Darstellungsprobleme? Im Browser ist's netter.
#234
vom 13. März 2026

Der Irankrieg und der Energiepreis:
Das Ende der Abhängigkeit? 

von Kristin Kielon
Hallo zusammen,

alle paar Jahre grüßt jetzt offenbar das sprichwörtliche Murmeltier: Es ist Energiekrise – mal wieder. Der Krieg im Iran hat insbesondere den Ölpreis sprunghaft ansteigen lassen, Anfang der Woche kletterte er erstmals seit Beginn des Einmarschs Russlands in die Ukraine über die Marke von 100 Dollar, zeitweise waren es sogar 111 Dollar. Mittlerweile ist er nach Äußerungen von Donald Trump wieder etwas gesunken. Die Energiepreise hängen also direkt mit den Entscheidungen des kaum ab- und einzuschätzenden US-Präsidenten zusammen und dürften damit wohl endgültig als volatil gelten. Grund für den Preisschock ist vor allem, dass die Straße von Hormus blockiert ist. 

Die weltweite Geopolitik und die Folgen des Krieges schlagen sich direkt an den deutschen Zapfsäulen nieder: Die Spritpreise sind auf über zwei Euro explodiert. Glücklich ist der, der jetzt ein E-Auto fährt. Die deutsche Politik versucht indes zu reagieren: Künftig soll den Tankstellen nur noch eine Preiserhöhung täglich erlaubt sein und ein Teil der nationalen Ölreserve wird freigegeben

Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher allerdings scheinen genug von der fossilen Abhängigkeit und der Unsicherheit zu haben. Klar, wer will schon von der Trump'schen Laune abhängig sein, wenn man auch einfach selbst zum Energieproduzenten werden kann? Folgerichtig hat es nicht lang gedauert, bis analog zum Ölpreis die Nachfrage nach erneuerbaren Technologien in Deutschland sprunghaft angestiegen ist. Aus historischer Sicht kommt das aber nicht sonderlich überraschend. Beschäftigen wir uns heute also mit der Frage, ob die neuerliche Energiekrise zum Turbo für Energiewende und Elektrifizierung „von unten“ werden könnte?

MOMENT DER WOCHE

Die Abgase eines Schiffs auf dem Weg in den Hamburger Hafen verschmelzen mit der rot glühenden Sonne: In vielen Regionen Deutschlands hat Saharastaub für schlechte Luftqualität gesorgt. Besonders hoch waren die Feinstaubwerte in Norddeutschland. Rechte: IMAGO/Johannes Koziol

Energiepreise: Vom Iran-Schock zum Energiewende-Motor?

Wiedergabe-Button

Das Thema der Woche gibt’s zum Hören direkt hier oder in den Radiowellen der ARD. ❯ Alle Themen

Der Weg zur Tankstelle war in der vergangenen Woche kein leichter für viele Besitzerinnen und Besitzer eines Verbrenners: Spritpreise von mehr als zwei Euro pro Liter drücken aufs Gemüt: Kommt mit dem Irankrieg jetzt die nächste Energiekrise – wie vor ein paar Jahren beim Ukrainekrieg?

Angesichts dieser Erfahrungen wollen sich viele Menschen nicht mehr abhängig machen von den Entscheidungen der Weltpolitik. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und das heißt konkret: Elektrifizierung und Erneuerbare Energien. Schauen wir zum Beispiel nach Baden-Württemberg: Dort beobachtet man beim Energieberatungszentrum Stuttgart eine steigende Nachfrage – und das nicht erst seit Kriegsbeginn. Doch der hat einen Punkt wieder deutlich in den Fokus gerückt: der Wunsch nach Unabhängigkeit. „Die Nachfrage nach Energieberatungen ist bei uns stark angestiegen seit dem Angriff auf den Iran: Im März rechnen wir damit, 50 Prozent mehr Energieberatungen zu verkaufen als noch im Januar oder Februar“, heißt es etwa von der Deutschen Sanierungsberatung.

