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#212
vom 3. Oktober 2025

Syrah statt Portugieser – Wie der Klimawandel den Weinbau verändert

von Dominik Bartoschek

Hallo zusammen, oder wie man in den rheinhessischen Weinbergen sagt: Gude!

Das war am Ende richtig knapp! Im Herbst helfe ich gerne mal bei der Weinlese aus, und dieses Jahr hatte ich mir dafür das Weingut Wagner ausgesucht, einen Familienbetrieb in Essenheim. Der Ort liegt ganz in der Nähe von meinem Wohnort Mainz, mitten im größten deutschen Weinanbaugebiet Rheinhessen.

Ende August hatte ich Kontakt zu Wagners aufgenommen. Irgendwann in den vielen Wochen der Lese wird sich garantiert ganz entspannt eine Lücke in meinem Terminkalender finden, dachte ich mir.

Doch dann klangen die Formulierungen in den Mails, die Winzer Andreas Wagner in seinem „Lesehelfer-Verteiler“ schrieb, Mitte September plötzlich immer eiliger. Erst schritt die Lese nur gut voran, dann bog sie plötzlich schon auf die Zielgerade ein, um dann nach wenigen Wochen schon kurz vor dem Abschluss zu stehen! Am Ende konnte ich gerade noch so auf den Lese-Zug aufspringen, und habe am allerletzten Tag der diesjährigen Lese bei Wagners die Schere geschwungen, super-reife und süße Trauben gelesen und dabei viel darüber erfahren, wie der Klimawandel den Weinbau verändert.

MOMENT DER WOCHE

Grün vor Beton: Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat einen Plan: In den nächsten 20 Jahren sollen 300.000 zusätzliche Stadtbäume gepflanzt werden! Klingt super. Bedeutet allerdings im Schnitt pro Kommune in städtischen Gebieten gerade mal 100 Bäume in 20 Jahren, also pro Jahr ganze fünf Neupflanzungen. 

Die „Turbo-Lese“ zeigt: Der Weinbau ist immer stärker von Extremen geprägt

Was für mich nur eine kleine Anekdote ist, bedeutet für Winzerinnen und Winzer in ganz Deutschland eine echte Herausforderung: Der Klimawandel zwingt sie dazu, immer häufiger auf Extremsituationen zu reagieren. Auf extremes Wetter, auf extreme Trockenheit oder, wie in diesem Jahr, auf extremen Zeitdruck.

Denn nicht nur bei Wagners musste es in diesem Jahr schnell gehen. Das Deutsche Weininstitut schreibt, dass in allen 13 deutschen Weinanbaugebieten die Lese früh begann, schnell zu Ende war und viele Rebsorten gleichzeitig erntereif waren. Eine „Turbo-Lese“, die innerhalb weniger Wochen alle verfügbaren Kapazitäten gebunden hat.

Nina Wagner, die Frau von Andreas, erzählt mir, dass sie sich noch an Jahre erinnert, in denen bis Mitte Oktober gelesen wurde. Und jetzt? „Es ist der 19. September, und wir sind mit der Lese fertig. Das ist schon krass.“

Die Südfranzosen“ erobern Rheinhessen

Immerhin hat es für mich den praktischen Vorteil, dass ich ohne kalte Finger, stattdessen mit T-Shirt und Sonnenhut im Weinberg stehen kann. Nina arbeitet in der Rebzeile neben mir, so können wir uns durch die Blätterwand hindurch unterhalten, während wir die Trauben von den Merlot-, Cabernet Sauvignon- und Syrah-Reben scheiden. Wagners nennen diese Sorten „die Südfranzosen“. Und dass sie seit einigen Jahren auch in Rheinhessen zu guten Tropfen werden, hat einen Grund, sagt Nina: „Es ist ein Stück weit so, dass wir hier das Klima haben, das vor 30 Jahren in Regionen wie dem Bordeaux-Gebiet war.“

So stehen die Weinberge der Wagners in Essenheim exemplarisch für den gesamten deutschen Weinbau: Steigende Temperaturen machen den Anbau anderer Rebsorten möglich. Denn jede Rebsorte hat ihre eigene Wohlfühltemperatur. So nenne ich das, offiziell spricht man vom Huglin-Index. Ein Wert, für den „die Temperatursumme oberhalb von 10 Grad für den Zeitraum vom 1. April bis 30. September addiert (wird), wobei auch die geographische Breite Berücksichtigung findet“, schreibt der Deutsche Wetterdienst. 

