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#219
vom 21. November 2025

 COP30 in Belém: Warum die EU so gespalten ist 

von Inka Zimmermann

Liebe Lesende, 

wer sich fürs Klima interessiert, schaut in diesen Tagen nach Brasilien. Dort findet die UN-Klimakonferenz COP30 statt. Das bedeutet, mehr Aufmerksamkeit, mehr Berichterstattung, mehr Aufregung – nicht nur, weil die Verhandlungen am Donnerstagabend wegen eines Brandes auf dem Gelände unterbrochen werden mussten. Die Ergebnisse der Konferenz selbst erscheinen im Vergleich dazu dann meist wenig spektakulär. Aus meiner Sicht steht die COP nicht unbedingt für ambitionierte Klimaschutzpolitik, sondern vielmehr für den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich alle einigen können.   

Bereits im Vorfeld der COP in Belém wurde klar: Der internationale Klimaschutz steht gerade unter keinem guten Stern. Ausgerechnet jetzt, wo erneuerbare Energien wettbewerbsfähig wie nie zuvor sind, scheint das Klima einen wichtigen Verbündeten zu verlieren: die Europäische Union. Warum die EU droht, beim Klima auseinanderzudriften und welche Folgen das für die internationale Politik hat, erfahren Sie diese Woche. 

MOMENT DER WOCHE

Das hier sind 500 Einweg-E-Zigaretten (Vapes). Der Youtuber Chris Doell hat sich mit ihnen einen Stromspeicher für das eigene Haus gebaut. Auch, um zu zeigen, wie wertvolle Stromspeicher mit den Wegwerfprodukten entsorgt werden

Nennen wir’s bloß nicht Klimapolitik: Die COP30 macht die Spannungen in der EU offensichtlich

Die Europäische Union war einst ein Kämpfer für den Klimaschutz. Gesetzespakete wie der Green Deal (2019) zeichneten sich durch umfangreiche und ambitionierte Ziele aus. Mit einer Umgestaltung ganzer Wirtschaftssektoren sollte die EU bis 2050 klimaneutral werden. Nun, sechs Jahre später, sind wir diesem Ziel tatsächlich nähergekommen. Und trotzdem schwächelt die EU.

Dass sich in Europa etwas verändert hat, wurde im Vorfeld der COP in Brasilien deutlich: Eigentlich hätte die EU ihr gemeinsames Klimaziel bereits Monate vor der Konferenz in Belém einreichen müssen – dann schienen die Verhandlungen aber zäher denn je. Erst in letzter Minute gelang es den EU-Umweltministern, sich auf gemeinsame Klimaziele zu einigen. Und auch diese Ziele waren geprägt von Kompromissen – etwa, weil die die Treibhausgaseinsparungen der EU nun auch durch den Ankauf von Zertifikaten außerhalb Europas erreicht werden sollen. Experten befürchten, dass es so zu einer Aushöhlung der Klimaziele kommen kann.

„Die tatsächliche Emissionsvermeidung durch Emissionsgutschriften ist mit vielen Risiken und Unsicherheiten behaftet. Es ist sehr schwierig zu beurteilen, ob die Emissionen langfristig vermieden werden und vor allem, ob die Einsparung wirklich ‚zusätzlich‘ war“, erklärt Johannes Emmerling vom European Institute on Economics and the Environment (EIEE) in Mailand. 

Die EU verhandelt auf der COP traditionell gemeinsam 

Für die COP30 in Belém war das nicht unbedingt ein gutes Vorzeichen. Immerhin hat die Europäische Union eine Art Schlüsselrolle auf der internationalen Klimakonferenz: Die 27 Mitgliedstaaten sprechen dort quasi „mit einer Stimme“: Sie setzen sich gemeinsam für die gleichen Ziele ein – und bisher waren das stets ambitionierte Klimaschutzziele. Nun könne man beobachten, dass sich innerhalb der Europäischen Union Lager bilden, sagt Anna Holzscheiter, Inhaberin der Professur für Politikwissenschaft an der TU Dresden mit Schwerpunkt internationale Politik: „Staaten, in denen die Haushaltslage noch schlechter ist als in Deutschland, wie zum Beispiel Frankreich, schlagen sich nun auf die Seite derjenigen, die beim Klimaschutz zurückfahren wollen“, findet Holzscheiter.