Auf einer Informationsveranstaltung der Energieberatung Stuttgart formuliert Wärmepumpen-Interessent Joachim Föhringer es so: „Man kann gar nicht mehr in Worte fassen, dass man überhaupt noch so lebt in einer Zeit, die politisch explodiert mit dem Ölpreis durch diese ganzen Kriege. Wir sind der Sklave irgendwelcher korrupter Ölstaaten. Das ist für uns auch eine große Motivation, auf eine Wärmepumpe zu wechseln.“ Noch hat man aber beim Bundesverband Wärmepumpe keinen sprunghaften Anstieg der Nachfrage beobachtet. „Vermutlich kommt das noch“, sagt Geschäftsführer Martin Sabel. „Das Interesse ist insgesamt sehr hoch und der Ukraine Krieg hat gezeigt, dass solche Krisensituationen und solche Unsicherheiten dann auch zu einer verstärkten Nachfrage führen.“
Was ist ein Preisschock?
Ein Preisschock ist eine unerwartete, plötzliche und starke Veränderung des Preises eines Gutes oder mehrerer Güter (z. B. Energie oder Rohstoffe), die deutlich vom bisherigen Preisverlauf abweicht. Er wird meist durch außergewöhnliche Ereignisse wie politische Krisen oder Naturkatastrophen ausgelöst und kann Konsum, Produktion und Investitionen stark beeinflussen. Solche Preisschocks können zudem längerfristige Anpassungen auslösen, etwa den Umstieg auf andere Produkte oder Technologien. 

Ansturm bei Solar-Anbietern

Bei E.ON Energie Deutschland wurden Wärmepumpen in den vergangenen Tagen schon etwas mehr nachgefragt. Deutlich schneller spürbar sei der Anstieg aber im Bereich Photovoltaik gewesen, sagt E.ON-Geschäftsführer Filip Thon. „Wenn wir konkret über PV-Anlagen sprechen, sehen wir, dass die Nachfrage sich im Vergleich zu den letzten Monaten fast verdoppelt hat.“ Dass der Anstieg in nur einer Woche so groß war, sei durchaus überraschend gewesen.

Auch andere große Solar-Anbieter berichten von einem regelrechten Ansturm. Janik Nolden verkauft mit seinem Unternehmen Solarhandel24 unter anderem Balkonkraftwerke und große Photovoltaikanlagen für Privatdächer. „Wir haben extrem gesteigertes Interesse an allen Photovoltaikprodukten“, sagt der Unternehmer. Für Nolden waren es also ertragreiche Tage: „Wir haben allein nur in der letzten Woche 50.000 Solarmodule verkauft und einen achtstelligen Umsatz erzielt.“ Das sei im Vergleich zu einer üblichen Woche mehr als das Doppelte. Und auch die Zahl der telefonischen Beratungen habe sich verdreifacht – auf 1.500 Gespräche täglich.
Das ist, als hätte jemand den Schalter übers Wochenende umgelegt und die Verunsicherung ist in extremen Tatendrang umgeschwenkt.
Janik Nolden
Der Kundschaft gehe es vor allem um Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit und Kostenkontrolle, heißt es vom CleanTech-Anbieter Energiekonzepte Deutschland. Auch hier spiegle sich das in steigender Nachfrage wider. Und auch beim CleanTech-Unternehmen 1KOMMA5° registrierte man die plötzlich gestiegene Anfrage, kann sie aber noch nicht quantifizieren, sagt Mitgründer Jannik Schall. Offenbar rufe der Krieg den Menschen die fossile Kostenfalle des Ukraine-Kriegs in Erinnerung. Schall vermutet, dass besonders diejenigen, die ohnehin über eine Solaranlage nachgedacht hätten, „jetzt natürlich noch mal eine andere Dringlichkeit verspüren“. 

