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#236
vom 27. März 2026

Erst Grönland, dann Spitzbergen? Ein Saatguttresor zwischen Klima und Geopolitik

von Katja Evers
Hallo zusammen,

haben Sie auch manchmal das Gefühl, in einem schlechten Film zu leben? Mir geht es mittlerweile fast immer so, wenn ich die Nachrichten lese. Eine der absurderen Meldungen, die Ihnen sicherlich auch noch im Kopf herumgeistert: Trump will Grönland haben! Das scheint mittlerweile Schnee von gestern, zumindest vordergründig. Hintergründig haben Trumps Drohungen aber für eine Menge Wirbel gesorgt und waren der Anstoß für etwas viel Größeres: das verstärkte Aufrüsten in der Arktis von Seiten der NATO!

Neben Grönland rückt dabei auch immer wieder Svalbard, eine von Norwegen verwaltete arktische Inselgruppe, in den Fokus – in Deutschland besser bekannt als Spitzbergen. Das Problem: Sie beherbergt den weltweit größten Saatguttresor, der als genetisches Archiv gedacht ist. Wird also der Ort, der die genetische Vielfalt vor Katastrophen, Kriegen und dem Klimawandel schützen soll, ihnen nun selbst zum Opfer fallen?

MOMENT DER WOCHE

Helfer kämpfen um das Leben eines Buckelwals, der auf einer Sandbank in der Lübecker Bucht festsitzt. Der zunehmende Stress durch den Schiffsverkehr, die Überfischung und den Klimawandel erhöht das Risiko für Strandungen. Diesmal sieht es nach einem guten Ende aus. Rechte: Jens Büttner/dpa


Wenn die Weltreserve wackelt: 
Warum das schmelzende Eis für Wirbel sorgt

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Es war eigentlich fast nur noch eine Randnotiz: Erst letzte Woche vermeldeten dänische Medien, Dänemark hätte bereits im Januar Truppen, Sprengstoff und Blut aus dänischen Blutbanken zur medizinischen Versorgung Verwundeter nach Grönland geschafft. Man war auf einen tatsächlichen Angriff vorbereitet. In derselben Woche führte die NATO Militärmanöver nördlich des Polarkreises durch – eigentlich wie jedes Jahr, diesmal jedoch als Teil einer neu geschaffenen Arktis-Mission. Und seit Donnerstag letzter Woche dürfen in Norwegen britische Kampfflugzeuge jederzeit ohne gesonderte Genehmigung auf norwegischen Flughäfen landen und auch gewartet werden. Im Schatten des Iran-Krieges gehen diese Meldungen fast unter – dabei zeigen sie deutlich, wie angespannt die Lage in der Arktis ist. 

Einer, der beruflich dort immer wieder hinfliegt, ist Åsmund Asdal. Er ist der Koordinator des Svalbard Global Seed Vault, eines Saatguttresors, der als Sicherungskopie für Saatgut weltweit dient. Dieser befindet sich seit fast 20 Jahren in einem Berg nahe Longyearbyen auf Svalbard, das ich im weiteren Text der Erkennbarkeit halber als Spitzbergen bezeichnen werde – auch, wenn wir damit genau genommen nur von der Hauptinsel sprechen.
Der Eingang zum globalen Saatguttresor auf Spitzbergen ragt in der Nähe von Longyearbyen aus der verschneiten Berglandschaft empor. Rechte: NordGen
Die Insel, genauer gesagt der Ort Longyearbyen, jedenfalls ist ein guter Standort, meint Asdal: Unter den arktischen Felsen, mit Permafrost, unter norwegischer Aufsicht und – vor allem – weit weg von Genbanken weltweit. Sie sind es nämlich, die Saatgut als Kopie auf Spitzbergen einlagern. Sollte etwas in ihrem eigenen Land passieren, sei es unwahrscheinlich, dass gleichzeitig auch Spitzbergen betroffen wäre, so Asdal. Im Syrienkrieg habe man bereits aushelfen können, als dort eine Genbank zerstört wurde. Dass die ganze Welt ihm und seinen Kollegen so viel Vertrauen entgegenbringt, macht ihn stolz.  Besonders in den letzten Krisenjahren ist das Interesse gestiegen. Mehr und mehr Samen werden eingelagert, während Spitzbergen selbst zum Krisenherd werden könnte. Einer der Gründe dafür ist der Klimawandel.

