Darstellungsprobleme? Im Browser ist's netter.
#223
vom 19. Dezember 2025

Gutes tun mit großer Wirkung:
Ist effektives Spenden besser?

von Susanne Henn
Hallo zusammen,

werden sie Ihnen in der Vorweihnachtszeit auch irgendwann lästig – diese ganzen Briefe und Mails, in denen um Spenden geworben wird? Ich bin mal ehrlich, auch wenn es vielleicht herzlos klingt: Die meisten lösche ich gleich oder werfe sie ungelesen in die Papiertonne. Es überfordert mich. Und eigentlich spende ich schon seit Jahren an die gleichen Organisationen mit und ohne Advent.

Aber im Dezember öffnen sich bekanntermaßen Herzen und Geldbörsen und der Spendenmarkt ist hart umkämpft – vor allem in Zeiten von Wirtschaftsflauten und sinkenden Haushaltseinkommen. Und manchmal frage ich mich – wie Sie sich vielleicht auch – ob das Geld, das ich spende, dort, wohin ich es spende, wirklich gut eingesetzt ist. Also den größtmöglichen Nutzen erzielt, effektiv ist. Kann man das? Effektiv spenden? Die Antwort ist kurz: Ja.

MOMENT DER WOCHE

Das Aus vom Verbrenner-Aus: Die EU-Kommission will nun doch, dass auch nach 2035 noch Neuwagen mit Verbrennungsmotor zugelassen werden dürfen. Die Abgasvorgaben sollen demnach so aufgeweicht werden, dass die Neuwagen im Schnitt mindestens 90 Prozent weniger Kohlendioxid ausstoßen. Was dieses Aus vom Aus für den Klimaschutz bedeutet und ob sich die Investition in einen Verbrenner doch wieder lohnt, damit beschäftigen wir uns in einer der nächsten Ausgaben des ARD Klima-Updates im Januar. Rechte: IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Effektiver Altruismus – so wirkungsvoll helfen wie möglich

Es gibt da eine Bewegung, die nennt sich "Effektiver Altruismus". Haben Sie davon schon mal gehört? Dabei geht es – etwas vereinfacht – um die Frage: Wie kann ich mit einer begrenzten Menge an Zeit, Geld und Ressourcen den größten Nutzen erzielen, etwa bei der Armutsbekämpfung, beim Tierwohl oder auch beim Klimaschutz. Beim Letzterem speziell: Wie viel CO2 spare ich mit jedem gespendeten Euro ein?

Auf die Suche nach einer Antwort hat sich vor ein paar Jahren auch Sebastian Schwiecker gemacht. Er ist gelernter Volkswirt und hat für einige Jahre im Bereich Entwicklungszusammenarbeit und Entwicklungshilfe gearbeitet. Dabei fiel ihm auf, dass Hilfsprojekte sich in ihrer Wirksamkeit oft stark unterscheiden: "Auch sehr ähnlich klingende Projekte in gleichen Ländern können ganz unterschiedlich gemanagt werden. Einige haben sehr, sehr viele Leute erreicht und andere deutlich weniger. Obwohl die Projekte für den Laien auf den ersten Blick gleich aussahen."

