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#228
vom 30. Januar 2026

Investieren für bessere Rente und besseres Klima?

von Inka Zimmermann
Liebe Lesende,

ich weiß ja nicht, was Sie im Jahr 2062 vorhaben, aber auf mich wartet in diesem Jahr die wohlverdiente Rente. Wobei sich über das „wohlverdient“ offenbar streiten lässt. Laut einem Schreiben der Rentenversicherung werden meine Ansprüche nicht hoch sein. Für meine Rente in 36 Jahren werde ich privat vorsorgen müssen – wie vermutlich alle in meiner Generation.

„Klaro, MSCI World“, sagt eine Freundin. Es handelt sich um den Namen eines Indexfonds, der die wichtigsten Unternehmen der Welt abbildet. Da könne ich langfristig nur profitieren, so die Freundin. Investieren für die Rente ist ein Trend, nicht nur in meinem Freundeskreis. Laut dem Deutschen Aktieninstitut hat sich die Zahl der unter 40‑Jährigen mit Aktienanlage seit Mitte der 2010er‑Jahre mehr als verdoppelt. Sie stellen inzwischen die größte Anlegergruppe. Die Bankerin Silke Stremlau sagt: Gerade mit diesen Investitionen ließe sich extrem viel fürs Klima erreichen. Also, warum eigentlich reden wir bei klimafreundlichem Verhalten übers Essen, Radfahren und Fliegen – aber nie übers Geld?

MOMENT DER WOCHE

Die Antarktis ist ein bedrohtes Paradies – und nun in Leipzig zu erleben. Der Künstler Yadegar Asisi hat zehn Jahre an einem großen Panorama gearbeitet. Um den Klimawandel geht es dabei auch. Rechte: Tom Schulze/ asisi 

📈 Ins Klima investieren 

Im vergangenen Jahr haben mehr als 14 Millionen Deutsche ihr Geld an der Börse angelegt – so viele wie noch nie zuvor. Aktien und Fonds galten lange als Besserverdiener-Thema. Aber das hat sich gewandelt: Vor allem junge Erwachsene nutzen Investments für die Altersvorsorge. „Man merkt einfach, dass gerade jungen Leuten klar ist, dass die gesetzliche Rente im Alter nicht ausreichen wird“, berichtet Timo Halbe. Er ist Experte für Geldanlage beim Verbraucherportal Finanztip. Wer die Rentenlücke schließen wolle, müsse investieren. Dazu kommt aber auch, dass die Einstiegshürden heute niedriger sind: Es gibt eine Vielzahl an unkompliziert verfügbaren Apps und eine richtige Flut an „Finfluencern“ – das sind Finanz-Influencer, die in den sozialen Medien erklären, wie und wo man das Gesparte nun am besten anlegen soll.

Besonders beliebt sind in diesem Zusammenhang ETFs. Das sind Exchange Traded Funds, die sich an einem Marktindex orientieren, wie etwa dem DAX. Sie enthalten viele Aktien auf einmal und gelten dadurch als besonders robust. Unter diesen Börsenindizes ist einer ganz besonders beliebt: der MSCI World. Gerade an diesem Index gibt es aber auch Kritik: Statistisch gesehen sind drei von vier Posten in dem Index, der eigentlich weltweit anlegen sollte, aus den USA, vor allem aus der Tech-Branche.

Ansonsten hat der MSCI World einen Fokus auf Marktkapitalisierung und ist damit genauso sozial und nachhaltig, wie die stärksten Unternehmen der Welt es eben gerade sind. Im Index enthalten sind Öl- und Gaskonzerne, große CO₂-Emittenten aus Industrie und Flugverkehr, Autohersteller und Chemiekonzerne. Auch Unternehmen mit problematischen Lieferketten werden standardmäßig nicht ausgeschlossen. Wer sein Geld in ETFs aus diesem Index anlegt, profitiert vom Erfolg dieser Unternehmen – und die Rendite ist richtig gut: Aus 1.000 Euro, die im Jahr 2016 in einen MSCI-World-ETF eingezahlt wurden, dürften mittlerweile circa 3.251 Euro geworden sein. Die durchschnittliche Jahresrendite lag in dieser Zeit bei rund elf Prozent.

Sind klimafreundliche ETFs eine Lösung? 

Parallel zum klassischen MSCI World Index gibt es aber auch klimafreundlichere Varianten. Etwa eine Variante des Index, die sich besonders stark auf Unternehmen mit einem niedrigen CO₂-Ausstoß konzentriert und zudem besonders hohe Umwelt- und Sozialstandards anlegt. Im Langzeitvergleich der beiden Indizes fällt auf: Sie sind sich ziemlich ähnlich.

