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#186
vom 4. April 2025

Und wie wär’s einfach mit ner Sonnenbrille?

von Florian Zinner
Hallöchen.

Na, haben Sie sich auch einen zünftigen Aprilscherz erlaubt? Mein sorgfältig vorbereitetes, liebevoll arrangiertes Späßchen wurde im Keim erstickt und ging damit gehörig in die Hose. Die traurigen Details erspare ich Ihnen.

Hätte man Sie nun am 1. April in den Medien darüber unterrichtet, dass endlich eine kostengünstige und wirksame Methode gegen die Überhitzung unseres Planeten gefunden wurde, dass es sofort losgehen könne und im Prinzip nichts weiter geschehe, als ein bisschen am Wetter zu schrauben, genauer gesagt am Sonnenschein – hätten Sie’s geglaubt?

Gut, ich würde an der Stelle nicht auf das sogenannte Solare Geoengineering hinaus wollen, wenn das nur ein Prank, eine Ente, Kokolores wäre. Und nicht Thema dieser Ausgabe. Die Methode ist im Grunde auch nichts Neues – aber nicht zuletzt von wegen der augenblicklichen geopolitischen Weltlage lohnt sich ein Blick darauf. Machen wir – und es wird nicht so kompliziert, wie’s klingt. Kein Scherz.

ZAHL DER WOCHE

5000

… bis 6000 Kamele leben derzeit in Europa, hauptsächlich aus touristischen Gründen oder auf Grund von Kamelmilch. Der Aufschwung der vergangenen Jahre könnte bald in einem regelrechtes Kamelzucht-Comeback münden, sagt ein europäisches Forschungsteam. Grund sei ihre Anpassungsfähigkeit an raue Klimabedingungen wie etwa in Wüsten, aber auch ihre Rentabilität. 🐫

An der Sonnenstrahlung schrauben – dumm oder Dimmer?

So vom Solaren Geoengineering zu erzählen, hat etwas ungemein Befriedigendes an sich. Es gehen einem einfach nicht die Metaphern aus. Die prominentesten sind diese: Wir setzen der Erde eine Sonnenbrille auf und damit dem Klimawandel etwas entgegen. Wir ziehen die halbdurchlässigen Vorhänge vor der Sonne zu und dann ist Ruhe im Karton. Wir tragen auf den Planeten etwas Sonnencreme auf. Oder wir bringen am Treibhaus Erde ein paar Jalousien an. Vielleicht auch: Wir verabreichen unserem Planeten eine Ibuprofen gegen Kopfschmerzen vom Sonnenstich und schon legt sich das Klimaleid.

Aber von Anfang an: Zunächst war da dieser Vulkan, der Pinatubo auf den Philippinen. Nach seinem Ausbruch 1991 hatte man festgestellt, dass von der Freisetzung von Schwefeldioxid-Aerosolen die ganze Welt etwas hatte. Die Partikel ergaben in der Stratosphäre – also der zweiten Atmosphärenschicht, in etwa zwischen 15 und fünfzig Kilometern Höhe – die besagte Sonnenbrille, eine verspiegelte sozusagen: Ein Teil der Sonnenstrahlung wurde an den Partikeln reflektiert, die Temperatur auf der Erde kühlte ein halbes Grad ab. Ähnliche, miniale Effekte lassen sich sogar beim unliebsamen Saharastaub beobachten.

Alles ganz natürlich: Der Vulkan macht's vor

Was ein Vulkan kann, was Saharastaub kann, das kann die Menschheit schon lange. Und ein halbes Grad – na, das wäre ja schon mal was im Kampf gegen den Klimawandel: „Natürlich geht es beim Solaren Geoengineering jetzt nicht darum, Vulkane zum Ausbrechen zu bringen, aber es geht um dasselbe Prinzip. Es geht um kleine, reflektierende Partikel in der Stratosphäre, wo tatsächlich Millionen von Tonnen dieser Partikel Billionen von Tonnen von CO2 wettmachen könnten. Also kleinste Mengen.“  Diese Klarstellung kommt von Gernot Wagner, österreichisch-amerikanischer Klimaökonom an der Columbia Business School in New York. Wagner hat dem Thema vor einigen Jahren ein ganzes Buch gewidmet. Und es dauert nicht lange, da erwähnt er einen Zielkonflikt, der seit einigen Jahren immer wieder von sich reden macht: „Also die Arktis ist heute ungefähr ein halbes Grad wärmer als sie es gewesen wäre, hätten wir in Europa, Deutschland, Nordeuropa, nicht Schwefeldioxid von den Schornsteinen entfernt.“

