Darstellungsprobleme? Im Browser ist's netter.
#233
vom 6. März 2025

Klimafreundliche Ernährung: Ich teste CO₂-Fasten!

von Inka Zimmermann

Liebe Lesende,

lassen Sie uns über meine größte Klimasünde sprechen: dick Butter. Ich bin diese Person, die sogar unter die Nutella noch Butter schmiert. Am liebsten gesalzen. Ich scheine mit dieser Leidenschaft nicht alleine zu sein: Sechs Kilogramm Butter isst der durchschnittliche Deutsche pro Jahr. Und verursacht damit ungefähr so viel CO₂ wie mit dem gesamten Gemüsekonsum des Jahres.

Wenn es darum geht, wie unsere Ernährung klimafreundlicher werden kann, hört man oft nur, man solle bestenfalls vegan leben. Nur: Viele Menschen wollen das nicht, mich eingeschlossen. Trotzdem würde ich gerne klimafreundlicher essen und habe mir diese Woche – passend zur Fastenzeit – die Challenge auferlegt, eine Woche lang den CO₂-Fußabdruck meiner Ernährung zu reduzieren. CO₂-Fasten quasi. Wie es mir dabei ergangen ist und welche Änderungen ich langfristig beibehalte, erfahren Sie diese Woche.

MOMENT DER WOCHE

Anstehen an der Tankstelle. Diese Motorradfahrer in Kathmandu, Nepal, wollen den Tank noch einmal auffüllen – so lange es noch Benzin aus den Ölstaaten gibt. Die Sperrung der Straße von Hormus führt vor Augen, dass Erdöl nicht nur aus Klimaperspektive problematisch sein kann. Quelle: Safal Prakash Shrestha/NurPhoto. 

Klimafasten: Wie viel CO₂ kann ich sparen?

Wiedergabe-Button

Das Thema der Woche gibt’s zum Hören direkt hier oder in den Radiowellen der ARD. ❯ Alle Themen

Was wir essen, ist einer der größten Klimahebel, die wir selbst in der Hand haben. Mehr als ein Drittel der globalen Treibhausgase entsteht durch Ernährung. Zu Beginn meiner CO₂-Fastenwoche liegt mein wöchentlicher CO₂-Fußabdruck bei ungefähr 20,7 kg CO₂ pro Woche. Damit liege ich bereits deutlich unter dem deutschen Durchschnitt.

Mittlerweile haben Forschende für viele Produkte, die in unseren Supermärkten auftauchen, einen individuellen CO₂-Fußabdruck errechnet. Einer dieser Forscher ist Nils Rettenmaier vom Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) in Heidelberg. Er erklärt, die Berechnung des CO₂-Fußabdrucks folge einer Methode die „Lebenszyklusanalyse“ oder Ökobilanz heißt und die gesamte Wertschöpfungskette umfasst. „Man betrachtet den Lebensweg von der landwirtschaftlichen Produktion an: Wenn Landwirte mit ihren Maschinen die Felder bestellen, wird etwa Diesel-Kraftstoff verbraucht“, erklärt er.

In den vergangenen Jahren habe die Forschung hier deutliche Fortschritte erzielt: „Die Schwierigkeit ist, typische Werte für ein Lebensmittel herauszuschälen, denn Kartoffeln können auf unterschiedliche Weise angebaut werden.“ Insofern ist die CO₂-Bilanz eines Lebensmittels eher ein grober Orientierungswert, keine fixe Zahl. In die Bilanz fließen auch andere klimawirksame Gase wie Methan und Lachgas ein und werden dann in CO₂-Äquivalente übersetzt.

Daraus ergeben sich lange Listen mit Lebensmitteln und CO₂-Werten. Für den Hausgebrauch sind diese Listen zu unübersichtlich – aber sie geben Nuancen wieder, die in der Diskussion um klimafreundliche Ernährung wichtig wären. Ein Beispiel: Fleisch ist eher schlecht fürs Klima – aber der Unterschied zwischen den Fleischsorten ist enorm. Wiederkäuer wie Rinder und Schafe emittieren aufgrund ihrer Verdauung besonders viel Methan – ein Gas, das ungefähr 25 Mal klimaschädlicher ist als CO₂.

Große Unterschiede je nach Fleischsorte 

Rindfleisch emittiert deshalb ungefähr 14 kg CO₂-Äquivalente pro kg Produkt. Schwein und Hühnchen liegen ungefähr bei 5, Eier bei 2,5. Ketzerisch formuliert: Der Unterschied zwischen Rind und Schwein ist um ein Vielfaches höher als der zwischen Schwein und Tofu. 

