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Auch Manfred Wendisch ist beruflich oft auf Spitzbergen. Er ist Leiter des Instituts für Meteorologie der Universität Leipzig. Als ich mit ihm spreche, ist er mir aus einem der arktischen Häuser zugeschaltet, bei Außentemperaturen um die 0 Grad. Zu warm für diese Zeit, meint der Meteorologe. Seit über 15 Jahren kommt er hierher und spürt deutlich, was sich verändert: "Mit dem Flugzeug die Eiskante zu erreichen, wird immer schwieriger, weil das Abschmelzen voranschreitet." Das Eis entfernt sich von Spitzbergen – besonders in diesem Jahr. Genau das wollen die Forschenden bei ihrem Forschungsprojekt unter Federführung der Universität Köln aber untersuchen: die Wolken über dem Meereis. Wolken, die laut Modellen dort eigentlich kaum existieren sollten – und die dennoch auftreten. Sie haben große Wirkung, denn sie wärmen den Untergrund und können so die Eisschmelze bedingen. Die Temperatur auf Spitzbergen und in der Arktis steigt je nach Quelle zwei bis vier Mal schneller als an anderen Stellen auf der Erde – wegen der Wolken, aber unter anderem auch, weil der vom Eis befreite Ozean Sonnenstrahlung absorbiert und sich erwärmt. Weniger Eis gleich mehr Erwärmung, mehr Erwärmung gleich weniger Eis gleich weniger Permafrost, um das Saatgut zu kühlen? Auch Åsmund Asdal macht sich Sorgen, aber eher wegen der Arktis und der Bevölkerung auf Spitzbergen, die mit Lawinen klarkommen muss und deren Häuser ohne Permafrost instabil werden. "Was den Saatguttresor betrifft, haben wir zusätzliche Kühlsysteme. Daher würde ich nicht sagen, dass der Klimawandel den Tresor bedroht. Wir müssen nur mehr Strom als früher einsetzen, um ihn zu kühlen." Nach aktuellen Berechnungen halte der Permafrost noch etwa 100 Jahre und auch danach habe man, sollten alle Stricke reißen, in etwa ein Jahr Zeit, bis die auf -18 Grad heruntergekühlten und in 50 bis 60 Metern Tiefe lagernden Samen tatsächlich auf das vorliegende Permafrostniveau von -3 bis -4 Grad aufgetaut seien, so Asdal. Genug Zeit für neue Lösungen.
Allerdings gibt auch Asdal zu bedenken, dass es kritischer werden könnte, falls durch die Klimaveränderungen die Bevölkerung Spitzbergens wegziehen müsste und die Infrastruktur entsprechend zerfallen würde. Derzeit hält er aber andere Entwicklungen für das Saatgutlager für problematischer, und zwar die eingangs beschriebene angespannte geopolitische Lage.
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