physiker leitet bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit den Bereich Stilllegung. Er erklärt, dass zunächst die Brennelemente entladen werden müssten. „Dazu kommen sie ins Abklingbecken. Dort müssen sie drei bis fünf Jahre bleiben, bis die Nachzerfallswärme so weit unten ist, dass man die Brennelemente in die Castor Behälter verpacken und aus der Anlage rausbringen kann.“ Das heißt auch, dass das Team des Kernkraftwerks weiter vor Ort bleiben muss.

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"Tschernobyl 86" erzählt mit Originalmaterial die Geschichte der Reaktorkatastrophe und ihrer Folgen. 👉 ARD Mediathek

Erst wenn die Brennelemente raus sind, beginnt die Hauptphase des Rückbaus. „Dann beginnen die ganz handfesten Tätigkeiten: Zersägen und Zerlegen von großen Teilen und der Aufbau der Reststofflogistik.“ Denn jetzt geht es auch an die Dekontamination: Alles, was aus dem sogenannten Kontrollbereich komme, müsse per Messung als nicht-radioaktiv freigegeben werden, erklärt Dewald. „Unter fünf Prozent des Kontrollbereiches sind nachher als radioaktiver Abfall zu entsorgen.“

Der Abbau der Systeme passiert Dewald zufolge zum Teil auch unter Wasser oder wird von Robotern ausgeführt. Der ganze Rückbau-Prozess dauert wegen der Strahlung sehr lange, erläutert der Physiker: „Denn wenn man wenig Radioaktivität messen und nachweisen muss, dann muss man lange messen, bis man ein klares Signal hat.“ Doch mit dem Abriss ist die Arbeit nicht vorbei, so Dewald: „Auch wenn die eigentlichen Kraftwerke verschwunden sind, wird man immer noch Zwischenlager an den Standorten haben.“

Kohle: Eine Generationenaufgabe 

Auch die Kohleverstromung wirft einen langen Schatten. Aber der Rückbau der Kraftwerke an sich ist weit weniger kompliziert als bei der Kernkraft, sagt Clemens Rohde – Leiter der Abteilung Zukünftige Energie- und Industriesysteme am Wuppertal Institut. Sie seien zurückzubauen und zu recyceln wie andere Industrieanlagen auch. Besonders bei älteren Kohlekraftwerken gebe es aber noch das Problem, dass die Kohle auf dem Gelände gelagert worden ist: „Dort kann es über die langjährige Lagerung zu Auswaschungen von Schwermetallen beispielsweise gekommen sein, die den Boden belasten.“

Während ein Kohlekraftwerk also in einigen Jahren zurückgebaut ist, bleiben die Folgen des Kohlebergbaus. „Hier reden wir über Dekaden oder Jahrhunderte“, sagt Rohde. „Einerseits müssen wir mit diesen großen Restlöchern umgehen, die wir in der Natur haben – andererseits haben wir durch den Bergbau geologische Barrieren geschaffen.“ Weil die Schichtung des Bodens verändert wurde, habe sich auch die hydrologische Situation verändert – ein massiver Eingriff in den Wasserhaushalt, so Rohde.

Gas: Einfach und unkompliziert? 

Die Gaskraftwerke sind in Sachen Rückbau und Folgen die am wenigsten problematischen zentralen Großkraftwerke. „Es sind Anlagen, die nicht mit schwerwiegenden Boden- oder Gewässerverschmutzungen einhergehen. Sie unterscheiden sich damit nicht von normalen industriellen Produktionsanlagen“, sagt Rohde vom Wuppertal Institut. Das bedeute aber auch, „dass auf dem Gelände seit 50 Jahren industrielle Aktivität stattgefunden hat. Deshalb haben wir auch die normalen Kontaminationen im Boden- und Wasserbereich, beispielsweise durch Betriebsstoffe oder Schmierstoffe.“

Was dagegen im Zweifelsfall bleiben könne, seien die Rohre im Boden, denn die seien meist aus Eisen, sagt Rohde: „Eisen ist jetzt erstmal kein kritisches Material im Boden, was den Eingriff angeht. Es ist eines der häufigsten Materialien in unserer Erdkruste. Insofern kann das auch ohne große Umweltfolgen im Boden verbleiben.“ 

In Deutschland sind die Gaskraftwerke also die am wenigsten problematische fossile Anlage. Denn der Aufwand ist fällt im Abbaugebiet an: Der Rückbau von Erdgasfeldern und den damit verbundenen technischen Anlagen ist ein langfristiger Prozess, der sich über Jahrzehnte erstrecken kann.

