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#221
vom 5. Dezember 2025

Klimaschutz im Wald durch effektive Jagd

von Axel Weiß
Hallo zusammen,

ich hätte es ahnen können. „Du bist doch Biologe“, sagte der Redakteur der Lokalzeitung, in der ich Anfang der 1990er Jahre ein Praktikum machte, „geh mal zu unserem Förster und mach ein Portrait, der Mann geht in Pension.“ Gesagt, getan, das Gespräch war spannend und heraus kam ein Artikel mit der Überschrift: „Schrot für das Rehwild“. Das nämlich hatte der Förster gefordert. Die Rehe richteten zu viel Schaden im Wald an, die Jagd war ihm nicht effektiv genug. Ich gab das so wieder. Es folgten prompt empörte Leserbriefe, besonders aus der Jägerschaft.

Volltreffer. Der alte Fuchs von Förster hatte seinen bevorstehenden Ausstieg aus dem Beruf genutzt, um ein – übrigens bis heute bestehendes – Tabuthema anzusprechen, wohlwissend, dass ihm die wütenden Reaktionen künftig egal sein konnten. Seither weiß ich: Jagd ist ein journalistisches Minenfeld.

Prügel bezieht man von zwei Seiten: von Menschen, die Jagd an sich für verwerflich halten und sie am liebsten ganz abschaffen wollen. Und von Jägern, die überzeugt sind, alles richtig zu machen, obwohl in ihren Revieren keine naturnahe Naturverjüngung möglich ist. Ich bin dennoch überzeugt: Ohne eine bessere Jagd können wir unsere bestehenden Waldlandschaften in der Klimakrise auf Dauer nicht halten. Und weil derzeit gerade die Hauptsaison für Bewegungsjagden ist, die besonders gut helfen, die Wildbestände klimagerecht anzupassen, passt diese Woche prima, um die Jagd mal durch die Klimabrille zu betrachten.

MOMENT DER WOCHE

Einer von fünf in Kambodscha inhaftierten Umweltaktivisten auf dem Weg zur Berufungsverhandlung. Die Aktivisten setzen sich für den Schutz der natürlichen Ressourcen Kambodschas ein, meist bei der Umweltorganisation Mother Nature Cambodia, und wurden wegen Beleidigung des Königs inhaftiert. Sie haben bereits über 500 Tage ihrer Haftstrafe von sechs bis acht Jahren verbüßt. Die Freilassung gegen Kaution wurde abgelehnt. Rechte: picture alliance/ZUMAPRESS | Sok Serey

Zuviel Wild verhindert natürliche Waldverjüngung

Hinweis: In diesem Beitrag werden tote Wildtiere gezeigt.
Egal ob es der Wald im bayerischen Ammergebirge, im Spessart, Hunsrück, dem Harz oder Thüringer Wald ist: Die klimatischen Rahmenbedingungen für Bäume in Deutschland haben sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Vier Fünftel der Baumkronen sind mittlerweile geschädigt. Seit 2018 entstanden durch Trockenheit, Borkenkäfer und Extremwetter auf rund 600.000 Hektar Kahlschläge. Was da in den letzten Jahren gefällt und in der Regel radikal abgeräumt wurde, ist erschreckend. Und das wird angesichts weiter steigender Temperaturen weitergehen, vor allem bei Fichte, Kiefer und Buche. Die Wiederbewaldung ist eine riesige Herausforderung. Wald ist ja mehr als nur Holzproduzent: Er ist Lebens- und Erholungsraum, wichtiger Erosionsschutz, Wasserspeicher. Und statt wie lange Zeit klimafreundlich als Kohlenstoffsenke zu dienen, hat sich der Wald zu einer Quelle des Treibhausgases entwickelt. Statt Kohlenstoff zu speichern, gibt er ihn ab.
Eine Herausforderung: die Naturverjüngung solcher Kahlschläge.
Rechte: SWR/Axel Weiß
Unsere Waldbewirtschaftung hat bundesweit betrachtet noch unzureichend reagiert und damit meine ich speziell auch die Jagd. Ich habe dazu vor allem einen Satz im Kopf, den mir schon vor einigen Jahren der auf Jagd spezialisierte Professor Thorsten Beimgraben von der Hochschule Rottenburg gesagt hat. Der lautete sinngemäß: „Wenn wir unseren Überbestand an Reh- und Rotwild nicht bald in den Griff kriegen, können wir den Wald für den Klimaschutz vergessen.“  

Wir waren da gerade im Schwarzwald unterwegs, im Rotwildschutzgebiet am Schluchsee, und wie dort die Bäume aussahen, das vergesse ich nie: Kaum ein Baum, dessen Rinde nicht massiv beschädigt war. Und es wuchs darunter kaum etwas nach – und wenn, dann waren es meist Fichten, die in der Klimakrise auf Dauer keine Überlebenschance haben.