„Ich würde nicht sagen, dass ETFs mit Nachhaltigkeitskriterien schlechter laufen als die herkömmlichen“, betont Timo Halbe. Bis 2024 hätten nachhaltige ETFs sogar eine ganze Weile besser performt.

Das gilt auch jenseits von ETFs, erklärt Silke Stremlau. Die Bankerin hat es sich gewissermaßen auf die Fahnen geschrieben, das Finanzwesen grüner zu machen. In den vergangenen Jahren war sie die Vorsitzende des Sustainable-Finance-Beirates der Bundesregierung. „Alle wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema kommen zu dem Ergebnis, dass Nachhaltigkeit nicht zu einem Renditeverlust führt. Mit einer geringen Wahrscheinlichkeit habe ich sogar eine Outperformance, also einen kleinen Vorteil“, erklärt sie. Immerhin könne Nachhaltigkeit auch ein unternehmerischer Vorteil sein: „Die Unternehmen in diesen Portfolios antizipieren bestimmte Risiken früher und entwickeln häufig Lösungen und Produkte, die an den Problemen, die wir heute haben, ansetzen.“

Einen Haken hat die Sache mit den grünen ETFs allerdings: Oft ist undurchsichtig, nach welchen Kriterien Unternehmen in einen nachhaltigen Index aufgenommen werden. Häufig wird ein sogenannter „Best-in-Class“-Ansatz verfolgt, bei dem die wichtigsten Branchen in den Index aufgenommen und im Nachgang die vergleichsweise besten Unternehmen aus diesen Branchen ausgewählt werden. „Das kann bedeuten, wir decken die Energiebranche durchaus ab, aber suchen dort nach den nachhaltigsten Unternehmen“, erklärt Halbe. In vielen klimafreundlichen ETFs sind deshalb ebenfalls große Tech-Konzerne wie Nvidia und Microsoft vertreten.

Stranded Assets: Wenn Klimakiller wertlos werden

„Ich würde sagen, man sollte den Impact nicht überschätzen, den man mit einem solchen Investment hat“, findet Timo Halbe. Mit einem klimafreundlicheren ETF werde man den Planeten eher nicht retten – aber weniger stark von Umsätzen profitieren, die im Zusammenhang mit Klimaschädlichkeit entstehen. Silke Stremlau sagt, sie sei grundsätzlich kein Fan von nachhaltigen ETFs – gerade weil die Unternehmen oft dieselben seien.

Nach Stremlaus' Ansicht gibt es Investitionen, die deutlich mehr fürs Klima erreichen können: „ELTIF, Infrastrukturinvestments, Direktinvestitionen in Windparks, in Mikrofinanzfonds oder Green Bonds“, zählt sie auf. Die Fachwortdichte legt bereits nahe: Um hier zu investieren, muss man sich ein wenig auskennen. Mittlerweile gebe es gerade im Nachhaltigkeitsbereich eine große Bandbreite an Angeboten – und man könne sich oft von der eigenen Bank beraten lassen.

Gerade im Zusammenhang mit dem Klimawandel gibt es noch einen weiteren Banking-Begriff, den man kennen sollte: „Stranded Assets“, auf Deutsch: gestrandete Vermögenswerte. Das sind Unternehmen, Anlagen oder Rohstoffe, die plötzlich an Wert verlieren, weil sich die Situation verändert. Unternehmen aus dem fossilen Sektor etwa haben schon jetzt höhere Kosten, weil sie CO₂-Zertifikate kaufen müssen. Das belastet die Umsätze dieser Unternehmen. Überschreitet der CO₂-Preis einen gewissen Kipppunkt, führt das dazu, dass die Unternehmen weniger wert sind. Silke Stremlau sagt, sie hätte erwartet, dass dieser Kipppunkt schon viel früher eintrete – aber, dass er eintrete, sei sicher. „Ich nehme das schon so wahr, dass alle Investoren, die sehr mittel- und langfristig denken, den Anteil CO₂-intensiver Unternehmen in ihren Portfolios deutlich reduziert haben.“

Wie können wir das private Kapital nutzen, um unser Land hier zukunftsfähig zu machen?
Silke Stremlau
Die Hebelwirkung, die private Investitionen im Klimawandel haben können, werde stark unterschätzt, findet Bankerin Stremlau. „Wir stehen immerhin gerade vor massiven Investitionsbedarfen, um unsere Infrastruktur zukunftsfähig zu machen.“ Dafür brauche es Kapital. Neun Billionen Euro seien aktuell bei Privatanlegern. „Für mich ist da die Frage, wie können wir dieses private Kapital für die Transformation nutzen – sodass es eben nicht in ETFs investiert wird, die dann in amerikanische Unternehmen gehen, sondern dass wir dieses Land hier zukunftsfähig machen, mit dem Geld hier vor Ort.“
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Der Klimawandel verändert die Fischerei und CO₂-Speicher im Meer: Wie Norwegen CO₂ unter dem Meeresboden speichert. 