Schon allein aus gesundheitlichen Beweggründen gibt es an der Maxime, die Atemluft sauber zu halten, nichts zu rütteln, dieser Überzeugung ist auch Wagner. Macht nur leider den praktischen Nebeneffekt der Kühlung zunichte, aber genau da könnte man jetzt ja nachhelfen. Eben, indem man Schwefeldioxidpartikel in die Stratosphäre bringt, etwa mit einem Helium- oder Heißluftballon oder Militärjets. Derartige Überlegungen sind sogar noch älter als der Ausbruch des Pinatubo. Nun weiß man von Schwefeldioxid, dass es die Ozonschicht schädigt. Deshalb gibt es noch andere Ideen, Aluminiumdioxid etwa oder Calciumcarbonat, also Kalk. „Teilweise geht es tatsächlich auch in die Richtung von Diamantenstaub“, erklärt Wagner. „Klingt vielleicht romantisch, ist es in diesem Fall nicht.“

Ob aus Schwefel, Alu oder Diamant – wie die Sonnenbrille der Erde nun genau beschaffen sein muss, ist also noch nicht ganz geklärt. Die Frage, die besonders nach dem Winter viele beschäftigen dürfte, ist: Würde ein solches Vorhaben im wahrsten Sinne des Wortes die Freude an der Frühlingssonne trüben? Gernot Wagner entwarnt: „Es geht darum, die Sonne zu verdunkeln in so einem Ausmaß, dass kaum jemand davon wirklich etwas merken würde. Sonnenaufgänge und -untergänge könnten eventuell etwas roter sein. So wie sie es auch jetzt sind, durch bodennahe Luftverschmutzung.“ Ja, Romantikerinnen und Romantiker haben ein Faible für Smog und vielleicht künftig auch fürs Solare Geoengineering.
💑🏭
Und sie hätten lange etwas davon: „Ich muss es sehr lange machen“, sagt Wilfried Rickels, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft und Professor für technischen Klimaschutz an der Uni Kiel. „Das heißt, solange die CO2-Konzentration zu hoch ist, also die Ursache des Klimawandels nicht behoben ist, muss ich immer wieder Solares Geoengineering machen. Und zweitens, ich kann das Klima nicht einfach zurückdrehen. Denn der Einsatz kompensiert den Klimawandel nur teilweise.“ Allerdings wäre es auch nicht teuer, eine Volkswirtschaft wie die Vereinigten Staaten könnte so eine Verdunklungsaktion wahrscheinlich entspannt aus dem Haushalt stemmen. Das Magazin Riffreporter zitiert hier den Havard-Physiker Frank Keutsch, der schätzt, dass sich mit zehn bis zwanzig Milliarden Euro die Erde um ein halbes Grad abkühlen lassen würde. Das entspräche dem Umsatz der weltweiten Kaugummi-Industrie.
Hochhäuser in Bangkok, tiefroter, diesiger Himmel, durchscheinende tiefe Sonne
Wie romantisch. Rechte: imago/Pond5 Images

Billig und effektiv – wie ein normales Schmerzmittel eben

Das Unterfangen würde sich wohl durchaus bezahlbar machen. Länder könnten auf diese Weise nicht nur die eigene Bevölkerung schützen, sondern vor allem auch die Wirtschaft am Laufen halten: „Dass man einfach auch in der Mittagszeit vielleicht noch arbeiten kann, beziehungsweise in Ländern des Globalen Südens oder Indien dann zu gewissen Zeiten draußen arbeiten kann“, so Rickels. Natürlich ist Solares Geoengineering auch eine große Verlockung, das leidliche Klimathema zumindest für einen Teil erstmal erledigt zu wissen. „Und da muss man leider sagen, ist die Wahrscheinlichkeit für einen globalen Einsatz unter der derzeitigen Trump-Administration deutlich größer geworden“, mutmaßt Rickels. Die Europäische Union sollte hingegen – um bei einer glaubwürdigen Strategie zu bleiben – das Thema wenn, dann zusammen mit der technischen Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre denken.
Das Schlimmste wäre, wenn irgendwer von seinem goldenen Thron twittert: Hier gibt es die Lösung zum Klimawandel“
Gernot Wagner, Columbia Business School
Fragt sich natürlich, ob es überhaupt eine gute Idee ist, dem menschengemachten Klimawandel durch einen menschengemachten Eingriff in natürliche Gegebenheiten zu begegnen. Wilfried Rickels hat da eine klare Antwort: „Nein, von vornherein ist das natürlich keine gute Idee, aber mittlerweile haben wir möglicherweise einen Punkt erreicht, ab dem so ein Eingriff das kleinere Übel darstellen würde“, sagt er und kommt gleich mit einer weiteren Metapher um die Ecke: „Niemand würde empfehlen, dass man sich keine Zähne putzen muss, weil man einfach zum Zahnarzt gehen kann. Wenn man jetzt aber zu lange zu schlecht geputzt hat und dann die Schmerzen in den Zähnen zu stark werden, muss man eben irgendwann doch überlegen, zum Zahnarzt zu gehen. Dann hilft einem Putzen auch nicht mehr.“