In Krisenzeiten wird der Turbo angeworfen

Die Krise offenbart, dass die eigene PV-Anlage auf dem Dach, die Wärmepumpe im Keller oder das E-Auto im Hof im Krisenfall die preiswertere und berechenbare Alternative sein können. CleanTech-Unternehmer Schall etwa meint: „Das ist nichts mehr, was ich tue, weil ich einer bestimmten Ideologie anhänge, sondern einfach, weil es wirtschaftlich Sinn macht.“ Und der Preisdruck steigt. 
„Unabhängigkeit und die berechtigte Angst vor steigenden Energiepreisen zählt, das wissen wir schon seit Längerem, zu den wichtigsten Gründen, sich Solartechnologie anzuschaffen“, sagt Carsten Körnig vom Bundesverband Solarwirtschaft. Seine Erfahrungswerte decken sich mit dem, was auch die Forschung zeigt: Der Preisschock kurbelt Innovationen an und sorgt dafür, dass sich neue Technologien schneller durchsetzen.

Dieser Effekt lässt sich auch historisch ganz gut an früheren Energiekrisen belegen. Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) verweist etwa auf die Ölkrise in den 1970er Jahren. „Da wurden in vielen Ländern Energieeffizienzprogramme gestartet, die Gebäude wurden besser gedämmt, alternative Technologien stärker gefördert.“ Phasen hoher Energiepreise oder geopolitischer Spannungen hätten bereits früher Anreize geliefert, zu investieren. „Es gibt einen Lerneffekt durch die Krisen und der kann jetzt auch einen Turbo bekommen“, so Kemfert. 

„Man kann das auch empirisch relativ gut zeigen“, sagt der Umweltökonom Andreas Löschel von der Ruhr-Universität Bochum. Zum Beispiel am Einmarsch Russlands in die Ukraine und der folgenden Energiekreise: „Da war man erst sehr skeptisch, aber die Menschen suchen sich Möglichkeiten, mit diesen hohen Preisen umzugehen und das bedeutet, wenn es langfristig teuer bleibt, dann kaufe ich mir eben das E-Auto oder ich besorge mir eine Wärmepumpe, wenn denn der Austausch ansteht. Also in der langen Frist ist der Effekt häufig noch viel, viel größer.“

Letztendlich ist es für die Menschen eine einfache Rechnung, meint Kemfert. „Photovoltaik auf dem eigenen Dach ist heute schon oft die günstigste Form der Stromerzeugung, und gerade in Zeiten von steigenden Energiepreisen wird da sehr schnell der wirtschaftliche Vorteil deutlicher“, sagt sie. „Die Menschen reagieren letztendlich sehr pragmatisch. Wenn es ökonomisch sinnvoller ist, in diese Technologien zu investieren, dann machen sie das, und es ist einfach ökonomisch sinnvoll, eine solche Entscheidung zu treffen.“

Nachhaltige Entwicklung oder kurzfristiger Trend?

Offen bleibt aber die Frage, wie nachhaltig das Ganze ist. Oder verpufft der schnelle Hype einfach wieder, wenn die Energiepreise auf ein erträgliches Maß sinken? Das kommt darauf an, antworten die Fachleute. „Ein Großteil droht immer zu verpuffen“, sagt Umweltökonom Löschel. Deshalb sei die Politik gefragt, jetzt die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn die Investitionsentscheidungen der Haushalte seien getrieben von langfristigen Erwartungen. „Mein Auto möchte ich ja über 10 Jahre nutzen, mein eine Heizung am liebsten über 20 Jahre und mehr“, so Löschel.

„Wenn die politischen Rahmenbedingungen so sind, dass es sich eher wieder verschlechtert, dann wird es eher verpuffen“, schätzt DIW-Expertin Kemfert ein. „Wir brauchen da klare Regeln, um Investitionssicherheit zu gewährleisten.“ Ohne die bestehe die Gefahr, dass nach der akuten Krise dann wieder stärker auf fossile Lösungen gesetzt werde, so Kemfert. „Die aktuellen Diskussionen helfen da nicht wirklich“, bemängelt sie und betont: „Die Konsumenten und die Unternehmen sind da schon deutlich weiter. Es braucht aber auch klare politische Rahmenbedingungen.“

Aber der Trend, so viel steht fest, der dürfte durch den Preisschock noch einmal so richtig ins Rollen kommen.

Teure Fossile: Ein Weckruf für die Energiewende?

