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#210
vom 19. September 2025

Energiewende-Monitoring:
Im Gutachten nichts Neues?

von Kristin Kielon
Hallo zusammen,

ich habe heute eine gute und eine schlechte Nachricht in Sachen Wetter im Gepäck. Welche davon gut und welche schlecht ist, müssen Sie aber selbst entscheiden - je nach Temperatur-Vorliebe. Die Erste: Der Spätsommer bäumt sich an diesem Wochenende noch einmal so richtig auf und lässt das Thermometer mancherorts auf und über 30 Grad klettern. Das heißt also, ab an den See oder in den Biergarten für alle, die das mögen. Wenn Ihnen Hitze eher zu schaffen macht, keine Sorge: In der nächsten Woche kühlt es ab.

Warum ich Ihnen das sage? Na, weil das heißt, dass wir in großen Schritten auf den Herbst und damit auch auf die Heiz-Saison zugehen. Ein ganz guter Zeitpunkt also, um über die Energiewende zu sprechen. Da passt es doch, dass genau diese Woche auch das Energie-Monitoring von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche vorgestellt wurde. Das Gutachten ist ja ungeduldig erwartet worden, soll es doch laut Ankündigung die Grundlage für die künftige Energiepolitik der Bundesregierung sein. Für dementsprechend viel Wirbel hat es Anfang der Woche gesorgt. Die Ministerin hat Pläne verkündet und Maßnahmen vorgestellt: Weniger Windkraft auf See wolle man etwa, und bei den Förderungen streichen.

Aber hat sie das tatsächlich alles aus dem Gutachten ableiten können? Stand vieles davon nicht ohnehin schon auf der Liste der CDU-Politikerin? Lassen Sie uns doch - jetzt, da sich der Wirbel langsam gelegt hat - einen genauen Blick auf das Papier werfen.

MOMENT DER WOCHE

Auf dem Weg zur Schwammstadt: In Bochum wurden sogenannte Tiefbeet-Rigolen zum Hochwasserschutz angelegt. In den Vertiefungen versickert das Regenwasser sehr viel langsamer. Das Rigolen speichern das Wasser, reinigen es vor und lassen es dann nach und nach versickern. Entwicklungen wie diese sind in der Woche der Klimaanpassung in den vergangenen Tagen überall in Deutschland vorgestellt worden. Rechte: IMAGO / Cord

Nüchterne Zahlen und viel Rhetorik: Was das Gutachten wirklich hergibt

Ob aus Sorge oder aus Hoffnung: Die Erwartungen an das Energiewende-Monitoring von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche waren groß. Das Gutachten soll immerhin die künftige Ausrichtung der Energiepolitik bestimmen. Dementsprechend groß waren die Worte in dieser Woche auch bei der Vorstellung des Papiers. Die Ministerin sprach sogar von einem "Scheideweg". "Wir erreichen Klimaneutralität nur, wenn wir Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftskraft gleichermaßen sichern. Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit sind ebenso zu betrachten und zu berücksichtigen, wie der Klimaschutz", so Reiche.

Reiche präsentierte mehrere politische Schlüsse, die sie aus dem Gutachten gezogen haben will. Sie kündigte zehn zentrale Maßnahmen an, die vor allem auf Photovoltaik, Speicherlösungen und Flexibilität zielen. So sollen Solaranlagen gezielt dort aufgebaut werden, wo der Strom gebraucht wird. Großbatterien sollen helfen, das Netz stabil zu halten. Das Fördersystem will die Ministerin reformieren: weg von festen Einspeisevergütungen, hin zu sogenannten "Contracts for Difference", die Investitionen absichern und gleichzeitig EU-Vorgaben erfüllen. Neue Gaskraftwerke sollen Dunkelflauten abfedern, später aber umrüstbar sein – ergänzt durch die Möglichkeit, CO2 unterirdisch zu speichern. Was Reiche jedoch nicht angekündigt hat, ist eine Abkehr von der Energiewende, wie einige Beobachter befürchtet hatten. 