Ist es also realistisch, dass wir in zehn, 15 Jahren damit anfangen, die Erde zu verarzten? „Ich würde da von einer kürzeren Zeitskala ausgehen, also eher von fünf bis zehn Jahren, wo es sicherlich zu nicht-globalen Einsätzen kommen wird.“ Zum Beispiel, um Regionen vor Hitzestress zu schützen – bevölkerte, wo es um die Rettung von Menschenleben geht, oder solche wie das Great Barrier-Riff, das ebenfalls unter starkem Hitzestress leidet. Im Grunde ist es jetzt schon so weit: Vor einigen Jahren begann das amerikanische Start-Up „Make Sunsets“, per Ballon Schwefeldioxid-Partikel in die Stratosphäre zu bringen. Wer dafür bezahlt, erhält „Cooling Credits“ als CO2-Kompensationsmaßnahme, eben so ähnlich wie das bezahlte Pflanzen von Bäumen. Der Sinnhaftigkeit dieser Kühlgutschriften wurde aber bereits ein Jahr später von wissenschaftlicher Seite eine Absage erteilt.

Keine Empfehlung an die Regierungen

Für Gernot Wagner von der Columbia-Universität gehört die Technik sowieso nicht in die Hände von privaten Unternehmungen – zu risikoreich. Außerdem hat das Solare Geoengineering ein Grundproblem, so wie jede technische Maßnahme, das Klima wieder zurechtzurücken: Sie könnte Lösungen aufhalten, die tatsächlich die Ursachen der Schmerzen der Erde bekämpft, nicht nur die Symptome. Wagner befürchtet ein wenig hilfreiche Denke: „Hey, CO2-Steuer brauchen wir nicht, Wärmegesetz brauchen wir nicht, wir können weiter tun wie bisher. Und im Endeffekt, wenn es tatsächlich zum Klimawandel kommt, fange ich halt mit dem Solaren Geoengineering an“, ulkt er. „Das Schlimmste überhaupt wäre, wenn da jetzt irgendwer um vier Uhr in der Früh von seinem goldenen Thron twittert: Hier gibt es die Lösung zum Umweltschutz, zum Klimawandel.“

Derzeit würde Wagner also davon absehen, die Technik als pragmatische Klimaschutzmaßnahme zu empfehlen. Eine Intervention vielleicht, aber nichts was nachhaltig Emissionen reduziert. Auf der anderen Seite: Die Technik könnte Menschen und Staaten dazu bewegen, Emissionen tatsächlich zu reduzieren – nämlich dann, wenn sie vermeiden möchten, dass diese Sonnenbrille der Erde irgendwann dringend aufgesetzt werden muss.

Termine

Dienstag, 8. April – Online
Im dritten Teil der Webinar-Reihe zu klimafreundlichen Geschäftsreisen erklärt der Klimapsychologe Fabian Hirt: Wie verklickere ich es meinen Mitarbeitenden? Infos
Dienstag, 8. April – Online
Keine Angst vor Wespen und Hornissen, sagt der BUND und lädt zu einem Onlinevortrag, der nicht nur Leben und Arten dieser Insekten näherbringt, sondern auch, wie man Konflikten – zum Beispiel im Rollokasten – vorbeugen kann.
Mittwoch, 9. April – Berlin
Auf der „1. Berliner Konferenz für bürgerlichen Klimaschutz“ möchte der Bonner Verein Heimatwurzeln diskutieren, wie Klima- und Umweltthemen mehr in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft verankert werden können. (Siehe auch „Klimawandel und Menschheit“) Infos