Dieses Muster ist in der Klimapolitik nicht neu: Viele Staaten setzen sich ambitionierte Klimaziele, weichen jedoch von ihnen ab, wenn sie befürchten, dass ihnen das wirtschaftlich schadet. Aktuell ist die wirtschaftliche Lage in vielen Ländern angespannt – der Effekt vervielfacht sich also, gerade auch innerhalb der EU. 

Sündenbock Klimaschutz

Dass Europa in Klimafragen derzeit nicht mit einer Stimme spricht, liegt aber nicht allein an der wirtschaftlichen Lage. Häufig ist der Widerstand gegen Klimaschutz auch eine Frage der Ideologie. Seit dem Abkommen in Paris 2015 haben sich die politischen Konstellationen verändert. In diversen EU-Ländern sind mittlerweile rechts-konservative Regierungen im Amt. „Das Thema Klima eignet sich nun mal sehr gut für die Mobilisierung von rechts“, sagt Anna Holzscheiter von der TU Dresden. Aus ihrer Sicht sei die Klimapolitik in diesen Ländern eine Art Sündenbock geworden. Für wirtschaftliche Misserfolge werden dann mitunter klimapolitische Maßnahmen verantwortlich gemacht – auch wenn es daran vielleicht nicht immer liegt. Grundsätzlich bestehe hier aber auch ein Zusammenhang mit einer generell gestiegenen EU-Feindlichkeit, wie sie etwa in Polen und einigen anderen osteuropäischen Ländern zu beobachten sei, findet die Politikwissenschaftlerin. 
Auf der diesjährigen COP kann man noch einen dritten Widerstand gegen Klimapolitik ausmachen: Laut einer aktuellen Recherche der NGO Kick Big Polluters Out (KBPO) sind in Brasilien aktuell 1.600 Lobbyisten für fossile Brennstoffe vor Ort. Das sind so viele, wie noch bei keiner COP zuvor. Bei 40.000 Teilnehmer insgesamt bedeutet das: Jeder 25. Teilnehmer ist Teil einer Lobby, die sich für den Erhalt einer klimaschädlichen Industrie einsetzt. Und das, obwohl man die Teilnehmerzahl eigentlich reduzieren wollte. Dass die Lobbyisten derart zahlreich auf der Konferenz vertreten sind, dürfte im Wesentlichen damit zusammenhängen, dass die Unternehmen sich bedroht fühlen. Was wiederum dafür spricht, dass die Konferenz es doch schaffen kann, fossile Energien wesentlich zu beschränken.  

Inhaltlicher Schwerpunkt: Der Regenwald-Fund 

Denn: Sogar angesichts der ideologischen Abneigung einiger Staaten gegenüber dem Klimaschutz lassen sich auf der Sachebene möglicherweise Erfolge erzielen. „Das, was auf der COP verhandelt wird, ist dann am Ende auch sehr technisch“, betont Anna Holzscheiter. Möglicherweise könne es für die Verhandlungen hilfreich sein, die Ideologie auf diese Weise rauszuhalten. Friedrich Bohn, Waldökologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und auf der COP in Brasilien vor Ort, betont: „Nachdem die COP nun drei Jahre in autoritären Staaten stattgefunden hat, merkt man den Einfluss der Zivilgesellschaft wieder deutlicher.“ Ein inhaltlicher Schwerpunkt der Verhandlungen in diesem Jahr: Der Schutz des tropischen Regenwaldes mit einem eigens angelegten Fund (TFFF). 
Nachdem die COP nun drei Jahre in autoritären Staaten stattgefunden hat, merkt man den Einfluss der Zivilgesellschaft wieder deutlicher.
Dr. Friedrich J. Bohn, Waldökologe
Waldökologe Bohn betont, der Fund sei wichtig, weil er den Wäldern in den Tropen einen „monetären Wert gibt“. Somit werde es wirtschaftlich weniger attraktiv, den Wald zugunsten von Landwirtschaft und Bergbau abzuholzen. „Der Fund soll langfristig ein Volumen von 125 Milliarden Dollar haben und wäre dadurch einer der größten der Welt“, erklärt der Forscher. Das Geld soll von Staaten und Akteuren aus der Privatwirtschaft in den Fund eingezahlt werden – bestenfalls schon während der COP. Deutschland verkündete bereits, eine Milliarde beisteuern zu wollen.