Schmelzende Arktis: Wenn das kühlende Eis verschwindet 

Auch Manfred Wendisch ist beruflich oft auf Spitzbergen. Er ist Leiter des Instituts für Meteorologie der Universität Leipzig. Als ich mit ihm spreche, ist er mir aus einem der arktischen Häuser zugeschaltet, bei Außentemperaturen um die 0 Grad. Zu warm für diese Zeit, meint der Meteorologe. Seit über 15 Jahren kommt er hierher und spürt deutlich, was sich verändert: "Mit dem Flugzeug die Eiskante zu erreichen, wird immer schwieriger, weil das Abschmelzen voranschreitet." Das Eis entfernt sich von Spitzbergen – besonders in diesem Jahr. Genau das wollen die Forschenden bei ihrem Forschungsprojekt unter Federführung der Universität Köln aber untersuchen: die Wolken über dem Meereis. Wolken, die laut Modellen dort eigentlich kaum existieren sollten – und die dennoch auftreten. Sie haben große Wirkung, denn sie wärmen den Untergrund und können so die Eisschmelze bedingen. Die Temperatur auf Spitzbergen und in der Arktis steigt je nach Quelle zwei bis vier Mal schneller als an anderen Stellen auf der Erde – wegen der Wolken, aber unter anderem auch, weil der vom Eis befreite Ozean Sonnenstrahlung absorbiert und sich erwärmt.
 
Weniger Eis gleich mehr Erwärmung, mehr Erwärmung gleich weniger Eis gleich weniger Permafrost, um das Saatgut zu kühlen? Auch Åsmund Asdal macht sich Sorgen, aber eher wegen der Arktis und der Bevölkerung auf Spitzbergen, die mit Lawinen klarkommen muss und deren Häuser ohne Permafrost instabil werden. "Was den Saatguttresor betrifft, haben wir zusätzliche Kühlsysteme. Daher würde ich nicht sagen, dass der Klimawandel den Tresor bedroht. Wir müssen nur mehr Strom als früher einsetzen, um ihn zu kühlen." Nach aktuellen Berechnungen halte der Permafrost noch etwa 100 Jahre und auch danach habe man, sollten alle Stricke reißen, in etwa ein Jahr Zeit, bis die auf -18 Grad heruntergekühlten und in 50 bis 60 Metern Tiefe lagernden Samen tatsächlich auf das vorliegende Permafrostniveau von -3 bis -4 Grad aufgetaut seien, so Asdal. Genug Zeit für neue Lösungen.

Allerdings gibt auch Asdal zu bedenken, dass es kritischer werden könnte, falls durch die Klimaveränderungen die Bevölkerung Spitzbergens wegziehen müsste und die Infrastruktur entsprechend zerfallen würde. Derzeit hält er aber andere Entwicklungen für das Saatgutlager für problematischer, und zwar die eingangs beschriebene angespannte geopolitische Lage. 

Umkämpfte Arktis: Wenn schmelzendes Eis für Froststimmung sorgt

Das schmelzende Eis hat noch einen weiteren Effekt: Es legt neue Schifffahrtsrouten und Rohstoffe frei. Besonders interessant ist das für China, das so seine Waren schneller nach Europa bringen könnte. 2018 hatte die chinesische Regierung deshalb eine offizielle Arktisstrategie veröffentlicht. Darin heißt es, man wolle Unternehmen dabei unterstützen, die Infrastruktur für die arktischen Schiffsrouten zu schaffen und "gemeinsam mit den arktischen Staaten, unter Achtung der Traditionen und Kulturen der arktischen Bewohner, einschließlich der indigenen Völker, sowie unter Wahrung der natürlichen Umwelt" die Erschließung von Öl-, Gas- und Mineralressourcen ins Auge fassen. Ob hier der Ursprung für Trumps Grönland-Idee steckt, lässt sich nur erahnen, allerdings hat er selbst immer wieder betont, er wolle den chinesischen Einfluss im Arktisraum eindämmen. 

