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#222
vom 12. Dezember 2025

Jugendliche und der Klimawandel: Angst vor der Apokalypse?

von Clemens Haug
Hallo zusammen,

heute vor zehn Jahren haben die Staaten der Welt das Klimaschutzabkommen von Paris beschlossen. Passiert ist seitdem zwar viel. Doch aktuell kommt der Klimaschutz nicht weiter voran. Im Gegenteil: In Washington sitzt seit Januar ein Mann im Weißen Haus, der mit Vollgas zurück in die energiepolitische Vergangenheit will: mit fossilen Energien, aber ohne Windräder auf dem Meer, stattdessen neue Öl- und Gasförderung in bislang streng geschützter Natur. Und große Techkonzerne planen derweil gewaltige Serverparks, die den Stromverbrauch in den USA und der EU bis zum Ende des Jahrzehnts verdreifachen könnten. Dass die dafür benötigte Energie von Wind- oder Solaranlagen kommt, ist eher unwahrscheinlich.

Der Ausblick in die nahe Zukunft ist also eher düster. Deshalb habe ich mich gefragt: Was denken Jugendliche darüber? Schließlich müssen sie am längsten mit den Konsequenzen der heutigen Versäumnisse leben. Bewegt sie das Thema Klimaschutz überhaupt noch, oder sind sieben Jahre nach Fridays for Future andere Probleme in den Vordergrund gerückt? Die Ergebnisse zweier Untersuchungen haben mich da ziemlich überrascht. Vielleicht können wir von der Jugend gerade einiges lernen.

MOMENT DER WOCHE

Insgesamt verliert die Erde derzeit zwar mehr Wald, als neu gepflanzt wird. Doch in den meisten Ländern mit abgeschlossener Industrialisierung ist die Bilanz inzwischen positiv. Spitzenreiter ist China, das mit Aufforstungen Wüsten eindämmt. Seit 1990 wurden hier 690.000 Quadratkilometer Wald neu gepflanzt. Das übertrifft die gemeinsame Fläche von Deutschland und Polen. Rechte: IMAGO/Xinhua

Jugend während Katastrophen: Und wir singen im Atomschutzbunker

Natürlich macht der Klimawandel Jugendlichen Angst. „Man hat das Gefühl, man kann nicht wirklich eine Zukunft aufbauen, weil im Hinterkopf ist: Irgendwann ist die Welt zerstört“, sagt Amelie aus Schleswig-Holstein in einem Video des Fluters, einem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung.

Sieben Jahre nach Fridays for Future ist bei vielen jungen Menschen die Hoffnung gewichen, dass die Politik etwas an den Problemen ändern wird. Im Gegenteil: Es sind jede Menge neue Herausforderungen dazugekommen. Die Erziehungswissenschaftlerin Juliane Engel von der Goethe-Universität Frankfurt hat Jugendliche im Rahmen ihrer Forschung zu Gruppendiskussionen über die Zukunft eingeladen. Dabei fielen Sätze wie: „Wir werden eh alle verrecken, sei es wegen KI, sei es wegen des Klimawandels oder wegen geopolitischer Konflikte“, erzählt Engel. Die Aussage hat sie persönlich betroffen gemacht.
Demonstration von Fridays for Future im Vorfeld der Europawahl 2019. Rechte: IMAGO/A. Friedrichs
Doch dann zeigte sich etwas, was die Forscherin wirklich erstaunte. „Diese Jugendlichen waren deswegen nicht niedergeschlagen. Sondern sie hatten eine neue Form der Neugierde. Sie fragen sich: Wie wird die Zukunft, wenn sie nicht mehr so offen ist, wie noch für unsere Eltern?“ Man könnte das auch so zusammenfassen: Wenn der Weltuntergang praktisch gesetzt ist, dann gilt es, mit ihm umzugehen.

Welche Rolle spielt Klima in der Multikrise?

Wenn die Welt aber von multiplen Entwicklungen bedroht wird, wie wichtig ist dann noch der Klimawandel? Die grüne Europaabgeordnete Anna Cavazzini hat miterlebt, wie sich das Wahlergebnis ihrer Partei bei den Europawahlen nahezu halbiert hat, von 20,5 Prozent im Jahr 2019 auf 11,9 Prozent bei der vergangenen Wahl 2024. Natürlich besetzen nicht nur die Grünen das Thema Klimaschutz. Trotzdem vermuteten verschiedene Politikerinnen und Politiker, dass das Thema Klima insgesamt für viele Menschen nicht mehr so wichtig sei. Cavazzini gab deshalb eine Befragung in Auftrag. „Ich wollte wissen: Ist das wirklich so? Interessieren sich die Jugendlichen wirklich nicht mehr für Klimaschutz?“, sagt sie.
Nicht dargestellte Antworten: „sehr schwach“: Bevölkerung (9 Prozent), Jugend (6 Prozent); „gar nicht“: Bevölkerung (9 Prozent), Jugend (7 Prozent), „weiß nicht/keine Angabe“: Bevölkerung (6 Prozent), Jugend (7 Prozent). Rechte: MDR/INSA Consulere
Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Insa Consulere aus Erfurt hat dafür 300 Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren aus Sachsen befragt (genau wie eine Kontrollgruppe von 1.000 Personen ab 18 Jahren, ebenfalls aus Sachsen). Die Ergebnisse widerlegen die Vermutung einerseits, bestätigen sie aber andererseits.