Die konkreten Pläne sind nach wie vor unzureichend 

Außerdem sieht das Pariser Klimaabkommen vor, dass alle Länder alle fünf Jahre konkrete Pläne zum Erreichen des 1,5 Grad-Zieles vorlegen müssen. Denn, während das Ergebnispapier am Ende der COP eine Absichtserklärung ist, muss danach mit den sogenannten „Nationally Determinded Contributions“, kurz NDCs dargelegt werden, wie man diese Absicht erreichen will. In diesem Punkt besteht schon länger eine Umsetzunglücke. Auch die aktuell auf der COP verhandelten Anstrengungen der Länder seien unzureichend, betont Friedrich Bohn. Nun verhandle man deshalb bereits darüber, was passieren muss, damit die Länder beim nächsten Zielabgleich in fünf Jahren ambitioniertere Pläne vorlegen.

Das zeigt bereits: Nicht allein das Ergebnispapier einer COP entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Häufig sind die Prozesse langfristiger. Bei der Veröffentlichung unseres Klima-Updates sind die Ergebnisse der COP30 noch unklar. Auch, wie das Auseinanderstreben der EU die Ergebnisse beeinflusst haben könnte, ist schwer zu sagen, weil die Verhandlungen nicht öffentlich sind.

Wie die COP in Brasilien ausgeht, erfahren Sie dann bei meinem Kollegen Arne Schulz vom gleichnamigen Podcast ARD Klima Update. „Ich bin zum Beispiel sehr gespannt, ob die Staaten sich auf einen Fahrplan zum Ausstieg aus fossilen Energien einigen. Wir behalten die Verhandlungen das ganze Wochenende im Blick und ordnen im Podcast die Ergebnisse ein, sobald wir Details kennen.“ – diese Worte von Arne schon einmal vorab, die Folge wird voraussichtlich am Sonntagvormittag veröffentlicht und kann dann hier abgerufen werden. 
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Illegaler Goldabbau im Amazons, Bilanz zur Weltklimakonferenz und das verschuldete Heidenrod investiert mit Bürgerbeteiligung in Windenergie.

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Termine

  • 25.11. — Klimazukunftskonferenz für Fünft- bis Dreizehntklässler (Berlin)
  • 25.-26.11. — EHI Klima- und Energiekongress (Düsseldorf)
  • 1.12. — 28. Berliner Klimagespräch: Kommunen stärken, Klima schützen (Berlin)
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News