Dass Rinder so CO₂-intensiv sind, bedingt auch den enormen CO₂-Fußabdruck konventioneller Butter. Für ein Kilogramm Butter werden circa 20 Liter Milch benötigt, wobei auch Magermilch und Buttermilch anfallen. „Aufgrund dieser Aufkonzentration innerhalb der Molkerei schlägt Butter sehr viel stärker zu Buche als Rohmilch, die auch schon mit etwa einem Kilogramm CO₂-Äquivalente pro Kilogramm Produkt einhergeht“, erklärt Nils Rettenmaier. Die Abkehr von der Butter ergibt also Sinn: kleine Änderung – große Wirkung. Man könne ein wenig experimentieren, sagt Rettenmaier, es gebe auch Mischprodukte. Tatsächlich finde ich eine Halbfettmargarine mit Buttermilch und deutlich vermindertem CO₂-Abdruck, die mir schmeckt.

Fleischersatz kann CO₂-intensiv sein  

Aber natürlich will ich auch mehr komplett pflanzliche Produkte essen. Ich stehe abends im Supermarkt. Die Erschöpfung des Tages ist groß, der Hunger bereits vorhanden, die Auswahl begrenzt. Normalerweise greife ich an dieser Stelle nach den Eiern. Schnell zubereitet, relativ preiswert und mit einer Extraportion Protein. Diesmal zögere ich und nehme schließlich eine Packung veganes Gyros der Eigenmarke für 3,15 Euro. 

Mir hat’s geschmeckt: veganes Gyros in der Pfanne. Rechte: Inka Zimmermann

Das Gyros schmeckt angebraten hervorragend – aber die CO₂-Einsparung fällt bei diesem Tausch überraschend gering aus. Denn was die Klimabilanz angeht, liegen tatsächlich beide Produkte erstaunlich nah beieinander. Während bei den Eiern die Fütterung der Hühner stärker ins Gewicht fällt, ist es bei den veganen Ersatzprodukten oft die Verarbeitung, die verhältnismäßig energieintensiv ist und damit auch mehr CO₂ verursacht. „In der Regel haben pflanzliche Produkte einen geringeren CO₂-Fußabdruck als tierische Produkte – aber es kommt sehr auf den Einzelfall an“, erklärt Nils Rettenmaier.

Hochverarbeitete Ersatzprodukte, die etwa Proteinisolate und Proteinextrakte beinhalten, könnten im Extremfall durchaus in die Größenordnung von Hühner- oder Schweinefleisch kommen, erklärt der Forscher. Produkte, die in diesem Zusammenhang besonders auffallen: vegane Nuggets und veganes Cordon bleu. Letzteres liegt teilweise bei 6,2 kg CO₂ pro kg Produkt – ähnlich wie Schweinefleisch.

Fleischersatzprodukte im Vergleich. In der Regel schneiden sie besser ab, als tierische Produkte, aber nicht immer. 

Fleischersatz ist also nicht zwangsweise immer die bessere Wahl – aber steht übergreifend häufig besser da. 

Gewohnheiten zu ändern ist eine Herausforderung 

Um meine Klimabilanz weiter zu verbessern, kaufe ich einige Blöcke Räuchertofu im Supermarkt. Kombiniert mit Kartoffeln und etwas Erdnussmus entsteht eine Mahlzeit, die sowohl nährstoff- und proteinreich ist, als auch eine optimale Klimabilanz von ungefähr 0,5 kg CO₂/kg aufweist. Geschmacklich überzeugt die Kreation allerdings nicht.

Ich merke, wie schwer es mir fällt, meine Gewohnheiten zu ändern. Dazu kommt, dass ich im Supermarkt häufig ratlos vor dem Regal stehe. Welcher Apfel ist nun der beste fürs Klima? Dürfen es Tiefkühlbeeren sein oder besser frisch? Hauptsache kein Flug-Obst, sagt Geoökologe Rettenmaier. Der Transport per Schiff oder Lkw sei in der Regel recht effizient, gerade wenn es etwa um Gemüse aus Europa gehe. Bei den Äpfeln sei bereits viel erreicht, wenn man auf heimische oder europäische Ware achte. „Es geistern immer wieder Aussagen herum, dass ab dem Monat x nach der Ernte der neuseeländische Apfel besser wäre – aber das stimmt nicht.“  

Klimafreundlich essen muss einfacher werden

Mein Fazit nach einer Woche klimafreundlich essen: Durch den gezielten Austausch einiger Lebensmittel habe ich circa 9 kg CO₂ eingespart und damit meine persönliche Wochenbilanz beinahe halbiert. Und das, obwohl ich weiter jeden Morgen meinen geliebten Quark gefrühstückt habe. Aber: Es war kompliziert. Obwohl die Ernährung ein enorm wichtiger Klima-Hebel wäre, wer hier etwas verbessern will, muss sich proaktiv informieren – und selbst dann fällt die Orientierung im Supermarkt schwer.
Mir wäre es fast schon unrecht, wenn nur CO₂ aufgedruckt wäre
Nils Rettenmaier, ifeu-Institut

Klimafreundliche Produkte auf der Verpackung besser zu kennzeichnen, wird deshalb immer wieder diskutiert. „Mir wäre es fast schon unrecht, wenn nur der CO₂-Fußabdruck aufgedruckt wäre“, findet Nils Rettenmaier. Andere Umweltwirkungen wie der Flächenfußabdruck und der Wasserfußabdruck können ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen. Mitunter gäbe es sogar gegenläufige Effekte. Ein Beispiel ist die Mandelmilch: tolle CO₂-Bilanz, enormer Wasserverbrauch.

