Darstellungsprobleme? Im Browser ist's netter.
#224
vom 02. Januar 2026

Baggern für die Natur! Oder: Wie man Ökosysteme repariert

von Max Fallert
Hallo,

ich wünsche Ihnen ein frohes Neues Jahr und viel Kraft für all das, was privat, gesellschaftlich und klimatisch 2026 ansteht. Haben Sie Lust auf einen kleinen Rückblick? Man kann ja nie früh genug damit starten.

Wir schauen aber nicht auf ein Jahr, sondern die letzten fünf zurück: Pünktlich zur Halbzeit der 'UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen' ziehen wir Zwischenbilanz. Von 2021 bis 2030 sollen die Länder der Welt Pflanzen und Tiere retten, Lebensräume reparieren und so auch das Klima schützen.

Ökosysteme schaffen es nicht gerade häufig in die Schlagzeilen, politisch stehen sie meist tollen Infrastrukturprojekten im Weg.
Was geht also bei diesem Thema? Können wir das überhaupt: Ökosysteme wiederherstellen? Aufbauen statt raubbauen? Antworten suchen wir auf einem Acker bei Leipzig. Los geht's aber mit zwei süßen Küken aufs Auge und fürs Herz!

MOMENT DER WOCHE

Fast so frisch geschlüpft wie das neue Jahr: Kleine Rebhühner. Die Küken dürfen sich seit Neujahr NABU-Vögel des Jahres 2026 nennen. Bei einer bundesweiten Abstimmung verwiesen sie Amseln und Eulen auf die Ränge. Rebhühner gelten hierzulande als gefährdet und brauchen „Felder voller Leben“. Rechte: Hermann Hirsch/NABU

Aus Grün wird Grau?

Auf einem Acker nördlich von Leipzig lässt sich seit einiger Zeit eine invasive Art beobachten: Langsam setzt sich da ein großer, gelber Bagger in Bewegung. Er rollt übers Feld und vergräbt seine Schaufel in der fruchtbaren Erde. Entsteht hier wohl die nächste Straße, der nächste Logistik-Leichtbau oder ein weiteres Neubauviertel? Aus Grün wird grau. Jeden Tag werden in Deutschland mehr als 50 Fußballfelder Boden versiegelt. Jeden Tag. So, als könnten wir Fläche einfach nachkaufen, wenn sie mal ausgeht.

Nicht nur bei uns, weltweit zählt die Landnutzungsänderung zu den wichtigsten Treibern von zerstörten Ökosystemen und dem globalen Artensterben. Doch dieser Bagger ist der Natur wohlgesonnen:
„Der Bagger sorgt dafür, dass der Zschampert in sein historisches Gewässerbett zurückverlegt werden kann“, erzählt Christiane Frohberg vom Leipziger Amt für Stadtgrün und Gewässer.

Konturen eines alten Flusses. Der Zschampert mäandert bald wieder. Rechte: Max Fallert

Neues Leben für den Zschampert und den Auwald

Was lange Zeit nur ein schnurgerader landwirtschaftlicher Graben war, wird vom Bagger schlangenförmig aus dem Boden gehoben: Der Zschampert darf bald frei fließen, sich bei Hochwasser von drei auf bis zu 30 Meter Breite ausdehnen. Auch sein Flusslauf wird deutlich länger. Der Zschampert kehrt in seine alte, natürliche Gestalt zurück. „Wir tun etwas für die biologische Vielfalt, für den Hochwasserschutz vor Ort, und sorgen dafür, dass die Folgen des Klimawandels für dieses Gebiet etwas abgemildert werden können“, erklärt Projektleiterin Frohberg die Hintergründe. Geld kommt vom Bund und dem Freistaat Sachsen.

Die Wiederherstellung des Gewässers ist ein Puzzleteil beim Schutz des Leipziger Auwaldes. Ein großer Urwald, der mitten durch eine europäische Metropole verläuft. Ein Wald voller Wasser. Ein natürlicher Klima-Champion, der mehr CO₂ speichert als ein gewöhnlicher Wald. Zunehmend jedoch sitzt er auf dem Trockenen. Der Zschampert soll etwas Abhilfe schaffen.