"Effektiv Spenden" will Orientierung bieten

Wie wirkungsvoll die eigene Spende ist, lässt sich gar nicht so leicht herausfinden, denn die Unterschiede sind für Laien auf den ersten Blick nicht zu erkennen – und eigentlich auch nicht bei genauerem Hinschauen. Viele Menschen verlassen sich – zu Recht – auf Spendensiegel. Die werden vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DIZ) verliehen und sind absolut seriös. Aber sie sagen in erster Linie etwas darüber aus, wie verantwortungsvoll und transparent Hilfsorganisationen mit Spendengeldern umgehen. Und auch die Wirksamkeit spiele eine große Rolle, heißt es in den Standards des DIZ: "Die Verwendung der Mittel folgt den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit sowie dem Kriterium der größtmöglichen Wirksamkeit."
Doch diese Wirksamkeit ist für private Spender kaum nachzuvollziehen. Das ist auch nicht für jeden und jede bei der eigenen Spendenentscheidung ausschlaggebend, denn oft entscheidet gerade in diesem Bereich das Bauchgefühl. Aber um Transparenz für die Menschen zu schaffen, die Wert auf höchstmögliche Effektivität bei ihrer Spende legen, gründete Sebastian Schiecker mit einigen Gleichgesinnten 2019 die gemeinnützige GmbH "Effektiv Spenden". Das ist eine Non-Profit-Plattform, die Spenden einsammelt und nach den Wünschen der Spender und Spenderinnen weiter verteilt. Die können sich zuvor ausführlich beraten lassen. Auch in anderen Ländern gibt es Organisationen wie "Effektiv spenden", etwa in den USA, in Großbritannien, in den Niederlanden oder auch in Norwegen.
 
"Effektiv Spenden" rankt nicht selbst – empfohlen werden nur Organisationen, die von externen Prüfern als besonders wirkungsvoll bewertet wurden. "Wenn wir uns ein Smartphone kaufen, lesen wir doch auch Testberichte", sagt Sebastian Schwiecker. "Aber beim Spenden verlassen wir uns auf unser Bauchgefühl. Wir wollen", sagt Sebastian Schwiecker, "eine Empfehlung mit Fakten untermauern und nicht möglichst viele empfehlen, sondern nur die, von denen wir wirklich überzeugt sind."

Gute Bewertungen sind wichtig

Überzeugt hat das auch Meike Zetsche. Die Stuttgarterin und ihr Mann Volker haben vor einem guten Jahr ihre Eventagentur an einige leitende Mitarbeitende verkauft und beschlossen, einen Teil des Geldes zu spenden. Bei der Suche nach potenziellen Empfängern stießen sie auf "Effektiv Spenden" und fühlten sich vor allem davon angesprochen, "dass es für die total wichtig ist, dass eine Spende möglichst wirksam ist."
Es hat uns sehr angesprochen, dass eine Spende möglichst wirksam ist. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber trotzdem ist das im Spendenmarkt sehr wenig so.
Meike Zetsche, Spenderin
Die Zetsches beschlossen, ihr Geld unter anderem für Maßnahmen im Bereich Klimaschutz zu spenden. Vier Think Tanks und andere NGOs werden dort momentan von "Effektiv Spenden" empfohlen. Diese sind vor allem in den Bereichen aktiv, in denen nach Einschätzung des Weltklimarates IPPC noch ein hohes CO2-Einsparpotential ist, aber noch wenig Gelder fließen. Ein empfohlener Thinktank etwa erforscht Alternativen zur klassischen Stahl- oder Zementproduktion. Denn die weltweite Zementindustrie produziert mehr Treibhausgase als der weltweite Flugverkehr, und trotzdem passiert in der Erforschung von Alternativen noch relativ wenig. Genau wie bei der Tierhaltung: Die verursacht zwar 15 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes, aber wirklich überzeugende Lösungen für das Problem gibt es noch nicht.

Effektiv zu spenden, ist eine Idee, die immer mehr Anhänger gewinnt. So haben sich erst Anfang Dezember rund einhundert namhafte Wirtschaftswissenschaftler, Ärzte, Autorinnen und Autoren sowie Menschen aus den Bereichen Forschung, Sport oder auch Journalismus in einem offenen Brief dafür ausgesprochen, Spendenentscheidungen genau unter diesem Gesichtspunkt zu treffen: Wo kann ich mit meinem Geld am meisten erreichen?  Denn, so schreiben sie: "Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich die tatsächliche Wirkung von Spenden erheblich unterscheidet. Einige Hilfsorganisationen erreichen mit den gleichen Mitteln 10- bis 100-mal mehr als andere."

