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#211
vom 26. September 2025

Müssen wir mit einem neuen Worst Case rechnen?

von Inka Zimmermann
Liebe Lesende, 

diese Woche war eine turbulente Woche für Klimajournalisten. Auf dem Extremwetterkongress in Hamburg verkündeten einige Meteorologen und Physiker: Den aktuellen Messungen zufolge könnten wir schon im Jahr 2050 bei drei Grad Erderwärmung stehen.

Mich hat diese Meldung schockiert. Das lag aber auch vor allem daran, dass sie ein absolutes Worst-Case-Szenario prophezeit. Das wäre sehr viel schlimmer als alles, was die Klimaforschung bisher annimmt. Sollten wir also nun davon ausgehen, dass der Worst Case tatsächlich eintritt? Ich finde, nein. Denn für dieses Horrorszenario gibt es noch keine ausreichenden wissenschaftliche Belege. In unserem Update geht es deshalb diese Woche darum, ob wir mit drei Grad rechnen müssen, welche Szenarien es für die Klima-Zukunft gibt und was sie bedeuten würden.

MOMENT DER WOCHE

Gestaltetes Fenster von et.lys während des Industriebrachenfestivals IBUG in Chemnitz. Es geht darum, wie wir mit der Energie umgehen, die aktuell in Gebäuden als "graue Energie" gespeichert ist. 

Drei Grad bis 2050? 

Ob wir von zwei oder drei Grad Erderwärmung ausgehen, ist entscheidend, denn: Drei Grad wären nicht nur eine "schlimmere Version" des Klimawandels – diese Temperatur würde auch viele Belastungsgrenzen unseres Planeten überschreiten. "Über zwei Grad nehmen auch Risiken für Kippelemente nochmal stark zu, also zum Beispiel der Grönland-Eisschild, Teile des antarktischen Eisschildes, der Golfstrom als Teil der atlantischen Ozeanzirkulation oder auch der Amazonas-Regenwald", erklärt der Klimaphysiker Nico Wunderling.

Zwischen zwei und drei Grad liegen Welten 

Kippelemente sind unterschiedliche Systeme, die für das Klima auf der Erde wichtig sind. Werden bestimmte Temperaturen überschritten, kann das dazu führen, dass sie zerstört werden – was wiederum zu einer weiteren Destabilisierung des Klimas auf der Erde beitragen kann. "Wenn ich mir Szenarien mit drei oder fünf Grad Erderwärmung anschaue – das ist eine Welt, in der möchte ich nicht leben", findet der Klimaforscher. 

Dass die beiden Gesellschaften für Meteorologie und Physik nun also vor drei Grad bereits in den nächsten 25 Jahren warnen, würde eine dramatische Verschärfung der Lage bedeuten. "Wir sehen, dass sich die Temperaturentwicklung in Deutschland beschleunigt hat. Die Temperaturen steigen immer schneller an", erklärt Frank Böttcher, Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft. Er leite das hauptsächlich aus Beobachtungsdaten ab. Aktuell haben wir bereits circa 1,4 Grad Erderwärmung – wobei 2024 weltweit über 1,5 Grad gemessen wurden. Ein einziges heißes Jahr reicht aber nicht aus, um vom Klimawandel zu sprechen.

Wie wird die Erderwärmung gemessen?

Um überhaupt festzustellen, ob die Erde sich erwärmt hat, messen Forschende die Oberflächentemperatur circa zwei Meter über dem Boden – und zwar auf der ganzen Erde. Dann errechnen sie den Mittelwert. Anschließend wird dieser Wert mit den Mittelwerten der vergangenen 20 bis 30 Jahre kombiniert. So lässt sich ablesen, ob die Temperatur im Mittel ansteigt. Das bedeutet aber auch: Um überhaupt messen zu können, wie sehr das Klima sich verändert hat, braucht es lange Zeiträume. Das macht es schwer, einzuschätzen, ob der Klimawandel sich tatsächlich so stark beschleunigt, dass wir allein in den kommenden 25 Jahren noch 1,6 Grad plus verzeichnen würden.

Karsten Haustein vom Institut für Meteorologie in Leipzig denkt nicht, dass ein solcher Zuwachs realistisch ist, "da der Temperaturanstieg sich auf deutlich über 0,5 Grad pro Dekade erhöhen müsste, was die derzeitige Tendenz von 0,3 Grad pro Dekade nicht hergibt". Nico Wunderling vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sieht es ähnlich: "Ich würde schon sagen, dass drei Grad zur Mitte des Jahrhunderts ein relativ pessimistisches Szenario sind", erklärt der Klimaphysiker. Ausschließen könne er es aber nicht. "Zu hoffen wäre – und da bin ich ein bisschen optimistischer – dass wir im Jahr 2050 bei um die zwei Grad landen. Das ist bereits Grund genug zur Sorge."