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News

Milliarden-Investitionen in Europas Windkraft

Die Energiegewinnung aus der Nordsee soll bis 2050 fast verzehnfacht werden. Das haben die Energieminister am Montag dieser Woche beim Nordsee-Gipfel in Hamburg beschlossen. „Die Beschlüsse, die wir in Hamburg getroffen haben, werden unsere Energieversorgung sicherer, kostengünstiger und integrierter machen“, so Merz. „Europa wird damit insgesamt widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger.“ Offshore-Energie solle erheblich effizienter werden, außerdem wolle man mehr koordinieren und enger kooperieren. Die Energieinfrastruktur solle zudem besser vor physischen und virtuellen Angriffen geschützt werden. Im Gegenzug verpflichtet sich die Branche, die Gesamtkosten für die Stromerzeugung bis 2040 um 30 Prozent zu senken. Zudem sollen bis 2030 in Europa 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten investiert und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Eine Karte mit den Ausbaugebieten gibt's beim NDR.

US-Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen vollzogen

Die USA hatten ihren Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen bereits vor einem Jahr angekündigt. Diese Woche ist der Austritt nun in Kraft getreten. Damit sehen die USA sich nun nicht mehr gezwungen, Maßnahmen zum Klimaschutz umzusetzen. Experten schätzen, dass dieser Schritt die globale Erwärmung bis 2100 um 0,1 Grad zusätzlich erhöhen könnte. Aktuell sind die USA nach China der zweitgrößte Produzent von Treibhausgasen auf der Erde. Auch in seiner ersten Amtszeit hatte Trump die USA aus dem Pariser Klimaabkommen geführt. Unter seinem Nachfolger Joe Biden war das Land jedoch wieder eingetreten – und dann in Trumps zweiter Amtszeit wieder ausgetreten. (ZEIT)

Weniger Solar auf deutschen Dächern

Der Solarausbau in Deutschland stockt. In den letzten beiden Jahren hat sich der Zubau fast halbiert. Ein breites Bündnis aus 13 Verbänden warnt davor, die Förderung zu kürzen, wie von Wirtschaftsministerin Reiche geplant. 2025 sind nur noch etwas mehr als halb so viele neue Anlagen installiert worden, wie noch zwei Jahre zuvor, wie eine Hochrechnung des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW-Solar) zeigt. „In einer derartigen Marktlage wäre eine weitere Verschlechterung der Rahmenbedingungen zwangsläufig Gift“, warnt Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig. Konkret geht der BSW-Solar davon aus, dass 2025 etwa 453.800 neue Dach-Solaranlagen im Heimsegment bis 30 Kilowatt Leistung in Betrieb genommen wurden. Die Zahl klingt hoch, ist aber um 29 Prozent niedriger als 2024. Dabei war der Wert schon damals deutlich rückläufig. Vergleicht man mit den 793.800 Anlagen aus dem Jahr 2023 ergibt sich ein Einbruch um 43 Prozent binnen zwei Jahren.

ARD, ZDF und DRadio

Die Nordsee als grünes Kraftwerk

Beim Nordsee‑Gipfel geht es um Europas Energiezukunft – um riesige Windparks im Meer, neue Stromnetze und den heiklen Balanceakt zwischen Klima und Natur. Hintergründe bei 👉 NANO Magazin

Nach der Dürre die Flut 

Malawi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Dürren und Überschwemmungen verschärfen die Krise. Das Land sucht nach Strategien, um mit den Folgen der Erderwärmung fertig zu werden. Eine Reportage von Stephan Ueberbach. 👉 ARD Audiothek 

Green Sports

Immer mehr Menschen zieht es in die Natur, der Outdoortrend ist ungebrochen. Häufig hat diese Entwicklung aber negative Auswirkungen auf unsere Umwelt. Höchste Zeit, die Sportbranche nachhaltiger zu machen. 👉 ZDF Mediathek

👋 Zum Schluss

Ich muss an dieser Stelle gestehen: Ich bin eine dieser Privatpersonen, die ihr Geld ganz frech uninvestiert auf dem Konto liegen hat. Die Recherche diese Woche hat mich aber dazu gebracht, das Thema endlich angehen zu wollen. Und wie steht’s um Sie? Haben Sie womöglich sogar bereits klimafreundlich investiert? Oder stehen Sie dem Thema skeptisch gegenüber? 

Senden Sie mir Ihre Tipps und Erfahrungen gerne an klima@mdr.de! 

Herzliche Grüße
Inka Zimmermann 

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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