In Frankreich etwa gibt es bereits seit 2021 den „Eco-Score“ – ein Label, das anzeigt, wie umweltverträglich ein Lebensmittel ist, analog zum Nutri-Score. Auch Lidl Deutschland testet ein solches Label gerade. „Ich glaube, das würde den Verbrauchenden tatsächlich helfen, weil sie sich dann nicht mit Zahlen auseinandersetzen müssen, die ohnehin schwer in Relation zu setzen sind, unter anderem auch, weil wir die Produkte in unterschiedlichen Mengen konsumieren“, findet Nils Rettenmaier.

Logo KlimaZeit
DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Brauchen wir Atomstrom für die Energiewende? Und wann kommt die Kernfusion? 

Freitags, 19:45 auf tagesschau24 und jederzeit auf  tagesschau.de

Termine

  • 19.-22.3. — Klimabuchmesse, Teil der Leipziger Buchmesse  (Leipzig)
  • 24.3. — Wärmepumpe: Die Heizung der Zukunft? Mythen und Chancen in Bestand und Neubau (Online-Webinar)
  • 26.3. — EnergieNetzWerk Jahrestagung (Berlin)
📆 Und noch mehr Klima-Termine finden Sie jederzeit hier.

News

Steigende Temperaturen im Klimawandel: Schädigt das E-Autos? 
Eine aktuelle Studie hat untersucht, wie sehr die steigenden Temperaturen im Klimawandel die Leistungsfähigkeit von E-Auto-Batterien beeinträchtigen werden. 👉 MDR
Bundesregierung plant Heizungen mit Biomethan
Die Bundesregierung setzt im neuen Entwurf für ihr Gebäudemodernisierungsgesetz auf „grüne Gase“ wie Biomethan: Neue Gasheizungen sollen künftig mit einem wachsenden Anteil solcher klimafreundlicher Brennstoffe laufen. Ist das realistisch? 👉 MDR
EU bleibt weltweit größter Verbraucher von Uran
Atomenergie spielt in Europa noch eine große Rolle. Der Uran-Atlas 2026 dokumentiert die globalen Lieferketten der Uran-Industrie und die damit verbundenen ökologischen und geopolitischen Auswirkungen. 👉 SWR

ARD, ZDF und DRadio

Kohlefrauen: Zukunft ohne Bagger

Mit dem Kohleausstieg 2038 werden die letzten 7000 Industriearbeiter die Tagebaue verlassen. Glauben die Kohlefrauen den Versprechungen der Politik oder werden sie die Lausitz doch verlassen müssen? 👉 ARD Mediathek

Wer kontrolliert die Arktis? 

Zwischen Russland, China, den USA, Kanada und der EU ist ein Wettkampf um die Arktis entbrannt. Es geht um Bodenschätze, Handelsrouten – die militärische Seeweg-Kontrolle im Norden. 👉 ARD Mediathek

Können Gerichte das Klima retten?

Bei der Flutkatastrophe 2022 sind in Pakistan über 1.700 Menschen gestorben. 39 pakistanische Bauern haben deshalb den Energiekonzern RWE und den Baustoffkonzern Heidelberg Materials verklagt. Was können die Klagen erreichen?  👉 ARD Audiothek

👋 Zum Schluss

Wir haben für diesen Newsletter eine maximale Zeichengrenze. Diesmal ist mir das schwergefallen – und es gibt noch einige Aspekte, die ich gerne erwähnt hätte. Bio-Lebensmittel sind, wenn es alleine um die CO₂-Bilanz geht, übrigens nicht unbedingt besser als konventionelle. Und das Wichtigste: Wer mit dem Auto losfährt, um ein einzelnes Produkt zu kaufen, hat damit die Emissionen sofort vervielfacht. Besser ist es, den gesamten Wocheneinkauf mit einer Fahrt zu machen oder das Rad zu nehmen. Die Forscher vom ifeu-Institut haben ihre Erkenntnisse in elf Ernährungstipps umgesetzt, die Sie hier nachlesen können.

Ich werde die Butter übrigens für immer aus meiner Ernährung verbannen und Rinderhack eher reduzieren – Eier und Hühnchen aber nicht. Das vegane Gyros kaufe ich wieder, weil es lecker war. Vielleicht haben Sie ja nun auch Lust bekommen auf ein wenig CO₂-Fasten? Wenn ja, lassen Sie mich unbedingt wissen, wie es läuft!

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende 
Inka Zimmermann 

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt der ARD‑Klimaredaktion unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


Logo des MDR
Kontakt Impressum Datenschutz Abmelden
*