Jede Rebsorte hat, soll sie erfolgreich angebaut werden, ihren eigenen Huglin-Index. Und wenn der, wie in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland geschehen, immer weiter ansteigt, dann ist es kaum verwunderlich, dass auch die Rebfläche für Sorten mit einem hohen Huglin-Index wie Merlot und Cabernet Sauvignon stark ansteigt.

Schädlinge und Wetterextreme

Steigende Temperaturen sind aber nur eine Folge des Klimawandels, die den Weinbau vor neue Herausforderungen stellt. So bedrohen aus Süden einwandernde Schädlinge wie der Japankäfer oder die Amerikanische Rebzikade die Ernten. Genauso wie zunehmende Wetterextreme wie Starkregen oder Hagel. Lange Hitzeperioden können Sonnenbrand an den Trauben verursachen.

Und die Gefahr von Frostschäden steigt, nicht nur im Weinbau, auch im Obstbau. Denn durch den Klimawandel verschieben sich die Vegetationsperioden. Pflanzen treiben deswegen immer früher aus. Bianca Plückhahn, Agrarmeteorologin beim Deutschen Wetterdienst, hat mir das kürzlich am Beispiel der Haselnuss erklärt: „Die Haselnuss hat im Zeitraum 1961 bis 1990 im Mittel für Deutschland am 3. März angefangen zu blühen, inzwischen sind wir schon beim 14. Februar.“

Nicht geändert hat sich jedoch, dass auch im Frühjahr weiterhin Frost auftritt. Damit steigt die Gefahr, dass die frischen und empfindlichen Triebe von Obstbäumen oder Weinreben erfrieren, dann droht den Landwirten auch schon mal ein Totalausfall.

Und dann ist da natürlich noch die Gefahr von Trockenschäden. Denn häufigere Dürren könnten irgendwann dafür sorgen, dass selbst Reben mit ihren langen Wurzeln nicht mehr an ausreichend Wasser kommen. Schon heute werden laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft außerhalb Europas 82 Prozent der Anbauflächen für Weinreben bewässert. In Europa sind es etwa 10 Prozent.

Wie kommt das Wasser in den Weinberg?

Spannend dürfte die Frage sein, woher dieses Wasser für die Weinreben dann kommt. Denn wertvolles Trinkwasser dafür zu verwenden, dürfte der Öffentlichkeit nur schwer vermittelbar sein. Auch deshalb schauen viele Winzerinnen und Winzer gerade sehr interessiert nach Kasel, einem kleinen Ort im Weinanbaugebiet Mosel. Hier ist gerade ein Speicherbecken entstanden, in dem künftig im Winter Wasser aus dem Flüsschen Ruwer zwischengespeichert werden soll, mit dem im Sommer dann Reben bewässert werden können. Die Klimazeit hat im Frühjahr über den Bau des Speicherbeckens berichtet, bei 09’55 geht’s los. 

In Essenheim beim Weingut Wagner kommen die Reben bisher mit dem natürlichen Nass aus. Ob das auch in den kommenden Jahren so bleibt, lässt sich kaum prognostizieren. Nina jedenfalls hofft, dass auf dem Weingut Wagner auch noch die nächste Generation Wein produzieren kann. Doch Zweifel bleiben: „Wenn man sich anschaut, wie rasant es sich in den letzten 30 Jahren verändert hat, dann ist das schon … ein spannendes Thema.“

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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

Die Sendung fällt in dieser Woche wegen des Feiertages leider aus. 

Freitags, 19:45 auf tagesschau24 und jederzeit auf  tagesschau.de

Termine

  • 7.10. — Vortrag: Biodiversität und Klimawandel (Pirna)
  • 26.10. - 29.10. — Internationale Klimaresilienzkonferenz (München) 
  • 6.11. — Klimatagung des Deutschen Wetterdienstes DWD (Offenbach/ Online)
📆 Und noch mehr Klima-Termine finden Sie jederzeit hier.