Leistungsträger Natur leidet unter Burnout

Klimaschutz, Wasserschwamm, Hotspot der Artenvielfalt. Diese sogenannten Ökosystemleistungen lassen sich in Geld zählen und sind doch mehr wert als das. Viele Lebensräume sind zunehmend ausgebrannt: „Wir haben 18 Leistungen charakterisiert. Bei 14 davon ist der Trend der letzten 50 Jahre negativ“, erklärt Josef Settele. Der Wissenschaftler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung hat 2019 federführend am ersten globalen Bericht zur Lage der Natur mitgeschrieben. 

Die Grafik zeigt einen Baum, an dem wie Früchte verschiedene Symbole hängen. Die Symbole charakterisieren Leistungen der Natur. Oben wachsen Leistungen der Natur in die Höhe, die wachsen: wie etwa die Nahrungsproduktion. Unten hängen die Leistungen, die abnehmen: Medizinische Ressourcen, sauberes Wasser, Bestäuberinsekten.
Medizinische Ressourcen verschwinden. Bienen und andere Bestäuber sterben aus. Weniger sauberes Wasser steht zur Verfügung. Gegen den Trend und auf Kosten anderer Leistungen wachsen hingegen Energiepflanzen. Und die Nahrungsproduktion: „Das ist auch eine Ökosystemleistung, die wir selbstverständlich entgegennehmen, aber gar nicht so bezeichnen“, sagt Josef Settele. Und dann lässt der Biologe fast schon beiläufig diesen einen Satz im Gespräch fallen:
Wir essen ja Biodiversität.
Prof. Dr. Josef Settele, Wissenschaftlicher Beirat für Natürlichen Klimaschutz 

Das Brot am Morgen. Der schnelle Snack unterwegs. Omas Pflaumenkuchen an einem dieser Kindheitstage. Egal was: Wir essen Biodiversität, wir atmen sie. In diesem Geiste sei in der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen bereits viel passiert, unterstreicht Settele.

Wenn es um Biodiversität geht, kommt man an Josef Settele und seiner getönten Sonnenbrille nicht vorbei. Er zählt zu den meistzitierten Forschern der Welt. Rechte: Max Fallert
Ende 2022 haben fast 200 Staaten ein globales Abkommen zum Schutz von Ökosystemen beschlossen: Sie wollen den Verlust der Arten aufhalten und zurückdrehen. Die Länder sollen alle Lebensräume bei der Raumplanung mitdenken, Schutzgebiete vergrößern (30% der Land- und Meeresflächen bis 2030) und die Abholzung verringern und stoppen.

'Paris-Moment für die Artenvielfalt'

Vom 'Paris-Moment' war damals die Rede. Das Abkommen von Paris hat den Klimaschutz beflügelt: Viele Staaten haben Pläne geschmiedet und Gesetze erlassen. Klimaschutz ist einfach. Vieles wird akzeptiert und umgesetzt. (Kaum ein Klimaplan kommt übrigens ohne natürliche Emissions-Puffer aus.)

Nun machen sich die Länder der Welt auch beim Naturschutz zunehmend ans Werk. Die Europäische Union hat 2024 nach harten Kämpfen die Verordnung zur Wiederherstellung der Natur beschlossen. Sätze wie dieser hier stehen da schwarz auf weiß: „Es hat sich gezeigt, dass sich die Wiederherstellung von Agrarökosystemen langfristig positiv auf die landwirtschaftlichen Erträge auswirkt und dass die Wiederherstellung der Natur als Absicherung für die langfristige Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit der Union dient.“

Gemeinsam besser als allein: Getreide, blühender Klee und andere Pflanzen teilen sich auf diesem Acker den Platz. Das lockt Bestäuber an, schützt die Bodenfruchtbarkeit und auf dem Teller landet auch was. Rechte: Max Fallert

Eine intakte Natur für bessere Erträge und als Bollwerk gegen Krisen. „Keiner kann sagen, er weiß von nichts“, urteilt Josef Settele. Bis 2030 sollen Wiederherstellungsprozesse gestartet werden. Indikatoren wie die Zahl der Schmetterlinge und Vögel auf den Feldern oder Totholz im Wald machen das Gesetz abrechenbar.

Hierzulande hat die Ampel-Regierung mit dem 'Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz' sehr viel Geld für nasse Moore, wilde Wälder und mäandernde Flüsse lockergemacht. Schwarz-Rot setzt es fort, statt es abzuwickeln. „Naturschutz ist eine Generationenaufgabe“, sagt Settele. Den langen Atem wird es brauchen.