Teure Aufforstungen

Das Problem ist das Schalenwild, also Hirsche, Rehe, Wildschweine. In Deutschland ist der Abschuss von Rehen von 1970 bis 2020 von rund 632.000 auf 1.286.000 Tiere gestiegen. Die Zahl der Rehe liegt weit höher. Und weil die frisches Grün lieben, haben aufwachsende Bäume bei hohem Wilddruck ohne Schutz keine Chance. Einzäunungen kosten und auch Einzelschutzhüllen für junge Bäume – da kommen schnell große Beträge zusammen. Der Ökologische Jagdverband hat es überschlagen: Mehr als 17.000 Euro pro Hektar sind bei konventioneller Jagdverpachtung für eine Wiederbewaldung nötig. Mit angepasster Wilddichte und artenreicher Naturverjüngung fallen 2.000 Euro pro Hektar an, also drastisch weniger. Allein in Nordrhein-Westfalen sind in den nächsten Jahren 350.000 Hektar Waldfläche fällig, das Forstministerium rechnet mit 1,5 Milliarden Euro Kosten für die Waldbesitzer. 
Eiche in Naturverjüngung ohne Verbissschutz ist möglich.
Rechte: SWR/Axel Weiß
Um unsere geschädigten großen Waldflächen wieder zu bewalden, brauchen wir die Naturverjüngung, alles andere ist nicht bezahlbar. Doch das wird nur mit angepassten Wildbeständen gehen. Die sollten eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. So steht etwa im Bayerischen Jagdgesetz, die Bejagung sollte „die natürliche Verjüngung der standortgemäßen Baumarten im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen ermöglichen“. Aber die Wirklichkeit der Bestände an Reh- und Rotwild ist eine andere und „im Wesentlichen“ ist frei interpretierbar. Forstgutachten in Bayern zeigen in gerade mal vier Prozent von knapp 10.000 untersuchten Revieren eine günstige Verbissbelastung, während sie in 47 Prozent als zu hoch, in fünf Prozent sogar als „deutlich zu hoch“ eingestuft wird. Das Problem existiert freilich bundesweit. Untersuchungen zeigen: Weit mehr als die Hälfte der seltenen und im Zukunftswald erwünschten Mischbaumarten werden aus dem natürlich nachwachsenden Baumartenmix herausgefressen. 

Zu viele Rehe

Rehe sind als scheue, aufmerksame Tiere kaum ernsthaft zählbar im Wald. Ihr Bestand wird oft unterschätzt. Wie viele Rehe es gibt, zeigt unter anderem die Unfallstatistik. Bundesweit kommt da ordentlich was zusammen: über 200.000 totgefahrene Rehe jährlich, die Dunkelziffer ist hoch. Dazu kommen zahlreiche verletzte Tiere, geschädigte Menschen, beschädigte Autos. Warum aber sind die Bestände so hoch? Das hat viel mit der Jagdverpachtung zu tun. Die verbreitete Logik: Wenn ich für teuer Geld ein Revier pachte, aber nur am Wochenende Zeit habe, dann möchte ich da auch was erlegen können. Verständlich, oder?
Es gibt auch lange Debatten darüber, welches Geschlecht in welchem Alter geschossen werden sollte oder nicht. Im Zweifel wird weniger geschossen, da scheint auch viel Jägerlatein dabei zu sein. Geschossen wird auch gern nach Trophäenlage: „reife“, „starke“ Trophäen – sprich: möglichst prächtige Geweihe und Gehörne – sind gefragt, die später die Wände schmücken. Mit Wildbiologie hat das nichts zu tun. Statt drei bis zwölf Rehe pro hundert Hektar, die mit Naturverjüngung durchaus verträglich sind, finden sich deshalb oft drei bis zehnmal mehr Tiere im Bestand. Wird da Jagd mit Tierhaltung verwechselt, wie Spötter gern anmerken? Gut geht es vielen Tieren auf engem Raum jedenfalls nicht. Futtermangel führt dazu, dass sie alles anknabbern, was im Wald wächst. Als Erstes für die Humusbildung wichtige Kräuter wie Weidenröschen, dann die Keimlinge wichtiger Klimabäume wie Eichen, Kirschen oder Weißtannen, schließlich in der Not sogar Buchen und Fichten.