Gleichzeitig fällt ein großer Teil der Arktis in russisches Gebiet, ein weiterer Teil entfällt auf NATO-Staaten wie Norwegen und Dänemark, die sich seit Trumps Drohungen dort eben nun auch präsenter zeigen. Ein Pulverfass? Nicht unbedingt, meint Svein Vigeland Rottem vom Fridtjof Nansen Institut. Er beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit der Sicherheitspolitik in der Arktis. Die Regeln und Grenzen seien seit Jahrzehnten klar und daran zu rütteln, sei nicht im Interesse der Küstenstaaten. Die Gewinnung möglicher Rohstoffe sei im Moment noch zu langwierig und kostenintensiv, die Schifffahrt durch das unberechenbare Eis und die nicht vorhandene Infrastruktur nicht lohnenswert. "Da gibt es andere Orte auf der Welt", auch wenn sich das in ein paar Jahrzehnten ändern könnte. 

Dass Spitzbergen jedoch ein Ort zunehmender geopolitischer Spannungen ist, sieht auch Rottem so – allerdings vor allem im Diskurs: in politischen Ansprachen, Drohgebärden, öffentlichen Debatten und den Medien. In der Praxis wäre aber eine militärische Übernahme Spitzbergens für keinen Staat sinnvoll. Die Reaktion auf den Angriff eines NATO-Staates würde den Nutzen übertreffen. Was der Forscher allerdings nicht ausschließt, ist die hybride Kriegsführung, die auch der norwegische Geheimdienst nennt: das Durchtrennen von Kabeln, politische Äußerungen, um Unsicherheiten zu schaffen – letzteres tun Putin und auch Trump jetzt schon. Und es funktioniert:  Manfred Wendisch und seine Kollegen machen sich, wie er mir erzählt, immer wieder Gedanken, wenn sie für ihre Forschung nah an die russische Grenze fliegen. 

Åsmund Asdal zeigt sich hingegen vor allem traurig über die aktuelle geopolitische Lage, die auch das Saatgutlager treffen könnte – indirekt, denn mehr Konflikte und Kriege schränken auch die Möglichkeiten der Genbanken ein, die Samen zu versenden: Die Erhaltung und Nutzung genetischer Ressourcen ist ihm zufolge auf internationale Zusammenarbeit angewiesen. Das funktioniert im Moment, könnte jedoch durch zunehmende Feindseligkeiten bröckeln. Aber sie birgt auch die Chance, durch gemeinsames Handeln, einen Unterschied zu machen: zwischen Eskalation und Frieden!  
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👋 Zum Schluss

Dass wir in diesen Zeiten nicht unbedingt immer einer Logik folgen, ist leider auch Teil der Wahrheit. Trumps Grönlandavancen sind der beste Beweis. Sie beruhen auf einer Reihe von Fehlvorstellungen, wie Svein Vigeland Rottem betont: Auf Grönland gäbe es nur marginal chinesische Investitionen, es gäbe keine russischen Schiffe, die um Grönland herumfahren, und Erdölvorkommen habe man gesucht, aber nur wenig gefunden und sich dann zurückgezogen. Kritische Mineralien gebe es, aber weniger als an vielen anderen Orten der Erde.

Auch dass Länder in der Arktis – wie überall auf der Welt – investieren, sei nichts Besonderes, so der Forscher. "Besonders ist jedoch, wie das politisch und diskursiv so enorm aufgebauscht wird – und dass Trump sogar damit droht, das NATO‑Bündnis zu zerstören, um Grönland zu erobern." Rottems Tipp an Medien und Politik ist daher: Tief durchatmen! Oder anders gesagt: Nicht auf jeden Zug aufspringen, der laut hupend vorbeifährt. Sonst wissen wir irgendwann nicht mehr, wo es eigentlich hingeht. Da wir aber nun berichtet haben: Was denken Sie? Sollten wir berichten? Wir freuen uns in jedem Fall über Rückmeldung.

Und damit Ihnen ein schönes Wochenende
Herzliche Grüße
Katja Evers

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