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#213
vom 10. Oktober 2025

Und was sag ich jetzt dem Gummibaum?

von Florian Zinner
Hallöchen.

So, habe mal durchgezählt: In der kürzlich von mir bezogenen Behausung befinden sich insgesamt vier Monsteras1 in vier unterschiedlich glücklichen Stadien eines Pflanzendaseins. Das dürfte etwas über dem angebrachten Maß der Dinge liegen. Vor allem, wenn man die 29 weiteren Zimmer- und Balkongewächse dazurechnet – inklusive Petersilie, aber ohne Plastik-Sukkulenten.

Während ich diese Zeilen also unter den ledrigen Wedeln der Glücksfeder tippe – bitte welche Pflanze ist Schreibtisch-geeigneter? – wird der Kloß im Hals immer größer und es regt sich der Verdacht: Diese Pflanzenvöllerei kann nicht so gescheit sein, wie sie im ersten Moment wirkt. Bevor Sie jetzt vorsorglicherweise auch durchzählen, lassen Sie uns erstmal die Fakten sondieren und das schlechte Gewissen womöglich im Keim ersticken.

Also: Was ist dran, an dem Verdacht, dass das bundesdeutsche Zimmerpflanzentum ein klimaschädliches und wenig nachhaltiges Unterfangen ist? Eins ist klar: Pauschal lässt sich mal wieder gar nichts sagen.

1 Für alle, die im Café Espressi bestellen: Schon klar, die Mehrzahl von Monstera ist Monsterae.

MOMENT DER WOCHE

Mindestens 20.000 Menschen haben am Sonntag in Brüssel bei einem Klimamarsch für eine ambitioniertere Klimapolitik und gegen die Subventionierung des fossilen Energiesektors protestiert. (Flämischer Rundfunk) Rechte: picture alliance/Hans Lucas, Karim Tebache 

Raufaserhöhle statt Dschungelcamp: Muss ich jetzt wirklich auf Grünzeug verzichten?

Wem der Mief einer Millionenstadt zu dolle wird, könnte eine der seltenen Gelegenheiten beim Schopfe packen und in den Räumen von Lilli Erasin, nun, vorbeischnuppern. Die Blumenwerkstatt hat manchmal als zeitgeistliches Pop-Up-Lädchen geöffnet und lockt im Berliner Sprengelkiez mit behaglichen Duftnoten aus Holzmobiliar und Trockenblumen. Kein Wunder, letztere hängen bei Blumen Goldbeck ja auch überall von der Decke. „Das ist Silberblatt, ist ein bisschen in Verruf geraten, früher war es so Oma, jetzt ist es schon lange toll“, erklärt die Floristin beim Begehen des Inventars. „Wilde Möhre, Wilde Karde, heimische Wildstauden lassen sich ganz toll trocknen!“

Erasin fertigt hauptsächlich Auftragsarbeiten an. In den letzten Jahren musste sie einen Gang zurückschalten und wollte keinen Ladenbetrieb mehr aufrechterhalten. Unter anderem, weil ihre Bezugsquellen für nachhaltige und regionale Blumen versiegt sind und sie auf Großmarktware zurückgreifen musste. „Und dann dachte ich, wenn ich nicht so viel Ware brauche, dann komme ich vielleicht mit dem zurecht, was für mich verfügbar ist.“
Nur noch auf Bestellung: Lili Erasin vor ihrer Blumenwerkstatt. Rechte: MDR
Als der Laden noch offen war, hat Lili Ersasin nicht nur mit allerlei Blümchen, sondern auch Grünpflanzen gehandelt. Und generell zeigt sie größtes Verständnis für jede und jeden, die es sich angesichts der kühlfeuchten Herbstwitterung zu Hause unter den wärmenden Wedeln von Bergpalme und Monstera gemütlich machen möchten. Je kälter es wird, desto schlechter ist allerdings die Idee, sich Grün ins Haus zu holen: „Wenn es draußen so kalt ist, leiden auch die Zimmerpflanzen beim Transport, die muss man halt wirklich ordentlich einpacken.“ Was kaum passiere, im schlimmsten Fall wird die Pflanze zur Wegwerfware.

