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#207
vom 29. August 2025

Klimawandel im
Kleingarten

von Clemens Haug
Hallo zusammen,

ich bin zwar kein Gärtner mit eigener Parzelle. Aber auf meinem Balkon ziehe ich gerne Chilis. Dieses Jahr fand ich das schwierig: Erst war es lange kühl und trocken, dann heiß und trocken. Dann – ganz kurz – waren die Bedingungen gut: feucht und recht warm. Das war im Juli. Im August dann wieder: Dürre!

Natürlich habe ich mich nicht auf den Regen verlassen und bin täglich mit meiner Gießkanne nach draußen geeilt. Aber die zwei Chili-Pflanzen, die schließlich groß geworden sind, konnten sich trotzdem nicht so richtig zur Blüte entschließen. Bislang wachsen nur ein paar einsame Schoten heran. Keine Ahnung, ob das jetzt nur am Wetter lag oder ob auch mehr Dünger geholfen hätte. Ich werde nun beide Pflanzen in meinem Wohnzimmer überwintern lassen und hoffe dann auf eine bessere Ernte im kommenden Jahr.

Expertinnen und Experten sind sich einig: Klimaangepasstes Gärtnern ist eine Herausforderung, die in Zukunft noch größer wird. Für diesen Newsletter habe ich einen Garten besucht, den ein Paar mustergültig naturnah bewirtschaftet. Gefunden habe ich eine wahre grüne Oase, sparsam bewässert und von der Sonne verwöhnt. Wird das Paradies überleben, wenn es weiter trocken bleibt?

MOMENT DER WOCHE

Schlechte Zeiten für die Offshore-Windkraft: Erst stoppt Trump den Bau eines Windparks vor der US-Ostküste, dann findet eine Studie 62 gefährliche Chemikalien, die durch Offshore-Windräder ins Meer gelangen können. Rechte: Associated Press

Über das Gärtnern in regenarmen Zeiten

Als ich den Garten von Simone und Andreas Mosolff an einem schönen Abend im August betrete, hat es schon mindestens zwei Wochen nicht mehr geregnet. Rund um das Parzellengebiet im Leipziger Osten hat sich das Gras der Wiesen gelb gefärbt. An wilden Ranken vertrocknen die Brombeeren. Bei Mosolffs allerdings sprießt und blüht es, wie in einer kleinen Oase.

Der Hauptgrund dafür ist sicher die Tröpfchenbewässerung. „Wir haben uns nach dem heißen Dürresommer von 2018 dafür entschieden“, sagt Andreas Mosolff, der neben seinem Hobby als Gärtner hauptberuflich Hydrologe beim Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig ist. Damals hatten seine Frau und er den Garten bereits im siebten Jahr. Doch weil der Regen im Frühjahr fehlte, keimte auf den Beeten praktisch nichts. „Das war sehr frustrierend“, sagt er.
Andreas und Simone Mosolff vor einem Beet mit jungem Salat. Die Schläuche für die Tröpfchenbewässerung liegen hier offen. Rechte: Haug/MDR

Kaum nackte Erde: Mulchen schützt vor Austrocknung

Heute liegen lange Bahnen von Schläuchen in den Beeten, alle fünf bis zehn Zentimeter tropft Wasser aus winzigen Löchern in den Boden. Vergleichsweise kleine Mengen fließen so verteilt über einen langen Zeitraum in den Boden. Dadurch erreicht die Feuchtigkeit nach und nach tiefere Schichten und bleibt nicht an der Oberfläche hängen, wo das Wasser im sonnigen, trockenen Wetter sonst rasch wieder verdunstet.