Effizienter jagen

Zurück zum Klimaschutz. Was kann besser werden? Da die Jagd Ländersache ist, sind die Bundesländer gefragt, ihre jagdlichen Regelungen zu überprüfen und klimagerecht anzupassen. Das passiert teilweise auch. Das kann etwa bedeuten, die Jagdzeiten für Schalenwild zu verändern, damit die Jäger flexibler reagieren können. Natürlich immer unter Beachtung des Tierschutzes, denn niemand möchte für den Klimaschutz etwa einem Kitz die Mutter wegschießen. Der verstärkte Einsatz von Nachtzieltechnik könnte helfen, nicht nur bei Wildschweinen. Gut wäre es auch, die bisherige Fütterungspraxis ernsthaft zu reduzieren. Vor allem aber wird es darauf ankommen, im Winter bis Ende Januar effektive Bewegungsjagden zu veranstalten. Gut organisiert, mit vielen Treibern mit Hunden und guten Schützen. Wenn zuvor 14 Tage nicht gejagt wird, stört die Bewegungsjagd das Wild weniger als bei Einzeljagden. Und es ist wesentlich effizienter, vor allem wenn „Zahl vor Wahl“ geschossen wird. Zum Abschuss freigegeben ist dann alles, was gesetzlich zulässig und mit dem Tierschutz verträglich ist, ohne Rücksicht auf heutige oder zukünftige Trophäen.
Am Ende einer Bewegungsjagd heißt es „Strecke legen“.  Rechte: SWR/Axel Weiß
Studien zeigen: Es kommt bei Bewegungsjagden zwar zu Fluchtreaktionen, aber nicht zu einer unerwünschten dauerhaften Änderung des Verhaltens wie vermehrtem Verstecken in Dickungen. Deshalb sind solche Jagden – wie gesagt: gut organisiert – besonders effektiv, um die Bestände an Reh-, Rot- und Schwarzwild anzupassen. Natürlich nicht unter die zum Erhalt der Art nötige Populationsgröße. Aber auch nicht mehr als die Naturverjüngung ohne relevanten Verbiss verträgt. Erfahrungen zeigen: Es gibt auch dann noch genug zu jagen. Und eins ist klar: Der Wald verrät selbst, wie stimmig die Jagdpraxis ist. Verbissgutachten zeigen deutlich, was wächst oder eben was nicht. Notfalls müssen Waldbesitzer die Jagd in eigener Regie übernehmen, was auch immer mehr Kommunen tun, weil es sich rechnet. Auch das kann kommunaler Klimaschutz sein: den eigenen Wald wieder zum Speicher für Kohlendioxid werden zu lassen. Nur eines wird nicht funktionieren: wie bisher weitermachen. Nicht, wenn wir unseren Wald behalten wollen.
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Elektroautos: fahrbare Stromspeicher, E-Autos und Energiepolitik, Kopenhagen als Klimavorreiter und: Vom Naturparadies zum Erdölstaat – der kleine Staat Guyana.

Freitags, 19:45 auf tagesschau24 und jederzeit auf  tagesschau.de

Termine

  • 6.12. — Klima-Klang – Ein künstlerischer Tauchgang ins Wattenmeer (Bremen)
  • 8.12. — Diskussion: Russlands ungebrochene (?) fossile Macht (Berlin/Online)
  • ab 18.12. — Wanderausstellung Klimaflucht (Jade) – noch bis 18.12. in Augsburg
📆 Und noch mehr Klima-Termine finden Sie jederzeit hier.