Augen auf beim Pflanzenkauf – wenn’s überhaupt hilft

Unabhängig von der Jahreszeit, ob Grünpflanze oder Schnittblume, sollte man aber ganz grundsätzlich darauf achten, was man sich da ins Haus holt, sagt Erasin. Gerade Produzenten aus Übersee arbeiten mit deutlich höheren Pestizidgrenzwerten oder mit in Europa mittlerweile untersagten Pflanzenschutzmitteln. Grenzwerte für Rückstände fehlen hierzulande. Zwar gibt der EU-Pflanzenpass, der an jede Grünpflanze getackert gehört, Aufschluss über den Produktionsstandort. Das gilt allerdings nur für den letzten wesentlichen Produktionsschritt in der Kette. Werden Ficus-Setzlinge aus Ostasien in den Niederlanden aufgezogen, ist deren Ursprung mitunter nicht nachvollziehbar.
Eine Hiobsbotschaft für die Biodiversität, für die Menschen in der Produktion und für solche, die im Baumarkt und Möbelhaus nicht mit geschlossener Geldbörse am Topfgrün vorbeikommen. Das schlechte Gewissen dürfte sich zudem noch gehörig potenzieren, wenn man nicht nur die Produktionsbedingungen, sondern auch die Klimabilanz einer Zimmerpflanze in Betracht zieht. Um es kurz zu machen: Wie alle Waren, die um die Welt oder zumindest über den Kontinent gekarrt werden, verursachen Dekopflanzen Transportemissionen, die allerdings den kleinsten Anteil der Klimabilanz ausmachen. Hinzu kommt die mögliche Anreicherung der Gewächshausluft mit CO2 – gewissermaßen eine Art Düngung.

Noch deutlicher wird die Klimawirkung beim Substrat, also der Blumenerde. Ist da Torf zugesetzt, verschlimmert sich die Klimabilanz einer Pflanze erheblich. Torf, also nahrhafte Pflanzenreste in Mooren, sind patente Kohlenstoff-Speicher. Durch den Abbau werden erhebliche Mengen an CO2 und weitere Treibhausgase freigesetzt.

Pflanzenkauf – die Heizungsluft gibt’s oben drauf

Der größte Teil an Emissionen geht aber auf das Konto der Aufzucht von Pflanzen in energiehungrigen, beheizten Gewächshäusern, was vor allem in Europa eine Rolle spielt. Die Klimabilanz einer Pflanze ist dabei stark davon abhängig, aus welcher Quelle die Gewächshausenergie stammt. Der typische Fußabdruck liegt so im Bereich von 1,5 bis 6 Kilogramm CO2-Äquivalenten, wobei der Weihnachtsstern eher am unteren und Orchideen und Hortensien am oberen Ende anzusiedeln sind. Klingt erstmal überschaubar. Allein 200 Gramm Rindersteak verursachen acht Kilo und die Produktion eines Kleinwagens schlägt mit 4.000 Kilo CO2-Äquivalenten zu Buche. Nun ja, die Menge macht’s: Das Statistische Bundesamt meldet für das Jahr 2021 über hundert Millionen verkaufsfertige Zimmerpflanzen in Deutschland. 0,3 Millionen Tonnen CO2 klingt da gleich ganz anders.
Nun stellen Sie sich das mal ohne Grünzeug vor. Rechte: imago/Westend61
Ist unser Gestrüpp im Urban Jungle also ein Klimaschwein? Sicher eine Frage der Verhältnismäßigkeit: Der deutsche Bierdurst führt zu jährlich Pi mal Daumen drei Millionen Tonnen CO2. Also das Zehnfache. Und überhaupt: Grünpflanzen verursachen nicht nur Kohlenstoffdioxid, sie nehmen es ja auch wieder auf und liefern Sauerstoff. Oder, Herr Grüneberg?

„Sie wachsen langsamer, was wir auch wollen. Aber die Pflanzen haben dadurch eine geringere Photosynthese-Leistung und damit auch weniger CO2-Aufnahme und Sauerstoffabgabe.“ Ihre Produktionsemissionen können sie damit leider nicht wettmachen, wie verschiedene Lebenszyklusanalysen zeigen.

