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vom 1. August 2025

Nach der Kohle die Flut: Was aus ehemaligen Tagebauen wird

von Max Fallert und Clemens Haug
Hallo miteinander,

neulich nach Feierabend am Ufer des Cospudener Sees sagte eine Bekannte: "Der Braunkohleabbau war wirklich das Beste, was der Landschaft um Leipzig passieren konnte." Die Freundin ist keine Anhängerin der Kohle, im Gegenteil. Natur und Klima müssten viel strenger geschützt werden, findet sie. Aber dennoch ist sie sich einig mit den meisten hier, die die gefluteten Tagebaurestlöcher liebevoll Kulki, Cossi oder Störmí nennen.

Dort spenden heute junge Bäume an heißen Sonnentagen Schatten auf den ausgedehnten Liegewiesen, während Kinder an den neuen Stränden Sandburgen bauen und das glasklare Wasser jederzeit zur Abkühlung und zum Schwimmen einlädt.

Solche Seen sollen in Zukunft noch häufiger werden. Denn vor fünf Jahren beschloss die Bundesregierung den langsamen Ausstieg aus der Stromerzeugung mit Kohle. Nun soll in den kommenden 13 Jahren der Abbau in den Tagebauen gestoppt und die Braunkohlelandschaften renaturiert werden.

Kohle raus, Wasser rein, am Ende Badespaß für alle? Ganz so einfach wird das wegen der Klimakrise nicht. Denn das viele Wasser, das auch in Zukunft für den Erhalt und die Flutung weiterer Seen gebraucht wird, wird immer knapper. Woher es kommen soll, darüber sprechen wir heute in unserem Thema der Woche.

MOMENT DER WOCHE

In der Schweiz gibt es seit diesem Frühjahr erstmals solare Stromerzeugung auf Bahngleisen. Die Kollegen vom Schweizer Rundfunk berichten. Rechte: JEAN-CHRISTOPHE BOTT/Keystone/dpa

Das Wasser muss fließen – die Zukunft nach dem Tagebau

Spätestens 2038 soll in Deutschland Schluss sein mit Stromerzeugung durch Kohle, das hat die Bundesregierung im Sommer vor fünf Jahren entschieden. Vor allem Braunkohlekraftwerke gehören zu den größten Emittenten von CO2 überhaupt. Deswegen werden schon jetzt in den drei deutschen Braunkohlerevieren die Meiler nach und nach abgeschaltet. Neurath F und G werden 2030 als letzte Blöcke im Rheinland vom Netz gehen. Die beiden mitteldeutschen Kraftwerke Schkopau und Lippendorf sollen 2034 und 2035 folgen. Und in der Lausitz stellen Schwarze Pumpe und Boxberg am 31. Dezember 2038 den Betrieb ein.

Mit dem Ende der Stromerzeugung endet auch die noch laufende Kohleförderung im Tagebau. Noch gibt es acht dieser riesigen Grubengebiete: je drei in Lausitz und Rheinland, zwei weitere im Leipziger Südraum. Aus ihnen werden dann sogenannte Bergbaufolgelandschaften. „Da sind die verschiedenen Nachnutzungen festgelegt: Das unterteilt sich im Wesentlichen in Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Naturschutz“, sagt Beate Zimmermann, die wissenschaftliche Direktorin des Forschungsinstituts für Bergbaufolgelandschaften im brandenburgischen Finterwalde. In der Praxis kommt noch Tourismus als vierte Säule dazu, der aber in den Braunkohleplänen keinen offiziellen Platz hat.