Wurden die Jugendlichen nach ihrer Einschätzung gefragt, wie stark oder schwach sie von den Folgen des Klimawandels in ihrer Lebenszeit betroffen sein würden, gab eine klare Mehrheit von 64 Prozent an, wohl stark oder eher stark betroffen zu sein. Sogar unter Jugendlichen, die sich politisch eher rechts der Mitte verorteten, glaubten 55 Prozent der Befragten, stark betroffen zu sein. (Links der Mitte waren 78 Prozent dieser Ansicht, in der Mitte 69 Prozent.)
In der Grafik nicht dargestellte Antworten: "Gar nicht": links der Mitte (3 Prozent), Mitte (7 Prozent), rechts der Mitte (14 Prozent); "Weiß nicht/keine Angabe": links (4 Prozent), Mitte (0 Prozent) rechts (7 Prozent). Rechte: MDR/INSA Consulere
Die Angaben unterscheiden sich deutlich von denen der übrigen, älteren Bevölkerung. Dort gehen 49 Prozent davon aus, der Klimawandel habe nur schwache oder gar keine Folgen für sie. Folglich halten in dieser Gruppe mit 29 Prozent auch mehr Menschen die aktuellen Klimaschutzbemühungen der Politik in Sachsen für ausreichend. Das sehen nur 20 Prozent der Jugendlichen so, während 31 Prozent glauben, die Politik tue eher zu wenig. „Das hat mich schon erfreut, Klimaschutz erfährt weiter sehr hohe Zustimmungswerte“, sagt Anna Cavazzini.

Klima, Krise, Krieg: Alles passiert gleichzeitig

Allerdings: Schaut man an, bei welchen Themen die Jugendlichen aktuell den größten Handlungsbedarf sehen, dann dreht sich das Bild erneut. 47 Prozent der Jugendlichen halten Sicherheit und Frieden für einen der drei wichtigsten Faktoren, die über eine gute Zukunft in Deutschland entscheiden, gefolgt von guter Bildung (35 Prozent) und sozialer Gerechtigkeit (28 Prozent). Eine gesunde Natur und Umwelt landet dagegen mit 16 Prozent klar auf einem der hinteren Plätze. „Da zeigt sich, was auch andere Jugendstudien schon zeigen: Die jungen Menschen sind in einer Krisenstimmung und viele Themen prasseln über sie herein“, sagt Cavazzini.

Doch das muss nicht bedeuten, dass das Klima aus dem Blick gerät. Juliane Engel beobachtet in ihren Gesprächsgruppen stattdessen, dass die Jugendlichen die Grenzen zwischen den Themen einreißen. „Die Jugendlichen versuchen stärker, die Gleichzeitigkeit von Zusammenhängen zu sehen“, sagt sie. So könne die politische Eskalation in einem Land rasch in Umweltzerstörung münden, die auch Auswirkungen auf das Leben hier habe. Engel schließt daraus: „Die Jugendlichen haben sehr gut verstanden, dass Natur ein komplexes Phänomen ist, das mit politischen Ordnungen und digitalen Technologien verwoben ist.“
In der Grafik nicht dargestellt: "Weiß nicht/keine Angabe": Bevölkerung (3 Prozent), Jugend (6 Prozent). Rechte: MDR/INSA Consulere
Obwohl die Gemengelage komplex und schwierig erscheint, sind Jugendliche optimistischer als die Erwachsenen, was die Zukunft angeht. Bei der Befragung in Sachsen sahen 39 Prozent der jungen Menschen die vor ihnen liegende Zeit positiv. Unter den übrigen Erwachsenen waren das nur 20 Prozent. Zwar sind auch 37 Prozent der Jugendlichen pessimistisch, aber bei den Älteren sind es mit 55 Prozent deutlich mehr.

Und was bedeutet das für den Klimaschutz? Zum einen: Maßnahmen müssen greifbar sein. „Alles, was weit weg erscheint, kompliziert ist und das Leben teurer macht, hat weniger Zustimmung bei den Jugendlichen“, sagt Anna Cavazzini. Die zweite Konsequenz ist, dass Klimaschutz immer mit anderen Themen verwoben ist. „Die Jugendlichen sind sehr konkret: Was löse ich aus, wenn ich im Supermarkt eine Avocado kaufe? Welche politischen Konsequenzen hat das und wie hängt das mit digitalen Technologien zusammen?“, berichtet Juliane Engel aus ihren Diskussionsgruppen.