Kaum Überraschungen, wenig Neues

Liest man das Gutachten, irritiert die Rhetorik der Ministerin. Von einem "Scheideweg" ist da nichts zu lesen. Das 259-Seiten dicke Energiewende-Monitoring des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln und der Beratungsfirma BET liefert eine nüchterne Bestandsaufnahme. Die Botschaft des Berichts: Die Energiewende läuft im Kern, das 80-Prozent-Ziel für erneuerbare Energien bis 2030 ist erreichbar – wenn auch knapp. Vieles müsse besser aufeinander abgestimmt werden, vor allem Netze, Speicher und Nachfrageflexibilität. Aber ein Plädoyer für einen Kurswechsel? Fehlanzeige. Der Kontrast zu Reiche könnte kaum größer sein.

Das Monitoring ist eine Metastudie. Es fasst also bereits vorliegende Analysen zusammen, bewertet Szenarien und zeichnet ein Bild der Entwicklung bis 2030. Für Fachleute waren die Ergebnisse erwartbar. Der Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik vom Öko-Institut, Felix Christian Matthes, fasst es so zusammen: "In dem dicken Bericht, der sehr verdienstvoll ist, weil er vieles zusammengestellt hat, ist eigentlich nichts überraschend. Jeder, der die Literatur regelmäßig verfolgt hat, konnte das wissen." Das sieht auch Andreas Löschel, Energieökonom an der Ruhr-Universität Bochum, ähnlich: "Also eigentlich hat mich recht wenig überrascht. Das sind eigentlich die Themen, über die wir schon lange reden." Das Team habe außerdem keine neuen Berechnungen gemacht, sondern bestehende Studien ausgewertet. "Und in der Umsetzung, da ist man noch relativ unkonkret geblieben."

80 Prozent Erneuerbare bis 2030 erreichbar

Das Gutachten selbst bestätigt bekannte Befunde: Die Energiewende ist grundsätzlich auf Kurs, das gesetzliche Ziel bleibt erreichbar. Konkret heißt es dort: "Die Szenariospanne für den EE-Anteil am Bruttostromverbrauch beträgt im Jahr 2030 72–79 % und verfehlt damit nur knapp das gesetzliche Ziel. (...) Somit liegt das 80 %-Ziel in der erweiterten Szenariospanne." Vor allem bei der Photovoltaik sind die Autorinnen und Autoren optimistisch: "Bei PV sind die gesetzlichen Ziele angesichts einer erwartbaren Dynamik erreichbar." Bei der Windenergie an Land und auf See seien die Ziele aber "möglicherweise nur in Teilen" zu schaffen.

Christian Rehtanz, Leiter des Instituts für Energiesysteme, Energieeffizienz und Energiewirtschaft an der TU Dortmund lobt den Gesamtfokus des Gutachtens: „Das Besondere hier dran ist, dass wir eine neutrale Zusammenstellung haben und dass wir einen ganzheitlichen Systemansatz haben, der das Zusammenwirken aller Faktoren in den Blick nimmt, ohne die Energiewende auszubremsen." Und: "Was auch meiner Meinung nach hier positiv ist: Es werden Fakten zusammengestellt, und dann wird gesagt: Wo ist die Datenlage zu Ende und wo fangen politische Entscheidungen an?"

Das Gutachten benennt außerdem Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung der Energiewende: "Der Ausbau der erneuerbaren Energieanlagen ist weiterhin in hohem Umfang notwendig, um die Klimaziele zu erreichen", heißt es da. Auch der Netzausbau bleibt ein zentraler Punkt und eines der größten Probleme: "Der Ausbau der Stromnetze gehört zu den größten Kostentreibern, weshalb ihre Planung und Genehmigung deutlich beschleunigt werden muss."

Welche Handlungsoptionen wählt die Politik?

Der Bericht belässt es also nicht bei der Bestandsaufnahme. Die Autorinnen und Autoren zeigen auch Handlungsoptionen auf. Sie empfehlen etwa einen sogenannten Kapazitätsmechanismus, der Investitionen in gesicherte Kraftwerksleistung anreizen könnte. "Wichtig ist dabei, Technologien diskriminierungsfrei zu behandeln", heißt es dazu. Gleichzeitig stellen sie klar: "Die Abwägung ist eine politische Aufgabe, die in einem auf dieses Gutachten folgenden Diskurs erfolgen sollte."

