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#229
vom 6. Februar 2026

Die gewöhnliche Katastrophe: 
Balanceakt für die Psyche

von Kristin Kielon
Hallo zusammen,

und herzlich Willkommen im Reich der Eiskönigin. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen gerade so aussieht, denn es gibt ja doch große Unterschiede im Land, aber vor meiner Haustür erfordert das Glatteis nach wie vor höchste Vorsicht. Da bin ich doch froh über die Spikes aus dem Norwegen-Urlaub. Dass ich die in unseren Breiten sonst nie brauchte, zeigt: Das ist ein ganz schön harter Winter

Es ist halt Winter, werden Sie vielleicht einwenden an dieser Stelle. Das stimmt natürlich auch, aber dennoch sitzt auch in frostigen Zeiten der Klimawandel mit am Tisch. Und anderswo ist es ja auch gar nicht Winter und das Wetter scheint dennoch verrückt zu spielen: Gefühlt bekommt man nur noch Bilder und Nachrichten von Naturkatastrophen in den Nachrichten zu sehen. Das ist natürlich faktisch nicht so, aber es geht ja ums Gefühl! Und da fühlen wir mittlerweile so manches Mal gar nichts mehr. Und das ist ein Problem. Widmen wir uns also heute unserer Psyche.

MOMENT DER WOCHE

Der Winter hat Norddeutschland im Griff wie seit Jahren nicht mehr. Die Ostsee ist an einigen Orten komplett zugefroren, so auch in der Hafenstadt Sassnitz auf der Insel Rügen. Hier sind an der Mole mit dem Molenfeuer vor allem imposante Eiszapfen zu bestaunen. Am Greifswalder Bodden hat der Wind sogar Eisschollen zu Eisbergen aufgetürmt, die mehrere Meter hoch sind. Rechte: picture alliance/dpa | Stefan Sauer

Zwischen Taubheit und Sorge: Was tun, wenn die Katastrophen zu viel werden?

Während die Menschen in einigen Regionen der Nordhalbkugel mit extremer Kälte, Schnee und Eis zu kämpfen haben, hat man im Süden ganz andere Probleme. In vielen Teilen Afrikas etwa mussten Zehntausende vor heftigen Überschwemmungen fliehen, die Wälder Patagoniens in Südamerika stehen in Flammen und Australien ächzt unter der nächsten potenziell tödlichen Hitzewelle. Die Extremwetterereignisse und die Katastrophen scheinen kein Ende mehr zu nehmen. Sie laufen wie ein weißes Rauschen durch unsere Nachrichten-Sendungen und Social Media-Feeds. Haben wir uns an diesen Zustand gewöhnt? Und was macht dieses neue Normal der Klimakrise mit unserer Psyche?

Das Gewühle der Klimagefühle

Damit beschäftigt sich Lea Dohm von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. „Als erstes steht da im Grunde die Frage, ob wir Extremwetterereignisse überhaupt mit Klima in Verbindung bringen“, sagt die Psychologin. Das sei zwar nicht immer spontan möglich, aber insgesamt verstärke die Klimakrise solche Extremwettereignisse und deren Wahrscheinlichkeit. „Und wer sich mit diesem Thema beschäftigt, wird auf diese Tatsache stoßen und dann ist diese Verbindung zum Klima bei äußerem Extremwetter auch innerlich immer relativ nah.“ Kurzum: Den Gedanken ans Klima werden wir dann nicht mehr los. „Das heißt, wir werden dann immer wieder daran erinnert, dass das etwas mit Klima zu tun haben könnte und das wiederum kann in uns Stress auslösen, und zwar insbesondere dann, wenn wir uns persönlich machtlos fühlen“, erläutert Dohm.

Machtlosigkeit ist aber nur eines von vielen Klimagefühlen. Die Emotion, die besonders viele Menschen betrifft, sei die Angst, sagt Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim. Häufig seien auch Wut oder Scham. „Typisch ist, dass sich Menschen von so einer Flut von Nachrichten dann immer stärker in negative Emotionen hineinziehen lassen.“ Dass sie abstumpften, sei eher nicht der Normalfall. Und dennoch: „Es gibt ein ganzes Spektrum von Klimagefühlen“, bilanziert Meyer-Lindenberg.

Dass wir uns an Katastrophenbilder gewöhnen, sei erstmal ganz normal, betont Psychologin Lea Dohm. „Das ist der sogenannte Shifting-Baseline-Effekt. Das heißt, wir gewöhnen uns automatisch an das, was sich um uns herum verändert.“ Was für die eine Generation noch ein Extrem ist, wird so für die nächste zum Normalfall. Ein anderer Grund dafür, dass manche Menschen scheinbar abgestumpft und teilnahmslos wirkten, sei, dass wir im Kampf gegen die Klimakrise etwas verändern müssten, so Dohm. „Veränderungen mögen wir als Menschen oftmals nicht so gerne.“