Die Iran-Krise lässt die Öl- und Gaspreise steigen. Doch bringt die Energiekrise einen Schub für die Energiewende?  👉 SWR
Logo KlimaZeit
DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Wunderwerk Kernfusion – Vision oder Wunschdenken? Brauchen wir wirklich neue Gaskraftwerke? Und: Grönland im Touri-Boom

Freitags, 19:45 auf tagesschau24 und jederzeit auf  tagesschau.de

Termine

📆 Und noch mehr Klima-Termine finden Sie jederzeit hier.

News

Diskussion um hohe Kosten von Agri-PV 
Eine neue Studie moniert die hohen Kosten von Agri-PV - also Solarpaneelen, die auf Feldern stehen, auf denen gleichzeitig auch Obst oder Gemüse angebaut wird. Andere Forscher halten das für zu kurz gedacht. 👉 MDR WISSEN
Synthetische Kraftstoffe künftig wettbewerbsfähig
Synthetische Kraftstoffe, wie zum Beispiel E-Kerosin, können in Mitteleuropa in Zukunft wettbewerbsfähig sein. Das zeigt eine neue Studie aus der Schweiz. Voraussetzungen sei jedoch ein angepasstes Stromnetz. 👉 MDR WISSEN
Antarktis: Meereisfläche hat sich dieses Jahr etwas erholt
Die Eisfläche der Antarktis ist im Februar, dem wärmsten Monat des Sommers auf der Südhalbkugel, größer geblieben als in den  Rekord-Tiefjahren zuletzt. Eine Trendwende ist das aber noch nicht. 👉 SWR

ARD, ZDF und DRadio

Südafrikas Pinguine verhungern

Die südafrikanischen Brillenpinguine sind akut vom Aussterben bedroht. Klimawandel und Überfischung machen den Tieren zu schaffen. 👉 ARD Sounds

Die Nordreportage: Die Waldretter

Die Wälder Mecklenburg-Vorpommerns haben mit dem Klimawandel zu kämpfen. Forstleute und Waldumbau-Experten bemühen sich um das Überleben der grünen Lunge. 👉 ARD Mediathek

Campus Talks: Gesundheitliche Schäden durch den Klimawandel

Mit computerbasierten Forschungstools erforscht die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann gesundheitsrelevante Zusammenhänge von Umweltfaktoren im Zuge des Klimawandels. 👉 ARD Alpha

👋 Zum Schluss

Vermutlich haben viele von Ihnen – so Sie denn ein Eigenheim besitzen und finanziell in der Lage sind – schon längst eine Solaranlage auf dem Dach und eine Wärmepumpe. Sollten Sie jedoch genau jetzt über eine Photovoltaik-Anlage nachdenken, könnte sich schnelles Handeln auch ganz abgesehen von den Folgen des Irankriegs in barer Münze auszahlen. Denn ab April streicht China die 9-prozentige Steuervergünstigung auf Solarmodule und Wechselrichter. Und wenn die Bundesregierung ihre durchgesickerten Pläne für die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) tatsächlich umsetzt, kann die Nachfrage bald auch noch einmal die Preise steigen lassen, weil es für bereits installierte Anlagen einen Bestandsschutz geben soll. Wer dieses Jahr also noch eine eine in Betrieb nimmt, kann davon noch profitieren.
 
Wie die Lage beim Thema Wärmepumpe ist und ob sich das Ganze angesichts des geplanten neuen „Heizungsgesetzes“ noch lohnt, damit beschäftigt sich der ARD Klima Update-Podcast in der nächsten Folge. Die gibt es ab Mittwoch wie gewohnt hier zu hören.

Ziemlich eingeschränkt sind die Möglichkeiten allerdings, wenn Sie so wohnen wie ich – nämlich zur Miete. Da bleibt mitunter noch eine Balkonsolaranlage, aber darüber hinaus hilft es uns wohl nur, uns an der Ölkrise der 1970er Jahre zu orientieren und die Energieeffizienz unserer Haushalte so gut wie eben möglich weiter zu optimieren. Die Verbraucherzentrale hat ein paar Tipps, wie das klappen kann. 

Sonnige Grüße
Kristin Kielon

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt der ARD‑Klimaredaktion unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


Logo des MDR
Kontakt Impressum Datenschutz Abmelden
*