Ölgewächshaus? Wir sind schon weiter

Heiner Grüneberg ist Wissenschaftler an der Humboldt-Uni in Berlin im Bereich urbane Ökophysiologie von Pflanzen. In seinem Büro im grünen Dahlem lassen sich nur noch die Oberlichter öffnen, die Fensterbretter sind seiner Fachrichtung entsprechend konsequent zugestellt. Sieht so aus, als wäre Grüneberg der richtige Mann, um sich das schlechte Gewissen in der Pflanzenliebe nehmen zu lassen. Für ihn sind Zimmerpflanzen ein Kulturgut wie der Gang ins Kino oder ein Fußballspiel, sagt er, die unter Umständen wie bei der Hawaii-Palme zur Arterhaltung beitragen können. Es komme schlichtweg auf die Produktionsweise an. „Heute sind die Techniken auch im Gewächshausbereich schon ziemlich weit. Wir haben Doppelfolien, die wenig Energie abgeben nach außen. Wir haben optimierte Kulturabläufe, die wirklich auf den Tag genau sagen können, welche Energie brauchen wir und man weiß genau, wann eine Zierpflanze auch mal eine Kühlphase hat.“
Links ein altes Haustier, rechts die neuen Haustiere. Rechte: imago/Westend61
Manchmal geht es auch ganz ohne Energiezufuhr: „Ich kenne in Brandenburg einen Gartenbauer, der heizt gar nicht, hat ein tolles Sortiment an Beet- und Balkonpflanzen, weil er einfach die Kulturen so aussucht, dass der Schutz des Gewächshauses und die Wärme der Sonne ausreichen.“
Ich selbst habe Pflanzen, die habe ich seit der Lehre, die sind also fast fünfzig Jahre alt
PD Dr. agr. Heiner Grüneberg, Humboldt-Uni Berlin 
Und dann ist da ja noch der Torf. Auf torffreie Erde zu verzichten wird tendenziell leichter: Im privaten Gartenbau ist ein kompletter Torfverzicht ab 2026 angestrebt, bis 2030 auch im kommerziellen Gartenbau. So ist es auf den noch unter der alten Bundesregierung aktualisierten Seiten des Bundeslandwirtschaftsministeriums zu lesen, ein entsprechender Verweis aufs Klimaschutzprogramm führt aber derzeit ins Leere. Unklar ist auch, was das dann für importierte Ware bedeutet. Torffreie Erde zu kaufen, wenn man es möchte, stellt sich hingegen schon seit Jahren als unproblematisches Unterfangen heraus – na immerhin.
Hübsch und gut archiviert: Lilli Erasins Trockenblumenarsenal. Rechte: MDR
So ganz grundsätzlich verhält es sich mit Pflanzen wie mit Smartphones, der Waschmaschine oder dem Holzbettgestell: Je länger die Dinge durchhalten, desto klimafreundlicher wird das Produkt. „Ich selbst habe Pflanzen, die habe ich seit der Lehre, die sind also fast fünfzig Jahre alt“, sagt Heiner Grüneberg, der in diesen Tagen pensioniert wird. Der Urban Jungle-Lifestyle zeige da seiner Meinung nach in die richtige Richtung: Topfpflanzen lange zu erhalten und sie liebevoll als Mitbewohnende zu umsorgen.

Floristin Lili Erasin verweist auf die Efeutute ihrer Schwester: Seit 35 Jahren leben die beiden Seite an Seite. „Die hat schon mehrere Umzüge mitgemacht und wächst wie bekloppt.“ Für Neuanschaffungen rät sie zu einem Modell, in dem sich Großstadt-Hipster wie Gartennachbarn auf dem Lande auf wunderbare Art angeglichen haben: Das Verteilen von Ablegern. Diese praktische Kopiereigenschaft vieler Grünpflanzen könnte nachhaltiger kaum sein. Wer noch Pflanzenfreunde sucht, werde in Tauschbörsen und Onlineforen fündig. Mit Botano Adopt gibt es mittlerweile sogar einen Dienst, um ausgesonderte Exemplare offiziell zu adoptieren.

Alternative Gedanken, die vielleicht beim nächsten Besuch im Einrichtungshaus helfen, wenn kurz vorm Möbel-SB die Verlockung doch wieder groß ist, ein Pflänzchen in den Wagen neben Knäckebrot und Stabkerzen zu legen, das hoffentlich bis zum nächsten Einkauf durchhält. Vielleicht braucht es auch mal neue Akzente in der Bude, Stichwort Trockenblumen. Die liefert Lilli Erasin sogar ans Bundesumweltministerium – viele ihrer Gestecke bietet sie zum Verleih an. Ihr Traum ist es, ihre eigenen Blumen auf einem eigenen Acker in der Region anzubauen, derzeit sucht sie nach einer geeigneten Fläche. Wiederverwendbare Trockenblumen von nebenan – das lässt sich dann alles an Nachhaltigkeit wahrscheinlich kaum noch übertreffen und bietet zudem eine willkommene Abwechslung für alle Augen, die sich an den zerpflückten Blättern einer Monstera sattgesehen haben. Und für alle, die angesichts des städtischen Miefs mal ganz tief durchatmen müssen. 
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News