Die Forschungsbefunde zur Frage, ob wir angesichts der Flut von Katastrophenbildern tatsächlich innerlich abstumpfen, seien gemischt, sagt Clara Kühner vom Wilhelm-Wundt-Institut für Psychologie an der Universität Leipzig. „Es gibt auch andere Befunde, die zeigen, es stärkt vielleicht die Risikowahrnehmung und die Überzeugung, dass der Klimawandel ein Problem ist.“ Man könne nicht pauschal sagen, dass ständige Beschäftigung mit der Klimakrise zu einer völligen Abstumpfung führe. 
Erfasste Naturkatastrophen: Erdbeben, Extremtemperaturen und Extremwetterereignisse, Überflutungen, Nasse und trockene Massenbewegungen (z.B. Erdrutsche, Schlammlawinen), Waldbrände, Dürren, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Gletscherseeausbrüche.

Die Kraft der Mitte finden

Die Gefühlswelt in Sachen Klima ist also ein Spektrum. Und in dem gilt es, die optimale Balance zu finden. Lea Dohm formuliert es so: „Ein bisschen braucht es diese innere Abschirmung und gleichzeitig müssen wir eben aufpassen, dass wir uns unsere Berührbarkeit und unser Mitgefühl bewahren.“ Grundsätzlich sei es so, dass die psychische Gesundheit im mittleren Ausmaß von Gefühlen liege. „Das heißt, wir funktionieren im Alltag dann am besten, wenn wir unsere Gefühle wahrnehmen können und wenn sie weder ganz abgestumpft sind noch in irgendwelche Extrembereiche hochgehen“, bilanziert die Psychologin.

Wenn das nicht mehr klappt, helfen Menschen wie Christine Steinmetz weiter. Die Dresdnerin ist psychologische Psychotherapeutin und Expertin für das Thema Klimaresilienz. „Es ist vereinzelt so, dass die Menschen auch sagen: Ich finde einfach die Welt gerade super belastend und ich möchte gerne Hilfe diesbezüglich haben“, erzählt sie aus ihrem Praxisalltag. Dann sei das Ziel, wieder in die Mitte zurückzufinden. „Diese Extreme sind ja die beiden Endpunkte der emotionalen Verarbeitung“, erläutert Steinmetz. „Entweder ich nehme mich komplett raus und gehe in die Vermeidung oder wir verlieren uns total in unseren Ängsten und Ohnmachtsgefühlen.“ Manche stürzten sich dann auch so extrem ins Handeln, dass sie komplett ausbrennen.

Um aber psychisch gesund und auch handlungsfähig zu bleiben, müssen diese Extreme vermieden werden. „Das Wichtige ist, die meiste Zeit irgendwo in der Mitte zu sein. Dort können wir die Emotionen, die wir diesbezüglich haben, ernst nehmen und auch spüren und vielleicht sogar in für uns sinnstiftende Handlung umsetzen.“ Das sei aber der Bereich, in dem wir Gefühle noch regulieren können, so Steinmetz.

Stop the doomscrolling!

Psychiatrie-Professor Meyer-Lindenberg sieht insbesondere unser Medienverhalten als Problem: Die Algorithmen sozialer Medien zeigen uns mehr von den Inhalten, für die wir uns interessieren, erklärt er. „Das führt auch zu dem Phänomen, dass man gefühlt fast bombardiert wird mit diesen Nachrichten.“ Und das könne dann tatsächliche eine Art Abstumpfung zur Folge haben. Die Dauer-Präsenz im Internet sieht auch Psychotherapeutin Steinmetz als Problem. „Früher war es leichter sich auch mal abzugrenzen, weil man dann einfach den Fernseher ausgemacht hat oder gesagt hat, diese Woche lese ich mal keine Zeitung.“

Der Ratschlag bleibt trotzdem: Abschalten! Das heißt nicht, den Medienkonsum ganz einzustellen, sondern sorgfältiger damit umzugehen, rät Meyer-Lindenberg. „Ein bisschen herunterzufahren auf eine handhabbare Dosis auf das Gegenteil von dem, was man Doomscrolling nennt.“ Denn das endlose Weiterscrollen führe zwangsläufig in eine Spirale von negativen Gefühlen. Der Fachmann rät Betroffenen deshalb zur Medien-Diät. „Wenn ich merke, das stumpft mich ab, dann sollte ich mich diesen Dingen nicht so häufig aussetzen.“ Alle Medien sollten von Betroffenen generell achtsam, bewusst und gezielt konsumiert werden.
 