Windenergie: Die Recycling-Herausforderung

Bei der Windenergie sprechen wir natürlich nicht mehr von zentralen, großen Industrieanlagen, sondern von dezentralen Windrädern. Die bestehen zum großen Teilen aus Beton im Fundament, Stahl im Turm und Kupfer im Generator. Und diese Stoffe werden schon heute größtenteils recycelt, erläutert Volker Quaschning, Experte für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. 

„Was man momentan noch nicht gut recyceln kann, sind die Rotorblätter. Das sind glasfaserverstärkte Kunststoffe, wie man sie auch aus dem Bootsbau oder von Surfbrettern kennt. Das heißt, wir haben dort Glasfasern oder Kohlefasern, die mit anderen Kunststoffen ummantelt sind und das zu trennen, ist relativ schwierig.“ Die Rotorblätter würden derzeit noch thermisch verwertet – also verbrannt. „Aber auch da arbeitet man an Recyclingprozessen, das heißt die Windkraftanlagen in 10 bis 15 Jahren werden auch in Richtung 100 Prozent recycelt werden. Heute ist man schon bei 80 Prozent.“ Der Rückbau der Windräder an sich geht auch vergleichsweise schnell, erklärt der Fachmann. „Da reden wir über Wochen“, so Quaschning. 

Solarenergie: Rasend schnell zurück zur grünen Wiese

Die wohl unkompliziertesten Anlagen zur Energieerzeugung gibt es bei der Photovoltaik. PV-Anlagen lassen sich heute – je nach Größe der Anlage – binnen weniger Stunden bis Wochen abbauen. „Eine Photovoltaikanlage auf dem Einfamilienhaus ist in einem halben Tag wieder abgebaut“, sagt HTW-Professor Quaschning. Die Solaranlage sei am einfachsten und Rückstandsfreisten zu entsorgen, weil auch bei Freiflächenanlagen gar keine Fundamente mehr einbaut würden. „Da verbleibt auch nichts im Boden. Aber es ist eine Flächentechnologie. Das heißt, wir werden sehr große Mengen an Anlagen haben.“

Deshalb muss auch hier das Thema Recycling mitgedacht werden, um große Müllberge zu vermeiden. Die Materialien, aus denen Solaranlagen bestehen, sind unproblematisch, erklärt Quaschning. Wertvolle Rohstoffe wie etwa Silber müsse man aber zurückgewinnen. Aktuell seien Recyclingquoten von bis zu 90 Prozent zu erreichen. Idealerweise erreicht man eine Kreislaufwirtschaft und recycelt alles binnen weniger Tage, so Quaschning.
Es bleibt bei der Solarenergie nichts Gefährliches übrig, das man endlagern müsste.
Prof. Dr.-Ing. Volker Quaschning
Aber natürlich sind auch die erneuerbaren Energien nicht perfekt, sagt Quaschning. „Es gibt keine Energieformen, die komplett problemlos ist, aber man muss die Probleme gegenüberstellen. Das heißt, bei der Kernenergie oder bei den fossilen Energien sind die Probleme schon beim Betrieb enorm groß und beim Rückbau auch wesentlich.“ Deshalb sei der Umstieg sinnvoll. Denn die Probleme, die bei den Erneuerbaren langfristig erwartet werden, seien eben deutlich kleiner. „Dann hinterlassen wir unseren Kindern eine Welt, die resilient und zukunftsfähig ist mit einer bezahlbaren, nachhaltigen Energieversorgung. Warum sollen wir auf irgendetwas anderes setzen?“
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👋 Zum Schluss

Die Erkenntnis bleibt also: Mit Blick auf die Zukunft wären wir mit den erneuerbaren Energien besser dran und zwar auch, was den Rückbau solcher Anlagen angeht. Dezentral und flexibel schlägt zentral und groß. Und dennoch sieht es ja aktuell nicht so aus, also ob das der Weg ist, den Deutschland einschlägt. Die „richtige“ Energieversorgung bleibt ein Streitthema. Und weil ich das so spannend finde, möchte ich Ihnen zum Schluss noch einen neuen ARD-Podcast empfehlen, der sich mit genau diesem Konflikt beschäftigt: „Nein Danke?“ beschäftigt sich mit dem Streit um die Kernenergie:

NEIN DANKE? - Warum Atomkraft uns spaltet

Warum haben wir so viel Angst, während andere Kernkraft als Chance sehen? Um das zu verstehen, nimmt Lisa Krauser uns mit auf eine Reise. 👉 SR

Apropos Energie: Ich hoffe, sie haushalten gut mit Ihrer Energie in diesen herausfordernden Zeiten und genießen das anstehende Frühlingswochenende. Der Laune kann es nur zuträglich sein!

Sonnige Grüße
Kristin Kielon

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