News

Umwelttechnologie boomt
Trotz zunehmenden politischen Widerstands hat sich Umwelttechnologie zur weltweit rasant wachsenden Boombranche entwickelt. Das geht aus einer Analyse der Unternehmensberatung BCG und des Weltwirtschaftsforums hervor. So hätten im vergangenen Jahr die globalen Umsätze mit umweltfreundlicher Technologie die Schwelle von fünf Billionen Dollar überschritten, was sie zur am zweitschnellsten wachsenden Branche nach der IT macht. Die EU würde dabei die technologische Führerschaft an China verlieren, auch Deutschland büße ein. (Tagesspiegel)
Neue Förderung für E-Autos und Hybride
Der schwarz-rote Koalitionsausschuss hat eine neue Förderprämie beim Kauf von E-Autos und Plug-in-Hybriden beschlossen. Die Förderung von mindestens 3.000 Euro richte sich an „Haushalte mit kleinem und mittlerem Einkommen“, heißt es dazu in dem Beschluss. Das Geld dafür soll aus dem Klima- und Transformationsfonds kommen, insgesamt werden drei Milliarden Euro eingeplant. Damit könnten 600.000 Autos gefördert werden. (tagesschau)

Von einem tatsächlichen Beitrag zum Klimaschutz ist laut Daten der Europäischen Umweltagentur allerdings nur bei batterieelektrischen Fahrzeugen auszugehen, nicht bei Plug-ins.  So liegen Emissionswerte von Plug-in-Hybridfahrzeugen nahe denen von Verbrennern, anders als von Herstellern behauptet. Dazu tragen nicht nur Funktion und Nutzung bei, sondern auch der an sich ineffizientere Verbrennungsmotor.
Recycling nicht immer klimafreundlich
Kreislaufwirtschaft: Was wie ein klimafreundlicher Heilsbringer klingt, ist kein Selbstläufer, zeigt jetzt ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Freien Universität Bozen in Südtirol. Eine umfassende Analyse von rund 1.600 Unternehmen in über 51 Ländern hat ergeben: Wiederverwertung kann die Emissionen für Produkte sogar in die Höhe treiben und die Bilanz der Lieferkette verschlechtern. Grund seien etwa Entfernungen, die eingesetzten Technologien und der Energiemix – beim Transportieren, Sortieren und Wiederaufbereiten. Vorteilhaft sei es hingegen, die Kreislaufwirtschaft schon beim Design von Produkten zu berücksichtigen – etwa durch Reparierbarkeit und weniger Material. An einer effizienten Kreislaufwirtschaft hängen nicht nur Klimaziele. Laut EU können dadurch in den nächsten Jahren mindestens 700.000 neue Jobs entstehen. (MDR)

ARD, ZDF und DRadio

Luxusabgabe auf Privatjets – was bringt’s?

Extraabgabe auf Businessclass und Privatjet-Reisen – wie viel kann das zur Minderung von Emissionen beitragen? Wirtschaftsmagazin bei
👉 WDR 5

Als Klimaaktivist bereit, alles zu riskieren

Klimaaktivist Luis darüber, warum er für seine Überzeugung sogar in Kauf nimmt, ins Gefängnis zu gehen. POV in der 👉 ARD-Mediathek

Nachhaltig schenken: Wiederaufbereitete Elektronik

Aufbereitete elektronische Geräte sind ein gutes Weihnachtsgeschenk – nachhaltig und günstig noch dazu. Ratgeber beim 👉 SWR

👋 Zum Schluss

„Der deutsche Wald stirbt“, textete der Umweltjournalist Horst Stern 1971 in seinem Fernsehfilm „Bemerkungen über den Rothirsch“. Seine beißende, treffliche und nicht zu widerlegende Kritik an der konventionellen, stark an Trophäenbeute orientierten Jagd ist in vielen Teilen heute noch aktuell, finde ich, mehr als fünfzig Jahre später. Auch wenn gottseidank noch viel Wald steht. Hoffentlich wird der Film mal wiederholt. Wie wär’s mit der gleichen Sendezeit wie damals: an Heiligabend, um 20:15 Uhr, im Ersten? 😉

Wenn Sie dem Wald – und damit dem Klima – helfen wollen und nicht vegetarisch leben, da hätte ich noch einen Tipp: Warum nicht öfter mal Wildfleisch oder Wildwurst vom Metzger des Vertrauens aus heimischen Wäldern essen? Das hat durchaus Bio-Qualität und das fleischliefernde Wild dürfte im Vergleich zu den meisten der jährlich hunderten Millionen getöteten Nutztiere in Deutschland ein gutes Leben gehabt haben. Klimaschutz auf dem Teller. Anregungen für ein „Wildes Weihnachtsfest“ gibt’s unter „einfach.frisch.anders“ mit Wild-Fachmann Timo Böckle im SWR Fernsehen am 7.12. um 17 Uhr. Guten Appetit und schöne Adventstage!

Ihr Axel Weiß

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Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

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