Bessere Klimabilanz für E-Autos durch grünes Alu
Laut der Umweltorganisation Transport & Environment aus Brüssel würde Aluminium, das mit erneuerbarem Strom hergestellt wird, ein Elektroauto nur um etwa 25 Euro verteuern, dabei aber deutlich CO₂ einsparen – vor allem, wenn zudem mehr Aluminium recycelt würde. Aluminium ist für die Autoindustrie wichtig: Rund 230 Kilogramm stecken inzwischen in jedem Pkw. Fast doppelt so viel wie vor zwanzig Jahren. Gleichzeitig wurden in Europa in den vergangenen zehn Jahren viele Aluminiumhütten geschlossen. Deshalb muss mehr als die Hälfte des neu produzierten Aluminiums importiert werden, oft aus Ländern mit CO₂-intensiver Produktion. Die Umweltorganisation für nachhaltigen Verkehr fordert daher, dass die EU im geplanten Industriegesetz verbindliche Vorgaben für den Einsatz von klimafreundlichem, in Europa hergestelltem Aluminium festlegt. (SWR)
Platz vier ist der beste – Länderranking für Klimaschutz veröffentlicht
Im jährlichen Klimaschutzindex der Organisation GermanWatch und dem NewClimate Institute bleiben die ersten drei Plätze wie auch in den vergangenen Jahren unbesetzt. Kein Land unter den 63 untersuchten Staaten sowie der Europäischen Union konnte in allen Belangen überzeugen. Mit Platz vier führt Dänemark das Ranking an, gefolgt von Großbritannien und Marokko. Deutschland landete auf Platz 22. Die Europäische Union zeige insgesamt ein chaotisches Bild. Die Diskussionen über das Klimaschutzziel für 2040, das viele Umweltverbände als unzureichend bewerten, sei symbolisch dafür. Die untersuchten Staaten sind für mehr als neunzig Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. (tagesschau)
Gen Z: Funktionalität statt Umwelt entscheidet über Mobilitätsverhalten
Schnell, verlässlich, günstig, flexibel und komfortabel sind für 16- bis 28-Jährige die wichtigsten Kriterien bei der Wahl ihres Verkehrsmittels, zeigt eine Untersuchung des ADAC. Umweltfreundlichkeit landet nur auf Platz 12 von 15 der Prioritäten. Wichtig ist für die junge Generation dagegen eine breite Auswahl an Verkehrsmitteln: öffentlicher Nahverkehr, E-Scooter, Leihräder und Car-Sharing sind überdurchschnittlich beliebt. Etwa die Hälfte der Jugendlichen fährt laut Studie nur einmal pro Woche mit einem Auto – dafür wird das Flugzeug häufiger als in jeder anderen Altersgruppe genutzt. Nur jeder zehnte der Befragten gab an, mit dem bestehenden Mobilitätsangebot zufrieden zu sein. Über die Hälfte der Befragten halten eine nachhaltige Mobilität für wünschenswert, aber nur rund vierzig Prozent glauben, dass sie auch machbar ist. (SWR)

ARD, ZDF und DRadio

Was passiert, wenn der Regenwald als Klimaretter ausfällt?

AmazonFace ist ein Stresstest für den Amazonas. Wissenschaftler simulieren höhere CO2-Werte und untersuchen, wie der Regenwald auf die Veränderung reagiert. 3sat nano beim 👉 ZDF

Sind Klimaproteste wieder kraftvoll?

Zwischen Protesten in Belém und Fridays for Future: Gespräch mit Simon Teune, Protestforscher an der FU Berlin bei 👉 radio3

Verschollen

Thriller mit Axel Milberg über einen Umweltwissenschaftler, der in Brasiliens Regenwald für ein kontroverses Aufforstungsprojekt arbeitet. Spielfilm in der 👉 ARD-Mediathek

👋 Zum Schluss

Um ehrlich zu sein, ich finde die COP zwar spannend, aber mein Lieblingsthema ist sie nicht. Zu weit weg, zu vage und mitunter ist das Ergebnis ziemlich desillusionierend. Immer wieder wird gefordert, dass sich die Klimakonferenz verkleinern sollte – und dann sind doch jährlich wieder mehr Lobbyisten vor Ort als zuvor.

Waldökologe Friedrich Bohn findet die Konferenz dennoch berechtigt, alleine wegen der Hintergrundgespräche. Und einer unserer Leser, Eckhard B., hat uns geschrieben, dass wir mehr über das große Ganze berichten sollen und weniger über Einzelthemen aus dem Alltag. Diesem Wunsch haben wir mit dem aktuellen Newsletter Folge geleistet. Und wie stets mit Ihnen? Wollen Sie mehr Alltagsthemen oder lieber die großen Fragen der Klimapolitik? Schreiben Sie uns gerne!

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende 💛
Inka Zimmermann 

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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