Rekultivierung: Immer wieder neue Herausforderungen

Mit der Rekultivierung fangen die Herausforderungen an, mit denen Deutschland zwar schon über 70 Jahre Erfahrung besitzt, bei denen sich aber dennoch ständig neue Probleme stellen. „Vor der Hacke ist es duster“ lautet ein altes Sprichwort von Bergleuten, wenn sie sagen wollen, dass im Bergbau stets (gefährliche) Überraschungen lauern. Das gilt auch für die Sanierung ehemaliger Abbaugebiete.
Aus den Tagebauen werden Wälder und landwirtschaftliche Flächen, Naherholungs- und Naturschutzgebiete.
Wo sich im Lauf der Erdgeschichte einmal stabile Böden gebildet hatten, haben die Bergleute mit den riesigen Baggern und Förderbrücken die Landschaft umgegraben wie einen riesigen Acker – teilweise auf bis zu 500 Meter Tiefe, wie aktuell im Tagebau Hambach. Jetzt müssen die Löcher wieder aufgefüllt werden. Der Abraum reicht dafür nur teilweise, denn es fehlt ja die entnommene Kohle. Deswegen werden die sogenannten Restlöcher in der Regel geflutet. Der Druck des Wassers soll die verbleibenden Geländekanten stabilisieren – wenn alles glatt läuft.

Was schiefgehen kann, zeigt die Katastrophe von Nachterstedt, einem kleinen Ort südlich von Magdeburg. Dort war in einer Julinacht im Jahr 2009 ein riesiges Stück Ufer des Concordiasees abgebrochen und in die Tiefe gerutscht. Eineinhalb Häuser wurden mitgerissen, drei Menschen starben. Ein Gutachten zeigte hinterher, dass Grundwasser die Kante des Sees unterspült und unbemerkt Hohlräume geschaffen hatte.
Reste eines Hauses nach dem katastrophalen Erdrutsch von Nachterstedt. Rechte: dpa/Jens Wolf
Im Süden von Leipzig zeigten sich im Frühjahr 2021 Risse und Schäden an der Böschung eines Kanals, der zwei der künstlichen Seen verbindet. Kanal und Schleuse wurden gesperrt, eilig Spundwände eingezogen und Dämme aufgeschüttet. Rutscht hier das Ufer unkontrolliert ab und zerstört die Sicherungen, droht im schlimmsten Fall eine Flutwelle, bei der enorme Wassermengen aus dem höher gelegenen Störmthaler in den tieferen Markkleeberger See strömen könnten. Dort gibt es Häuser direkt am Ufer, deren Bewohner im Fall der Katastrophe in unmittelbarer Lebensgefahr wären. Fürs Erste gilt diese Gefahr als abgewendet. Ob Schleuse und Kanal jemals wieder geöffnet werden können, steht noch lange nicht fest.
Baustelle am Verbindungskanal im Februar 2025. Rechte: dpa/Jan Woitas
Bergbausanierung ist ein ständiger Lernprozess, sagt Jörg Schlenstedt von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV). Sein Unternehmen gehört der Bundesrepublik und ist für die Sanierung der Tagebaue zuständig, die bereits zu DDR-Zeiten geschlossen wurden. Die LMBV arbeitet eng mit Forschungsinstituten wie dem Leipziger UFZ oder hydrologischen Lehrstühlen an Hochschulen zusammen. „Auf vielen Feldern sind wir hierzulande führend, das merken wir auf internationalen Konferenzen. Andere Länder probieren da Methoden noch im Labormaßstab aus, da sind wir schon einige Schritte weiter und regeln etwa den Wasserhaushalt in der großen Fläche.“