Die Schläuche müssen in jedem Herbst eingerollt und im Frühjahr neu verlegt werden, am besten ein oder zwei Zentimeter unter der Erde. Gemüse und Sträucher wachsen rasch darüber, sodass die Leitungen an vielen Stellen gar nicht mehr sichtbar sind. Wenn es so trocken ist, wie aktuell, dann läuft die Tröpfchenbewässerung etwa dreimal pro Woche für einige Stunden. Das Wasser dafür kommt aus der Leitung, an die die Gartenanlage angeschlossen ist.
Frische Mandeln, die gibt es bei uns eigentlich nirgendwo zu kaufen
Andreas Mosolff
Auch ansonsten sieht man wenig nackte Erde im Garten der Mosolffs. Wo nicht Kräuter oder Mischkulturen den Boden bedecken, liegt trockenes Gras oder Rindenmulch auf den offenen Flächen, sodass es praktisch keinen Ort gibt, wo die Feuchtigkeit aus dem Boden direkt in die Luft entweichen kann.
Kaum Regen zwischen Februar und Juni: 2025 war wieder einmal zu trocken. Rechte: MDR
2024 haben Simone und Andreas Mosolff einen Preis der Stadt Leipzig für naturnahes Gärtnern erhalten. Neben der sparsamen Bewässerung war dafür besonders entscheidend, dass die beiden nicht nur für sich, sondern auch für die Artenvielfalt gärtnern. In vielen Beeten stehen neben Gemüse zum Essen auch Pflanzen, die vor allem Insekten anlocken, etwa Ringel- oder Studentenblumen. Die Geoinformatikerin Simone Mosolff beschäftigt sich in ihrer Freizeit gerne damit, welche Kreisläufe und Nahrungsketten in ihrem Garten eigentlich wie zusammenspielen. „Da haben wir dann etwa bewusst einige Zaunrüben stehen lassen, die andere vielleicht für Unkraut gehalten hätten“, erzählt sie. Einige Zeit später freuten sich beide dann über Zaunrübenmarienkäfer, eine spezielle Art der Insekten, die auf diese eine Wirtspflanze angewiesen ist.
Eine von vielen kleinen Mitbewohnerinnen im naturnahen Garten: eine Wespenspinne. Rechte: Simone Mosolff
In Mosolffs Garten fühlen sich außerdem Zauneidechsen wohl. Bei der Blühinsel auf der Wiese hat eine Wespenspinne ihr Netz aufgespannt. Und als wir uns im Garten umsehen, fliegt auch eine blaue Holzbiene durch die Luft. „Die kommt auch aus den südlicheren Breiten zu uns und profitiert davon, dass es wärmer wird“, sagt Simone Mosolff.

Feige, Mandel und Physalis: Inzwischen fühlen sie sich im Leipziger Garten wohl

Der Klimawandel verändert, was im Garten wächst und gedeiht. Zwei Feigen überstehen eingepackt in etwas Stroh inzwischen die Leipziger Winter. Neben den Gurken rankt eine ganze Reihe von Physalis, deren Früchte viel größer sind als die, die es üblicherweise im Supermarkt zu kaufen gibt. Auch eine Mandel fühlt sich inzwischen bei Mosolffs wohl. „Frische Mandeln, das gibt es bei uns eigentlich nirgendwo zu kaufen“, sagt Andreas Mosolff und ist sichtlich stolz auf den Garten. 

Allerdings: Die Klimaerwärmung bringt auch Schwierigkeiten mit sich, auf die die beiden Gärtner noch keine Antwort gefunden haben. Die Kirschessigfliege etwa ist ein aus Asien eingewanderter Schädling, der in Leipzig bislang keine Fressfeinde hat. An Obst wie Himbeeren oder Brombeeren richtet das Insekt mitunter große Schäden an.
Der naturnahe Garten blüht trotz anhaltender Trockenheit. Rechte: Haug/MDR
Eine andere große Frage betrifft die Wasserversorgung. In vielen Gegenden Deutschlands hat es in diesem Jahr zwischen Februar und Juni so wenig geregnet, dass unter anderem Landkreise in Baden-Württemberg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen die Entnahme von Wasser aus Teichen und Flüssen verboten haben. Einige davon verboten auch, private Gärten tagsüber mit Wasser aus dem eigenen Brunnen zu gießen. Wird das Wasser für das Gärtnern also irgendwann zu knapp und selbst für eine sparsame Tröpfchenbewässerung nicht ausreichen?

Beim sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) beobachtet Udo Mellentin, zuständiger Referent für Grundwasser, die Entwicklung mit Sorge. Zwar schwankt die Kurve im Verlauf eines Jahres, im Winter erholen sich die Reservoire in der Regel, während sie im Sommer kleiner werden. Doch insgesamt nimmt die Menge des Wassers im Boden tendenziell ab, seitdem die Grundwasserpegel nach dem Hochwasser im Jahr 2013 Spitzenwerte erreicht hatten. Das regenreiche Jahr 2024 hat zwar eine Normalisierung auf den Durchschnittswert gebracht. 2025 liegt aber erneut deutlich darunter.
Immer sonniger: Die Zahl der Sonnenstunden nimmt seit 30 Jahren deutlich zu. Rechte: MDR
Mellentin beobachtet, dass der Himmel selbst in regenreichen Phasen heute schneller aufklart als früher. Im Schnitt scheint die Sonne in Deutschland inzwischen pro Jahr etwa 1800 Stunden, also rund 300 Stunden mehr im Vergleich zu 1990. Im Sonnenschein trocknet Feuchtigkeit nach Regen viel schneller ab. Und Pflanzen, denen mehr Licht und auch mehr CO2 zur Verfügung steht, ziehen mehr Wasser aus dem Boden. Beides zusammen – weniger Regen und mehr Verdunstung – hat laut Mellentin dafür gesorgt, dass sich weniger neues Grundwasser bilden konnte: „Im Durchschnitt der vergangenen 11 Jahre waren das Größenordnungen von 25 bis 30 Prozent im Landesmittel von Sachsen.“