Für Matthes liegt bei eben dieser Politik der springende Punkt: "Man ist eigentlich nur bei der Offshore-Windenergie vergleichsweise konkret geworden. Auch das Thema CO2-Speicherung war schon im Koalitionsvertrag. Es gibt eigentlich nichts Neues, was aus dem Bericht geschlussfolgert worden ist." Wirklich neu sei dagegen, dass Reiche die bisherigen Wasserstoffziele "quasi kassiert" habe – für ihn die gravierendste politische Änderung. Aber, ergänzt Matthes mit Blick auf das Gutachten, es gebe jetzt eine "schöne Zusammenstellung von Zahlen", die Unsicherheiten ausräume und zeige, wohin man laufe. "Die wirkliche Arbeit und die wirklichen Gesetze, die ja auch Rahmenbedingungen und Grenzen haben europarechtlicher und sonstiger Art, das kommt jetzt noch."

Auch der Bonner Umwelt- und Ressourcenökonom Löschel betont, dass die geplanten Schlüsselmaßnahmen der Bundesregierung nicht revolutionär seien. In den angekündigten Änderungen bei den Fördergeldern zum Beispiel kann er keinen Systembruch erkennen. "Die Förderung ist bisher so etwas wie ein einseitiger Differenzvertrag. Die EU hat die Länder dazu verpflichtet, das zweiseitig zu machen." Die Änderung beim Förderregime hätte also ohnehin kommen müssen, so Löschel. "Wie das dann im Detail ausgestaltet wird, das wird interessant sein, aber ein Systembruch ist es nicht, es ist Umsetzung von europäischem Recht." Löschel begrüßt außerdem, dass die Differenzierung zwischen größeren und kleineren Solaranlagen stärker betont werden soll: "Was ich interessant fand, war, dass die größeren PV-Anlagen eigentlich stärker noch ausgebaut werden sollen als heute und die kleineren etwas weniger."
Off Shore-Windparks wird der Saft abgedreht: Bundeswirtschaftsministerin Reiche will sie künftig deutlich weniger stark fördern. Rechte: IMAGO / Felix Jason

In welche Richtung steuert die Energiewende?

Das Gutachten tut also in den Augen der Fachleute sehr gut, was es soll: die Situation beschreiben und Probleme benennen. Die sehen die Autorinnen und Autoren insbesondere auch in der Vernetzung der verschiedenen Systembereiche – von der Stromerzeugung über den Transport bis hin zu einem flexiblen Verbrauch und intelligenter digitaler Steuerung.

Rehtanz betont unter anderem auch, dass ihm der wiederholte Hinweis auf Technologieoffenheit aufgefallen sei: " Und das, glaube ich, ist auch ein ganz wichtiger Punkt, den man meiner Meinung nicht hoch genug schreiben kann, weil alle Arten von Flexibilitäten, alle Arten von CO2-Minderungstechnologien müssen sich am Ende am Markt beweisen." Die wirtschaftlichsten und die günstigsten Technologien sollten sich durchsetzen, ergänzt Rehtanz. "Und das ist eine ganz andere Lesart als vorher, wo man doch teilweise so ein bisschen mehr im Kleinklein geblieben ist: Man schaut hier auf die Systemebene." Viele Details seien naturgemäß noch offen, sei das Gutachten doch in relativ kurzer Zeit erstellt worden. 
Das Besondere ist, dass wir einen ganzheitlichen Systemansatz haben, der das Zusammenwirken aller Faktoren in den Blick nimmt, ohne die Energiewende auszubremsen.
Prof. Dr. Christian Rehtanz
Insgesamt sind sich die Fachleute einig: Das neue Gutachten liefert keine revolutionären Ansätze, verdeutlicht aber die großen Baustellen der Energiewende. Die ist demnach tatsächlich auf Kurs, wenn auch knapp. Es brauche aber mehr Tempo beim Netzausbau, eine bessere Abstimmung von Erzeugung und Verbrauch, und eine klare Verzahnung von Strom, Wärme und Mobilität.

Die Ministerin spricht vom Scheideweg. Diese Rhetorik mag politisch nützlich sein, soll sie doch Handlungsfähigkeit und Aufbruchsstimmung vermitteln. Doch inhaltlich gibt das Gutachten das nicht her. Die Frage bleibt: Hilft die Rede vom "Neuanfang", um Dynamik in die Energiewende zu bringen? Oder behalten am Ende die kritischen Stimmen wie etwa die Umweltverbände recht, wenn sie vor eine zunehmenden Verunsicherung und einem Ausbremsen der Energiewende warnen? Klar ist wohl nur: Die befürchtete deutliche Abkehr von den erneuerbaren Energien fällt aus.
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Sonnige Grüße,
Kristin Kielon

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