Wir sind nicht nur Raubbauer ...

Beschädigen, betonieren, übernutzen – können wir. Können wir auch reparieren? Eine aktuelle Studie der Hochschule Anhalt unterstreicht die soziale Seite der ökologischen Wiederherstellung: Menschen können sehr wohl sorgende Betreuer von Landschaften sein. Das zeigt die Studie am Beispiel naturnah bewirtschafteter Wiesen.

Große Weidetiere auf den Feldern unter den Augen der Menschen haben zahlreiche Benefits. Rechte: Max Fallert
Weiden sind Schatzkammern der Biodiversität, speichern im Boden unheimlich viel CO₂ und liefern Bares über Futtermittel und das Fleisch der Tiere. Eine andere aktuelle Studie aus Göttingen verweist auf die Verbindung von geschützten Feldern mit der Verbundenheit zur Heimat. Schöne, lebendige Felder stiften Identität. Wenn lokale Akteure auf Augenhöhe einbezogen werden, ist der Naturschutz erfolgreicher, untermauern beide Studien.

... Wir können auch aufbauen.

Das war auch am Zschampert bei Leipzig zentral: Drei Jahre hat Christiane Frohberg von der Stadtverwaltung mit den Eigentümern und Landwirten verhandelt, Entschädigungen gezahlt und Flächen getauscht. Jetzt sind die Arbeiten am letzten Teilstück kurz vorm Abschluss. Ein Stück weiter am Bach zeigt sich, was bald passieren wird:

Die laufen plötzlich Wege, die sie noch nie gelaufen sind.“
Christiane Frohberg, Leipziger Amt für Stadtgrün und Gewässer
Hier darf der Zschampert schon mäandern. Wasser kommt noch durch einen Schlauch, bald direkt aus einem nahe gelegenen Kanal. Rechte: Max Fallert

Biber, Fischotter und Wildkatzen treiben sich am Zschampert umher, aber um die geht es nicht nur: „Viele sind total interessiert, wie aus der Baustelle ein Lebensraum wurde. Menschen, die sich einen Stuhl ans Gewässer stellen und sagen: Ich beobachte die Eisvögel“, erzählt Christiane Frohberg.

So, als warteten Pflanzen, Tiere und wir Menschen nur auf die Wiederherstellung von Lebensräumen. Die Mehrheit der Deutschen will mehr davon, das zeigen repräsentative Umfragen.

Manchmal braucht es eben einen Bagger, um ein Ökosystem zu reparieren und Menschen zurück zur Natur zu bringen. 

Logo KlimaZeit
DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Windkraft - umstritten und doch unverzichtbar? Biobatterien aus Pilzen und Grüner Strom auf Borkum.

Freitags, 19:45 auf tagesschau24 und jederzeit auf  tagesschau.de

Termine

  • 9.1.-11.1. – Stunde der Wintervögel: Naturschutzorganisationen rufen dazu auf, eine Stunde lang Vögel zu zählen (zuhause und überall)
  • 15.1.-16.1. — 'Achtung Hochspannung! Energiewende unter Druck?' Tagung des Energiewirtschaftlichen Instituts (Köln)
  • 20.1. — 'Energiedialog: Der energiepolitische Jahresauftakt' vom Bundesverband Erneuerbare Energien (online)
📆 Und noch mehr Klima-Termine finden Sie jederzeit hier.