News

Wälder und Moore sollen mehr CO2 speichern 
Das ist das Ziel des neuen Papiers zur "Weiterentwicklung des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz", das Bundesumweltminister Carsten Schneider diese Woche vorgestellt hat. Aktuell seien Wälder, Moore und Böden auch Teil des Problems, denn sie stoßen anders als früher Treibhausgase aus, erklärte der Minister. Im vergangenen Jahr seien es 50 Millionen Tonnen gewesen. Insgesamt 77 Millionen Tonnen CO2 will Schneider durch die Stärkung von Ökosystemen bis 2045 einsparen. Die im Klimaschutzgesetz festgehaltenen Ziele für den Bereich Landnutzung würde Deutschland damit erst verspätet erreichen. Warum die Ziele aus dem Bundesklimaschutzgesetz in dieser Hinsicht nicht erreicht werden können, haben wir im Klima-Update Nummer #185 ausführlich erklärt. 
Gletscherschwund in der Schweiz 
Laut dem Schweizerischen Gletschermessnetz GLAMOS sind die Gletscher in der Schweiz im vergangenen Jahr um rund drei Prozent geschrumpft. Damit reiht sich das vergangene Jahr in einen Trend ein: Seit 2015 haben die Gletscher ein Viertel ihres Volumens eingebüßt. "Die stetig schwindenden Gletscher tragen dazu bei, dass sich das Gebirge destabilisiert", sagt der Glaziologe Matthias Huss, Leiter GLAMOS. Dies könne zu Ereignissen wie im Lötschental führen, wo im Mai eine Fels-Eis-Lawine das Dorf Blatten verschüttet habe. Man gehe davon aus, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts ein Großteil unserer Gletscher verschwinden werde und anstatt der Eisriesen nur noch Geröllfelder zu sehen seien. (SRF)
Alternativer Nobelpreis für Studierende aus Ozeanien
Für ihren Einsatz für Klimagerechtigkeit wird die Studentenorganisation Pacific Islands Students Fighting Climate Chance mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Das hat die Right-Livelihood-Stiftung, die den Preis vergibt, diese Woche mitgeteilt. Die Studenten hätten den Grundstein zur Kampagne in dem Pazifikstaat Vanuatu gelegt, die Klimakrise vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen, erklärte die Stiftung. Für sie alle sei der Klimawandel "keine abstrakte Bedrohung". Zyklone zerstörten im östlichen Pazifik ganze Volkswirtschaften, der steigende Meeresspiegel vertreibe Familien, das Salzwasser mache Ernten unbrauchbar. (zdf heute)

ARD, ZDF und DRadio

Von CO2, Konsum und Geoengineering 

Harald Lesch beantwortet Userfragen zum Klimawandel und erklärt, warum Konsum, Ernährung und erneuerbare Energien viel wichtiger sind als riskantes Geoengineering. Terra X in der 👉 ARD Mediathek 

Anpassen statt Abwenden?

Der Klimaschutz hat in der Politik keine Priorität mehr. Sollten wir also mehr Mittel darauf verwenden, uns an die Folgen des Klimawandels anzupassen? 👉 DLF Kultur 

Patientin Ostsee

Um Hitzewellen unter Wasser geht es in dieser Classics-Folge des tagesschau-Podcasts 11KM 👉 tagesschau 

👋 Zum Schluss

Und jetzt hoffe ich, dass ein schönes, verlängertes Wochenende vor Ihnen liegt, an dem Sie sich ja vielleicht auch ein Glas Wein gönnen. Denn eines muss ich an dieser Stelle natürlich noch festhalten: Trotz aller Herausforderungen und Schwierigkeiten, die der Klimawandel mit sich bringt, gelingt es den Winzerinnen und Winzern in Deutschland noch immer, hervorragende Weine zu produzieren. Hoffen wir, dass das noch lange so bleibt.

Und für die kommenden Herbstwochen habe ich noch einen Tipp für Sie: Egal, ob Sie nun in Rheinhessen, in Baden, in Sachsen oder in einem anderen der 13 deutschen Weinanbaugebiete leben: Wenn Sie Gelegenheit haben, gehen Sie raus und lassen Sie bei einem Spaziergang den Blick über die Weinberge schweifen. Die machen nämlich im Herbst optisch immer viel her. Weil sich nämlich bei jeder Rebsorte die Blätter in einem anderen Farbton verfärben, verwandelt sich die Landschaft aus der Ferne betrachtet in ein buntes Farben-Mosaik. 🍂

Eine gute Zeit!

Dominik Bartoschek

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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