Es geht um langfristige Lösungen

Und dann wäre es ja auch schön zu wissen, dass das gespendete Geld nicht nur besonders wirkungsvoll, sondern auch besonders lange hilft. Auch darauf wird bei "Effektiv Spenden" geachtet. Es geht um Lösungen, die nicht nur eine Not vorübergehend lindern, sondern langanhaltend sind und sich bestenfalls auch auf der ganzen Welt umsetzen lassen. Denn wenn in einem der geförderten Bereiche ein Durchbruch erzielt würde, dann hätte das einen enormen Einfluss auf den CO2-Ausstoß und die Erderwärmung. Etwa, wenn eine Alternative zu Fleisch oder anderen tierischen Produkten gefunden würde, die sehr viele Menschen überzeugt. Denn dann könnte man die Zahl der Nutztiere weltweit und damit auch den CO2-Ausstoß massiv verringern. 
Doch gute Lösungen zu finden, braucht manchmal Zeit und deshalb haben Meike Zetsche und ihr Mann beschlossen, die Organisationen, für die sie sich entschieden haben, mehrere Jahre in Folge zu unterstützen. Das ist für die Planungssicherheit wichtig, davon ist Meike Zetsche überzeugt. Etwa, wenn es darum geht, ob man in eine neue Software investiert oder neue Mitarbeitenden anstellt: "Wenn ich immer erst zu Weihnachten erfahre, was an Geld rüberkommt, das ist ein bisschen schwierig."
   
Allerdings bergen Investitionen in Forschung immer auch die Gefahr, dass nichts dabei herauskommt. Dann hätte die Spende zwar zum Erkenntnisgewinn beigetragen, aber nicht wirklich geholfen.

Immer mehr Menschen wollen effektiv spenden

Trotz dieses Restrisikos haben die Macher von "Effektiv Spenden" mit ihrem Angebot anscheinend eine Lücke besetzt. In diesem Jahr werden sie als Plattform Spenden in Höhe von rund 25 bis 30 Millionen Euro für andere Organisationen einsammeln – ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gemessen am gesamten Spendenaufkommen in Deutschland ist das aber immer noch ein Nischendasein.

Natürlich gibt es auch Kritik an dieser Art der Spendenakquise. Es gibt Menschen, denen ist das zu rational, zu wirtschaftlich, zu wissenschaftlich. Nicht messbare Kriterien würden bei der Bewertung nicht berücksichtigt. Und das ist in Ordnung, denn nach wie vor ist es eine ganz individuelle Entscheidung, welche Hilfsorganisation man mit dem eigenen Geld unterstützen möchte. Und da darf auch der Bauch entscheiden. Und es kann auch absolut richtig sein, wenn eine Hilfe nur kurzfristig wirkt. Aber ein Blick auf die Effektivität kann vielleicht auch nicht schaden.
Logo KlimaZeit
DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Geheimnis des ewigen Eises, Polarforscher Arved Fuchs, Norwegens Eisbären und die Klimaerwärmung und: Stirbt der Schokoweihnachtsmann aus?

Freitags, 19:45 auf tagesschau24 und jederzeit auf  tagesschau.de

Termine

  • 15.-16.1. — EWI-Energietagung 2026 (Köln)
  • 17.1. — Workshop Klimakommunikation im Alltag: Wie wir heute über morgen reden (Dresden)
  • 20.1. — Seminar Regenwasser sinnvoll nutzen (Online-Seminar)
📆 Und noch mehr Klima-Termine finden Sie jederzeit hier.