Klimaschutz bleibt also ein Thema – als Aspekt einer größeren globalen Gesamtkrise, der viele Jugendliche mit Neugier und Zuversicht begegnen.
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Ausnahmezustand nach Stürmen in Südostasien, 10 Jahre Pariser Klimaschutzabkommen und: Retter ausgerechnet China das Klima?

Freitags, 19:45 auf tagesschau24 und jederzeit auf  tagesschau.de

Termine

  • 18.12. — Wanderausstellung Klimaflucht (Jade)
  • 5.1. — EWI-Energietagung: Energiewende unter Druck? (Köln)
  • 14.1. — Klima.Impulse NRW (Duisburg)
📆 Und noch mehr Klima-Termine finden Sie jederzeit hier.

News

Klimaerwärmung: 2025 „nur“ auf Platz 2
Die globalen Durchschnittstemperaturen haben laut dem Europäischen Klimainformationssystem Copernicus die Rekorde des Vorjahrs nicht geknackt. Stattdessen teilt sich 2025 zusammen mit 2023 einen zweiten Platz. Im Schnitt war das Klima weltweit etwa 1,48 Grad wärmer als in der Zeit vor dem Beginn der industriellen Verbrennung von Kohlenstoffen. Ein Grund zur Beruhigung ist das freilich nicht, denn schon im November waren die globalen Durchschnittstemperaturen wieder 1,54 Grad über der Referenztemperatur. 2023 bis 2025 könnte damit insgesamt der erste Drei-Jahres-Zeitraum werden, in dem die im Paris-Abkommen festgehaltene Marke von 1,5 Grad Celsius überschritten wurde. (Deutschlandfunk)
US-Umweltbehörde löscht Informationen zum Klimawandel
Die US-Umweltschutzbehörde EPA hat Informationen zur Verantwortung der Menschheit für den Klimawandel von ihrer Internetseite gelöscht. Wie US-Medien am Dienstag berichteten, geht es auf den Informationsseiten der Behörde nun hauptsächlich um „natürliche Prozesse“ als Treiber der Erderwärmung, wie etwa Vulkanausbrüche und Schwankungen der Sonnenaktivität. Wie die „New York Times“ berichtete, überarbeitete die EPA unter anderem ihre Websites zu den Ursachen des Klimawandels und den Folgen der Erderwärmung in den USA. Laut der „Washington Post“ wurde eine Seite ganz gelöscht, die den Anstieg des Meeresspiegels und das Schrumpfen des Meereises in der Arktis thematisierte – beides sind wichtige Indikatoren für die weltweiten Klimaveränderungen. (Euronews)
Innereuropäischer Zugverkehr: einfachere Online-Buchungen
Was im Luftverkehr längst Standard ist, soll im Lauf von 2026 auch im europäischen Bahnverkehr möglich werden: der Verkauf von Onlinetickets über die Portale der Bahnunternehmen. So ist es seit Kurzem möglich, Verbindungen für die Fernverkehrszüge der Österreichischen und Schweizerischen Bundesbahnen bei bahn.de zu buchen. Ebenfalls verfügbar sind dort Strecken der französischen SNCF und des Eurostars nach London. Bis Ende kommenden Jahres sollen schließlich Tickets aller großen Bahnen der Nachbarländer im Portal und der Navigator-App verfügbar sein. Die lästige Notwendigkeit, bei Buchungen grenzüberschreitender Verbindungen eine physische Verkaufsstelle zu besuchen, soll damit entfallen.

ARD, ZDF und DRadio

Teheran: Metropole ohne Wasser

Irans Hauptstadt mit 15 Millionen Menschen steht vor einer Wasserkrise. Müssen ganze Stadtviertel aufgegeben werden? 👉3sat

Zertifikate: Die dunkle Seite des Klimaschutzes

Stahlkonzerne richten mit Klimazertifikaten in Brasilien viel Schaden an. Was muss die EU unternehmen? 👉 ARD Audiothek

Das Fossilzeitalter schlägt zurück

Am 12. Oktober rauscht eine Sturmflut über Alaska. Sie trifft die Menschen unvorbereitet – weil Präsident Trump bei Behörden und Messstationen gespart hat. 👉 Dlf

👋 Zum Schluss

Habe ich mit meiner Überschrift einen Ohrwurm bei Ihnen reaktiviert? „Hurra die Welt geht unter“ von KIZ ist in diesem Sommer gerade zehn Jahre alt geworden. Einer von vielen passenden Songs zum Thema, wie ich finde.

Verrückt, wie schnell die Zeit seit dem Release vergegangen ist. Dass der Text manches von der gegenwärtigen Stimmung immer noch so gut einfängt, dürfen wir vielleicht als Hinweis verstehen: Vielleicht wandelt sich die Welt – im Guten wie im Schlechten – doch oft langsamer, als der tagesaktuelle Diskurs vermuten lässt.

In diesem Sinne: Haben Sie einen besinnlichen dritten Advent!
Clemens Haug

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Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

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