News

Klimawandel facht Extremwetter weiter an
2025 landet auf Platz zwei der wärmsten Jahre – hinter 2024 und vor 2023. So legen es vorläufige Untersuchungen des europäischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus nahe. Das vergangene Jahr war auch wieder eines, in dem sich die erhitzte Natur von ihrer wütenden Seite gezeigt hat. Forschende der 'World Weather Attribution' untersuchen regelmäßig den Zusammenhang zwischen Extremwetter-Ereignissen und dem Anteil des Klimawandels daran. In ihrem Jahresbericht schreiben die Forscher: So intensiv wie im vergangenen Jahr ist die Veränderung der Extremereignisse in keinem vergleichbaren Zeitraum gewesen. Besonders Hitzewellen seien durch die bisherige Erderwärmung deutlich stärker und schädlicher ausgefallen als in einer Welt ohne menschengemachten Klimawandel, betonen die Wissenschaftler. (MDR WISSEN)
Besserer Schutz für Haie und Rochen
Bei der Artenschutzkonferenz CITES in Usbekistan Ende vergangenen Jahres haben sich die Mitgliedsstaaten auf den Schutz vieler gefährdeter Tiere und Pflanzen einigen können: Ein großer Erfolg ist der Schutz von 74 Hai- und Rochenarten samt einem globalen Handelsverbot für Walhaie sowie Teufelsrochen. Das schützt nicht nur die Tiere selbst: Haie und Rochen regulieren marine Nahrungsnetze und tragen zum Erhalt von Korallenriffen und Mangroven bei. Dadurch haben sie auch einen Effekt auf das Klima. Das Artenschutzabkommen besteht seit mittlerweile 50 Jahren und hat laut Naturschutzexperten einige Arten vorm Aussterben bewahrt. (klimareporter.de
UNESCO schafft viele neue Biosphärenreservate
Die Weltkulturorganisation UNESCO hat im vergangenen Jahr 26 Regionen rund um den Globus zu neuen Biosphärenreservaten erklärt – so viele wie seit langem nicht. In diesen Gegenden soll ein schonendes Miteinander von Mensch und Natur gefördert werden. Neu dabei sind unter anderem Angola, Island und der Oman. Der zentralafrikanische Inselstaat São Tomé und Príncipe ist der erste Staat, dessen gesamtes Territorium als Biosphärenreservat geschützt wird. Die Schutzgebiete decken nun fünf Prozent der Erde ab. Deutschland hat 17 Biosphärenreservate, darunter Flächen im Thüringer Wald oder im Wattenmeer. Ab diesem Jahr können Länder dank des globalen Hochseeschutz-Übereinkommens auch Schutzgebiete auf den Weltmeeren jenseits der Küsten einrichten. (UNESCO)

ARD, ZDF und DRadio

Leben auf Plastik – Per Anhalter durchs Meer

Auf Plastik im Ozean entstehen neue Lebens- und Transiträume. Eine Doku erkundet diese geheimnisvolle Welt und die Forschung dahinter 👉 ARD Mediathek

Wassermangel im Himalaya

Im Spiti-Tal im Himalaja fällt nur sehr wenig Niederschlag. In der Landwirtschaft haben Frauen das Sagen – sie lassen sich etwas einfallen. Reportage bei 👉 Deutschlandfunk Kultur

Weg mit dem Staudamm!

In Kalifornien werden Staudämme abgerissen und ein Fluss kann wieder wild fließen.  Feature bei 👉 swr kultur

👋 Zum Schluss

Führt mein Konsum zu trockenen Regenwäldern? Zu leer gefischten Meeren? Ist mein Garten grün genug? Biodiversität kann kompliziert sein. Erlauben Sie mir hier am Jahresanfang einen kleinen Vorsatz-Vorschlag: Gehen Sie einfach mal raus vor die Tür, wie die Leute am Zschampert, mit oder ohne Stuhl. Sie brauchen nicht weit zu gehen (hoffentlich!). Heben Sie mal den Kopf, blicken Sie auf die Wipfel und Wolken. Lauschen und schauen Sie nach ein paar Vögeln. Folgen Sie den Flugbahnen – und kommen Sie doch zur Stunde der Wintervögel und danach regelmäßig wieder; mal sehen, was sich so tut. Vielleicht wartet ja auch bei Ihnen in der Nachbarschaft ein wiederhergestelltes Biotop.

Und nach dem Januarspaziergang ab nach Hause, einmuggeln und diese Doku schauen: "Listers – A Glimpse into Extreme Birdwatching".

Zwei Brüder, ein Auto, ein Jahr Zeit, um so viele Vögel der USA wie möglich zu entdecken. Und ja, es gibt sehr viele Vögel in den Staaten. Rechte: Owen Reiser
Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein zweistündiger Film über Birdwatcher und andere Vögel so zum Lachen bringen würde (danke an meinen Bruder Julius für den Tipp).

Danke für Ihr Interesse & bleiben Sie klimabewegt!
Herzlich
Max Fallert

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


Logo des MDR
Kontakt Impressum Datenschutz Abmelden
*