Prof. Dr. Bjorn Stevens, Direktor der Abteilung Klimaphysik, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg sagt: "Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, dass sich die Erwärmung beschleunigt. Der Zeitraum von Mitte 2023 bis Mitte 2024 war hinsichtlich der sprunghaften Veränderung der globalen Durchschnittstemperaturen alarmierend, aber nicht beispiellos."

Wie sich die Temperaturen entwickeln, wird maßgeblich von der Politik beeinflusst 

Die Beobachtungen der beiden Gesellschaften sind besorgniserregend. Ganz sicher kann aktuell aber niemand sagen, mit wie viel Grad Erderwärmung 2050 zu rechnen ist, denn: Dieser Wert wird maßgeblich davon beeinflusst, wie viel CO2 und andere klimawirksame Gase die Menschheit in den kommenden Jahren emittiert. Und das wiederum hängt direkt von politischen Maßnahmen ab.

Deshalb versuchen viele Klimamodelle, zu antizipieren, wie sich die Temperaturen auf der Erde unter bestimmten politischen Szenarien entwickeln. Ein prominentes Modell sind die fünf Szenarien des Weltklimarates IPCC. Von diesen Szenarien entspricht nur das Best-Case-Szenario dem Pariser Klimaabkommen mit maximal 1,5 bis 2 Grad Erderwärmung.
Das Modell liefert aber auch ein Worst-Case-Szenario. "Dazu müsste man sehr viel Erdöl, Kohle und Gas aus der Erde herausholen und diese der Energiegewinnung und Verbrennung zuführen", erklärt Nico Wunderling. In diesem Fall, früher nannte man das 'business-as-usual' Szenario (SSP5), wäre dann mit um die fünf Grad zur Jahrhundertwende zu rechnen. Aktuell sieht es aber aus meiner Sicht nicht ganz so düster aus. "Wir sind gerade eher auf dem Weg zu 3 Grad Erwärmung zum Ende des Jahrhunderts und das sind bereits Erwärmungen, die auf jeden Fall verhindert werden müssen", sagt Wunderling: "Denn spätestens oberhalb der zwei Grad befinden wir uns in einer Klima-Hochrisikozone". Deshalb sei es weiterhin wichtig, das Pariser Klimaabkommen einzuhalten und die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen. Noch sei das aber auch möglich.

Auch ein "Overshoot-Szenario" ist möglich 

Dazu gibt es auch noch eine Art Klima-Joker: das Overshoot-Szenario. Selbst wenn wir gewisse Temperaturgrenzen kurzfristig überschreiten, gibt es die Option, die Temperatur danach wieder abzusenken, wenn weniger Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen. "Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass wir 2050 zwei Grad erreichen und dann durch CO2-Entnahme doch noch das Pariser Klimaabkommen einhalten können", erklärt Nico Wunderling. Das sei aber dann eher ein Best-Case-Szenario. Sicherer und damit besser sei eine Variante ohne Overshoot.

Ein zweites Modell, das versucht, einzuschätzen, wie Politik das Klima beeinflussen wird, ist der Climate Action Tracker. Wenn alle Staaten der Erde ihre Klimaziele auch wirklich umsetzen und einhalten, rechnen die Forschenden hier mit circa 1,9 Grad Erderwärmung bis 2100 – wenn es bei den politischen Maßnahmen bleibt, die aktuell bereits umgesetzt sind, eher mit 2,7 Grad. Auch dieses Modell ist damit noch immer deutlich optimistischer als die Befürchtungen der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft. Wobei auch 2,7 Grad zur Jahrhundertwende bereits als beunruhigend gelten.
Wir können es schaffen, keine drei Grad am Ende des Jahrhunderts oder zur Mitte des Jahrhunderts zu erreichen
Nico Wunderling, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Noch wäre selbst das Pariser Klimaabkommen in Reichweite
Die Psychologin und Klimaaktivistin Lea Dohm sagt: "Besonders wichtig wäre es jetzt, die Klimakrise nicht wieder von der öffentlichen Bildfläche verschwinden zu lassen und damit Verdrängen und Wegschauen zu begünstigen." Stattdessen könne man ins Gespräch kommen und etwa gemeinsam überlegen, wie man das Ruder drehen könne.