Dem Eindruck, dass die Situation immer schlimmer wird und Deutschland durch den Klimawandel praktisch austrocknen wird, widerspricht Andreas Marx allerdings entschieden. Marx ist Hydrologe, am UFZ für den berühmten Dürremonitor zuständig, auf dem Deutschland spätestens seit 2018 gebannt verfolgt, wie trocken die Böden gerade sind. Fragt man ihn nach Verdunstung und Grundwasser und nach den Sorgen von Gärtnern und Umweltämtern, dann holt er weit aus. Denn die Sache mit dem Grundwasser ist richtig kompliziert, je nach Region in Deutschland sehr unterschiedlich und von vielen Faktoren abhängig. Nicht nur das Klima spielt eine Rolle, auch die Nutzung des Wassers durch Industrie und Landwirte. Außerdem nehmen die Pegel nicht gleichmäßig zu oder ab. Eher verhalten sich die Wasservorräte wie ein Schwamm: Sind die Reservoire voll, fließt das Wasser schnell ab. Sinken die Pegel unter bestimmte Marken, verlangsamt sich der Abfluss stark.

Dürre in Deutschland: Ausnahme oder neues Normal? 

Marx kennt rund 100 verschiedene Modelle, die die Folgen des Klimawandels für Deutschland simulieren. Drei Viertel davon kämen zu dem Schluss, dass bis 2100 eher mehr als weniger Regen wahrscheinlich sei. Umgekehrt mache es für Behörden aber durchaus Sinn, auch die Modelle zu beachten, die von mehr Trockenheit ausgehen. Denn der Staat müsse die Gesellschaft auf Gefahren vorbereiten und dafür auch Worst-Case-Szenarien betrachten. Allerdings zeigten nur rund 10 Prozent der Simulationen eine Zunahme mehrjähriger Dürren vorher, wie sie Deutschland ab 2018 erlebt hat. „Aus wissenschaftlicher Sicht, mit Blick auf die vielen Studien, sagen wir vorsichtig: Das ist nicht der neue Normalzustand, sondern ein seltenes Extremereignis“, erklärt er.

Aber natürlich können auch kleinere Veränderungen je nach Region sehr unterschiedliche Auswirkungen haben. Während das regenreiche Alpenvorland mit trockeneren Bedingungen gut umgehen kann, sind die Folgen im schon heute regenarmen Brandenburg mit seinen sandigen Böden gravierender. Klar ist daher auch für Marx: „Ganz unabhängig davon, wie man die aktuelle Situation bewertet, brauchen wir ein Dürremanagement in den Kommunen und Landkreisen.“ Noch gebe es gar keine offizielle Definition von Dürrestufen, wie es etwa beim Hochwasser der Fall ist. Auch fehle vielfach detailliertes Wissen, wer eigentlich wie viel Grundwasser aus Brunnen fördere. Gärtner etwa müssen einen neuen Brunnen nur anzeigen. Welche Mengen gefördert werden, wird nicht gemessen. Und schließlich müssten schmerzhafte Diskussionen darüber geführt werden, wer im Fall einer schweren Dürre noch wie viel Wasser bekommt.

Reagieren die Verwaltungen also auf die Herausforderungen durch lange Trockenheit, dann kommt ziemlich sicher auch das Thema Gartenbewässerung auf den Tisch. Der klimaangepasste Garten der Mosolffs kann dann ein Vorbild dafür sein, dass Gärtner mit den richtigen Methoden auch bei Trockenheit nicht auf Gemüseernte und grüne Pracht verzichten müssen.

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👋 Zum Schluss

In meiner Gemüsekiste waren neulich Chilis von der Profi-Gärtnerei. Die haben ihre Ernte also offenbar trotz der widrigen Bedingungen gut hinbekommen. Vielleicht bekomme ich bei Gelegenheit mal heraus, wie die ihren Anbau angepasst haben. Falls Sie Tipps für mich haben: Schreiben Sie mir gerne, indem Sie einfach auf diesen Newsletter antworten.

In diesem Sinne: Haben Sie ein schönes Wochenende!
Clemens Haug

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