Berlin braucht das abgepumpte Wasser aus dem Tagebau

Wasser ist überhaupt das große Thema. Während der Tagebauförderung wird Grundwasser in gigantischem Umfang abgepumpt und in die nahen Flüsse eingeleitet. In der Spree bei Cottbus macht dieses sogenannte Sümpfungswasser zwischen 50 und 75 Prozent der gesamten Durchflussmenge aus. Stoppt der Betrieb in den Tagebauen, werden auch die Pumpen angehalten. Damit ist klar: Ohne neue Wasserquellen wird die Spree schrumpfen, könnte abschnittsweise in den Sommermonaten sogar ganz trockenfallen. Für Berlin, das seine Wasserversorgung auf dem Fluss aufgebaut hat, ein Problem, das die Hauptstadt in den kommenden Jahren lösen muss.
Die Flutung der Tagebaue und neue Wirtschaftszweige wie Wasserstofferzeugung werden die Situation weiter verschärfen. Im Gespräch ist deshalb der Bau einer riesigen Wasserleitung, die Wasser der Elbe in die Spree überleiten soll. Ein ähnlicher Plan existiert im Rheinland, wo Rheinwasser über eine 45 Kilometer lange Leitung die übrig bleibenden Löcher in den Gebieten Garzweiler und Hambach fluten soll.
Das Wasser kommt auf jeden Fall, die Frage ist nur, wie schnell und in welcher Qualität.
Jörg Schlenstedt, LMBV
Die Tagebaue nicht zu fluten, ist aus Sicht von Jörg Schlenstedt keine Option. „Das Wasser kommt auf jeden Fall, die Frage ist nur, wie schnell und in welcher Qualität.“ Werden die Pumpen angehalten, laufen die Restlöcher früher oder später mit Grundwasser voll. Dabei werden Eisenverbindungen und Pyrit aus den umgegrabenen Böden ausgeschwemmt. Im Wasser entstehen so leichte Säuren, die Seen werden also sauer. Dieser Prozess läuft bereits jetzt in vielen Tagebauseen ab, weshalb regelmäßig mit Kalk gegengesteuert werden muss. Die Tagebaue mit Flusswasser zu befüllen, soll das Einspülen mindestens bremsen.
Zusätzliches Wasser wird in den neuen Seen in Zukunft ohnehin gebraucht. Denn schon jetzt fällt in der Lausitz und im Leipziger Südraum weniger Regen, als gleichzeitig Wasser aus den großen Seen verdunstet. „An einem heißen Tag sinkt der Wasserspiegel eines großen Gewässers mit 1000 Hektar etwa um einen Zentimeter“, sagt Uwe Steinhuber, der Pressesprecher der LMBV. Noch könne das über die Regenfälle im Herbst und Winter ausgeglichen werden. Doch die im Zuge des Klimawandels abnehmenden Niederschläge werden hier in Zukunft neue Probleme darstellen. Die Seen könnten dann auch als Wasserspeicher fungieren. Um sie dafür nutzbar zu machen, wären aber weitere Investitionen nötig.
Badespaß am Cospudener See in Leipzig. Rechte: dpa/Jan Woitas
Während das Wassermanagement bei der Bergbausanierung von Umweltverbänden kritisch bewertet wird, stellen die früheren Tagebaue für ein anderes Problem eine riesige Chance dar. Denn gerade die kargen, nicht wiederhergestellten Gebiete bieten einmalige Möglichkeiten für den Schutz bedrohter Arten. „Es gibt dort großes Potenzial, echte Wildnisgebiete zu entwickeln. Dafür braucht man möglichst unzerschnittene Bereiche, in denen es also weder Verkehrswege noch Siedlungen gibt“, sagte die Wissenschaftlerin Beate Zimmermann. Hinzu kommt: Gerade die offenen, mageren Böden bieten Umweltbedingungen für speziell angepasste Tiere und Pflanzen, die es sonst kaum noch irgendwo gibt.
Schon heute siedeln in den ehemaligen Tagebauen stark bedrohte Arten. „Ödlandschrecken sind ein Beispiel oder Sandohrwürmer“, sagt Zimmermann. „Oder auch in der Vogelwelt so Arten wie Steinschmätzer und Brachpieper. Die finden in der Normallandschaft so gut wie keinen Lebensraum mehr, können als Spezialisten aber in der Bergbaufolgelandschaft Habitate vorfinden.“ Von dort aus könnten sie später auch das umliegende Land neu besiedeln.
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Artenschutz und Windkraft, wie Bürgerinnen Teil der Energiewende werden und: Solarpunks – optimistische Klima- und Science-Fiction.