Klima und Menschheit

„Bürgerliche Mitte“ hat nur geringes Vertrauen in Klimapolitik
Das ergab eine repräsentative Umfrage des Sinus-Instituts. So äußern nur drei bis sechs Prozent der bürgerlichen Bevölkerungsgruppen Vertrauen gegenüber dem Vorgehen der Politik im Umwelt- und Klimaschutz. Im sogenannten „nostalgisch-bürgerlichen“ Milieu denken zudem fast zwei Drittel, dass Bürgerinnen und Bürgen selbst am besten wissen, was gut für Land und Gesellschaft ist. Nur etwas mehr als ein Viertel dieser bürgerlichen Untergruppe sieht Umwelt und Klimawandel als eines der wichtigsten fünf Themen, um die sich die Politik in Deutschland kümmern sollte. Die Befragung lief im Auftrag des Vereins Heimatwurzeln, der Klimaschutz besser in der bürgerlichen Mitte positionieren möchte. Die bürgerliche Mitte entspricht dem Verein zufolge vierzig Prozent der deutschen Bevölkerung.
Menschen vertragen weniger Schwüle als angenommen
Aktuelle Untersuchungen legen nahe, dass die bisherige Grenze von 35 Grad für die sogenannte Feuchtkugeltemperatur möglicherweise zu hoch ist. Die Grenze der Feuchtkugeltemperatur gibt an, welche tiefste Temperatur sich durch Verdunstungskälte (Schwitzen) in bestimmten Umgebungen erreichen lässt und ist sowohl von der Lufttemperatur als auch der Luftfeuchtigkeit abhängig. Bei Überschreitung des Grenzwerts kann ein Organismus überhitzen. Forschende der Harvard-Universität in Boston bestätigen jetzt in einer Untersuchung mit zwölf Freiwilligen, dass der Körper schon bei einer Feuchtkugeltemperatur von 26 bis 31 Grad nicht mehr effektiv thermoregulieren könne. 
Neue Berechnungsgrundlage: Deutschland 2,5 statt 1,9 Grad wärmer als vorindustrielles Niveau
Diese Veränderung ist auf keine Temperaturänderung der Jahre bis 2024 zurückzuführen. Vielmehr hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) ab April 2025 das LOESS-Verfahren als neuen Standard zur Darstellung langfristiger Trends eingeführt. Dieses Verfahren, das auch von anderen internationalen Wetterdiensten verwendet wird, bietet eine flexiblere und realistischere Darstellung der Dynamik von Erwärmungen und Abkühlungen, betont der DWD. Dadurch wird deutlich, dass es in den letzten 143 Jahren in Deutschland durchschnittlich um 2,5 Grad wärmer geworden ist. Alle Hintergründe dazu bei MDR WISSEN

ARD, ZDF und DRADIO

Wieso wir das Wirtschafts-
wunder anders erzählen sollten

Wir haben Geologie, Atmosphäre und Biomasse verändert. Der Historiker Andreas Frings sagt, das liegt auch daran, wie wir auf das Wirtschaftswunder zurückschauen.

Müssen Landwirtschaft und Bäume schon wieder bangen?

In den vergangenen Monaten schien oft die Sonne, Regen gab es kaum. Steht das nächste Dürrejahr bevor? Eine Einordnung.

Alpentourismus in Gefahr?

Auf welche Weise bedroht der Klimawandel das Tourismusziel Alpen und wie lässt sich gegensteuern? ARD-Wintersport-Experte Felix Neureuther geht diesen Fragen nach.

👋 Zum Schluss

Nun hätte man den 1. April ja durchaus dafür nutzen können, durch die eine oder andere solide Veräppelung den Blick auf die vermaledeite Klimakatastrophe zu lenken. Bei unseren Nachbarn in der Schweiz haben’s zumindest die Jungen Grünen getan und vorgeschlagen, die fünfzig größten Treibhausgas-Emittenten des Landes einfach an die USA zu verkaufen und das Autobahnnetz an Deutschland zu verscherbeln. So ließen sich die Klimaziele durchaus erreichen.

Nicht mal auf eine geistreichen Veröffentlichung im Postillon ist Verlass – dort wurde der 1. April wie immer boykottiert, es erschien einfach gar nichts. Deren Umwelt-Ressort fristet ja ohnehin ein klägliches Dasein. Das kennt man ja vom Klima.

Passen Sie auf sich und die Welt auf, herzlich
Florian Zinner

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