News

Forscher: Eisbären zeigen genetische Veränderungen durch Klimaerwärmung
Während es im Norden von Grönland noch relativ stabil kalt ist, erlebt der Süden der Insel bereits eine rasche Erwärmung. Ein Team von britischen Forschenden zeigte jetzt, dass sich die Eisbären im Süden offenbar genetisch an die Veränderung anpassen. Im Vergleich zu ihren nordgrönländischen Artgenossen zeige sich bei ihnen eine Veränderung des Fettstoffwechsels. Zudem produzieren sie mehr Eiweiße, die gegen die Effekte von Hitzewellen schützen. Diese Befunde geben zwar Anlass zur Hoffnung, dass sich die Eisbären an die verändernde Umwelt anpassen können, noch sei die Gefahr aber nicht kleiner geworden, dass die Tiere aussterben, so Erstautorin Alice M. Godden von der University of East Anglia. (MDR WISSEN)
Klimawirkung trockengelegter Moore unterschätzt
Die Klimawirkung von entwässerten Mooren in Europa wird nicht nur unterschätzt, sondern erheblich unterschätzt: Die Emissionen sind fast doppelt so hoch wie von der EU angegeben und liegen bei rund 230 Megatonnen pro Jahr – und damit anderthalb bis zweimal so hoch wie der gesamte europäische Flugverkehr. Diese Analyse liefert ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Greifswald jetzt anhand einer Hotspot-Karte. Aus der geht auch hervor: Nord- und Ostdeutschland sind besonders betroffen. Grund seien hier die entwässerten, einst mächtigen Küstenmoore an der Nordsee sowie besonders großflächige Entwässerungen für die Landwirtschaft im Osten des Landes. Die Forschenden argumentieren, dass viele Moorflächen in der Vergangenheit nicht korrekt erfasst wurden. In entwässerten Mooren setzen Pflanzenreste vor allem die Klimagase CO₂ und Stickstoff frei. (MDR WISSEN)
Auch "versteckte" Kondensstreifen in Zirruswolken klimaschädlich
Forschende des Instituts für Meteorologie der Universität Leipzig haben erstmals die Klimawirkung von Kondensstreifen bestimmt, die sich innerhalb natürlicher Zirruswolken bilden und deshalb vom Boden aus kaum sichtbar sind. Demnach tragen sie bis zu zehn Prozent des Effekts normaler, frei sichtbarer Kondensstreifen zur Erwärmung der Atmosphäre bei. Damit widerlegt das Forschungsteam die Vermutung, dass solche Kondensstreifen die Auswirkungen der Wolken vereinzelt sogar umkehren könnten - also zu kühlen statt zu wärmen. Dafür habe es aber keine Hinweise gegeben, heißt es. Um den Klimaeffekt des Flugverkehrs abzumildern, könne man also nicht gezielt durch diese faserigen Eiswolken in großer Höhe fliegen. (MDR WISSEN)

ARD, ZDF und DRadio

SF6 – Das Treibhausgas und ein Skandal

Es heizt die Erderwärmung 24.000 Mal stärker an als CO₂: SF6 ist das stärkste aller Treibhausgase. Und es spielt die Hauptrolle in einem Skandal. Update Erde 👉 ARD Audiothek

Storms Welt schmilzt - die Arktis und das Klima

Storm wohnt auf einer Huskyfarm in der Arktis. Dort ist der Klimawandel schon deutlich stärker zu spüren, als bei uns. Was also tun? Die Kika-Doku 👉 ARD Mediathek

Weihnachtsbäume und der Klimawandel

Der Klimawandel setzt auch die Produzenten von Weihnachtsbäumen unter Druck. Aber ist der Baum, wie wir ihn kennen und lieben dann überhaupt noch zeitgemäß? 👉 ARD Audiothek

👋 Zum Schluss

Ich hoffe, ich habe Sie mit meinem Thema nicht irgendwie in Stress versetzt, weil Sie jetzt das Gefühl haben, Sie müssen vor Weihnachten noch irgendwohin spenden. Müssen Sie nicht. Spenden vielleicht schon, aber jetzt muss es wirklich nicht sein. Denn nie fließt so viel Geld in die Kassen der Hilfsorganisationen, wie in den letzten Wochen des Jahres. In anderen Monaten hingegen erhöht sich der Kontostand für Hilfsprojekte kaum.
Also wenn Ihnen das mit dem Spenden vielleicht im Mai wieder einfällt, dann wird die Freude groß sein – egal, wohin Sie spenden.
 
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen vierten Advent und stressfreie Feiertage,
 
Ihre Susanne Henn

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


Logo des MDR
Kontakt Impressum Datenschutz Abmelden
*