Erneuerbare haben weltweit erstmals die Kohle überholt
Das geht aus der Studie Global Electricity Mid-Year Insights 2025 hervor. Demnach stieg die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast acht Prozent auf 5.072 Terawattstunden. Die Verstromung von Kohle ging währenddessen um knapp ein Prozent auf 4.896 Terawattstunden zurück. Der Anteil der Erneuerbaren am globalen Strommix habe sich damit auf 34,3 Prozent erhöht, der Kohleanteil sei auf 33,1 Prozent gesunken. Zum Vergleich: In Deutschland stammten im ersten Halbjahr 62 Prozent aus Erneuerbaren und 21 Prozent aus Kohle. 
Kahlschlag bei Nachtzugverbindungen nach Paris
Zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember wird es keine Nachtzugverbindungen mehr von Berlin, München oder Wien nach Paris geben. Das teilte die Nachtzugsparte der Österreichischen Bundesbahnen Nightjet mit, die diese Verbindungen erst seit Ende 2021 anbietet. Grund sei eine Streichung von Subventionen durch den französischen Staat im kommenden Jahr. Eine entsprechende Petition gegen das Vorhaben wurde bereits von mehr als 60.000 Menschen unterzeichnet. Für Nachtzuganbieter ist es derzeit häufig nicht möglich, Strecken rentabel anzubieten. Sie sind deshalb auf Subventionen angewiesen. Im Gegenzug wird ein dichtes Nachtzugnetz benötigt, um den inneneuropäischen Flugverkehr und damit die Verkehrsemissionen zu reduzieren.

👉 Hintergründe und Lösungen zur Problematik lesen Sie in ARD Klima-Update #208 oder hier.
Viren im Boden gegen Dünge-Emissionen
Forschenden aus China ist es gelungen, Lachgas-Emissionen durch landwirtschaftliche Bodendüngung mithilfe von Viren zu reduzieren. Lachgas, also Distickstoffmonoxid, gilt als besonders stark wirkendes Treibhausgas und wird größtenteils aus landwirtschaftlichen Böden freigesetzt. Durch eine Virusinfektion der Bodenmikroben konnte die Produktion von für Lachgas verantwortliche Bakterien unterdrückt werden, was die Emission im Laborversuch verringerte.

ARD, ZDF und DRadio

Tuvalu: Kleine Insel, große Probleme

Eine überwältigende Mehrheit der Bewohner des Inselstaates Tuvalu will weg. Gründe sind die großen sozialen Probleme und der Klimawandel. Neugier genügt – Das Feature bei 👉 WDR 5

Green Battle – Das Klima-Duell

Von Do-it-yourself-Rezepten bis zur Stromfresser-Suche: In actionreichen Spielen testen die Paare ihr Wissen und ihre Kreativität. Dokus beim 👉 ZDF

Seegraswiesen als Klimaschützer

Im Projekt SeaStore sollen in der Ostsee großflächig Seegraswiesen wieder angesiedelt werden – einer der wirksamsten natürlichen Kohlenstoffspeicher unserer Meere. Gespräch bei 👉 radio3

👋 Zum Schluss

Die weitestgehend winterharte Yucca gloriosa ist mein Allzeitfavorit in Sachen Vervielfältigung. Das pieksige Gewächs habe ich mal mehr, mal weniger ungefragt in allerhand Haushalten untergebracht, etwa bei der Kollegin Inka Zimmermann, die passenderweise auch die entscheidende Anregung für diese Ausgabe hatte. An der Yucca lässt sich das Verteilen gut üben: Den Pflanzennachwuchs einfach vom Stamm absäbeln und (torffrei) eintopfen. Oder ein Stück Wurzel im Garten eingraben, diese Gattung ist unverwüstlich, die werden Sie nicht mehr los.

Wenn Sie sich vorsichtshalber doch etwas Grundwissen draufschaffen wollen (ich nehm’s nicht persönlich): Die NDR-Kolleginnen und Kollegen von Rasch durch den Garten haben das Wichtigste in Sachen Zimmerpflanzenvermehrung für Sie zusammengetragen.

Passen Sie auf sich und die Welt auf, herzlich
Florian Zinner

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Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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