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News

USA wolle Methode zur Hurricane-Überwachung aufgeben
Mitten in der Hurrikan-Saison kündigt die unter heftigem Spardruck stehende US-Wetterbehörde NOAA an, ein zentrales Instrument zur Überwachung der tropischen Wirbelstürme aufzugeben. So will die NOAA künftig die Auswertung der Daten des "Special Sensor Microwave Imager" (SSMIS) stoppen. Drei US-Wettersatelliten liefern diese Daten, mit deren Hilfe sich die innere Struktur der Stürme überwachen lässt, auch in der Nacht. Andere Systeme können lediglich Bilder im sichtbaren und infraroten Spektrum liefern und damit Informationen, die nur tagsüber zur Verfügung stehen. Meteorologen befürchten, dass sich ohne die Daten des SSMIS der Verlauf und die Zugbahnen der Stürme erheblich schlechter vorhersagen lassen.
Zahlreiche Waldbrände in Spanien und Portugal
In mehreren Regionen Spaniens und Portugals kämpfen Einsatzkräfte gegen heftige Waldbrände. Tausende Hektar Vegetation wurden vernichtet, Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Schätzungen auf Datenbasis des europäischen Erdbeobachtungssystems Copernicus gingen davon aus, mehrere Tausend Hektar Wald- und Buschlandschaft von den Flammen beeinträchtigt wurden. (tagesschau)
Murmeltiere ziehen um 
Schweizer Forscher haben für die Region Davos untersucht, wie sich die Lebensräume von Murmeltieren durch die Klimaerwärmung verändert haben. Ergebnis ist, dass die Tiere heute etwas höher leben als vor 40 Jahren, sich ihr Lebensraum aber nicht grundsätzlich geändert hat. Grund dafür sei mutmaßlich, dass es in größeren Höhen keine geeignete Nahrung und nicht die richtigen Böden gebe, in die die Tiere ihre weitverzweigten Bauten graben könnten. Steigen die Temperaturen weiter an, werde das für Murmeltiere zur Bedrohung. Ab 25 Grad leiden sie unter Hitzestress und ziehen sich in die Bauten zurück. Dadurch fressen sie zu wenig Fett für den Winter an. (Studie im Fachblatt Ecology und Evolution)

ARD, ZDF und DRadio

Wer würde von regionalen Strompreisen profitieren?

Der Norden produziert billigen Grünstrom, der Süden steht auf der Bremse. Würden regionale Strompreise neue Anreize setzen? 👉 DLF Hintergrund

Niedersachsen: Zwischen Hochwasser und Dürre

Hätten Sie gewusst, dass Niedersachsen in Deutschland am stärksten unter der Klimaerwärmung leiden wird? 👉 Deutschlandfunk

Hitze - wann wird sie gefährlich?

Wie können sich unsere Körper an Hitze anpassen, wenn die Temperaturen im Sommer weiter steigen? 👉 Das Wissen

👋 Zum Schluss

Die Sanierung ehemaliger Tagebaue wird Menschen noch viele Jahrzehnte beschäftigen. Vielleicht kann man das grundsätzlich positiv sehen: Die Klimakrise wird insgesamt viel Arbeit erfordern und damit langfristig für Jobs und Einkommen sorgen. Unsere Kollegen vom Instagram-Kanal klima.neutral stellen seit dieser Woche täglich Berufe vor, die sich durch die Klimakrise verändern: Was ist eigentlich anders, wenn man an einem E-Auto schraubt? Kann man als Forstwirt*in wirklich den Wald retten? Wie sieht der Alltag einer Lokführerin aus? Antworten auf diese und weitere Fragen findet ihr hier.

Herzliche Grüße
Clemens Haug

Noch Fragen? Oder Feedback?

Das ARD Klima‑Update ist ein Produkt des ARD‑Kompetenzcenters Klima unter Verantwortung des Mitteldeutschen Rundfunks.

👉 mdr.de/klima


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