Müssen wir also etwas inneren Abstand gewinnen, um wieder mehr zu fühlen? „Das ist individuell sehr unterschiedlich“, sagt Meyer-Lindenberg. Manchmal helfe es schon, all die Meldungen über Leid und Elend „für sich in Kontext zu bringen“. Konkret heißt das einfach nur, dass man seine Gefühle benennt: „Dass man sagt, ich habe das jetzt gerade gehört und es macht mich wütend, das macht mich verzweifelt oder das ist mir eigentlich egal, ich habe andere Dinge zu tun. Dadurch, dass man diese Dinge benennt, hat man sich schon mal in Kontext gesetzt und ist ihnen nicht so ausgeliefert.“

Seid lieb zu euch selbst

Die Fachleute raten Menschen, deren Gefühlswelt in Sachen Klima aus dem Gleichgewicht geraten ist, einhellig zu mehr Selbstfürsorge – also dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und um sich selbst zu kümmern. Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die dabei helfen, erklärt etwa Meyer-Lindenberg. Das könne mehr Achtsamkeit sein, eine bewusste Tagesgestaltung oder genug Schlaf. Andere raten zu Spaziergängen in der Natur, Sport oder autogenem Training, um zur Ruhe zu kommen. „Das ist wichtig“, betont Meyer-Lindenberg. Und dabei müsse man auch kein schlechtes Gewissen bekommen. „Das hat nichts mit Selbstsüchtigkeit zu tun, sondern ist eine Voraussetzung dafür, dass ich die Dinge tun kann, die ich möchte und die können ja dann wieder sehr altruistisch sein.“ Psychohygiene ohne schlechtes Gewissen ist also ratsam.

Therapeutin Steinmetz rät außerdem dazu, tatsächlich über seine (Nicht-)Gefühle zu reden. „Wenn ich merke, ich war die letzten Wochen total in der Vermeidung, dann gehe ich vielleicht doch mal in ein Gespräch darüber mit einer Person, von der ich weiß, mit der kann ich gut darüber sprechen.“ So könne man wieder mehr in Kontakt zu sich und seinen Gefühlen kommen.
Es gibt beim Klima eine Zweischneidigkeit. Deshalb gilt es, die emotionale Balance zu bewahren.
Dr. Clara Kühner
Neben der Selbstfürsorge hilft aber vor allem auch die Selbstwirksamkeit, die Balance zu halten, raten die Fachleute. Ins Handeln zu kommen, sei eine der hilfreichsten Maßnahmen, sagt Meyer-Lindenberg. Dabei reiche es, einfach auf das eigene Leben zu schauen: „Wie kann ich klimafreundlicher leben? Was esse ich? Wie komme ich zur Arbeit? Und dann in kleinen Schritten vorangehen und auch andere vielleicht dazu zu motivieren.“ Das Gefühl, selbst Einfluss zu haben und etwas bewegen zu können, stabilisiere nämlich emotional.
 
Wichtig dabei ist wieder das Maß. Denn mit dem Thema in Berührung kommt man zwangsläufig immer wieder, sagt Kühner. „Es ist schon sinnvoller, einen konstruktiven Umgang damit zu finden.“ Der könne für jeden anders aussehen, beinhalte aber meistens Handeln in irgendeiner Form. „Das muss auch ins Lebensmodell passen. Aber das ist eine der wichtigsten Strategien, um konstruktiv mit dem Thema umzugehen.“ Denn der eigene Einfluss ist natürlich begrenzt. Umso wichtiger ist auch die institutionelle, systemische Ebene, so die Fachleute. Die Dresdnerin Steinmetz sagt, Klimaschutz sei immer auch Gesundheitsschutz. „Wir müssen uns auf unsere Systeme, auf unsere Institutionen, auf die Politik verlassen können, dass die auch ihren Beitrag leisten. Erst dann können wir uns auch individuell resilient halten.“
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Blüten, Temperatur und die Pollen, Algen als Lebensmittel und: Essen wir das Klima auf? Der Klimafaktor Ernährung.

Freitags, 19:45 auf tagesschau24 und jederzeit auf  tagesschau.de

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  • 10.-12.2. — E-world energy & water 2026 Europas Leitmesse der Energiewirtschaft (Essen)
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👋 Zum Schluss

Viele der Fachleute haben in unseren Gesprächen auch die Rolle der Medien und die Art und Weise der Berichterstattung betont. Leider war hier und heute nicht mehr genug Raum, uns dem angemessen zu widmen, aber eine Sache ist da noch. Und – ehe Sie fragen – natürlich habe ich diese Hinweise auf- und mitgenommen. Bei dieser einen Sache brauche ich aber Ihre Hilfe: Sollten wir bei Berichterstattung über klimabedingte Extremereignisse grundsätzlich eine Art Hinweis anfügen? Dort stünde dann so etwas wie: „Derartige Beiträge können Stress auslösen. Das geht vielen Menschen so.“ Das soll dafür sorgen, dass solche Klimagefühle normalisiert werden und man sich nicht komisch fühlen muss. Und wir könnten auch Seiten wie diese hier verlinken und direkt Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Wie fänden Sie das?

Verraten Sie uns doch gern, was Sie davon halten – einfach wie gewohnt per Mail an: klima@mdr.de. Ich bin gespannt auf Ihre Meinung! Und solange der Februar auch noch so dunkel und grau bleibt, achten Sie bitte ganz besonders gut auf Ihre psychische Gesundheit und seien Sie rücksichtsvoll mit sich selbst. 

Mit besten Grüßen
Kristin Kielon

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Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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