Denn das ist tatsächlich noch immer möglich: "Wir sind bereits einen gewissen Weg gegangen und das stimmt mich schon auch positiv, dass wir es in Zukunft schaffen können, keine drei Grad am Ende des Jahrhunderts oder zur Mitte des Jahrhunderts zu erreichen", findet Nico Wunderling.
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DIESE WOCHE IN DER KLIMAZEIT

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Termine

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  • 16.-17.5. — Internationale Klimaresilienzkonferenz (München) 
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News

Überschwemmungsgefahr steigt: 1,8 Milliarden Menschen betroffen
Soziale Ungleichheit, schwache Gesundheitssysteme und der Klimawandel erhöhen weltweit das Risiko katastrophaler Folgen von Naturereignissen – auch in reichen Ländern, warnt der Weltrisikobericht. Mehr als 1,8 Milliarden Menschen weltweit leben nach diesen Angaben in Gebieten mit erheblichem Überschwemmungsrisiko. (MDR WISSEN)
Artenvielfalt: Weniger Grünlandschmetterlinge in Deutschland
Der unter Leitung des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ aus Leipzig erstellte "Index für Grünlandschmetterlinge" zeigt die Entwicklung der Bestände von 15 Tagfalterarten zwischen 2006 und 2023 auf. Der Erstautor der Studie, Bioinformatiker Alexander Harpke, erklärt die Erkenntnisse: "Vier Arten haben zugenommen, fünf Arten weisen einen abnehmenden Trend auf. Für sechs Arten ist der Trend unsicher, was wahrscheinlich auf zu wenige Daten und große Unterschiede zwischen den Fundorten zurückzuführen ist." Im ersten Jahrzehnt des Analysezeitraums sei ein leicht positiver Trend zu erkennen gewesen, doch im Zeitraum zwischen 2016 und 2023 zeige der Index einen deutlichen Rückgang. Der betreffe vor allem spezialisierte, anspruchsvolle Arten, wie etwa den Zwergbläuling oder den Dunklen Dickkopffalter. (MDR WISSEN) 
Herstellerländer wollen nicht weniger Kohle produzieren, sondern mehr
Im Pariser Klimaabkommen hat sich die Weltgemeinschaft darauf geeinigt, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Doch die 20 größten Herstellerländer von Brennstoffen wollen statt weniger immer mehr Kohle, Erdgas und Erdöl produzieren. Als problematisch betrachten die Autoren des Berichts vor allem höhere staatliche Förderquoten für die Kohle- und Gasproduktion. Öffentliche Gelder für fossile Projekte seien "Fehlinvestitionen", die noch dazu menschliche und ökologische Kosten nach sich zögen, moniert Co-Autor Neil Grant. (SWR WISSEN)

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Wie umgehen mit Klimanachrichten?

Wie man mit besorgniserregenden Nachrichten zum Klimawandel umgehen kann, erklärt Psychologin Lea Dohm 👉 MDR WISSEN

KlimAh!

Eine aktuelle Folge des Kinder-Klassikers Wissen macht Ah! erklärt den Klimawandel für Kinder 👉 ARD Mediathek 

Kemferts Klima-Podcast: letzte Episode 

Gemeinsam mit der renommierten Klimaökonomin Prof. Claudia Kemfert blicken wir zurück auf bewegte Zeiten: Energiekrise, Hitzerekorde, politische Umbrüche – und immer wieder die Frage: Was bedeutet das fürs Klima?👉 ARD Audiothek 

👋 Zum Schluss

Mit Sicherheit verfolgen die Meteorologen mit der drei-Grad-Schreckensmeldung auch das Ziel, auf die Politik einzuwirken. Und in dieser Hinsicht gehe ich absolut mit: Politische Anstrengungen sind auch angesichts der etwas glimpflicheren Klimaszenarien dringend nötig. Gerade diese Woche hat die Production-Gap-Studie gezeigt, dass viele Staaten nun doch wieder mehr Öl und Gas fördern wollen als noch vor ein paar Jahren angekündigt. 

Trotzdem ist meine Meinung: Was wir melden, trifft viele Menschen unmittelbar und kann große Ängste auslösen. Deshalb sollten wir keinen Worst Case vermelden, wenn wir nicht sehr sicher sind, dass er auch eintritt.

Falls Sie diese Woche von der drei-Grad-Meldung gelesen haben, interessiert mich sehr, wie es Ihnen damit ging. Waren Sie aufgewühlt oder eher schon abgestumpft? Erzählen Sie mir gerne von Ihren Eindrücken per Mail an klima@mdr.de.  

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende 💛

Inka Zimmermann

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Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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